{"id":21940,"date":"2010-10-25T09:18:13","date_gmt":"2010-10-25T09:18:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/gespraeche-ueber-den-krimi-2\/"},"modified":"2022-06-16T20:06:23","modified_gmt":"2022-06-16T18:06:23","slug":"gespraeche-ueber-den-krimi-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/10\/gespraeche-ueber-den-krimi-2\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4che \u00fcber den Krimi -2-"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Flughafen, Winter, Schneesturm. Fl\u00fcge fallen aus, es ist Nacht, die Hotels \u00fcberf\u00fcllt, Gestrandete sitzen auf B\u00e4nken, sie schlafen, sie essen, sie h\u00f6ren Musik oder sie reden miteinander, Zufallsbekanntschaften.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>Zwei Herren mittleren Alters, gebildet, belesen, sind ins Gespr\u00e4ch gekommen. Man plaudert \u00fcber Literatur. Die Zeit vergeht, der Schneesturm bleibt. H\u00f6ren wir weiter zu, was Sie zu sagen haben&#8230;<\/em><br \/>2<\/p>\n\n\n\n<p>B: Eine ruhige st\u00fcrmische See.<br \/>A: \u00c4h&#8230;wie meinen?<br \/>B: Oder ein sanfter Blizzard? Der Schneesturm wird st\u00e4rker, finden Sie nicht auch?<br \/>A: Scheint so. Ich verstehe trotzdem nicht ganz&#8230;<br \/>B: Ach, ich versuche nur, eine Antwort auf jene Frage zu finden, die Sie mir in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Minuten unweigerlich stellen m\u00fcssen. Was ist Krimi?<br \/>A: Aha. Und dann wei\u00df ich auch schon die Antwort auf meine ungestellte Frage. Eine ruhige st\u00fcrmische See, ein sanfter Blizzard. Was mich nun kaum weiterbringt.<br \/>B: Mich schon.<br \/>A: Sch\u00f6n f\u00fcr Sie. Also lassen Sie mich anpirschen. Es gibt keine ruhige st\u00fcrmische See und ein Blizzard ist alles au\u00dfer sanft. Der Krimi w\u00e4re demnach also ein Widerspruch in sich, es gibt ihn gar nicht?<br \/>B: W\u00e4re eine M\u00f6glichkeit.<br \/>A: Hm, also gibt es wenigstens noch eine zweite. Der Krimi hat zwei Seelen in seiner Brust, und die k\u00f6nnen zueinander nicht kommen. Gibt es eine dritte?<br \/>B: Ja. Krimi? Das sind wir.<br \/>A: Oha, jetzt wird\u2019s existentialistisch! Erkl\u00e4ren Sie sich!<br \/>B: Haben Sie die Talkshow gestern Abend gesehen?<br \/>A: Wenn es der Wahrheitsfindung dient: ja. Not amused, aber Sie kennen ja die Macht der Gewohnheit. Immer die gleichen Fressen, immer die gleichen Argumente, immer die gleichen Nullit\u00e4ten am Ende. Ich h\u00e4tte besser ein Buch gelesen.<br \/>B: Sie werden lachen: Sie haben eins gelesen. Denn diese Talkshows sind nichts anderes als schlechte Krimis mit einem potentiellen Dreh ins Bessere. Krimi? Das sind wir. Ich sagte es bereits.<br \/>A: Also die Talkshow mit&#8230; wem noch mal?<br \/>B: Jedenfalls mit diesem einf\u00e4ltig tiefgr\u00fcndelnden Herrn, der wieder einmal das Beispiel der Familie mit vier Kindern brachte, deren Hartz-Bezug h\u00f6her ist als der einer vergleichbaren Familie, die ihr bisschen Geld im Niedriglohnsektor verdient.<br \/>A: Ja, \u00e4rgerlich. Betrifft ganze 2% der sogenannten Hartzer, von den vielen anderen Einw\u00e4nden, die man jetzt machen k\u00f6nnte, einmal ganz abgesehen.