{"id":21973,"date":"2011-02-06T15:17:20","date_gmt":"2011-02-06T15:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/02\/kitsch-kunst-studer\/"},"modified":"2022-06-16T20:17:45","modified_gmt":"2022-06-16T18:17:45","slug":"kitsch-kunst-studer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/02\/kitsch-kunst-studer\/","title":{"rendered":"Kitsch, Kunst, Studer"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Klassiker Glauser<\/strong><\/p>\n\n\n\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/studer_greteler.jpg\" alt=\"studer_greteler.jpg\" width=\"250\" height=\"353\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Die Wachtmeister-Studer-Romane Friedrich Glausers geh\u00f6ren seit den siebziger Jahren zum Inventar einer im Nachhinein gezimmerten Tradition der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Anlass dieser \u201eWiederentdeckung\u201c war vor allem eine Reihe von TV-Verfilmungen, in deren Gefolge man diesen in mancherlei Hinsicht merkw\u00fcrdigen Autor aus dem gro\u00dfen Vergessen zur\u00fcckholte. Inzwischen ist nicht nur ein Krimipreis nach ihm benannt, er gilt vielen gar als DER Kirchenvater der deutschsprachigen Kriminalliteratur, das P\u00fcnktchen, mit dem \u201eKrimi als Schund\u201c endet und \u201eKrimi als Literatur\u201c beginnt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00dcber die in einer solchen Annahme versammelten Trugschl\u00fcsse sei an dieser Stelle nicht weiter ausgeholt. So viel: Es gab ernstzunehmende Kriminalliteratur VOR Glauser und es gab sie danach. Glauser ist auch kein \u201eGlied der Kette\u201c, denn wo keine Kette, da kann es keine Glieder derselben geben. Er ist ein singul\u00e4res Ph\u00e4nomen, unbeleckt von \u201eKrimitradition\u201c und selbst mitnichten jemand, dem man bis zu seiner Renaissance gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit geschenkt h\u00e4tte. Dennoch z\u00e4hlt er im Guten wie im Schlechten zu den Klassikern, ein von der Geschichtsschreibung in Stein gehauenes Denkmal mit der potentiellen Kraft, neu zum Leben zu erwachen \u2013 und die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen auf der Hand.<\/p>\n\n\n\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/Studer_glauser.jpg\" alt=\"Studer_glauser.jpg\" width=\"250\" height=\"321\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Denn Glauser war in den siebziger \/ achtziger Jahren genau der Mann, auf den der hiesige Krimi- und allgemein Literaturbetrieb wartete. Krimis \u00fcber einfache Leute aus der Provinz und eine reaktion\u00e4re Obrigkeit, ein Protagonist auf der Seite der Entrechteten, selbst am Establishment (\u201edie Bankenaff\u00e4re\u201c!) zerbrochen und trotz allem widerborstig, eigensinnig, eine Autorit\u00e4t qua Charakter. Besonders interessant: Glausers eigenes Leben war das eines Entrechteten, eines vielfach missbrauchten, selbstzerst\u00f6rerisch agierenden Menschen, der die Leidensorte seiner Romane \u2013 Besserungsanstalten, Irrenh\u00e4user, Zuchth\u00e4user, Amtszimmer \u2013 aus eigener Anschauung kannte, in einer sehr willkommenen Sinne also \u201eauthentisch\u201c war.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Interpretation der Werke Glausers ger\u00e4t ob des bereits festgef\u00fcgten Bildes beinahe automatisch in die Gefahr einer eingleisigen Erkundung der Texte. Abfahrtsort ist gewisserma\u00dfen immer der selbe Bahnhof, eine Reise durch soziobiografische Landschaften mit Querverweisen Autor\/Werk. Gegen ein solches Vorgehen l\u00e4sst sich nichts einwenden. Es ist naheliegend und lohnend und daher legitim. Aber ist es auch das einzig praktikable?