{"id":21932,"date":"2010-10-04T10:53:44","date_gmt":"2010-10-04T10:53:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/dominique-manotti-letzte-schicht\/"},"modified":"2022-06-12T22:43:42","modified_gmt":"2022-06-12T20:43:42","slug":"dominique-manotti-letzte-schicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/dominique-manotti-letzte-schicht\/","title":{"rendered":"Dominique Manotti: Letzte Schicht"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/manotti.jpg\" alt=\"manotti.jpg\" width=\"168\" height=\"263\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Wir leben in herrlichen Zeiten. Wells&#8217;sche Maschinen transportieren uns einer Zukunft entgegen, in der man mit dem Vokabular der Vergangenheit hantieren wird, mit Klassen und Klassenkampf, mit Ausbeutung und sozialkritischer Literatur. Es gab eine Zeit, da hielten wir dies f\u00fcr \u00fcberwunden wie \u00fcberhaupt alles Dichotomische, alles Schwarzwei\u00dfe, das Leben wurde, was gute Kriminalliteratur immer schon war, n\u00e4mlich differenzierter.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Jetzt ist alles wieder da und pr\u00e4chtiger denn je. Die Gesellschaft zerlegt sich gen\u00fcsslich selbst in Klassen, die k\u00e4mpfen munter gegeneinander. Ost gegen West, Arm gegen Reich, Migration gegen Stagnation, Lobbydemokratie gegen Basisdemokratie. Wo aber ist die Literatur, die sich all dem &#8222;sozialkritisch&#8220; widmet? In Deutschland jedenfalls nicht, schon gar nicht im weiter halbwegs boomenden Krimisegment. Hier regiert noch weitgehend der sanfte Diktator der vollst\u00e4ndigen S\u00e4tze und der semantischen Missverst\u00e4ndnisse, wo man Untiefen f\u00fcr tiefgr\u00fcndig h\u00e4lt und Realit\u00e4tsbezug f\u00fcr die abwaschbare Schondecke auf dem vor lauter k\u00fcnstlerischer Biederkeit knirschenden Spannungsbett.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders in Frankreich, wo die Krimiszene schon immer eine Idee wacher und mutiger war, wo man die Frage, wie intelligent Kriminalliteratur sein d\u00fcrfe, mit der Gegenfrage beantwortet, seit wann es dort denn ein Limit gebe. Dominique Manottis &#8222;Letzte Schicht&#8220; ist so ein Roman, dessen Intelligenz ihn vor all den Fallen besch\u00fctzt, in die man gutgl\u00e4ubig treten kann, wenn man einen &#8222;sozial- und gesellschaftskritischen&#8220; Krimi schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Manottis Buch gr\u00fcndet auf einer wirklichen Begebenheit, der Verstaatlichung des franz\u00f6sischen Auch-R\u00fcstungskonzerns Thomson. Zwei Kontrahenten \u2013 Daewoo-Matra und Alcatel \u2013 werben um das lukrative Filetst\u00fcck, das \u2013 einigerma\u00dfen \u00fcberraschend \u2013 im Rachen des s\u00fcdkoreanischen Konzerns zu verschwinden droht. Also sucht man auf Seiten von Alcatel nach den Leichen im Keller der anderen. Besonders interessant scheint ein Vorfall im lothringischen Daewoo-Werk. Dort war es nach einem Arbeitsunfall zu einem spontanen Streik der Belegschaft gekommen, dieser dann zu einer Werksbesetzung eskaliert, in deren Verlauf einige brisante Geheimnisse der Gesch\u00e4ftsleitung ans Tageslicht gelangten. Das Ganze endete mit einer Brandstiftung, die das Werk in Schutt und Asche legte. Der Versicherungsdetektiv Charles Montoya, selbst urspr\u00fcnglich aus der Gegend, wird nach Lothringen geschickt, um m\u00f6glichst viel belastendes Material gegen Daewoo-Matra zu sammeln und sie als Thomson-\u00dcbernehmer zu diskreditieren. Derweil sich die