{"id":21945,"date":"2010-11-05T10:05:08","date_gmt":"2010-11-05T10:05:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/11\/leser-als-kritiker\/"},"modified":"2022-06-13T00:53:53","modified_gmt":"2022-06-12T22:53:53","slug":"leser-als-kritiker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2010\/11\/leser-als-kritiker\/","title":{"rendered":"Leser als Kritiker"},"content":{"rendered":"\n<p>Jetzt hat es Thomas Willmann erwischt. Sein hoch gelobtes Buch &#8222;Das finstere Tal&#8220; ist Gegenstand einer \u2192<a href=\"http:\/\/forum.krimi-couch.de\">&#8222;Leserunde&#8220; <\/a>auf der Krimicouch, der Autor beteiligt sich, einer sch\u00f6nen Tradition folgend, an der Diskussion. Ein Buch wird abschnittweise gelesen, die Initiatoren und Teilnehmer der Runde sind keine berufsm\u00e4\u00dfigen Rezensenten, sondern mehr oder weniger zuf\u00e4llig zusammengekommene Interessenten mit unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was &#8222;Krimi&#8220; sein sollte. Man geht respektvoll miteinander um, macht aus seinem Herzen aber keine M\u00f6rdergrube. Den einen gef\u00e4llts, den anderen weniger, manche schauen auf die Details, manche eher auf das Gro\u00dfe-Ganze, die \u00fcblichen Fragen werden verhandelt \u2013 wer war&#8217;s warum? \u2013 und auch dieses oder jene eher abseitige Feld bestellt. Kurzum: Das ist spannend und nicht nur f\u00fcr den Autor, die Autorin aufschlussreich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind solche &#8222;Leserunden&#8220; ein Produkt fortschreitender Digitalisierung, vor zehn oder gar f\u00fcnfzehn Jahren ebenso unm\u00f6glich wie etwa Blogs. Sie stehen also f\u00fcr eine Entwicklung, an der auch der Naivste inzwischen nicht mehr vorbeigehen kann. Krimikritik (nicht nur sie) verschwindet von dort, wo sie eh nur selten stattgefunden hat, aus den Feuilletons n\u00e4mlich, und wandert in die weite, bunte und unberechenbare Welt des Internets. Dramatisch-pessimistisch ausgedr\u00fcckt: Sie ger\u00e4t in die H\u00e4nde von Laien. Gelassen-optimistisch: Sie ger\u00e4t in die H\u00e4nde von Leserinnen und Lesern.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann das als Selberschreiber durchaus mit Schrecken sehen, etwa wenn die eigenen Elaborate von f\u00fcr die kritische Lekt\u00fcrearbeit ungeeigneten Menschen auseinandergenommen werden, die ihr Nichtwissen hinter Attit\u00fcden des Professionellseins zu verbergen trachten. Es ist kein Trost, dass einem auch von sogenannter professioneller Seite so etwas widerfahren kann, da muss man durch, f\u00e4llt es auch schwer. Wichtiger jedoch scheint mir zu sein, dass durch diese neuen Stimmen der Kritik die rezeptionelle Verengung gerade im Genre der Kriminalliteratur beendet werden k\u00f6nnte. Schlicht formuliert: Wir erfahren endlich, was die &#8222;normale Leserschaft&#8220; sch\u00e4tzt und was nicht. Wir m\u00fcssen uns nicht daran halten, aber wir nehmen es zur Kenntnis, wir reden dar\u00fcber und m\u00f6glicherweise lernen wir daraus. Krimis sind keine experimentellen Romane, niemals, selbst wenn sie als solche gedacht sind. Denn sie sto\u00dfen auf eine Leserschaft mit festen Vorstellungen, sie setzen sich mit sogenannten &#8222;Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten&#8220; des Genres auseinander, selbst wenn sie diese ignorieren. Das wirkt sich auf den Widerhall aus, was bei &#8222;richtigen experimentellen Romanen&#8220; eben nicht geschieht, weil sie in der Regel von Menschen gelesen werden, die genau dieses Ungewohnte sch\u00e4tzen und daher auch erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, kein Autor, keine Autorin muss sich nach den Erwartungen der Leser richten, die Gefahr, dann nicht mehr gelesen zu werden, ist zu akzeptieren. Neue Rezeptionsformen wie die Leserunden k\u00f6nnten aber auch dazu dienen, dass beide Seiten voneinander lernen. Als Autor spreche ich unmittelbar mit meinen Lesern, ich versuche sie von meiner Sicht der Dinge zu \u00fcberzeugen, was vielleicht nur selten gelingt, aber immer wieder lohnt, weil man nun nicht mehr nur den Text selbst als Argument ins Feld f\u00fchren kann, sondern auch die Diskussion \u00fcber diesen Text. Einen Versuch jedenfalls ist es wert. Und ein Teil der Zukunft von Kritik wird es allemal sein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt hat es Thomas Willmann erwischt. Sein hoch gelobtes Buch &#8222;Das finstere Tal&#8220; ist Gegenstand einer \u2192&#8222;Leserunde&#8220; auf der Krimicouch, der Autor beteiligt sich, einer sch\u00f6nen Tradition folgend, an der Diskussion. 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