{"id":21983,"date":"2011-03-02T11:45:05","date_gmt":"2011-03-02T11:45:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/ein-saarlaendischer-regionalkrimi\/"},"modified":"2022-06-16T20:23:52","modified_gmt":"2022-06-16T18:23:52","slug":"ein-saarlaendischer-regionalkrimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/ein-saarlaendischer-regionalkrimi\/","title":{"rendered":"Ein saarl\u00e4ndischer Regionalkrimi"},"content":{"rendered":"\n<form class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/jamaika.jpg\" alt=\"jamaika.jpg\" width=\"200\" height=\"303\"\/><\/form>\n\n\n\n<p>Was sich am 30. August 2009 im Saarland ereignete, schien so vorhersehbar wie jeder rasch gelesene Krimi. Ein Prolog, der die Spannung anzuheizen gedenkt, im Grunde aber schon das Ende vorwegnimmt, falsche Spuren und endlich, innerhalb von wenigen Zeilen, die nicht \u00fcberraschende Aufl\u00f6sung. Wahlsonntag eben. K\u00e4me es zu einer rot-rot-gr\u00fcnen Koalition, gar mit den Linken als st\u00e4rkster Partei? W\u00fcrde es die arg gerupfte CDU schaffen, ihre erwartbaren Stimmenverluste in Grenzen zu halten und w\u00e4re die FDP wieder einmal in der Lage, gen\u00fcgend strategische Stimmen aus dem schwarzen Lager zu generieren, um in den Landtag zu kommen?<br \/>F\u00fcr ersteres sprach viel, f\u00fcr letzteres wenig. Immerhin hatte die Wirklichkeit als Autorin ein Talent f\u00fcr Personal. Der legend\u00e4re saarl\u00e4ndische Volksheld Lafontaine schickte sich an, im Saarland f\u00fcr ostdeutsche Verh\u00e4ltnisse zu sorgen, die SPD, seit Lafontaines R\u00fccktritt von allen \u00c4mtern (wozu er nicht einmal eine Doktorarbeit zu t\u00fcrken brauchte) nicht gut auf den einstigen Vormann zu sprechen, ein immer blasser werdender Ministerpr\u00e4sident Peter M\u00fcller, als auch bundesweit gef\u00fcrchteter Tiger gestartet und regionaler Bettvorleger gelandet, dazu, als obligatorischer Dunkelmann, Gr\u00fcnen-Chef Hubert Ulrich, Anf\u00fchrer einer Truppe, die zu w\u00e4hlen man im Saarland entweder die Gr\u00fcnen schon sehr, sehr lieb haben muss oder infolge falscher Ern\u00e4hrung an intellektuellen Mangelerscheinungen leidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerlei munteres Beiwerk sorgte f\u00fcr vordergr\u00fcndige Spannungseffekte. Linke und SPD attackierten sich, ebenso Linke und Gr\u00fcne, nicht zuletzt, weil die meisten der linken Spitzenkandidaten bis vor nicht allzu langer Zeit noch in den jeweiligen Konkurrenzparteien zugange gewesen waren. Lafontaines Satz \u201eWer gr\u00fcn w\u00e4hlt, wird sich schwarz \u00e4rgern\u201c, \u00e4rgerte die Gr\u00fcnen, erwies sich allerdings als sehr weise.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst jedoch sah es so aus wie erwartet: Es reichte f\u00fcr rot-rot-gr\u00fcn. Erste Verhandlungen begannen, sie zogen sich hin, doch am Ergebnis konnte nicht gezweifelt werden. Weder die SPD noch die Gr\u00fcnen konnten mit der CDU koalieren, zu kontrovers die Programme und Absichten. Das Ende des Krimis war also unglaubw\u00fcrdig, denn die Gr\u00fcnen verbanden sich gegen alle Wahrscheinlichkeit mit CDU und FDP, die ach so kritischen Delegierten waren schnell auf Vordermann gebracht, als Ulrich den Buhmann Lafontaine heraufbeschwor \u2013 und der Krimi, scheinbar zu Ende, begann nun erst richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber, wie sich all das entwickelte und wie es weiterging, hat nun Wilfried Voigt ein Buch geschrieben. Es hei\u00dft \u201eDie Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar\u201c und versucht auf gut 200 Seiten eine Zusammenfassung der Fakten sowie die Offenlegung der F\u00e4den zwischen den einzelnen Akteuren. Es ist eine wirre Geschichte, was nicht an ihrer Darstellung liegt, sondern Teil ihrer selbst ist. Saarl\u00e4ndern sind die Fakten weitgehend bekannt, nicht zuletzt wegen der Skandale, die sich um einige der Personen ranken. Die \u201ezweifelhafte Pers\u00f6nlichkeit\u201c (Daniel Cohn-Bendit) Hubert Ullrich, von seinem Parteifreund gar als \u201eMafioso\u201c tituliert, merkw\u00fcrdige Begebenheiten bei den Gr\u00fcnen (Karteileichen, die sich nur dann aus ihren Gr\u00e4bern erheben, wenn