{"id":21936,"date":"2010-10-13T11:28:46","date_gmt":"2010-10-13T11:28:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/der-antikrimi-als-musterkrimi\/"},"modified":"2022-06-12T23:53:01","modified_gmt":"2022-06-12T21:53:01","slug":"der-antikrimi-als-musterkrimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/der-antikrimi-als-musterkrimi\/","title":{"rendered":"Der Antikrimi als Musterkrimi"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/cover\/judenbuche.jpg\" alt=\"judenbuche.jpg\" width=\"177\" height=\"300\"\/><\/form>\n\n\n\n<p><em>&#8222;19 Variationen \u00fcber Die Judenbuche von Annette von Droste-H\u00fclshoff&#8220; <\/em>verspricht uns das Buch &#8222;So wie du mir&#8220; aus dem Pendragon Verlag. Und ebenso spontan wie traumatisiert erinnert man sich des Textes, Schrecken des Deutschunterrichts, als Lekt\u00fcre- und Interpretationszwang den Verdacht n\u00e4hrten, ein Studium der Literaturwissenschaft \u00e4hnele gewiss einer Runde Folter im Keller der Inquisition. Andererseits: Jahrzehnte sp\u00e4ter, abgekl\u00e4rter und der Folter entronnen, hat &#8222;Die Judenbuche&#8220; durchaus ihren Reiz. Das liegt, wie Mitherausgeber Walter G\u00f6dden in seinem Nachwort treffend erw\u00e4hnt, <em>&#8222;an der elementaren Offenheit des Textes, der mehr R\u00e4tsel aufgibt, als er l\u00f6st&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eine Aussage, die uns zu dem Urteil neigen l\u00e4sst, &#8222;Die Judenbuche&#8220; k\u00f6nne nicht einem Genre angeh\u00f6ren, dessen erste Pflicht es sein muss, die sehr wohl verlangte R\u00e4tselproduktion durch eine entsprechende Herstellung von L\u00f6sungen auszutarieren. Z\u00e4hle die Fragezeichen und geselle jedem ein Ausrufezeichen bei: das ist &#8222;Krimi&#8220;. Annette von Droste-H\u00fclshoff hat etwas anderes im Sinn \u2013 und auch das k\u00f6nnte, wir werden es sehen, durchaus Krimi sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die auf einer wahren Begebenheit fu\u00dfende Geschichte spielt haupts\u00e4chlich um das Jahr 1760 im Paderborner Land. <em>&#8222;Ein Sittengem\u00e4lde aus dem gebirgigten Westphalen&#8220;<\/em>, so lautete der Titel der Erstver\u00f6ffentlichung 1842, schon die Gattungszuordnung macht Schwierigkeiten, denn eine Novelle ist es nach den Regeln nicht, eine &#8222;Kriminalnovelle&#8220;, wie sp\u00e4ter des \u00f6fteren behauptet, zweimal nicht. Im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte des Friedrich Mergel, von der Kindheit bis ins Alter, die Geschichte zweier Morde ohne Aufl\u00f6sung, einer Flucht, einer jahrzehntelangen Sklaverei, eines bitteren Endes. Vor allem aber: eine Geschichte voller Mysterien, Widerspr\u00fcche, Andeutungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon dass sich die Eltern des Protagonisten finden, ist mit Verstandesmitteln nicht zu erkl\u00e4ren. Der Vater ist ein liederlicher, dem Alkohol zugeneigter Choleriker, dessen erste Frau bereits in der Hochzeitsnacht schreiend das Weite sucht. Die Mutter begegnet uns als stolze Frau, die diese Heirat im Grunde nicht n\u00f6tig hat. Dann, Friedrich ist noch ein Kind, kommt der alte Mergel ums Leben. Er stirbt, von einer feuchtfr\u00f6hlichen Feier kommend, in Sturm und Schnee im &#8222;Brederholz&#8220;, das sodann zum mystischen Ort wird, an dem der Geist des Erfrorenen umgeht, als f\u00e4nde er keine Ruhe. Hier wird die Erwartung des Lesers zum erstenmal in eine bestimmte Richtung gelenkt, das was wir heute &#8222;Kopfkino&#8220; nennen, projiziert