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe im Folgenden versucht, mich Glausers erstem Studer-Roman (\u201eWachtmeister Studer\u201c, 1936, jetzt als \u201eSchlumpf Erwin Mord\u201c im Handel) von seiner handwerklich-dramaturgischen Seite zu n\u00e4hern. Der soziobiografische Ansatz ist bekannt genug. Wer sich \u00fcber die Verbindung von Autor und Werk informieren will, sei an Frank G\u00f6hres \u201eMo \u2013 Der Lebensroman des Friedrich Glauser\u201c verwiesen, in dem sich G\u00f6hre dem Thema kollegial n\u00e4hert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einer spielt immer mit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auftritt Wachtmeister Studer. Bereits die erste Szene des Er\u00f6ffnungskapitels l\u00e4sst keinen Zweifel aufkommen, wer in diesem Text die F\u00e4den ziehen wird. Studer schneidet den Mordverd\u00e4chtigen Erwin Schlumpf vom Strick und bringt ihn damit nicht nur ins Leben zur\u00fcck, sondern notwendigerweise auch in die Geschichte hinein. <em>\u201eEiner will nicht mehr mitmachen\u201c<\/em> ist das alles \u00fcbertitelt, doch Studer allein bestimmt \u00fcber das Mitmachen. Schon hier begegnen wir einem zentralen Begriff des Textes: mitmachen, mitspielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein geradezu paradigmatisches Expositionskapitel, mit dem wir es hier zu tun haben. Neben ersten Informationen zum Sachverhalt selbst formt Glauser seinen Protagonisten und die Rolle, die er zu spielen hat. Nach seiner Rettungsaktion wird der Wachtmeister zum Untersuchungsrichter zitiert, der die Vorladung \u00fcberbringende Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter \u201egrinste unversch\u00e4mt\u201c, ist doch ein Zusammenstauchen des eigenm\u00e4chtigen Polizisten zu erwarten. Die obere Charge nimmt sich die untere kr\u00e4ftig zur Brust, doch es kommt anders. Glauser entwirft Studers Charakter gleich in doppelter Ausf\u00fchrung. Einmal pr\u00e4sentiert er ihn uns als einen vom Schicksal und seinen Helfershelfern degradierten Menschen, der es in der <em>\u201eBankenaff\u00e4re\u201c<\/em> mit den Gro\u00dfen aufgenommen und verloren hat, dennoch eigensinnig seinen Weg geht, unkorrumpierbar und jenseits des b\u00fcrokratischen Procederes. Das ist sozusagen die gewinnende Seite Studers, jene gerne genommene und auch wichtige Sympathietr\u00e4gerschaft, mit deren Hilfe man Leser einf\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen jedoch ist Studer der Menschenf\u00e4nger, der, indem er sich selbst inszeniert, andere zu inszenieren versteht und damit auch das St\u00fcck, in dem man gemeinsam agiert und das sich \u201eKrimi\u201c nennt. Der Ermittlungsrichter ist jung und noch unerfahren, ein gefundenes Fressen f\u00fcr Studer, der zudem ganz genau zuh\u00f6rt, jedes Wort praktisch hin und her wendet und bei Bedarf gegen seinen Sprecher richtet. <em>\u201eNicht einmal, nein, dreimal das Wort Kompetenz&#8230; Studer war im Bild. Das trifft sich g\u00fcnstig, dachte er, das sind die B\u00f6sesten nicht, die immer mit der Kompetenz aufr\u00fccken. Man muss nur freundlich zu ihnen sein und sie recht ernst nehmen, dann fressen sie einem aus der Hand&#8230;\u201c<\/em> Der so charakterisierte Untersuchungsrichter scheitert seinerseits bei der Einsch\u00e4tzung Studers: <em>\u201eEin ungem\u00fctlicher Mann, dachte der Untersuchungsrichter. Er war nerv\u00f6s wie seinerzeit beim Staatsexamen. Vielleicht war dieser Wachtmeister f\u00fcr Schmeichelei empf\u00e4nglich&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ist Studer nat\u00fcrlich nicht, aber er ist eben auch nicht ungem\u00fctlich, er macht es nur anderen ungem\u00fctlich. Dem Untersuchungsrichter gelingt es nicht, des Wachtmeisters Spiel zwischen Devotheit