{"id":21922,"date":"2010-09-13T09:07:34","date_gmt":"2010-09-13T09:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/frank-goehre-der-auserwaehlte\/"},"modified":"2022-06-17T22:10:12","modified_gmt":"2022-06-17T20:10:12","slug":"frank-goehre-der-auserwaehlte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/frank-goehre-der-auserwaehlte\/","title":{"rendered":"Frank G\u00f6hre: Der Auserw\u00e4hlte"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/g%F6hre.jpg\" alt=\"g\u00f6hre.jpg\" width=\"176\" height=\"300\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Frank G\u00f6hres &#8222;Der Auserw\u00e4hlte&#8220; ist die H\u00f6chststrafe f\u00fcr einen Krimikritiker. Denn nichts will passen, nichts erf\u00fcllt die Erwartungen. Die Koordinatensysteme des Genres \u00e4chzen, im Prokrustesbett der Versatzst\u00fccke passt es hinten und vorne nicht, klarer Fall von versemmeltem Krimi, denkt man &#8211; und liest dennoch weiter, von Entt\u00e4uschung zu Entt\u00e4uschung, und am Ende legt man das Buch zufrieden aus der Hand und \u00e4rgert sich dar\u00fcber, dass man sich nicht \u00e4rgert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dabei hat G\u00f6hre doch allerhand zu bieten, was nach der Krimiform schreit, das \u00fcbliche Procedere eben. Eloi (&#8222;der Auserw\u00e4hlte&#8220;), Sohn einer reichen Industriellen, ist entf\u00fchrt worden. Er hat ein bisschen gedealt und dabei David kennengelernt, einen Illegalen aus Guinea-Bissau, zuerst nach Gomera gefl\u00fcchtet und dort unter Althippies geraten, zu denen einst auch Bettina, Elois Mutter, geh\u00f6rte. Man hatte in einer Kommune mitsamt Guru gelebt, es ging um Sex und Utopien und am Ende stand die Ern\u00fcchterung. Dann kommt Bettinas Tochter ums Leben, die Trauernde kehrt zur\u00fcck nach Hamburg, heiratet einen Schulfreund, Eloi wird geboren, Vater unbekannt, ein anderer Schulfreund k\u00f6nnte es sein, man wei\u00df es nicht. Es gibt noch weitere alte Bekannte von Bettina, den korrupten Expolizisten beispielsweise, der gegen den Willen der Mutter ermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hat sich Frank G\u00f6hre also ein h\u00fcbsches Netz gekn\u00fcpft, ein paar dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit inklusive, einen veritablen Entf\u00fchrungsfall, dazu Stoff f\u00fcr tiefe Gedanken \u00fcber das unmerkliche Verblassen von Idealen und die Probleme des Daseins an den ber\u00fchmten R\u00e4ndern der Gesellschaft. Und was macht er daraus? \u2013 Keinen Entf\u00fchrungsroman mit entsprechend rei\u00dferischer Dramaturgie. Nicht einmal einen psychologisch unterf\u00fctterten Entwicklungskrimi. Die Personen sind die Personen, sie bleiben was sie sind und kein Mensch erf\u00e4hrt, warum aus ihnen wurde, was sie sind. Auch der zentrale Kriminalfall entzieht sich den \u00fcblichen Regularien und selbst die spektakul\u00e4re Aufl\u00f6sung ist eher verbl\u00fcffend als logisch. Hier h\u00e4lt uns G\u00f6hre dann ein weiteres dankbares Krimisujet hin, Kindesmissbrauch, und weil das Thema aktuell ist, greift so mancher dankbar zu und erkl\u00e4rt &#8222;Der Auserw\u00e4hlte&#8220; zum Missbrauchskrimi, aber das ist er eben auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Ausw\u00e4hlte&#8220; ist ein Kriminalroman \u00fcber alles und nichts. G\u00f6hre hat, so will es scheinen, eine Reihe Menschen durch seine Geschichte geschickt und tun lassen, was sie eben tun. Sobald es darum gegangen w\u00e4re, die Dinge zu erkl\u00e4ren, ihre Entwicklung nachzuvollziehen, also das zu unternehmen, was in Kriminalromanen viel zu oft und viel zu erm\u00fcdend getan wird, n\u00e4mlich aus jedem Frage- ein Ausrufezeichen zu machen, hat sich der Autor dem einfach verweigert. So sehen wir die Menschen handeln und nichts weiter. Das mag die Liebhaber von Botschaften und mathematisch sauber gezirkelten Geschichten entt\u00e4uschen, erfreut aber die Anh\u00e4nger der These, dass Kriminalliteratur vielleicht Verbrechen aufkl\u00e4ren kann, aber das Leben bittesch\u00f6n weiter im Unklaren lassen soll. So betrachtet ist &#8222;Der Auserw\u00e4hlte&#8220; ein Buch f\u00fcr Leser, die nicht wissen wollen, was sie da sehen, sondern die sehen und dann wissen, dass man mehr nicht zu wissen braucht.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Frank G\u00f6hre: Der Auserw\u00e4hlte. <br \/>Pendragon 2010. 258 Seiten. 9,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank G\u00f6hres &#8222;Der Auserw\u00e4hlte&#8220; ist die H\u00f6chststrafe f\u00fcr einen Krimikritiker. Denn nichts will passen, nichts erf\u00fcllt die Erwartungen. 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