{"id":21980,"date":"2011-02-24T11:04:45","date_gmt":"2011-02-24T11:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/02\/menschen-in-ausweglosen-situationen-ein-kurzkrimi\/"},"modified":"2022-06-09T23:39:55","modified_gmt":"2022-06-09T21:39:55","slug":"menschen-in-ausweglosen-situationen-ein-kurzkrimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/02\/menschen-in-ausweglosen-situationen-ein-kurzkrimi\/","title":{"rendered":"Menschen in ausweglosen Situationen. Ein Kurzkrimi"},"content":{"rendered":"\n<p>Mist. Mein Bruder hatte eine Dummheit begangen und sie hatten ihn dabei erwischt. Nichts Schlimmes, bewahre! Ein Schokoriegel vom Tresen der Tankstelle, danach noch mal schnell das gute teure Benzin nachgeladen und ohne zu bezahlen weggefahren. Dumm nur: die Videokameras. Zwei wundersch\u00f6ne Portr\u00e4ts meines Herrn Bruders und dazu gestochen scharf das Nummernschild seines Autos.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich liebe meinen Bruder. Naja, nicht sonderlich, aber immerhin ist er mein Bruder und unsere Familie h\u00e4lt zusammen, schon wegen der b\u00f6sen Nachbarn. Er ist auch kein schlechter Mensch. Seiner Frau ein (einigerma\u00dfen) treuer Ehemann, seinen Kindern ein liebensw\u00fcrdiger Vater, erfolgreich im Beruf und Mitglied im Vorstand der Kirchengemeinde, wo sie f\u00fcr ein neues Dach des Gotteshauses sammeln. \u201eIch bin ruiniert!\u201c schrie also mein Bruder und raufte sich die Haare, \u201eDu musst mir helfen!\u201c Helfen? Also mein Lieber&#8230; die Beweise&#8230; die Indizien&#8230; da musst du durch. \u201eNein!\u201c beharrte er, \u201egib mir ein Alibi! Du bist unbescholten, du kannst behaupten, alles sei nur ein schrecklicher Irrtum, ein Doppelg\u00e4nger, der sogar sein Auto zum Doppelg\u00e4nger des meinigen umger\u00fcstet hat! Dir wird man glauben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und so kam es, dass ich auf der Polizeiwache sa\u00df, einen grantigen Kommissar ganz in Gr\u00fcn auf der anderen Seite des Schreibtisches, und meine Aussage zusammenstotterte. Doch, doch, ich k\u00f6nne es beschw\u00f6ren: Mein Bruder und ich h\u00e4tten zur angeblichen Tatzeit Schach gespielt. Der Kommissar sch\u00fcttelte ungl\u00e4ubig den Kopf. Die Doppelg\u00e4ngergeschichte war auch wirklich zu bl\u00f6d.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehen Sie\u201c, sagte der Kommissar, \u201eich verstehe Sie vollkommen. Aber die Beweise sind erdr\u00fcckend. Wir haben bei Ihrem Bruder den entwendeten Schokoriegel vorgefunden.\u201c Er kramte in der Schreibtischschublade und legte ihn auf den Tisch, einen billigen Schokoriegel eben. \u201eDas ist kein Schokoriegel\u201c, sagte ich mit halbwegs fester Stimme. \u201eWie bitte?\u201c fragte der Kommissar zur\u00fcck. \u201eDas ist kein Schokoriegel, das ist \u2013 eine Fernbedienung.\u201c \u201eHm\u201c, machte der Polizist. Er mochte \u00fcberlegen. Ist der Mann verr\u00fcckt? Will er mich verarschen? Jahrelange Berufserfahrung hatte ihn gelehrt, dass Insistieren auf das Offensichtliche und nicht zu Bestreitende in vielen F\u00e4llen erfolglos war. Er versuchte es anders. \u201eDer Tank des Wagens Ihres Bruders war voll. Die Benzinsorte gibt es nur an dieser einen Tankstelle, dann erst wieder in einer, die 200 Kilometer entfernt liegt. H\u00e4tte Ihr Bruder sich dort eingedeckt, w\u00e4re der Tank nicht voll. Logisch, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fand das \u00fcberhaupt nicht logisch. \u201eDer Wagen meines Bruders f\u00e4hrt ohne Benzin. Ob Sie es glauben oder nicht.