{"id":21926,"date":"2010-09-21T10:13:50","date_gmt":"2010-09-21T10:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/der-skandal-der-saison\/"},"modified":"2022-06-17T20:51:41","modified_gmt":"2022-06-17T18:51:41","slug":"der-skandal-der-saison","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/09\/der-skandal-der-saison\/","title":{"rendered":"Der Skandal der Saison"},"content":{"rendered":"\n<p>Noch hat die diesj\u00e4hrige Buchmesse ihre Tore nicht ge\u00f6ffnet, da steht das beherrschende Thema \u2013 jedenfalls f\u00fcr das Produktsegment Krimi \u2013 schon fest: der im Rabiat Verlag Wolfsburg p\u00fcnktlich zum Messebeginn angek\u00fcndigte Roman &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; von Elsa Land (Pseudonym). Doch warum erregt dieses Buch die Gem\u00fcter? Weil es, wie der Topkritiker P. Z\u00fcrn beklagt, &#8222;einfach doof&#8220; ist oder, so der Verleger Erasmus Schmidt, &#8222;der letzte m\u00f6gliche Tabubruch des Genres&#8220;? wtd sprach mit Schmidt \u00fcber das Buch, den Verfasser und das Thema.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wtd: Herr Schmidt, woher r\u00fchrt die ganze Aufregung um &#8222;Der Schrei der Edelfeder?&#8220; Br\u00fcstet sich heutzutage nicht jede zweite Neuerscheinung damit, &#8222;Tabus zu brechen&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Ja, leider. Es ist wohlfeil geworden, \u00fcber Dinge zu sprechen, \u00fcber die angeblich noch nie zuvor gesprochen wurde, und dann stellt sich heraus, dass seit zwanzig Jahren \u00fcber nichts anderes gesprochen wird. Aber &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; ist in mancherlei Hinsicht anders. Er spricht aus, was jeder wei\u00df, doch noch niemals zu sagen wagte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Und das w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Krimikritiker sind Schweine.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: \u00c4h&#8230;ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Oder sehen Sie das anders?<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Nun&#8230;sie benehmen sich gelegentlich wie&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Sehen Sie, schon geraten Sie angesichts des Tabupotentials dieses Themas in artikulatorische Schwulit\u00e4ten. Aber eigentlich wissen Sie es doch. Wo immer zwei oder mehr Produzenten von Spannungsliteratur zusammenkommen, gibt es nach f\u00fcnf Minuten nur einen Gespr\u00e4chsgegenstand: die schweinische Krimikritik. &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; formt diesen Gegenstand zu hochwertiger Kriminalliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Sch\u00f6n. Um was geht es also in diesem Buch?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Eine Gruppe entr\u00fcsteter Autorinnen und Autoren st\u00fcrmt eine Konferenz des &#8222;Dreckigen Dutzends&#8220;, einer Clique von Krimikritikerinnen und Krimikritikern, die in diesem Lande dar\u00fcber bestimmen, wer gelobt wird und wer nicht, wer Preise bekommt und wer nicht, wer \u00fcberhaupt der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert oder totgeschwiegen wird. Ihre Forderung ist so banal wie einleuchtend: Sie m\u00f6chten endlich Gerechtigkeit. Und, nebenbei, 60 Millionen Euro in kleinen Scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Hm. Klingt \u00e4h&#8230;spannend.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Ist es auch. Denn was so herk\u00f6mmlich beginnt, entwickelt sich allm\u00e4hlich zu einem nun ja: reinigenden Albtraum. Obwohl man auf die Forderungen der Autoren eingeht, wird ein Kritiker nach dem anderen ermordet. Und fragen Sie nicht, wie! Gr\u00f6\u00dfere Scheu\u00dflichkeiten sind in der deutschen Kriminalliteratur noch niemals ausgebreitet worden. Da werden Menschen gen\u00fcsslich gekocht, lebendig zerlegt, langsam durchbohrt und als H\u00f6hepunkt m\u00fcssen sie sich gegenseitig ihre Rezensionen vorlesen. Und warum das alles? Weil die Autorinnen und Autoren erkannt haben, dass es kein gr\u00f6\u00dferes Vergn\u00fcgen gibt, als Kritiker zu t\u00f6ten. Pfeif auf die Gerechtigkeit, wenn du die M\u00f6glichkeit hast, es diesen Burschinnen und Burschen heimzuzahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Sehr sch\u00f6n. Kommen wir zum Verfasser beziehungsweise der Verfasserin. Wer ist Elsa Land? Welche Person verbirgt sich hinter diesem Pseudonym?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Keine PERSON.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Sondern?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Viele PersonEN!<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Hm. Wie ist das zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Ganz einfach. Bei &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; handelt es sich um einen Kettenroman mit ungef\u00e4hr 500 Seiten. Jede Seite wurde von einem anderen Autor, einer anderen Autorin verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Das bedeutet&#8230;. wir fassen es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Ja, auch in dieser Hinsicht st\u00f6\u00dft &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; in ungeahnte Dimensionen vor. Urspr\u00fcnglich war ein herk\u00f6mmlicher Kriminalroman geplant, in dem die berechtigten Forderungen der Autorinnen und Autoren zur Sprache gebracht und schlie\u00dflich erf\u00fcllt werden. Zwei oder drei Kritiker wollte man \u00fcber die Klinge springen lassen, Spa\u00df muss ja schlie\u00dflich sein. Aber dann entwickelte sich eine Eigendynamik. Die Verfasserinnen und Verfasser hatten keine Lust, auch nur eines dieser Schweine ungeschoren davonkommen zu lassen. Alle mussten sterben. Und so geschah es schlie\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Interessant. Aus Kreisen der Krimikritiker kommen nun aber Anzeichen von Entr\u00fcstung ob des Themas und seiner Umsetzung. Es ist von Menschenverachtung die Rede, von beinahe FDPkompatiblem Zynismus, von knallharter Gesch\u00e4ftsmasche. Was haben Sie diesen Anschuldigungen entgegenzusetzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt: Stellen Sie sich doch nicht d\u00fcmmer als Sie sind. All das beweist doch die Ausgangsthese: Krimikritiker sind dilettantische Schweine, die ihren Analphabetismus, ihre verdr\u00e4ngten fr\u00fchkindlichen Traumata, ihre sadistischen Tagtr\u00e4ume unter dem M\u00e4ntelchen der Aufkl\u00e4rung und der Kultur zu verbergen trachten. In ihnen schlummert ein bestimmtes Gen, ein verqueres und verkorkstes Verlangen nach Brutalit\u00e4t, ja, Bestialit\u00e4t. Die Reaktion der Verfasser von &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; ist ergo nachvollziehbar und legitim, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig und wird vom Lesepublikum freudig begr\u00fc\u00dft werden. Die Startauflage betr\u00e4gt \u00fcbrigens 35.000 Exemplare. Leinenumschlag mit Leseb\u00e4ndchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Herr Schmidt, wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch hat die diesj\u00e4hrige Buchmesse ihre Tore nicht ge\u00f6ffnet, da steht das beherrschende Thema \u2013 jedenfalls f\u00fcr das Produktsegment Krimi \u2013 schon fest: der im Rabiat Verlag Wolfsburg p\u00fcnktlich zum Messebeginn angek\u00fcndigte Roman &#8222;Der Schrei der Edelfeder&#8220; von Elsa Land (Pseudonym). Doch warum erregt dieses Buch die Gem\u00fcter? Weil es, wie der Topkritiker P. 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