Herr Ulrich Stimmen braucht etc.), vor allem jedoch der FDP-Strippenzieher Hartmut Ostermann, Chef des Seniorenheim-Dienstleisters \u201ePro Seniore\u201c, ehemaliger Pr\u00e4sident des 1. FC Saarbr\u00fccken (ein saarl\u00e4ndischer Mythos) und auch sonst \u00fcberall dort zu finden, wo es gl\u00e4nzt und nach Profit riecht, dazu die aparte Tatsache, dass Ulrich in einem Unternehmen angestellt war, an dem Ostermann eine Beteiligung h\u00e4lt&#8230; das ist guter Stoff f\u00fcr Mutma\u00dfungen, wie denn diese \u00fcberraschende Koalition von FDP und Gr\u00fcnen zustande gekommen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Voigt schildert diese Zusammenh\u00e4nge detailliert. Das meiste ist, wie gesagt, nicht neu, aber hilfreich in seiner nun vorliegenden Kompaktheit. Dass Ostermann auch in den sogenannten \u201eBerliner Bankenskandal\u201c verwickelt war sowie die m\u00f6gliche Rolle einer vielumworbenen rechten Burschenschaft sind Aspekte, die man bislang so noch nicht kannte, ebenso das im Vorfeld der Wahl geradezu penetrante Werben Ulrichs um gute Worte f\u00fcr die Gr\u00fcnen durch den SPD-Vorsitzenden Maas. Dass sich das politische Saarland als reichlich verfilzt darstellt \u2013 geschenkt. Wo ist es anders? Verbl\u00fcffend jedoch, wie sich dieser Filz nicht nur in bekannter Manier einfarbig pr\u00e4sentiert (roter, schwarzer, gr\u00fcner, gelber&#8230;), sondern als buntes Gemenge, in dem sich die Intrigenlandschaft als geradezu \u00fcberparteilich erweist. Jeder mit jedem also, wenn es opportun erscheint, nat\u00fcrlich auch jeder gegen jeden. Was nicht verwundert, wenn man in einem Bundesland lebt, in dem jeder jeden kennt. Das Saarland ist eben nicht nur historisch ein Land mit Besonderheiten. Es ist auch ein Land der Minderwertigkeitskomplexe (zumeist waren es Ausw\u00e4rtige, die hier das Sagen hatten, sowohl politisch als auch \u00f6konomisch), der N\u00e4he zu Frankreich und dem dortigen \u201eSavoir Vivre\u201c (eine immer wieder zu Fremdenverkehrszwecken kolportierte Legende, wie sie in einem z\u00fcnftigen Regionalkrimi nicht fehlen darf), ein Land im Umbruch auch (Ende der Kohleindustrie, Niedergang der Stahlindustrie) und, nat\u00fcrlich, ein Land der kurzen Wege, auf denen es nicht ausbleiben kann, dass man sich \u00fcber den Weg l\u00e4uft, in gerade angesagten Lokalen zuf\u00e4llig am selben Tisch sitzt oder, so wird gemunkelt, in Bordellen die selben Dienstleisterinnen pr\u00e4feriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Saarl\u00e4nder, so k\u00f6nnte man sagen, sind harmoniebed\u00fcrftige Leute (die meisten&#8230;), locker im Umgang miteinander, nicht sehr nachtragend und mit anspruchsloser Kost (Bier, Lyoner, Weck) zufrieden. Das verbindet \u2013 und in der Verbindung liegt nun einmal das Gef\u00fchlige, und dieses Gef\u00fchlige, diese N\u00e4he ist der Bodensatz des Mauschelns, der Intrige. Wilfried Voigts Verdienst ist es, genau diese Atmosph\u00e4re in seinem Buch zu beschreiben, als eine Abfolge von Skandalen, die, jeder f\u00fcr sich, meist glimpflich f\u00fcr die Betroffenen ausgehen, wo aus einer Steuerhinterziehung in Millionenh\u00f6he auf wundersame Weise ein nicht mehr sonderlich justizrelevanter Streit um Kleckerbetr\u00e4ge wird, wo die Liebe zum \u00f6rtlichen Fu\u00dfballverein noch idealistisch und \u00f6konomisch eintr\u00e4glich zugleich sein kann und das Stehlen einer Badematte zum Politikum wird. Typisch saarl\u00e4ndisch eben. Regionalkrimi, wie wir ihn lieben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wilfried Voigt: Die Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar.<br \/> Conte 2011. 204 Seiten. 14,90 Euro<\/pre>\n\n\n\n<p>(Hinweis: Der Rezensent steht in gesch\u00e4ftlichen Verbindungen zum Conte Verlag)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sich am 30. August 2009 im Saarland ereignete, schien so vorhersehbar wie jeder rasch gelesene Krimi. Ein Prolog, der die Spannung anzuheizen gedenkt, im Grunde aber schon das Ende vorwegnimmt, falsche Spuren und endlich, innerhalb von wenigen Zeilen, die nicht \u00fcberraschende Aufl\u00f6sung. Wahlsonntag eben. 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