<br \/>B: Ja, aber was ist passiert? Die Leute haben geklatscht. Das Argument des Mannes hatte sie \u00fcberzeugt, ihr logisches Rechtsbewusstsein war, f\u00fcrchterliches Unrecht witternd, zuverl\u00e4ssig angesprungen.<br \/>A: Oh ja, man nennt das Demagogie. Und das ist also schlechter Krimi?<br \/>B: Nicht unbedingt. Es ist Krimi. Ein enges, aus Logik gekn\u00fcpftes Korsett, von dem wir eins ganz genau wissen: Die Welt ist anders. Irgendwo lauert Komplexit\u00e4t, irgendwo verfr\u00fchst\u00fccken sich die Kausalit\u00e4ten selbst. Wenn der Krimi nichts anderes zu bieten hat als jene schlichten &#8222;Wahrheiten&#8220; und zusammengeleimten logischen Argumente, dann ist er nichts weiter als eine riesige Talkshow voller Dummschw\u00e4tzer und Blender. Die Kunst besteht nun aber nicht etwa darin, diese Elemente auszumerzen. Die Kunst besteht darin, auch die Komplexit\u00e4t zu zeigen, auf denen sie fu\u00dfen. Die eigentliche &#8222;Story&#8220; ist Ausdruck von Hilflosigkeit und Sehnsucht. Hilflosigkeit angesichts der Komplexit\u00e4t der Dinge, Sehnsucht nach der Durchschaubarkeit und Bewertbarkeit der Dinge. Auch jene &#8222;Gerechtigkeit&#8220;, die wir mit &#8222;Recht&#8220; verbinden, ist nichts weiter als eine oberfl\u00e4chliche Erz\u00e4hlung. Ja, das Recht selbst ist nichts weiter als demagogisches Fabulieren, br\u00fcchige Kausalit\u00e4ten, hinter deren Fassaden man am besten nicht schaut.<br \/>A: Also weg mit den Krimikonventionen!<br \/>B: NEIN! Genau das eben nicht! Sie geh\u00f6ren zum menschlichen Wesen dazu!<br \/>A: Hm. Ja. Kriminalliteratur w\u00e4re also insofern ein sanfter Blizzard, als sie nur vorgibt, die Welt logisch erkl\u00e4ren und bereinigen zu k\u00f6nnen, in Wahrheit jedoch tut sie das genaue Gegenteil. Und beides, so unvereinbar es auch sein mag, ist in seinen Widerspr\u00fcchen logisch. \u2013 Darf ich Ihr Talkshowbild ausmalen, ja? Wer einen Krimi liest, klatscht best\u00e4ndig der haarstr\u00e4ubendsten Demogogie Applaus. Das ewige Morden und Spurensuchen, die dr\u00f6ge Ermittlerei, die immergleiche Logik des &#8222;Wenn er um 3 in A war, kann er um 4 nicht in B gewesen sein, es sei denn&#8230;&#8220; Doch w\u00e4hrend man so vor sich hin jubiliert und sich die Nackenhaare aufrichten, kommt einem gemach, gemach der Unsinn des Ganzen in den Sinn. Unter der trivialen Schicht erhebt sich die amorphe Wahrheit&#8230;. Ja, sch\u00f6n. Nur: Glauben Sie das wirklich? \u00dcbersch\u00e4tzen Sie hier nicht beides, Genre und Publikum?<br \/>B: Nun, wir sitzen gerade im einigerma\u00dfen warmen Wartesaal, drau\u00dfen schneest\u00fcrmt&#8217;s, wir reden und reden und nat\u00fcrlich reden wir von der Theorie. F\u00fcr die Praxis gebe ich Ihnen recht: Krimi lohnt sich nicht. Billige, bisweilen ganz nette Kost, ein Besen, der die Zeit unter den Teppich kehren soll, f\u00fcr denkende Menschen kaum bis gar nicht zu ertragen. Andererseits: Unver\u00e4chtliche Beispiele, wie das Glattb\u00fcrsten funktioniert. Haneb\u00fcchene Logik, die man jederzeit ins Gegenteil verdrehen