{"id":21939,"date":"2010-10-21T11:17:03","date_gmt":"2010-10-21T11:17:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/gespraeche-ueber-den-krimi-1\/"},"modified":"2022-06-16T20:05:13","modified_gmt":"2022-06-16T18:05:13","slug":"gespraeche-ueber-den-krimi-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/gespraeche-ueber-den-krimi-1\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4che \u00fcber den Krimi -1-"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Flughafen, Winter, Schneesturm. Fl\u00fcge fallen aus, es ist Nacht, die Hotels \u00fcberf\u00fcllt, Gestrandete sitzen auf B\u00e4nken, sie schlafen, sie essen, sie h\u00f6ren Musik oder sie reden miteinander, Zufallsbekanntschaften.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>Zwei Herren mittleren Alters, gebildet, belesen, sind ins Gespr\u00e4ch gekommen. Man plaudert \u00fcber Literatur. Die Zeit vergeht, der Schneesturm bleibt. H\u00f6ren wir, was Sie zu sagen haben&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>A: Es tut gut, sich einmal in aller Ruhe \u00fcber Literatur unterhalten zu k\u00f6nnen. Ein Hoch auf die Schneest\u00fcrme.<br \/>B: Ein gutes Gespr\u00e4ch ist allemal besser als ein schlechter Schlaf auf dem Warteb\u00e4nkchen hier.<br \/>A: Oder eine miserable Lekt\u00fcre zum Zeitvertreib. Sehen Sie mal die da&#8230; neben dem m\u00fcrrischen Alten.<br \/>B: Hm. Der Umschlag kommt mir schrecklich bekannt vor.<br \/>A: Krimi.<br \/>B: So wie Sie das sagen, klingt es, als s\u00e4\u00dfen Sie gerade vor einem Teller Ihres most hated meal.<br \/>A: Hm, der Krimi ist meine literarische Zwiebelsuppe, ja. Wobei &#8222;literarisch&#8220;&#8230;<br \/>B: Aha. Sie m\u00f6gen keine Unterhaltungsliteratur? Zu belanglos? Zu trivial? Zu&#8230;.<br \/>A: &#8230; oft schon gelesen, sagen wir&#8217;s doch so. Ich habe mich in meiner Jugend durchaus mit dem Genre besch\u00e4ftigt. Die Klassiker, Sie verstehen.<br \/>B: Jaaaa. Glauser, Himes, Charyn, Biermann&#8230; darf ich neckischerweise auch Temme hinzurechnen?<br \/>A: \u00c4h&#8230; wie bitte? Die Namen sagen mir jetzt wenig. Ich dachte eher an Doyle, Christie, Hammett und Chandler. Okay, ich werfe err\u00f6tend auch Donna Leon in die Runde. 1999 im Krankenhaus von Oldesloe, 2 Wochen bettl\u00e4gerig wegen kompliziertem Unterschenkelhalsbruch.<br \/>B: Dann sei Ihnen die Dame verziehen. Obwohl&#8230; man kann \u00fcber Ihre B\u00fccher reden, was ja f\u00fcr das Genre recht un\u00fcblich ist.<br \/>A: Ich erkenne mit Freuden, dass Sie meine Abneigung teilen.<br \/>B: Sie erkennen falsch. Sorry. Ich liebe Krimis.<br \/>A: Ach? Sie? Ein Mensch, der bei Romantik nicht gleich an Parkb\u00e4nke und bei Expressionismus nicht gleich an r\u00f6hrende italienische Kaffeemaschinen denkt? Ich bin ein wenig schockiert.<br \/>B: Und dabei haben ich selten Unterschenkelhalsbr\u00fcche. Ich lese Krimis freiwillig.<br \/>A: Ja, ja, verstehe. Abschalten und auf andere Gedanken kommen. Es sei Ihnen verziehen.<br \/>B: Hm, eigentlich: n\u00f6. Was soll ich denn abschalten beim Lesen?<br \/>A: Nun&#8230; den Verstand?<br \/>B: Dazu braucht man erst einmal einen. Und ein Verstand, den Sie beim Lesen abschalten k\u00f6nnen, ist eigentlich auch keiner, oder?<br \/>A: Hm. Also denken Sie beim Krimilesen? Wor\u00fcber? \u00dcber die ewiggleichen Muster, das bl\u00f6dsinnige Zweckdeutsch, die langweiligen Spielchen? Wie abgestumpft muss ein Intellekt eigentlich sein, wenn ihn die Aussicht auf schwerste Gewaltverbrechen in erwartungsvolle Hochstimmung versetzt? Und die Erwartung der Aufl\u00f6sung ihn so sehr besch\u00e4ftigt, dass er selbst spekuliert, wer denn nun wen warum ins Jenseits bef\u00f6rdert hat? Hat uns der liebe Gott das Gehirn nur gegeben, um \u00fcber solcherlei Nonsens zu r\u00e4sonieren?