\u201c Er glaubte es nicht. Er wollte meinem Bruder etwas anh\u00e4ngen, das wurde mir pl\u00f6tzlich sonnenklar. Eine Intrige. \u201eWelcher Religionsgemeinschaft geh\u00f6ren Sie an?\u201c fragte ich ihn. Er stutzte. Antwortete dann aber: \u201eIch bin aus der Kirche schon vor langer Zeit ausgetreten.\u201c \u201eAha!\u201c trumpfte ich auf. \u201eDaher weht der Wind! Ihnen missf\u00e4llt das Engagement meines Bruders f\u00fcr die katholische Kirche, dass er sich f\u00fcr ein neues Dach einsetzt und \u00fcberhaupt. Wahrscheinlich geh\u00f6ren Sie zu denen, die sich am Glockengel\u00e4ut st\u00f6ren und jetzt versuchen Sie eine billige Retourkutsche! Sch\u00e4men Sie sich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das liege ihm fern, rechtfertigte sich der Kommissar, er kenne meinen Bruder doch gar nicht. \u201eSo, so\u201c, antwortete ich, \u201eSie kennen ihn also nicht. Nat\u00fcrlich kennen Sie ihn nicht! Sonst k\u00f6nnten Sie hier keine ungeheuerlichen Behauptungen aufstellen! Mein Bruder ist ein rechtschaffener Kerl, da k\u00f6nnen Sie jeden fragen! Aber ich mache Ihnen ein Angebot. Mein Bruder bezahlt den angeblichen Schokoriegel und die Tankf\u00fcllung, er entschuldigt sich sogar beim Besitzer der Tankstelle, sollte er \u2013 irgendwann, sagen wir vor 12 Jahren \u2013 dort vielleicht irrt\u00fcmlich mal etwas mitgenommen haben ohne zu bezahlen, ein belegtes Br\u00f6tchen zum Beispiel, kann doch mal passieren, ist mir schon passiert und Ihnen doch sicherlich auch, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kommissar \u00fcberlegte. Ich legte nach: \u201eWenn Sie jetzt auf die Stra\u00dfe gehen und die Leute fragen, ob man das Leben meines Bruders zerst\u00f6ren d\u00fcrfe, nur weil er VIELLEICHT einmal vor vielen Jahren ein belegtes Br\u00f6tchen \u2013 oder einen Apfel? Eine Fanta? \u2013 ohne zu bezahlen hat mitgehen lassen, was glauben Sie, was Ihnen diese Leute antworten werden? Dass Sie verr\u00fcckt sein m\u00fcssen! Ein solcher Mann! Der seine Arbeit immer hervorragend und ehrlich erledigt, der seine Steuern p\u00fcnktlich zahlt, seine Kinder auf h\u00f6here Schulen schickt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kommissar antwortete immer noch nicht, aber es arbeitete in ihm. Ich lehnte mich zufrieden zur\u00fcck. Netter Versuch, dachte ich. Die Welt ist schlecht und der Gerechte wird zur Zielscheibe des Perfiden. Dabei ist doch auch dieser Kommissar nur ein Mensch und wenn er sich jetzt daf\u00fcr entschuldigt, meinen Bruder zu Unrecht angeklagt zu haben, werde ich ihm verzeihen. Ja, das werde ich tun. Es gibt so etwas wie Ethik und Moral, ich bin so erzogen worden, ich kann nicht anders. Meinem sauberen Bruder, diesem arroganten Arschloch, rate ich aber, sich zuk\u00fcnftig ein wenig klein zu halten. Dann hat sich diese Peinlichkeit hier wenigstens auch f\u00fcr mich gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mist. Mein Bruder hatte eine Dummheit begangen und sie hatten ihn dabei erwischt. Nichts Schlimmes, bewahre! Ein Schokoriegel vom Tresen der Tankstelle, danach noch mal schnell das gute teure Benzin nachgeladen und ohne zu bezahlen weggefahren. Dumm nur: die Videokameras. 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