{"id":21962,"date":"2011-01-06T09:20:55","date_gmt":"2011-01-06T09:20:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/01\/claudia-pinero-die-donnerstagswitwen\/"},"modified":"2022-06-17T22:04:48","modified_gmt":"2022-06-17T20:04:48","slug":"claudia-pinero-die-donnerstagswitwen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/01\/claudia-pinero-die-donnerstagswitwen\/","title":{"rendered":"Claudia Pi\u00f1ero: Die Donnerstagswitwen"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/pineiro.jpg\" alt=\"pineiro.jpg\" width=\"180\" height=\"299\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Noch ein Buch, an dessen Beispiel man sich trefflich \u00fcber Sinn und Unsinn des Krimi-Begriffes und seiner dramaturgischen Agenda streiten k\u00f6nnte. Claudia Pi\u00f1ero, seit &#8222;Ganz die Deine&#8220; auch hierzulande mit einem guten Ruf, erz\u00e4hlt in &#8222;Die Donnerstagswitwen&#8220; die Geschichte dreier Leichen in einem Swimmingpool und vieler Scheintoter in einer Luxussiedlung am Rande von Buenos Aires. Was sie uns da berichtet, ist nicht \u00fcberraschend. Doch wie sie das macht, besitzt Raffinesse.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Von zahlreicher Security und sicheren Z\u00e4unen bewacht, leben die Reichen in Altos de la Cascada auf der Sonnenseite des Lebens. Man vergn\u00fcgt sich auf akkurat gezirkelten Golfpl\u00e4tzen, stimmt die Farbe der Blumen akribisch aufeinander ab, schlie\u00dft Freundschaften und f\u00fcrchtet sich in trauter Gemeinsamkeit vor der brutalen Welt da drau\u00dfen vor der Toren. Die Geschichte spielt um die Jahrtausendwende, Argentinien wird von einer Wirtschafts- und Finanzkrise gr\u00f6\u00dften Ausma\u00dfes ersch\u00fcttert, erste Anzeichen von Erosion werden auch im k\u00fcnstlichen Paradies der Auserw\u00e4hlten sichtbar. Virginias Mann Ronie etwa ist schon arbeitslos geworden, also muss seine Frau Virginia das Familienbudget als Maklerin in Altos de la Cascada verdienen. Aus ihrer Sicht wird ein gro\u00dfer Teil der Handlung reportiert, die mit dem Auffinden der drei Leichen im Swimmingpool anhebt. Jeden Donnerstag trafen sich dort einige M\u00e4nner, ein Herrenabend, die dazugeh\u00f6rigen Frauen fristeten in dieser Zeit das Strohwitwendasein, doch jetzt hat der Begriff &#8222;Donnerstagswitwen&#8220; eine andere, eine schreckliche Bedeutung. Nur Ronie ist, weil er die Gesellschaft fr\u00fcher als gew\u00f6hnlich verlassen hat, dem Tod entgangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere H\u00e4lfte der Ereignisse wird quasi von der Siedlung selbst erz\u00e4hlt, einem nicht zu ortenden &#8222;Wir&#8220;. Abweichend von den \u00fcblichen Mustern des Genres geht es dabei nicht um die Aufkl\u00e4rung der Todesf\u00e4lle, vielmehr lernen wir die Bewohner und ihre Obsessionen kennen, ihren Kampf um das selige Losgel\u00f6stsein von dem widrigen Umst\u00e4nden da drau\u00dfen und die allm\u00e4hliche Erkenntnis, dass diese Umst\u00e4nde einen doch mit in den Abgrund rei\u00dfen k\u00f6nnen. Das alles ist sehr gekonnt komponiert, eine Symphonie aus privaten und beruflichen Desastern, aus wenigen Gesten der Auflehnung und vielen der Resignation, der Hilflosigkeit. Was man etwas vermisst, ist die Widerspr\u00fcchlichkeit des Personals. Alle agieren so, wie man es von ihnen erwartet, sie sind Teil eines Gem\u00e4ldes und nur in diesem plausibel. Das \u00e4ndert nicht daran, dass &#8222;Die Donnerstagswitwen&#8220; als Soziogramm durchaus \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanter ist jedoch der Spannungsaufbau. Alles was im Verlauf der erz\u00e4hlten Zeit \u2013 mehrere Jahre \u2013 geschieht, setzt sich im Ged\u00e4chtnis des Lesers mit den drei Toten im Pool in Verbindung, ohne dass seine Neugierde, was denn hier eigentlich passiert ist, befriedigt w\u00fcrde. Man braucht einen langen Atem, bis sich der Fall am Ende ebenso \u00fcberraschend wie folgerichtig aufl\u00f6st. Das ist sehr gekonnt gemacht und zeigt, wieder einmal, dass Spannung nichts mit Ermittlungen zu tun haben muss und die Aufl\u00f6sung gelegentlich aus dem Lauf der Dinge selbst erfolgt und nicht unbedingt der logischen Deduktion bedarf. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Claudia Pi\u00f1ero: Die Donnerstagswitwen. <br \/>Unionsverlag 2010 <br \/>(Las Viudas de los Jueves. 2005. Deutsch von Peter Kultzen). <br \/>310 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch ein Buch, an dessen Beispiel man sich trefflich \u00fcber Sinn und Unsinn des Krimi-Begriffes und seiner dramaturgischen Agenda streiten k\u00f6nnte. Claudia Pi\u00f1ero, seit &#8222;Ganz die Deine&#8220; auch hierzulande mit einem guten Ruf, erz\u00e4hlt in &#8222;Die Donnerstagswitwen&#8220; die Geschichte dreier Leichen in einem Swimmingpool und vieler Scheintoter in einer Luxussiedlung am Rande von Buenos Aires. 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