die Bilder eines Verbrechens. Friedrich und seine Mutter sind zum Zeitpunkt des Vatertodes allein zu Haus, der Sturm schl\u00e4gt gegen die T\u00fcren. Da drau\u00dfen ist ein Mensch, sagt Friedrich, wohl der Vater. Nein, entgegnet die Mutter, es ist nur der Sturm. Und der Leser denkt weiter: Es k\u00f6nnte der Vater sein, aber die Mutter l\u00e4sst ihn nicht ins rettende Haus. Er soll da drau\u00dfen j\u00e4mmerlich erfrieren. Man findet die Leiche schlie\u00dflich, nicht vor der T\u00fcr, aber k\u00f6nnte doch sein, man hat den Toten fortgeschafft. Ein Helfershelfer der Mutter, wof\u00fcr nur einer infrage kommt: ihr Bruder Simon Semmler.<\/p>\n\n\n\n<p>Der jedenfalls kommt eines Tages und nimmt Friedrich mit sich. Er soll ihm zur Hand gehen, einen Gehilfen hat er schon, einen Jungen namens Johannes Niemand, dem Friedrich wie aus dem Gesicht geschnitten und wohl, aber man erf\u00e4hrt es halt nie genau, Resultat einer sexuellen Liaison des Semmler. Wieder arbeitet es im Leser. Wenn Semmler Friedrichs Vater ist, dann haben wir es mit Inzest zu tun, wie es auf dem Lande durchaus nicht selten war. So etwas sagt man nicht offen, man deutet es an, die Droste-H\u00fclshoff muss uns also etwas durch die Blume erz\u00e4hlen. Wir erinnern uns an Carl von Holteis &#8222;Schwarzwaldau&#8220;, das ein \u00e4hnliches &#8222;Tabu&#8220;, die &#8222;Sodomie&#8220; = Homosexualit\u00e4t, hinter einem anderen, nicht ganz so argen versteckt, der m\u00e9nage \u00e0 trois.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig anders nun bei den beiden Mordf\u00e4llen der Geschichte. Wieder erfahren wir nichts Genaues, ja, im Gegenteil: Die Autorin f\u00fchrt uns an der Nase herum, sie entwickelt das, was man sp\u00e4ter &#8222;suspense&#8220; nennen wird, was wir aber weiterhin als &#8222;entt\u00e4uschte Lesererwartung&#8220; ansehen wollen. Beim Mord am F\u00f6rster Brandl, der im Wald mit einer Axt erschlagen wird, ger\u00e4t Friedrich unter Verdacht. Er hat ein Motiv \u2013 und ein Alibi, er hat Brandl mutwillig auf einen falschen Weg geschickt, als der F\u00f6rster seinen Begleitern nacheilen wollte, die Holzfrevlern auf der Spur waren. Steckte Friedrich mit ihnen unter einer Decke? Wurde Brandl von Semmler erschlagen? Kann sein \u2013 kann nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Klarer scheint es beim zweiten Mord an dem Juden Aaron. Dem schuldete Friedrich Geld, der hat ihn \u00f6ffentlich erniedrigt. Und Friedrich, seinen Doppelg\u00e4nger Johannes im Schlepptau, ergreift sofort die Flucht, was als Schuldeingest\u00e4ndnis z\u00e4hlt. So k\u00f6nnte man es lassen, aber die Droste denkt nicht daran. Sie zaubert einen R\u00e4uber aus dem Hut, der kurz vor seinem Selbstmord den Mord an einem Juden Aaron gesteht. Auch hier ein letzter Zweifel, es k\u00f6nnte ja ein anderer Jude Aaron gemeint sein.<\/p>\n\n\n\n<p>28 Jahre sp\u00e4ter taucht Friedrich, sich als Johannes ausgebend, wieder im Dorfe auf. Er war zum \u00f6sterreichischen Milit\u00e4r gegangen, von den T\u00fcrken gefangengenommen und versklavt worden. Eine Zeitlang lebt er als Johannes im Dorf, dann aber erh\u00e4ngt er sich just in dem Baum, unter dem einst der Jude Aaron erschlagen wurde und der deshalb die &#8222;Judenbuche&#8220; hei\u00dft. Glaubensgenossen des Toten haben einen hebr\u00e4ischen Spruch in den Stamm geritzt: &#8222;Wenn du dich diesem Ort nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schicksal, eine h\u00f6here Macht hat endlich f\u00fcr