k\u00f6nnte, so wie Sie jedes politische Argument jederzeit gegen sich selbst verwenden k\u00f6nnten. Es gibt ein h\u00fcbsches Buch von Pierre Bayard, &#8222;Freispruch f\u00fcr den Hund der Baskervilles&#8220;, in dem Schritt f\u00fcr Schritt gezeigt wird, wie der Held des ber\u00fchmten Krimis von Conan Doyles eine unlogische Schlussfolgerung nach der anderen zieht, um am Ende den falschen T\u00e4ter zu entlarven. Das Putzige daran: Auch Bayards L\u00f6sung kann mit den gleichen Mitteln zu Fall gebracht werden. Das k\u00f6nnen Sie mit JEDEM Krimi machen: Ihn logisch blo\u00dfstellen. Und da ist&#8217;s halt wie im richtigen Leben. Doch es gibt Krimis, die zeigen Ihnen, was unter der Oberfl\u00e4che lauert: das Chaos, die Selbstt\u00e4uschung, der blo\u00dfe Schein.<br \/>A: Beispiele, Bester.<br \/>B: Nichts lieber als das. &#8222;Rote Ernte&#8220; von Dashiell Hammett, ein Klassiker. F\u00fcr den fl\u00fcchtigen Leser ein halbwegs spannender Krimi mit whodunit-Elementen und allerhand Blut. F\u00fcr den genauen Leser ein Beleg der These, dass jene Story, die wir &#8222;das Recht&#8220; oder gar &#8222;die Gerechtigkeit&#8220; nennen, immer durch Verbrechen konstituiert wird. Oder die Romane einer Fred Vargas. Am Ende erfahren wir, wer&#8217;s und wie&#8217;s war, aber der Weg dahin! Unlogisch, \u00fcbernat\u00fcrlich, m\u00e4rchen- und sagenhaft. SO entsteht das, was wir die objektive Wirklichkeit nennen. Schweigen wir von Jerome Charyn, kein Wort zu dem, was sich gerade in Afrika zu tun scheint, wo sich neben dem S\u00fcdafrikahype \u2013 Bafana, Bafana, es wird nicht mehr gekickt! \u2013 eine Kriminalliteratur entwickelt, die das Europ\u00e4isch-Rationale dem Afrikanisch-Mythischen gegen\u00fcberstellt.<br \/>A: Nun ja. Ich will Ihnen glauben. Dennoch: Wozu der Aufwand? Was Sie da beschreiben, trifft doch f\u00fcr alle Literatur zu. Es wird erz\u00e4hlt. Und dort wo erz\u00e4hlt wird, wird der Inhalt eines Gehirns vereinfacht, in eine Chronologie, eine Sinnhaftigkeit gebracht, die es ja SO gar nicht geben kann. Nehmen Sie die &#8222;Lolita&#8220;. Ja, mein Gott! Da geht es doch um ganz etwas anderes! Warum, erkl\u00e4ren Sie mir das, muss ich all diese grobschl\u00e4chtigen Krimi lesen, um etwas \u00fcber den Zustand der Welt herauszufinden?<br \/>B: Sie m\u00fcssen ja gar nicht. Aber triviale Genres \u2013 und Krimi ist das wohl ausgepr\u00e4gteste \u2013 verraten Ihnen mehr \u00fcber den Zustand der Dinge, als dies die sogenannte &#8222;hohe Literatur&#8220; k\u00f6nnte. Krimi appelliert ja immer auch an unserer Gerechtigkeitsempfinden und \u2013 aber haben Sie nicht auch Hunger? Sollte ich tats\u00e4chlich versuchen, uns einen dieser Teller mit &#8222;Kartoffelsalat und W\u00fcrstchen&#8220; zu organisieren, die man da vorne am Schalter mildt\u00e4tig und gratis ausgibt?<br \/>A: Tun Sie das. Etwas St\u00e4rkung k\u00f6nnte ich jetzt gebrauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>(wird fortgesetzt)<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Flughafen, Winter, Schneesturm. 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