{"id":21963,"date":"2011-01-10T11:01:35","date_gmt":"2011-01-10T11:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/01\/propheten-des-untergangs\/"},"modified":"2022-06-16T20:16:45","modified_gmt":"2022-06-16T18:16:45","slug":"propheten-des-untergangs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/01\/propheten-des-untergangs\/","title":{"rendered":"Propheten des Untergangs"},"content":{"rendered":"\n<p>Als journalistisches Leitmedium in Sachen Kriminalliteratur ist uns die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c bislang eher nicht aufgefallen. Vor Jahr und Tag, als man die hauseigene \u201eSZ Kriminalbibliothek\u201c mit bequemen Wiederverwertungen sogenannter \u201eKlassiker\u201c vermarktete, schien sich das zu \u00e4ndern, aber es war dann doch nur schlichtes Marketing und endete mit dem erwarteten vollst\u00e4ndigen Abverkauf der B\u00fccher. Jetzt hat die SZ wieder zugeschlagen und l\u00e4sst einen sicheren J. K\u00e4ppner einen \u2192<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/kriminal-literatur-der-gaertner-wars-1.985071\">Abgesang auf den Krimi<\/a> singen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>\u201eNoch nie war der Krimi so erfolgreich. Aber noch nie gab es auch so peinliche Figuren, noch nie so verstiegene Plots. Der Kriminalroman wird immer d\u00fcmmer &#8211; und gr\u00e4bt sich sein eigenes Grab.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnte man schon hier einwenden, dies sei alles wahr, die Schlussfolgerung indes reichlich unlogisch. Nicht weil der Kriminalroman immer d\u00fcmmer wird, gr\u00e4bt er sich sein Grab, er ist erfolgreich, weil er dumm ist. Oder differenzierter: Die Dummheit vermag dem Publikum zu liefern, was es begehrt, versatzst\u00fcckartige Handlung mit wahlweise 1A-Serienm\u00f6rdern oder gr\u00fcbelndem Ermittlungspersonal, ein bisschen Humorersatz oder eine Runde Gesellschaftskritik. Hier gleich zum Anfang das Beispiel Petra Hammesfahr als Indiz vorzuf\u00fchren, wie K\u00e4ppner das tut, zeugt nicht gerade von besonderer Kenntnis der Szene DER Kriminalliteratur. Sodann sich \u00fcber die merkw\u00fcrdigen Serienkiller zu mokieren, ebenfalls nicht. Das ist weder originell noch mutig, auf die Epigonenschaft von Mankell und Konsorten wurde auch schon andernorts hingewiesen, Michael Connellys Bosch-Krimis wurden ersch\u00f6pfend und geb\u00fchrend gelobt und der Held Jack Reacher ist vielleicht doch mehr als der Supermann des American Dream und das Vehikel eines sattsam zitierten Eskapismus, auch hierzu gibt es seri\u00f6se Untersuchungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch verwundert es nicht, wenn uns K\u00e4ppner am Ende seiner Ausf\u00fchrungen Friedrich D\u00fcrrenmatts \u201eDas Versprechen\u201c als Beispiel eines anderen, eben nicht verdummten Kriminalromans als Herz legt. Dieser sei <em>\u201eLiteratur aus eigenem Recht\u201c<\/em>, was eine merkw\u00fcrdige, nat\u00fcrlich nicht weiter differenzierte Behauptung ist und nur noch von einem anderen Satz gesteigert wird: <em>\u201eChandler als Erfinder des unsterblichen Detektivs Philip Marlowe oder Hammett sind deswegen literarisch, weil ihre Erz\u00e4hlungen auch Portr\u00e4ts ihrer Zeit darstellen, deren moralische Konflikte sie widerspiegeln.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Portr\u00e4ts ihrer Zeit? Das ist eine typische Marktschreierei der sogenannten \u201eseri\u00f6sen Literatur\u201c, die es darunter gar nicht mehr macht. Man k\u00f6nnte es auch anders formulieren: Chandler und Hammett siedeln ihre Geschichten in der Gegenwart an und kommen, wenig \u00fcberraschend, nicht daran vorbei, diese Gegenwart zu beschreiben. Mit \u201eliterarisch\u201c hat das nichts zu tun, denn das ist eine Frage der Umsetzung und nicht der Intention.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber fassen wir uns kurz: K\u00e4ppner scheitert zuverl\u00e4ssig an seinem Thema \u2013 weil er nur partiell wei\u00df, wovon er schreibt. Propheten des Niedergangs gibt es reichlich, das Kassandragewand wird in jedem Kost\u00fcmverleih wohlfrei angeboten, und dass ein \u201eBoom\u201c irgend wann einmal zum Crash ger\u00e4t, trifft beileibe nicht nur auf die Kriminalliteratur zu. Nur, auf welche Kriminalliteratur? Die einer Petra Hammesfahr oder Charlotte Link, eines Andreas Franz? Die Kriminalliteratur ausgelutschter \u201eSerienkiller\u201c und volkst\u00fcmelnd witziger Regionalkrimis wie aktuell \u201eWinterkartoffelkn\u00f6del\u201c von Ria Falk? Der Skandinavien-Hype? Und was kommt danach? Chandler, Hammett, Connelly oder D\u00fcrrenmatt? Aha, eine neue \u201eSZ-Kriminalbibliothek\u201c wahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Kriminalliteratur immer zwei Gesichter hat, ein \u00f6ffentliches und ein, sagen wir, privates, kommt K\u00e4ppler nicht in den Sinn. Er reduziert, wie viele andere auch, das Genre auf seine \u00f6ffentliche, sprich kommerziell erfolgreiche Seite, auf den unter ausschlie\u00dflich \u00f6konomischen Aspekten lancierten Handel mit einer Ware, die den nach folgenloser Unterhaltung Gierenden als billige S\u00e4ttigungsbeilage gereicht wird. Das war schon immer so, ist nicht verwerflich, sondern Bed\u00fcrfnisbefriedigung als Business, und hat nichts mit jener anderen Kriminalliteratur zu tun, die, da sie eben nicht ausschlie\u00dflich als Ware produziert und gehandelt wird, auch nicht die Massen befriedigt, nicht in die Schlagzeilen kommt, nicht taugt zu Theorien \u00fcber Boom und Hype und deren Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei jedem Leser, jeder Leserin \u00fcberlassen, sich dazu eigene Namen einfallen zu lassen. Es gibt ja genug. Voraussetzung hierf\u00fcr ist allerdings KENNTNIS, ein Vertrautsein mit dem kommerziell eher Abseitigen. K\u00e4ppler geht das vollst\u00e4ndig ab und so wird er, sollte der Crash eines Tages kommen, lustig mit dem Kopf nicken und nicht merken, dass nur Potemkins Dorf umgefallen ist, an den Kathedralen des Genres aber weiterhin munter gebaut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als journalistisches Leitmedium in Sachen Kriminalliteratur ist uns die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c bislang eher nicht aufgefallen. Vor Jahr und Tag, als man die hauseigene \u201eSZ Kriminalbibliothek\u201c mit bequemen Wiederverwertungen sogenannter \u201eKlassiker\u201c vermarktete, schien sich das zu \u00e4ndern, aber es war dann doch nur schlichtes Marketing und endete mit dem erwarteten vollst\u00e4ndigen Abverkauf der B\u00fccher. 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