Gerechtigkeit gesorgt, die Schuldfrage ist gekl\u00e4rt. Dass dies nicht mit kriminalistischen Mitteln geschehen ist, geh\u00f6rt durchaus zum Instrumentarium all der &#8222;Verbrechensgeschichten&#8220; jener Jahre, zum moralischen Anspruch der Texte und zu den Erwartungen der Leser. Was &#8222;die Judenbuche&#8220; allerdings von diesen Texten unterscheidet, ist die Verwendung einer Dramaturgie jenes Genres, das es zum Zeitpunkt der Niederschrift und Ver\u00f6ffentlichung noch gar nicht gibt. Die Droste legt Spuren, sie erzeugt Spannung durch Ungewissheit, sie offeriert unterschiedliche L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten \u2013 und versagt die Antworten. Genau das aber l\u00e4sst die &#8222;Judenbuche&#8220; zu einem &#8222;modernen Krimi&#8220; werden, zum roten Tuch f\u00fcr alle R\u00e4tselfreunde des Genres, mit dessen sp\u00e4teren Versatzst\u00fccken die Autorin das tut, was heutzutage jeder, der nicht profan &#8222;Krimi&#8220; schreiben m\u00f6chte, gerne zu tun vorgibt: Sie spielt mit ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum? Es wurde auf jenes Kopfkino verwiesen, das unweigerlich eine Geschichte abspult, die im Text lediglich &#8222;angelegt&#8220; ist und der Interpretation, der genauen Lekt\u00fcre bedarf. Wenn man sich auf das Inzestmotiv einigt, dann wird auch wie beim Mord an Aaron das Schicksal bem\u00fcht, die g\u00f6ttliche Strafe. Denn sowohl Friedrichs Mutter als auch ihr Bruder gehen elendig zugrunde, sie verlottern und sterben schlie\u00dflich als Bettler. Die beiden Morde sind lediglich Beiwerk zum &#8222;Sittengem\u00e4lde&#8220;, aber unabdingbares Beiwerk. Denn sie lassen die Schuldfrage offen, sie necken die Ratio, indem sie eine logische Kl\u00e4rung der Verbrechen zugleich begr\u00fcnden und verwerfen. Am Ende entscheidet das Schicksal &#8211; wenigstens im Falle des ermordeten Juden. Was den erschlagenen F\u00f6rster angeht, tappt man weiterhin im Dunkeln. Das Kopfkino spielt weiter seine Filmrollen ab, es kann nicht damit aufh\u00f6ren, es wird nicht damit aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und warum &#8222;moderner Krimi&#8220;? Weil auch er in seiner avancierteren Form l\u00e4ngst die R\u00e4tselecke verlassen hat, die Verbrechen auf einer anderen Ebene sucht, analog zur &#8222;Inzestebene&#8220; bei Droste-H\u00fclshoff. Verbrechen, deren S\u00fchnung uns nicht die Logik des Rechts bringen kann, die sich \u00fcberhaupt erst erkennen lassen, wenn man sie aus dem Alltag so heraussch\u00e4lt wie die Droste es mit dem Inzestmotiv und dem potentiellen Gattenmord getan hat. Um dies zu tun, brauchen wir Anregung, wir finden sie in der Irritation \u00fcber die beiden offensichtlichen Morde. Sie sind das Eintrittstor zu unserem Kopfkino.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Was die 19 AutorInnen des Bandes aus diesen M\u00f6glichkeiten gemacht haben, werden wir demn\u00e4chst sehen. Spannend wird es auf jeden Fall.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;19 Variationen \u00fcber Die Judenbuche von Annette von Droste-H\u00fclshoff&#8220; verspricht uns das Buch &#8222;So wie du mir&#8220; aus dem Pendragon Verlag. Und ebenso spontan wie traumatisiert erinnert man sich des Textes, Schrecken des Deutschunterrichts, als Lekt\u00fcre- und Interpretationszwang den Verdacht n\u00e4hrten, ein Studium der Literaturwissenschaft \u00e4hnele gewiss einer Runde Folter im Keller der Inquisition. 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