<br \/>B: Mag sein. Wir neigen ja bekanntlich dazu, selbst die komplexesten und existentiellsten Themen auf ihre trivialste Ebene herunterzudenken \u2013 ersparen Sie mir Beispiele, kein Wort zu Klima und Atom, Bildung und Hartz IV, unterirdische Bahnh\u00f6fe und dito Parteiprogramme \u2013 kann es dann nicht reizvoll sein, auch einmal den umgekehrten Weg zu gehen? Etwas so Triviales wie einen Kriminalroman zu nutzen, sich dem Komplexen und Existentiellen zu n\u00e4hern?<br \/>A: Hm. Ich bin gerade \u00fcberfragt. Das hei\u00dft: Ich frage mich, warum ich meinen Joyce, meinen Mann, meinen Hemingway drangeben soll, um mich m\u00fchselig aus den Untiefen des Genres dorthin zu arbeiten, wo mich die genannten Herrschaften in Ihren Werken doch bereits erwarten.<br \/>B: Na ja, mag sein. Aber werden wir dort wirklich erwartet? Wenn ich aus den Jahrzehnten intensiven Lesens eines gelernt habe, dann das: Literatur ist so erlesen wie der Kopf, der sie sich gerade erliest. Joyce ist von Myriaden von Schwachk\u00f6pfen studiert worden, Nabokov gilt in intellektuell \u00fcberforderten Kreisen notorisch als &#8222;P\u00e4derast&#8220;, an Arno Schmidt arbeitet sich lebens- und weltfremde akademische High Society ab \u2013<br \/>A: Gut, gut, Sie haben ja recht. Doch warum ein kluger Kopf wie der Ihre \u2013 Sie k\u00f6nnten mir jetzt \u00fcbrigens noch einen von diesen gr\u00e4sslichen Automatenkaffees spendieren \u2013 wertloses Mordpalaver den wahren Meisterwerken der Sprache vorzieht, wird dadurch auch nicht plausibler.<br \/>B: Da genau machen Sie Ihren ersten Fehler. Wertloses Mordpalaver. Woher wissen Sie das? Sie haben Hammett und Chandler gelesen, aber Sie kennen Chester Himes nicht. Sie erg\u00f6tzen sich, geben Sie&#8217;s nur zu, bisweilen an Arthur Conan Doyle, von Friedrich Glauser haben Sie indes noch nie geh\u00f6rt, geschweige gelesen. Summa: Sie urteilen \u00fcber ein Genre, das Sie nicht kennen oder das Sie auf seinen Bodensatz reduzieren, den ganzen Schmarren in den Bahnhofsbuchhandlungen, das gestelzte Kunstkrimizeug ab und an in den Feuilletons. Das ist in etwa so, als w\u00fcrde ich den Roman per se zu trivialem Quatsch erkl\u00e4ren, weil ich Rosamunde Pilcher, Heinz G. Konsalik und, \u00e4hm, Thea Dorn gelesen habe. Da kann ich mir den Joyce sparen, ist wahrscheinlich eh der gleiche Quatsch.<br \/>A: Jetzt haben Sie es mir aber gegeben. Und mag sein, dass Sie recht haben. Dennoch \u00fcberzeugt mich das alles nicht. Wie kann ich ein literarisches Genre ernstnehmen, dass in einem so engen Korsett wie der Krimi steckt? \u00dcber das seine Liebhaber begeistert sagen, es lese sich weg wie Butter in der Sonne dahinschmilzt? Ist das Literatur? Die blo\u00dfe Zurkenntnisnahme grober Reize, das permanente Gem\u00fcmmel bleicher Protagonisten, die stupide R\u00e4tselhaftigkeit des Inhalts? Oder r\u00fchrt auch diese Einsch\u00e4tzung daher, dass ich den Krimi &#8222;nicht kenne&#8220;? Ist er wom\u00f6glich &#8222;ganz anders&#8220;?<br \/>B: Wenn Sie bereit w\u00e4ren, sich durch den Berg an wahrlich schrecklichen Ausst\u00f6\u00dfen sogenannter &#8222;Krimiproduktion&#8220; zu w\u00e4hlen &#8211; ja. Krimi IST anders. Kann es jedenfalls sein. Aber lassen Sie mich Ihnen zuerst den verdienten Kaffee spendieren. Dann k\u00f6nnen wir weiterreden, wenn Sie m\u00f6chten.<br \/>A: Gerne. Bevor ich die Zeit mit einem Thriller totschlage&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>(wird fortgesetzt)<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Flughafen, Winter, Schneesturm. 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