und Herrschaftsaus\u00fcbung zu durchschauen. Da ist ein kleiner Beamter, aber er ist gleichzeitig der dominante Lenker, er fordert den Staatsanwalt heraus, indem er zum Beispiel seine stinkenden Brissagos raucht, bl\u00e4st ihm aber, wenn es opportun erscheint, auch gerne Zucker in den Hintern. Studer kann zudem v\u00e4terlich sein, was der arme Schlumpf schon erfahren hat, ein z\u00e4rtlicher, bisweilen auch rauer Vater. Er brilliert schon in diesem ersten Kapitel mit viel Sachverstand, erkennt Schw\u00e4chen in der Faktenlage, jedoch: Das br\u00e4uchte er eigentlich gar nicht, um an Schlumpfs Unschuld zu zweifeln. Er ist von Anfang an \u00fcberzeugt davon, dass es anders war als das, was in den Akten steht. Nicht diese Fakten bestimmen das Spiel, Studer bestimmt es. Er f\u00fchrt Regie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die N\u00e4he Studers zu Simenons Maigret, von Glauser selbst als Einfluss preisgegeben, ist offensichtlich. Doch so wenig das weltst\u00e4dtische Paris und das eher gem\u00fctlich provinzielle Berner Umland miteinander zu vergleichen sind, so gravierend sind die Unterschiede im Gestus der Protagonisten. Beide, das haben sie gemeinsam, lesen das Milieu, in dem das Verbrechen geschehen ist und sich die Beteiligten bewegen. Studer indes scheint aktiver, er liest nur nicht, er schreibt auch selbst. Mag Maigret seine Inspektoren dirigieren, Studer dirigiert die Story, er spielt mit ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Spielerische wird uns durch das Buch begleiten, ebenso die von Glauser h\u00e4ufig gesetzten drei Punkte &#8230;, deren Bedeutung uns sp\u00e4ter noch besch\u00e4ftigen soll. Ebenfalls angedeutet wird der wie ein roter Faden durch die Handlung gezogene Konflikt zwischen der intellektuellen Bewertung von Spuren \/ Indizien und Studers geradezu unheimlichem \u201eBauchgef\u00fchl\u201c. Eines ist jetzt schon klar: Studer ist ein Mann der Zuh\u00f6rens, ein Mann der Sprache, der diese wie ein sorgf\u00e4ltiger Autor gebraucht und zur Kenntnis nimmt, \u201efalsche Sprache\u201c sofort erkennt und, wie man so sagt, zwischen der Wahrhaftigkeit des Wortes und seiner romanhaften Verwendung unterscheiden kann. DAS ist der entscheidende Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br \/>Gritlis Jodeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/Studer_rose.jpg\" alt=\"Studer_rose.jpg\" width=\"215\" height=\"312\"\/><\/form>\n\n\n\n<p><em>\u201e\u2019Gerzenstein, das Dorf der L\u00e4den und Lautsprecher\u2019, murmelte Studer, und es war ihm, als sei mit diesen Worten ein Teil der Atmosph\u00e4re des Dorfes charakterisiert&#8230;\u201c <\/em>Gerzenstein, der Tatort, an dem Wendelin Witschi, der hausierende Gesch\u00e4ftsmann, zu Tode kam, ist ein Kitsch- und Schunddorf. Schon als Studer im Zug nach Gerzenstein sich \u00fcber das junge M\u00e4dchen mokiert, das einen Roman von Felicitas Rose liest (das junge M\u00e4dchen ist Sonja Witschi, Schlumpfs Geliebte und Wendelins Tochter, wie wir bald erfahren), formt sich das Bild des Ortes. Sonjas Mutter, die Kioskbetreiberin, verschlingt ja auch Romane und sp\u00e4ter begegnen wir einem Friseurgehilfen, der sich einen \u201eJohn Kling\u201c-Heftroman reinzieht, \u201eDas Geheimnis der roten Fledermaus\u201c. All das mag Studer nicht, <em>\u201eweil seine Frau fr\u00fcher solche Geschichten gelesen hatte \u2013 n\u00e4chtelang \u2013 dann war am Morgen der Kaffee d\u00fcnn und lau gewesen und die Frau schmachtend. Und schmachtende Frauen am Morgen&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Billige Romanheftchen pflastern Studers Weg, im Hause Witschi l\u00edegen sie \u00fcberall herum, und als der Ermittler in einem bl\u00e4ttert, st\u00f6\u00dft er zuf\u00e4llig auf diese Stelle: <em>\u201eUnd wir, Sonja, mein s\u00fc\u00dfes Lieb, mein holdes Weib \u2013 wir werden gl\u00fccklich sein&#8230;\u201c.