{"id":21985,"date":"2011-03-10T09:31:51","date_gmt":"2011-03-10T09:31:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/schreiben-ist-nicht-fotografieren\/"},"modified":"2022-06-13T01:31:29","modified_gmt":"2022-06-12T23:31:29","slug":"schreiben-ist-nicht-fotografieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/03\/schreiben-ist-nicht-fotografieren\/","title":{"rendered":"Schreiben ist nicht Fotografieren"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicht erst das dr\u00e4uende Zeitalter des Dreidimensionalen \u2013 Menschen mit komischen Brillen vor Leinw\u00e4nden und Monitoren \u2013 behauptet das Primat der plastischen Detaildarstellung \u00fcber die fl\u00fcchtige Konturenskizze. Es war schon immer so. Wer so zeichnen kann wie unsereiner h\u00f6chstens fotografieren, gilt, zumindest in gewissen Kreisen, als k\u00fcnstlerisch hochbegabter als der Liebhaber des Abstrakten, bei dem ein Gesicht, falls \u00fcberhaupt noch als solches erkennbar, immer zum blo\u00dfen Strichcode ger\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer es mit der k\u00fcnstlerischen Tiefensch\u00e4rfe h\u00e4lt, kontert den Vorwurf des Banausentums mit dem Hochlebenlassen des ehrlichen, weil verifizierbaren Handwerks. Ein paar Striche kann jeder (vor allem Kindergartenkinder, man kennt das Argument), \u00e0 la nature hingegen ausschlie\u00dflich das wahre Talent.<br \/>In der Literatur ist das nicht anders. Hier sollen Geschichten erz\u00e4hlt werden, Geschichten mit Menschen aus Fleisch und Blut, identifizierbarem, unverwechselbarem Personal, jede Falte, auch jede seelische, jede Regung, jede Eigenheit, 3D halt, so dass ich, Leser die Personen umkreisen und in aller Ruhe vermessen kann. Auch sonst, bittesch\u00f6n, alles als w\u00e4re die Geschichte auf dem Papier eine Geschichte aus dem Leben selbst. Was einer tut, h\u00e4ngt mit dem zusammen, was einer ist, je klarer die Personenzeichnung, desto \u201enachvollziehbarer\u201c (warum fr\u00f6stelt es mich nur immer so, wenn ich \u201eVollzug\u201c h\u00f6re?) die Handlungen. Denken m\u00f6chten wir schon, aber gef\u00e4lligst nur in Bahnen, das Leben ist auch nichts anderes als ein 100-Meter-Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wollen wir nicht das Hohelied auf das Abstrakte in der Literatur, der Kriminalliteratur gar, pfeifen, das w\u00e4re l\u00e4cherlich. Die besten Beispiele des Genres lavieren stets zwischen den Fronten, zwischen literarischem Fotorealismus und \u00dcberzeichnung, zwischen dem tiefen Schnitt in die Psyche des Individuums und der aus h\u00f6herer Warte aufgezeichneten Totale des gro\u00dfen Ganzen, wenn aus Charakteristika Codes werden, aus Biografien Soziogramme. Und andersrum, versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Markenzeichen. Philip Marlowes scharfkantiger Humor, an dem er sich zuverl\u00e4ssig selber schneidet, um stellvertretend f\u00fcr andere zu bluten \u2013 nicht schlimm, nein, er tr\u00e4gt seine Seele im Blick, in den Gesten -, der aus dem Weltentsetzen in die zerberstenden S\u00e4tze springende Horror des namenlosen Sergeants bei Derek Raymond oder Wachtmeisters Studers helvetische Gem\u00fctlichkeit, die ein \u201eHocket ab\u201c als Liebeserkl\u00e4rung oder Verachtung variieren kann \u2013 all das sind Zeugnisse genauen Portr\u00e4tierens, die sich bei genauerer Betrachtung des Ganzen von ihrem Gegenstand l\u00f6sen und seine Unverwechselbarkeit in etwas Unpers\u00f6nliches heben, einen Gesellschaftskommentar vielleicht oder einfach nur eine Transpositionierung, ein \u00dcbertragen vom Ich auf das Wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Kunst ist immer die Kunst des Weglassens und manchmal kaschiert man dieses Weglassen durch ein \u00dcberangebot. Marlowe, der Sergeant, Studer: Wir kennen sie erst, wenn wir sie nicht mehr kennen oder wenn wir etwas anderes in ihnen erkennen, uns oder andere oder Zust\u00e4nde und Handlungen. Mit der gel\u00e4ufigen Detailhuberei in noch gel\u00e4ufigeren Kriminalromanen hat das gar nichts zu tun, so wie das nach Feierabend nachgepinselte Schutzengelchen nichts mit Michelangelo zu tun hat. Es ist eine Fehlinterpretation von kriminalliterarischer Kunst \u2013 und gleichzeitig ein Missverst\u00e4ndnis beim handels\u00fcblichen Leser \u2013, eine detailversessene Personenbiografie als unweigerlichen Pluspunkt zu verbuchen, obwohl es nat\u00fcrlich die Schreib- und Lesearbeit immens erleichtert. Ich kann die Figuren voneinander unterscheiden, was meistens sinnvoll ist, aber eben nicht immer. Denn dieser Weg aus der Pr\u00e4zision ins Vage funktioniert genauso, oder eben nicht, in die andere Richtung. In Stefan Kiesbyes \u201eHemmersmoor\u201c etwa agieren eine Handvoll Sprecherinnen und Sprecher in solcher Weise verwechselbar, dass es sehr schnell m\u00fc\u00dfig wird, sie voneinander trennen zu wollen, sich zu jedem Kapitel das entsprechende Gesicht, die passende Biografie vorzustellen. Jeder k\u00f6nnte jede sein, jede jeder, kein \u201eSoziolekt\u201c, keine individuelle Eigenart f\u00fcttert den unweigerlichen Film in unseren K\u00f6pfen mit Akteuren, es sind Fragezeichen, die durch die Szenen wandeln, sie stehen offenbar f\u00fcr etwas anderes, das nur auf den ersten Blick etwas \u201eAbstraktes\u201c ist. Der zweite Blick verr\u00e4t, dass sich hinter dieser Vagheit, diesen gestrichelten Existenzen etwas sehr Konkretes verbirgt, im besten Falle der Leser, die Leserin selbst, aber immer ein Zustand, der nicht an konkretes Personal gebunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das muss man nicht m\u00f6gen, nicht einmal erkennen muss man das. Es muss auch keineswegs gelungen sein, so wie die entgegengesetzte Methode bei den Marlowes, den Sergeants, den Studers nicht per se das ergibt, was wir \u201egro\u00dfe Literatur\u201c nennen. Aber man sollte die M\u00f6glichkeit an sich im Auge behalten, die M\u00f6glichkeit, dass es ein zwar seltenes, ein von Leserschaft wie Kritikern gleicherma\u00dfen wenig geliebtes, aber doch ein legitimes Verfahren ist, das Personencasting f\u00fcr einen Text nicht \u201enaturalistisch-realistisch\u201c zu organisieren. In der Literatur ist prinzipiell alles m\u00f6glich, sogar im Kriminalroman, Romane sind, nebenbei, auch keine Filme.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht erst das dr\u00e4uende Zeitalter des Dreidimensionalen \u2013 Menschen mit komischen Brillen vor Leinw\u00e4nden und Monitoren \u2013 behauptet das Primat der plastischen Detaildarstellung \u00fcber die fl\u00fcchtige Konturenskizze. Es war schon immer so. 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