{"id":21964,"date":"2011-01-12T10:55:36","date_gmt":"2011-01-12T10:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/01\/zwei-protagonistinnen\/"},"modified":"2022-06-09T23:53:59","modified_gmt":"2022-06-09T21:53:59","slug":"zwei-protagonistinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/01\/zwei-protagonistinnen\/","title":{"rendered":"Zwei Protagonistinnen"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/durchkommen.jpg\" alt=\"durchkommen.jpg\" width=\"191\" height=\"298\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Sie haben vieles gemein. Ihre Abenteuer erleben sie in Krimis des Ariadne Verlages, ihre Sch\u00f6pferInnen haben, nach positiv aufgenommenen Deb\u00fcts, ihre jeweils zweiten Romane vorgelegt, sie sind Frauen in den fr\u00fchen Drei\u00dfigern und beileibe nicht das, was man kantenlos nennt. Beider Profession ist nicht das Kl\u00e4ren von Mordf\u00e4llen. Die eine, Nikola R\u00fchrmann, arbeitet als Meteorologin im Hamburg des Jahres 1999, die andere, Lilly Sommer, schl\u00e4gt sich als erfolglose Schauspielerin mehr schlecht als recht durch Wien.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beide Romane liegen \u00fcbrigens deutlich \u00fcber dem Durchschnitt dessen, was einem momentan den Briefkasten verstopft. \u201eKein Durchkommen\u201c von Bohnet \/ Pleitgen zeigt sehr sch\u00f6n, wie Alltag und Hedonismus an die Stelle politischen Engagements r\u00fccken, das noch den 1989 spielenden Vorg\u00e4nger \u201eFreitags isst man Fisch\u201c dominierte. Eine \u00dcbergangszeit, denn mit dem allgegenw\u00e4rtigen Klimawandel steht schon das n\u00e4chste nach Engagement heischende Thema auf der Matte. Jemand sabotiert ein meteorologisches Forschungsprojekt, Nikola macht sich auf die Suche nach der undichten Stelle und einen verschollenen Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Verschwundene und einen Doppelmord geht es auch in Nora Miedlers \u201eMusenfalle\u201c. Lilly, die einen Fernsehwerbejob in Aussicht hat, verliert diesen und wird mordverd\u00e4chtig. In einer legend\u00e4ren Theaterkommune sucht und findet sie Antworten. Wie schon im Deb\u00fct \u201eWarten auf Poirot\u201c bleibt am Ende jedoch ein betr\u00e4chtlicher Zweifel, ob der Fall nun wirklich als gel\u00f6st ad acta gelegt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/musenfalle.jpg\" alt=\"musenfalle.jpg\" width=\"192\" height=\"300\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Es sei nicht verschwiegen, dass beide Romane dramaturgisch gegen\u00fcber den Deb\u00fcts abfallen. Bei Bonet \/ Pleitgen durch eine schon zu Beginn vorgenommene Parade des Personals \/ der sp\u00e4teren Verd\u00e4chtigen, die sich ein wenig erm\u00fcdend liest und es dem Autorengespann schwer macht, die Leserschaft bei der Stange zu halten. Etwas zu viel, etwas zu geballt. Die eingestreuten Passagen aus einem w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs angelegten Tagebuch erschlie\u00dfen sich in ihrer Bedeutung f\u00fcr die Handlung nicht ganz. Man ahnt die gute Absicht, aber es hemmt die Dramaturgie.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eMusenfalle\u201c krankt der Plot ein wenig an der Zerhackst\u00fcckung des eigentlichen Erz\u00e4hlstrangs. Dessen Einzelteile m\u00fcssen notgedrungen am Ende plausibel verkn\u00fcpft werden, was zwar nicht vollends schiefgeht, aber der organischen Entwicklung nicht immer gut bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass beide Romane dennoch empfehlenswert sind, ist den Protagonistinnen geschuldet, ihnen und insbesondere der Art, wie sie gesellschaftliche Wirklichkeit transzendieren. Sowohl Lilly als auch Nikola sind zutiefst egoistisch, unsicher und impulsiv. Mit der Tuffheit einer Vic Warshawski (Sara Paretsky) hat das nichts mehr zu tun, gottlob auch nichts mit der schon seit einigen Jahren zu konstatierenden Verwendung der Protagonisten als Problembeh\u00e4lter und Katalysatoren f\u00fcr allerhand marktg\u00e4ngige psychische Abnormalit\u00e4ten. Letztlich jedoch verk\u00f6rpern Lilly und Nikola einen Typus Frau, der sich einzelk\u00e4mpfend durchs Dasein schl\u00e4gt, ohne feministisch-ideologischen \u00dcberbau, auch ohne das Bem\u00fchen, die Verhaltensmuster m\u00e4nnlicher Protagonisten zu kopieren. Was nicht per se zum Vorteil gereichen muss (man siehe nur Christine Lehmanns Lisa Nerz, die noch nach \u201ealten\u201c Mustern konstruiert wurde und dennoch \u00fcberzeugt), hier aber schon. Etwas Unangenehmes ist zu erledigen \u2013 und wird erledigt, ohne dass man dabei zum role model oder Genreabziehbild schrumpft. Die dabei durchmessene Wirklichkeit wird zu einer Ansammlung von Reflexen, Abwehrhaltungen, Mitmachritualen, aus denen sich Leserin und Leser bitte selbst ein Bild herstellen sollen. Ein fr\u00fcheres Beispiel der daraus resultierenden psychischen Instabilit\u00e4t w\u00e4re Astrid Paprottas Ina Henkel, wenngleich die weitaus stringenter ihr eigenes Zerrissensein lebt und folgerichtig die Welt, durch die sie sich tastet, zerrei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re interessant, die Entwicklung der weiblichen Krimiprotagonisten in einer l\u00e4ngeren Studie nachzuzeichnen und mit der des m\u00e4nnlichen Erz\u00e4hlpersonals zu vergleichen. Eine erste, nicht ausreichend verifizierte Vermutung: M\u00e4nner verlieren den Verstand, Frauen nur die Contenance.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Bohnet \/ Pleitgen: Kein Durchkommen. <br \/>Ariadne 2010. 251 Seiten. 11 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Nora Miedler: Die Musenfalle. <br \/>Ariadne 2010. 250 Seiten. 11 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie haben vieles gemein. Ihre Abenteuer erleben sie in Krimis des Ariadne Verlages, ihre Sch\u00f6pferInnen haben, nach positiv aufgenommenen Deb\u00fcts, ihre jeweils zweiten Romane vorgelegt, sie sind Frauen in den fr\u00fchen Drei\u00dfigern und beileibe nicht das, was man kantenlos nennt. Beider Profession ist nicht das Kl\u00e4ren von Mordf\u00e4llen. 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