<\/em> Wen gab es zuerst? Die Romanfigur Sonja Witschi oder die Romanfigur im Kitschroman?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diese Romanhefte haben es in sich. Wer sie abonniert, schlie\u00dft gleichzeitig eine Versicherung ab, <em>\u201ebei Ganzinvalidit\u00e4t oder Tod zahlen wir aus\u201c<\/em>, der Witschi stand kurz vor dem Bankrott. Sollte er Selbstmord begangen haben, um seine Familie abzusichern, sollten ihm die Schundhefte dabei geholfen haben, g\u00e4be es ohne sie gar keinen Fall Witschi und, logische Konsequenz, keinen Text \u201eWachtmeister Studer\u201c?<br \/>Erw\u00e4hnen wir noch, dass auch der Schlumpf seinen \u201eJohn Kling\u201c liest, auch obskure Titel wie \u201eUnschuldig schuldig\u201c konsumiert. Damit nicht genug. Kaum ist Studer in Gerzenstein angelangt, h\u00f6rt er Musik, den Deutschmeistermarsch. Aus allen Lautsprechern dr\u00f6hnen Nachrichten, jodelt \u201edas Gritli Wenger\u201c. Sp\u00e4ter, als Studer im Hotel zu Mittag isst (es schmeckt ihm nicht), wird er Zeuge einer weiteren kitschigen Begebenheit, als \u201edie Saaltochter\u201c ihren Liebsten anschmachtet (auch ein Witschi, Sonjas Bruder) und ihm Geld zusteckt. Die Gritliwengerisierung des Ortes wird vollkommen, als Studer im Gasthaus \u201eB\u00e4ren\u201c einkehrt und beim Gerede der Wirtin den Eindruck hat, <em>\u201edas Gritli Wenger jodeln zu h\u00f6ren\u201c.<\/em><br \/>Und das alles st\u00fclpt sich wie eine Glocke \u00fcber das, was uns von den Witschis und ihrem Ort bereits bekannt ist, hier staut sich die Luft zum Mief, in dem sich eine Familientrag\u00f6die abspielen wird, so viel ist schon klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Anfang bis zum Ende wird uns Glauser darauf hinweisen, mit welchem Ph\u00e4nomen sein Studer zu k\u00e4mpfen hat, um die eigene Inszenierung zu installieren. Er muss sich gegen die allgegenw\u00e4rtige Selbstinszenierung des Gerzensteiner Personals durchsetzen, gegen die falsche Sprache. Zugleich hilft ihm \u2013 zun\u00e4chst jedenfalls \u2013 die Diagnose dieser falschen Sprache, um allm\u00e4hlich zur Wahrheit jenseits der Schundhefte und des Radiogeplappers vorzudringen. Da w\u00e4re etwa der Lehrer Schwomm, der sich als Zeuge anbiedert und in bl\u00fctenreinem Groschenromandeutsch schildert, was er gesehen hat. Studer wei\u00df sofort: Wer so redet, hat etwas zu verbergen. Dazu spielt die \u201eConvict Band\u201c, s\u00e4mtlich vorbestrafte Arbeiter des G\u00e4rtners Ellenberger, zum Tanz auf. Nichts als Beschallung und falsche T\u00f6ne in Gerzenstein, jenem Dorf, das nur aus L\u00e4den zu bestehen scheint, und Studer fragt sich, wo denn die Bauern geblieben sind? Es gibt sie wohl, aber sie werden nicht sichtbar, nicht der Ursprung, sondern seine Vermarktung stehen im Vordergrund, so wie nicht Gedanken und Gef\u00fchle ausgesprochen werden, immer nur ihre Verkitschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Studer aber sucht nach den Urspr\u00fcngen, bevor sie von minderer Kunst verunstaltet wurden. Sehr deutlich wird dies in einer Szene beim Untersuchungsrichter, in der Studer die Unschuld des Schlumpf endg\u00fcltig beweist und sich \u00fcber die Verh\u00f6rprotokolle mokiert, in denen die Ausf\u00fchrungen Schlumpfs offensichtlich vom Schreiber verf\u00e4lscht und in merkw\u00fcrdig verdrehten Formulierungen festgehalten wurden. Der Wachtmeister hat eine Alternative : <em>\u201e\u2019Ja, sehen Sie, Herr Untersuchungsrichter, das scheint mir immer ein gro\u00dfer