Gegenseite daran macht, alle Zeugen zu beseitigen, die bei der Werksbesetzung zu viel gesehen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Manotti beginnt ihren Roman mit ebendiesen Vorg\u00e4ngen in Lothringen und zeichnet dabei das differenzierte Bild einer arbeitenden Klasse, die weder glorifiziert noch verdammt noch gar verh\u00f6hnt wird. Siehe da: Auch die Ausgebeuteten sind Menschen mit Schw\u00e4chen, sie sind manchmal naiv, manchmal durchtrieben, manchmal schwach, manchmal stark, meistens jedoch von jedem ein wenig. Hier ist kein Platz f\u00fcr Helden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auftritt Montoya. Er steht buchst\u00e4blich zwischen den Fronten. Ist seinen Herren in der Konzernspitze treu ergeben, jedoch, als Abk\u00f6mmling der werkt\u00e4tigen Klasse, dieser in Sympathie zugewandt, vor allem der Arbeiterin Rolande. Mit Montoyas Zerrissenheit steht und f\u00e4llt Manottis Buch. Er macht seinen Job und er macht ihn gut, am Ende hat er das, was er gesucht hat, am Ende aber kann er auch die Leichen z\u00e4hlen, die seinen Weg genre\u00fcblich pflastern. Rolande, die naive Musterarbeiterin, hat dazugelernt und, indem sie sich der Mittel der Gegenseite bedient, ihre Sch\u00e4fchen ins Trockene gebracht. Sie ist aus der unterdr\u00fcckten Klasse ausgetreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles w\u00e4re schon stark genug, doch Manotti hat einen weiteren Trumpf im \u00c4rmel: ihre Sprache. Die wechselt unvermittelt aus der distanzierten Erz\u00e4hlperspektive in die direkte der Gedankenskizzen, sie f\u00e4delt sich aus Stichw\u00f6rtern zu komprimierten Beschreibungen und f\u00e4llt ebenso schnell zur\u00fcck. Impression und Expression als organische Einheit, von Andrea Stephani vorz\u00fcglich \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich ist &#8222;Letzte Schicht&#8220; der Roman eines gesellschaftlichen Automatismus, der weder gut noch b\u00f6se kennt, sondern nur Rollen, die man zu spielen hat, um als T\u00e4ter oder Opfer die von allerhand Verdummung und Vernebelung wattierte Profitmaschine und damit UNSER Wirtschaftssystem am Laufen zu halten. So gesehen, ist dieses Buch wahrhaftig &#8222;noir&#8220;, weil die Bestialit\u00e4ten der Handlung in den Alltag der Wirtschaftsnachrichten m\u00fcnden: Daewoo ist aus dem Rennen, Alcatel wieder drin, alles v\u00f6llig legal und rechtsstaatlich und zum Wohle der B\u00fcrger.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Letzte Schicht&#8220; wurde 2008 mit dem renommierten Duncan Lawree Dagger ausgezeichnet und hat dabei u.a. Stieg Larsson aus dem Rennen geschlagen. Dies ist besonders erfreulich, steht es doch auch f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, dass sich Intelligenz und Handlungstiefe wenigstens ab und an gegen das allerorten l\u00e4rmende Thrillern der hohlen Versatzst\u00fccke durchzusetzen verm\u00f6gen. Vielleicht sind die Zeiten ja wirklich wunderbar, in einigen Augenblicken jedenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Dominique Manotti: Letzte Schicht. <br \/>Ariadne 2010. 252 Seiten. 12,90 \u20ac<br \/>(Lorraine Connection 2006. Deutsch von Andrea Stephani)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in herrlichen Zeiten. Wells&#8217;sche Maschinen transportieren uns einer Zukunft entgegen, in der man mit dem Vokabular der Vergangenheit hantieren wird, mit Klassen und Klassenkampf, mit Ausbeutung und sozialkritischer Literatur. 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