{"id":21924,"date":"2010-09-18T12:02:00","date_gmt":"2010-09-18T12:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/merkwuerdige-gedanken-an-einem-merkwuerdigen-samstag\/"},"modified":"2022-06-17T20:50:52","modified_gmt":"2022-06-17T18:50:52","slug":"merkwuerdige-gedanken-an-einem-merkwuerdigen-samstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/merkwuerdige-gedanken-an-einem-merkwuerdigen-samstag\/","title":{"rendered":"Merkw\u00fcrdige Gedanken an einem merkw\u00fcrdigen Samstag"},"content":{"rendered":"\n<p>Lesen bildet und Denken erweitert den Horizont? Das sind, sorry, die verbalen Tricks, mit denen sie uns in die Schulb\u00e4nke locken. In Wirklichkeit, das wissen die Kindsverderber ganz genau, verh\u00e4lt es sich andersrum. Wer liest und denkt, verliert seine \u00dcberzeugungen, seine Definitionen, seinen Halt. Am allerschlimmsten aber ist dran, wer Krimis liest und sich Gedanken dar\u00fcber macht. Denn was ein Krimi IST, wei\u00df nur, wer nie einen gelesen hat. Worum es in einem Krimi geht, erschlie\u00dft sich allein in v\u00f6lliger Gedankenlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ja, es tut mir leid, aber ich wei\u00df inzwischen gar nichts mehr. Nicht den Unterschied zwischen Krimi und Thriller, nicht was ein Noir sein k\u00f6nnte oder ein &#8222;Psychokrimi&#8220;, nicht einmal, was man unter einem Verbrechen versteht. Am besten w\u00e4re es, mit dem Lesen endlich aufzuh\u00f6ren und mit dem Denken gleich mit, damit die zertretenen Pfl\u00e4nzchen der zementierten Meinungen und Begriffe wieder ungest\u00f6rt wachsen k\u00f6nnen. Vielleicht fiele mir dann auch ein, warum Sophokles m\u00f6glicherweise den ersten Krimi geschrieben hat oder doch Shakespeare, ganz zu schweigen von Schiller und reden wir \u00fcberhaupt nicht von ETA Hoffmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann peinlich werden. Ist der Krimi nicht DER Gesellschaftsroman schlechthin, fragt mich neulich eine interessierte Leserin, und ich sagte in meiner ersten Verwirrung JA und in meiner zweiten NEIN und h\u00e4tte ich eine dritte gehabt, sie w\u00e4re zu einem Gest\u00e4ndnis geronnen, dem n\u00e4mlich, dass ich gar nicht wisse, was die Gesellschaft ist. &#8222;Nun&#8220;, sagt die Dame jedenfalls, &#8222;ich meine, gesellschaftlich im Sinne von diesen Schweden, du wei\u00dft schon.&#8220; Diesen Schweden? Ach ja. Da stehen sie in den Krimis morgens auf, fallen \u00fcber ihre Hausschlappen und die Sozialdemokratie ist dran schuld. Nein, erwidert die Dame, so meine sie das nicht (nichts ist mir klarer), sie meine, dass der Krimi gewisserma\u00dfen als Spiegelbild der Gesellschaft diene, quasi naturgesetzlich gebrochen durch das Verbrechen (da ist es wieder, das omin\u00f6se Wort) und damit in ihrem Herzst\u00fcck freigelegt. Hm, antworte ich, ja, so k\u00f6nne man das sehen. Ich wisse aber trotzdem nicht, wie dieses Herz poche und ob sie das verstehe. Nein, sage sie, irgendwie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ordnung. Ich meine: So wie wir das Verbrechen als etwas gegen die Gesetze Getanes definieren, so betrachten wir die Gesellschaft als einen gro\u00dfen Moloch, mit einem geheimen Taktgeber im Hintergrund. Aber es k\u00f6nnte eben auch anders sein. Das Verbrechen ist das Gesetz selbst und die Gesellschaft, das bin ICH, und ich schreibe daher nur \u00fcber mich und voil\u00e0, schon hast du deinen Gesellschaftsroman und kein Westerwelle, kein Hartz IV, keine Rentenl\u00fcge, keine Leiharbeit muss drin vorkommen und trotzdem wei\u00dft du&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber hallo, sagte die Frau. So doch nicht. Das w\u00e4re dann ein Psychokrimi oder irgend so etwas. Auch nicht schlecht. Am Ende vielleicht gar kein Krimi, sondern einfach nur ein Roman oder ein Tagebuch. Ja, sagte ich, das w\u00e4re mir sowieso lieber. Ich mag n\u00e4mlich eigentlich keine Krimis, habe sie nie gemocht. St\u00e4ndig erz\u00e4hlt mir jemand, was ein Krimi sei oder verlangt von mir zu h\u00f6ren, wie ich das Ding eigentlich definiere. Dabei ist die Antwort \u2013 pl\u00f6tzlich viel es mir ein \u2013 doch ganz simpel. Ein Krimi ist eine Mogelpackung, die du nicht aus der Hand legen kannst, bis du im Kleingedruckten gelesen hast, was alles angeblich drin ist. Und dann kommt einer vorbei, sieht dich lesen und fl\u00fcstert dir ins Ohr: &#8222;H\u00f6rt sich gut an, schmeckt aber nach gar nichts.&#8220; Und du wei\u00dft, er hat recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber bl\u00f6d, sagt die Dame. Wenn man nicht lesen und nicht denken soll, was soll man dann? Schreiben, antworte ich. Wer schreibt, liest und denkt nicht, das ist schon mal das Gute am Schreiben. Hallo, sagte die Frau, klingt aber scheisse, was du da gerade sagst. Aber ist so, sage ich zur\u00fcck. Wer einmal einen Krimi geschrieben hat, der verachtet die Leser und die Denker, die Definitionsjunkies und Genrebeschw\u00f6rer, die Bauk\u00e4stler und Krimiingenieure. Er schreibt und schreibt und schreibt, und am Ende sagen die Leute: ein Krimi. Und dann wei\u00df er auch, diese Leute, die das sagen, das sind die Gl\u00fccklichen. Sie lesen und lesen doch nicht, sie denken und denken doch nicht, sie wissen und wissen doch nicht, sie fahren nach Frankfurt und landen in der W\u00fcste Gobi und dort halten sie Kuhmilch f\u00fcr \u00c4ppelwoi und \u2013 stopp, sagt die Frau, jetzt ist aber gut. Genau, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen bildet und Denken erweitert den Horizont? Das sind, sorry, die verbalen Tricks, mit denen sie uns in die Schulb\u00e4nke locken. In Wirklichkeit, das wissen die Kindsverderber ganz genau, verh\u00e4lt es sich andersrum. 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