Fehler. Ich w\u00fcrde die Worte des Angeklagten sowohl, als auch der Zeugen, nicht nur stenographieren, sondern die Worte auf Platten aufnehmen lassen. Man bek\u00e4me dann jeden Tonfall heraus&#8230;\u2019\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der verachtete Bruder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer von solchen Feineinstellungen losgel\u00f6sten Inhaltsebene funktioniert \u201eWachtmeister Studer\u201c als herk\u00f6mmlicher Kriminalroman. Erfahrung und kriminalistische Kompetenz lassen Studer Indizien bewerten, Spuren auswerten, Schl\u00fcsse ziehen. Kommt ihm der Verdacht, unprofessionell agiert zu haben, verfolgen ihn diese angenommenen Verfehlungen bis in den (Alp-)Traum. Trotz dieser rationalen Methodik bedeutet ihm aber ein kernig negatives <em>\u201eChabis!\u201c <\/em>des Kollegen Murmann allemal mehr als jeder Tatsachenbeweis. H\u00e4lt Murmann den Schlumpf f\u00fcr unschuldig, dann ist er es auch, basta.<\/p>\n\n\n\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/Studer_kling.jpg\" alt=\"Studer_kling.jpg\" width=\"211\" height=\"296\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Immer schlagen zwei Seelen in Studers Brust. Er ist Inszenator und Teil der Inszenierung, er verachtet Groschenromane und wei\u00df doch, dass sie die Larve vor einem \u201ewahren Gesicht\u201c sind, das man ohne sie nicht freilegen kann. Er bedient sich Sherlock-Holmes\u2019scher Deduktionskraft und gibt nicht sonderlich viel auf ihre Resultate, er sucht das Echte, das Unverf\u00e4lschte und findet es nur im Falschen, Manipulierten. Was bezweckt Glauser damit? Warum schreibt er \u00fcberhaupt Kriminalromane? Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:<em> \u201eSie r\u00fcmpfen die Nase wegen meiner Besch\u00e4ftigung mit dem Kriminalroman. Erlauben Sie, da\u00df ich mich ein wenig verteidige&#8230; Mein Ehrgeiz strebt nicht danach, von Literaturbonzen ernst genommen zu werden. Ich m\u00f6chte die Leute erwischen, die Courths-Mahler lesen oder John Kling.\u201c<\/em> So h\u00e4tte auch Studer selbst seine Methode verteidigen k\u00f6nnen, nicht die Anerkennung der M\u00e4chtigen ist ihm wichtig, sondern die Konfrontation der \u201ekleinen Leute\u201c mit dem, was unter den Masken des Schunds und der Berieselung, der st\u00e4ndigen \u201eVerwertung\u201c zu Ungunsten des origin\u00e4r Produzierten liegt. Ein weiteres Glauser-Zitat: <em>\u201eWenn es uns gelingt, Sympathien und Antipathien im Leser zu wecken f\u00fcr unsere Gesch\u00f6pfe, f\u00fcr die H\u00e4user, in denen sie wohnen, f\u00fcr die Spiele, die sie spielen, f\u00fcr das Schicksal, das \u00fcber ihnen schwebt und sie bedroht oder ihnen l\u00e4chelt? Das alles tat fr\u00fcher der \u201aRoman\u2019 schlechthin, das Kunstwerk. W\u00e4re es nicht eine lohnende Aufgabe f\u00fcr uns, ihm wieder Leser zuzuf\u00fchren durch seinen verachteten Bruder, den Kriminalroman?\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne w\u00e4re also \u201eWachtmeister Studer\u201c ein Kunstwerk, aber eben auch \u201ek\u00fcnstlich\u201c, so falsch wie der Schund. Studer inszeniert, Glauser inszeniert, und wenn der Autor sein Gesch\u00f6pf davon tr\u00e4umen l\u00e4sst, \u201edie Worte auf Platten aufnehmen zu lassen\u201c, also explizit \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c an die Stelle der Bearbeitung zu setzen, dann ist das nichts weiter als die Formulierung eines Dilemmas. Studer braucht das Unechte der Worte, um dahinter das Echte zu finden, Glauser, der Autor, braucht die k\u00fcnstlerische Bearbeitung Schund, der l\u00e4ngst \u201eWahrheit\u201c geworden ist, um eine andere, au\u00dferliterarische Ebene zu er\u00f6ffnen: das Leben der Leserschaft selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun kein Exklusivproblem der Kriminalschriftstellers Friedrich Glauser. Als \u201eWachtmeister Studer\u201c Mitte der Drei\u00dfiger Jahre entsteht, erfreut sich Kriminalliteratur nicht nur l\u00e4ngst gr\u00f6\u00dfter Popularit\u00e4t, sie ist in einem beinahe folkloristischen Sinne auch bei Vertretern der \u201eE-Literatur\u201c angekommen. Bloch oder Brecht, D\u00f6blin oder Tucholsky, sie alle sch\u00e4tzen den Krimi als Widerpart b\u00fcrgerlicher Kunst, aber die Haltung kommt arrogant daher, sie kann sich den Krimi nicht als neues Vehikel literarischer Ambitionen vorstellen. Eine Attit\u00fcde, die sich bis heute fortgepflanzt hat und etwa in der v\u00f6lligen Ignoranz sichtbar wird, die man den Bem\u00fchungen gerade in den 20er und 30er Jahren entgegenbringt, das alte Krimimuster aufzubrechen, es etwa mit neuen medialen M\u00f6glichkeiten zu kombinieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende Exkurs, zur\u00fcck zu Studer und seinen Bem\u00fchungen, hinter der Maske des Unechten das Echte zu erblicken. Im gro\u00dfen Finale des Krimis, der Begegnung mit dem Gemeindepr\u00e4sidenten Aeschbacher, einem Verwandten des Ermordeten, hat der Wachtmeister sein Ziel erreicht.<em> \u201eWar nicht ein ganz leichter Sprung in Aeschbachers Stimme? Sie klang zwar noch immer wie die Stimme des Ansagers von Radio Bern, aber etwas hatte sich an ihr ver\u00e4ndert. Oder, dachte Studer, bin ich auf einmal hellh\u00f6rig geworden? Das Fieber? -\u201c<\/em> Aus dem sinistren Gro\u00dfkopfeten wird ein schwacher Mensch, alles K\u00fcnstliche f\u00e4llt von ihm ab. \u201eJetzt eine Platte haben! Dachte Studer, und das Gespr\u00e4ch aufnehmen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was w\u00e4re damit gewonnen? Jene vollst\u00e4ndige Authentizit\u00e4t, die doch gerade Gift sein muss f\u00fcr Studer, weil sie ihn der M\u00f6glichkeit enth\u00f6be, hinter dem Falschen das Richtige zu erkennen? \u00dcberhaupt: Was hei\u00dft \u201eVollst\u00e4ndigkeit\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Punkt, Punkt, Punkt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer seine Gedanken mit drei Punkten beendet, wie es in \u201eWachtmeister Studer\u201c st\u00e4ndig geschieht, animiert den Leser, das Unvollst\u00e4ndige zu vervollst\u00e4ndigen. Vielleicht, weil es zu offensichtlich ist, um expliziert zu werden, kann sein, es schickt sich auch nicht. Auf jeden Fall macht Glauser, indem er die Phantasie der Lesenden animiert, diese zu Mitautoren. Denn wer Romane liest, schreibt immer auch daran mit. Und wer einen Roman inszeniert wie Studer, tut dies sowieso. Es gibt eine bezeichnende Szene \u2013 nicht die einzige, aber die eindringlichste \u2013 in der Studer zum Autor wird. Beim Zusammentreffen mit Witschis Frau \u00fcberkommt ihn eine Vision,<em> \u201eeine Sturzflut aus W\u00f6rtern ergo\u00df sich \u00fcber ihn\u201c<\/em>, er imaginiert eine Szene am K\u00fcchentisch der Familie, Frau und Sohn reden auf den Alten ein, sich mit einer Schusswunde zum Invaliden zu machen, die Versicherung zu kassieren, nur Sonja sitzt sprachlos und weinend dabei. W\u00f6rter, also, Literatur, und sie zeichnen die Atmosph\u00e4re genau: <em>\u201eWitschi schweigt, M\u00fcdigkeitsfalten liegen um seinen Mund, auf seiner Stirn. Ununterbrochen schwatzt die Frau. Sie klagt. Er sei schuld, nur er allein.