{"id":21921,"date":"2010-09-09T10:32:22","date_gmt":"2010-09-09T10:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/schlachteplatte-02-10\/"},"modified":"2022-06-18T02:20:22","modified_gmt":"2022-06-18T00:20:22","slug":"schlachteplatte-02-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/schlachteplatte-02-10\/","title":{"rendered":"Schlachteplatte 02.10"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Und wieder dampft es \u2013 mal verf\u00fchrerisch, mal abscheulich \u2013 im Schlachtzimmer Wutschel, wo die Hausherrin mit ge\u00fcbter Hand Krimis zerlegt. Die Herren MacBride, James und Brown sowie Frau Welsh hat es diesmal erwischt, frisch tr\u00f6pfeln die Buchstaben in den Auffangbottich und werden von der Schlachterin zu feinen kleinen Rezensionen verr\u00fchrt.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/sp2_1.jpg\" alt=\"sp2_1.jpg\" width=\"187\" height=\"300\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Eins\u00e4tze versemmeln,<\/strong><br \/>Frust-Saufen, Zeit totschlagen: Das Pleiten-, Pech- und Pannen-Team der Aberdeener Polizei hat auch ohne Kriminelle, die ihnen das Leben schwer machen, genug eigene Probleme. Detective Sergeant Logan McRae erledigt mehr schlecht, doch immer recht die Arbeit seiner Vorgesetzten. Und da alle eine gro\u00dfe Familie sind, pflanzt sich dieses Gebaren in <em>Blinde Zeugen<\/em> in erstaunlichen Gef\u00e4lligkeiten fort. Zudem wird ein Serient\u00e4ter gejagt, der seinen &#8211; bevorzugt polnischen &#8211; Opfern die Augen aussticht. W\u00e4hrend der T\u00e4ter wilde Drohbriefe versendet und der Profiler insistiert, bei dem Gesuchten handle es sich um einen religi\u00f6sen Fanatiker mit emotional distanzierter Mutter, taucht der einzige Zeuge, ein stadtbekannter P\u00e4dophiler, unter. Stuart MacBride renoviert garstig durch die Klischees des Genres und zirkelt hinterlistig seine Manege aus. Der Leser auf seinem Logenplatz kommt voll auf seine Kosten: eine absurd \u00fcbersteuerte Hookline, Presto-Spannung sowie aberwitziges Amusement. Damit ist nicht nur ein rasant variierender Pulsschlag garantiert, sondern wundersamerweise auch ein sehr feinsinniger Blick in die verkuppelte H\u00f6lle von Gesellschaft und Individuum.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><em>Stuart MacBride: Blinde Zeugen. <\/em><br \/><em>Manhattan 2010 <\/em><br \/><em>(Blind Eye, 2009. Deutsch von Andreas J\u00e4ger). <\/em><br \/><em>605 Seiten. 14,99 Euro. <\/em><\/pre>\n\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/sp2_2.jpg\" alt=\"sp2_2.jpg\" width=\"202\" height=\"299\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Sollte ein Roman<\/strong><br \/>&#8211; wie Stendhal es einst formulierte &#8211; tats\u00e4chlich ein Spiegel sein, der auf einer gro\u00dfen Stra\u00dfe fortbewegt wird, schildert <em>Und morgen bist du tot<\/em> eine schleppend erm\u00fcdende Fahrt auf einer sehr langen und geraden Fahrspur: Bukarest &#8211; Brighton; Stra\u00dfenkinder, die im Elend vegetieren, und drei Leichen, die man, nachdem alle lebenswichtigen Organe entnommen wurden, im \u00c4rmelkanal entsorgt hat. Detective Superintendent Roy Grace ermittelt in einem Fall von internationalem Organ- und Menschenhandel. Um der Entsetzlichkeit seines Themas in all seinen Facetten beizukommen, legt Peter James seine Story allerdings \u00fcberaus betulich dramatisch an, verirrt sich wirr in Wiederholungen, vertauscht Liebe mit Kitsch und Tragik mit R\u00fchrsal und verflacht damit alle tats\u00e4chliche Dringlichkeit. Dazu scharrt James so viel nebens\u00e4chliches Beiwerk in seine Bilder, verspiegelt sich bei seinen Betrachtungen derart in Detailversessenheit, dass man glauben k\u00f6nnte, dies sei dann doch nur ein Krimi f\u00fcr die hemmungslos Neugierigen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><em>Peter James: Und morgen bist du tot. <\/em><br \/><em>Scherz 2010 <\/em><br \/><em>(Dead Tomorrow, 2009. Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg). <\/em><br \/><em>522 Seiten. 18,95 Euro <\/em><\/pre>\n\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/sp2_3.jpg\" alt=\"sp2_3.jpg\" width=\"188\" height=\"300\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Realit\u00e4tsfluchten<\/strong><br \/>sind ihr Ausweg. Die einen fliehen aus ihrem Land, um Leib und Seele zu retten, die anderen versuchen aus \u00dcberdruss, ihrem Alltag zu entkommen. Der Anwalt Richard vertritt einen Gangster vor Gericht, der einen Jugendlichen \u00fcberfahren haben soll &#8211; der einzige Augenzeuge ist verschwunden. Und dann trifft Richard in einem Massagesalon auf eine nigerianische Edelprostituierte und erf\u00e4hrt zum ersten Mal den Rausch des Au\u00dfersichseins. Die femme fatale jedoch k\u00e4mpft als Fl\u00fcchtling um das \u00dcberleben ihrer Familie. Ein existentielles Ungen\u00fcgen an Welt treibt die Figuren um, und als sich ihre Wege kreuzen, rei\u00dfen blinde Blasiertheit sowie Machtlosigkeit sie umso tiefer ins Verderben. Zwar l\u00e4sst Andrew Brown seinen moralistischen Kopfmenschen Richard sich zu stracks in Obsession und Ekstase verschliddern, zwar bindet sich der Autor zu dicht an Klischees, dennoch ist <em>W\u00fcrde<\/em> ein raffinierter, ein komplex dichter (S\u00fcd-)Afrika-Roman, der ganz poetisch melodi\u00f6s von Leben und Hoffnung, ebenso liebevoll wie bedrohlich von Tod und Gr\u00e4uel zu erz\u00e4hlen wei\u00df &#8211; wie ein sanftes, aber entsetzlich nachhallendes Donnergrollen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><em>Andrew Brown: W\u00fcrde. <\/em><br \/><em>btb 2010 <\/em><br \/><em>(Refuge, 2009. Deutsch von Mechthild Barth). <\/em><br \/><em>382 Seiten. 19,95 <\/em><\/pre>\n\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/sp2_4.jpg\" alt=\"sp2_4.jpg\" width=\"190\" height=\"300\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Leidenschaft, <\/strong><br \/>Betrug, L\u00fcge, Gleichg\u00fcltigkeit, Eifersucht, Vertuschung &#8211; lauter kleine S\u00fcnden, die schon manches Leben aus der Bahn geworfen haben. Als sich der Literaturwissenschaftler Dr. Watson entschlie\u00dft, das gar nicht so stolperfreie Reservat seiner B\u00fccherwelt zu verlassen, um sich auf die Spuren eines fr\u00fch verstorbenen, fast vergessenen Dichters zu begeben, kann er nicht ahnen, wie dramatisch sein Abenteuer auf einem vom Sturm gebeutelten Eiland enden soll. Louise Welsh setzt ganz unaufdringlich anekdotenhafte Szenen zu einem sprachgewaltigen R\u00e4tsel \u00fcber das Leben zusammen. Und zaubert dabei ganz mysteri\u00f6s die dunklen Verwinklungen des homo sapiens hervor, ertappt D\u00e4monen, die in Schach gehalten werden wollen. Der elastische Miederunterbau von Krimi wird flirtfreudig abgestreift, das starre Ausgeleierte des Gew\u00f6hnlichen scheint nicht zu interessieren. Stattdessen sp\u00fcrt Welsh die Verst\u00f6rtheit auf, die hinter der Banalit\u00e4t lauert. <em>Das Alphabet der Knochen<\/em> ist eine hinrei\u00dfende Schatzsuche, die sich auf sonderbaren, teils urkomischen Irrwegen Ausschweifungen zu erlauben scheint, dabei allerdings das Steuerrad immer ganz hart auf Kurs h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><em>Louise Welsh: Das Alphabet der Knochen. <\/em><br \/><em>Kunstmann 2010 <\/em><br \/><em>(Naming the Bones, 2010. Deutsch von Wolfgang M\u00fcller). <\/em><br \/><em>431 Seiten. 22,00 Euro.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Und wieder dampft es \u2013 mal verf\u00fchrerisch, mal abscheulich \u2013 im Schlachtzimmer Wutschel, wo die Hausherrin mit ge\u00fcbter Hand Krimis zerlegt. 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