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Einsch\u00fcbe als Aktivierung eigener Vorstellungskraft legt Glauser seinen Lesern permanent nahe. Manchmal markieren sie lediglich die Rhetorik in Studers Denkvorgang, etwa wenn auf ein <em>\u201eObwohl&#8230;\u201c<\/em> sogleich die Begr\u00fcndung daf\u00fcr geliefert wird. H\u00e4ufiger jedoch verdichten sie ein Bild, weisen den Leser darauf hin, einer eigentlichen Nebens\u00e4chlichkeit komme gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu. <em>\u201eDie Frau Witschi, die im Bahnhofskiosk hockte und Romane las&#8230;\u201c <\/em> Wer dies liest, m\u00f6chte jedenfalls vollenden, muss selbst nach W\u00f6rtern suchen. Der Roman bleibt somit bei aller Abgeschlossenheit ein Fragment, das ohne die Phantasie der Leserschaft nicht rund werden kann, und auch das ist ein deutlicher Hinweis auf jene Heftchenromane, deren Qualit\u00e4t ja gerade darin besteht, dass sie lediglich das Tor in ein Fluchtgebiet \u00f6ffnen, es aber der Phantasie der Lesenden bedarf, durch die Tor einzutreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich tritt das Personal nicht fix und fertig gearbeitet aus dem Text, um sodann jene allseits beliebte Charaktertiefe zu erreichen, die man irrt\u00fcmlicherweise f\u00fcr ein G\u00fctesiegel von Literatur h\u00e4lt. Einige der Hauptpersonen werden von Studer zun\u00e4chst v\u00f6llig falsch eingesch\u00e4tzt und erst am Ende der Inszenierung zu in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit dreidimensionalen Objekten. Der Gemeindepr\u00e4sident Aeschbacher, auch Witschis Witwe, deren Vornamen Anastasia Studer im Voraus err\u00e4t, weil er zu den von ihr gelesenen Romanen passt, selbst aus Armin Witschi, dem leichtlebig-rotzigen Bruder wird schlie\u00dflich ein armes Hascherl. Andere wie der G\u00e4rtner Ellenberger bleiben bis zum Schluss diffus, er ist \u00fcberhaupt die neben Studer interessanteste Figur des Textes, ebenfalls Inszenator und Inszenierter. Das Liebespaar Schlumpf \/ Sonja hingegen entspricht in seiner Langweiligkeit exakt dem Schema von Heftchenromanen. Insgesamt: Viele P\u00fcnktchen, viel Stoff f\u00fcr Leser, die, wen wunderts, gar nicht anders k\u00f6nnen, als zu kleinen Studers zu werden, zu Treibenden und Getriebenen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung als Leitmotiv, ihr best\u00e4ndiges Pendeln zwischen den Polen Kitsch und Wahrhaftigkeit, bei dem jedes Mal ein St\u00fcck des Extrems mit sich gef\u00fchrt und dem anderen Extrem angehaftet wird, die dadurch erreichte Transzendenz des Textes, dessen Standort sich aufl\u00f6st, der nicht mehr einfach \u201enur Roman\u201c ist, immer wieder den \u201eRoman im Roman\u201c als eine h\u00f6here Wirklichkeit hervorbringt, der Dauerkonflikt Kopf \/ Bauch, Logik \/ vage Eingebung \u2013 all das perforiert den soliden Boden, auf dem \u201eWachtmeister Studer\u201c als Krimi funktionieren muss und es auch tut. So betrachtet, ist der Text ein Krimi auf der H\u00f6he der allgemeinen literarischen Entwicklung, die sich vom Narrativen beschreibender Chrono-Logik entfernt, eine por\u00f6se Story gefangen in der Zwangsjacke des Genres, was ihre Beweglichkeit herausfordert. Sie wird sich nicht befreien k\u00f6nnen. Aber genau das darf sie auch nicht, sonst w\u00e4re sie tats\u00e4chlich nichts weiter als \u2013 Schund. Und den findet man bekanntlich nicht nur in billigen Heftchen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klassiker Glauser Die Wachtmeister-Studer-Romane Friedrich Glausers geh\u00f6ren seit den siebziger Jahren zum Inventar einer im Nachhinein gezimmerten Tradition der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Anlass dieser \u201eWiederentdeckung\u201c war vor allem eine Reihe von TV-Verfilmungen, in deren Gefolge man diesen in mancherlei Hinsicht merkw\u00fcrdigen Autor aus dem gro\u00dfen Vergessen zur\u00fcckholte. 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