{"id":2588,"date":"2007-06-04T11:11:00","date_gmt":"2007-06-04T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/mitty.de\/frlc\/2007\/06\/04\/joe-strummer-the-future-is-unwritten\/"},"modified":"2022-09-01T03:57:03","modified_gmt":"2022-09-01T01:57:03","slug":"joe-strummer-the-future-is-unwritten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/joe-strummer-the-future-is-unwritten\/","title":{"rendered":"Joe Strummer &#8211; The Future is unwritten"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"200\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13075\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer6.jpg 150w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer6-113x150.jpg 113w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Egal wie man zu U2-Star Bono steht, in \u201eJoe Strummer &#8211; The Future is unwritten\u2019 sagt er einen Satz, den man ihm voll und ganz abnehmen muss: \u201eWas mich an The Clash wirklich anpisst, ist die Tatsache, dass es diese phantastische Band nicht mehr gibt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>1985 l\u00f6ste sich die Gruppe auf, eine Reunion ist bekannterma\u00dfen ausgeschlossen: Joe Strummer, S\u00e4nger und Gitarrist der Band, starb 2002. Einen Tag vor Heiligabend, an einem angeborenen Herzfehler. Der 50-J\u00e4hrige sa\u00df auf dem Sofa und las den \u201eObserver\u201c. Julien Temples Film \u201eThe Future is unwritten\u201c setzt ihm ein Denkmal. Und was f\u00fcr eines: <em>It\u00b4s a hell of a film.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/future_unwritten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/future_unwritten.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13078\" width=\"236\" height=\"179\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/future_unwritten.jpg 472w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/future_unwritten-145x110.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In atemberaubenden Tempo montiert der Regisseur (\u201eThe Great Rock And Roll Swindle\u201c, \u201eAbsolute Beginners\u201c) und Freund Joe Strummers Archivaufnahmen mit Interviews mit Weggef\u00e4hrten und virtuos eingestreuten Ausschnitten anderer Spielfilme. One, two, three, four! &#8211; und ab geht\u00b4s. Chronologisch erz\u00e4hlt er das Leben des John Mellor, der sich sp\u00e4ter Joe Strummer nannte (weil, wie er kokett zugibt, seine Gitarrenk\u00fcnste beschr\u00e4nkt waren und er nur alle sechs Saiten gleichzeitig anschlagen konnte). Ein Sohn eines britischen Diplomaten, geboren in der T\u00fcrkei, der als Kind im Iran, in \u00c4gypten, Malawi, Mexiko und kurze Zeit sogar in Bonn lebt. Dessen \u00e4lterer Bruder sich mit einer \u00dcberdosis Pillen das Leben nimmt. Der nach dem Besuch einer Privatschule (wof\u00fcr er sich sp\u00e4ter als einer der Gr\u00fcnderv\u00e4ter des Punk immer sch\u00e4mte) beschlie\u00dft, auf die Kunsthochschule zu gehen, weil das der einzig angemessene Ort f\u00fcr \u201eSimulanten, Angeber und Arbeitsscheue\u201c sei. Dort fliegt er allerdings relativ bald wieder raus, weil er f\u00fcr eines seiner Kunstwerke gebrauchte Tampons benutzt. Doch wie etliche andere britische Kunsthochsch\u00fcler findet auch er ein neues Bet\u00e4tigungsfeld in der Musik: Er wird S\u00e4nger und Gitarrist einer Rockband, die sich Mitte der 70er in London lokale Ber\u00fchmtheit erspielt: The 101-ers, benannt nach der Hausnummer des besetzten Hauses, in der Woody lebt &#8211; so nennt sich Strummer zu dieser Zeit. Seine Haare sind lang und seine Band spielt eine etwas eigenartige Form von Bluesrock.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"240\" height=\"135\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13076\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer1.jpg 240w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer1-145x82.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die vielleicht spannendsten Momente hat dieser unglaublich spannende Film, wenn Julien Temple &#8211; wieder mit teilweise wilden Montagen &#8211; erz\u00e4hlt, wie aus dem Hippie und Hausbesetzer-Kommunarden im Laufe des Jahres 1976 der Frontman einer der ber\u00fchmtesten englischen Punk-Bands wird. Von au\u00dfen betrachtet ist der \u00dcbergang hart und klar: kurze Haare, andere Klamotten, neue Freunde und sogar ein neuer Name (den er sich allerdings bereits kurz vor der Clash-Gr\u00fcndung zulegt). Aus Woody ist Joe Strummer geworden, und der lebt seine neue Rolle so fanatisch, dass er die alten Hippie-Freunde noch nicht mal gr\u00fc\u00dft, wenn er ihnen zuf\u00e4llig begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die \u00c4u\u00dferlichkeiten k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die Protagonisten &#8211; nicht nur die Band, sondern auch die Zeitgenossen &#8211; offenbar keinen blassen Schimmer haben, was der Zeitgeist mit ihnen vorhat. In den alten Aufnahmen staksen die vier Clash-Mitglieder seltsam entr\u00fcckt durchs Bild (was vermutlich ausnahmsweise mal nicht an den Drogen liegt): Vier junge M\u00e4nner suchen sich selbst, zu einer Zeit, als die ganze Welt nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Oder um es mit den Worten Bonos zu sagen (der in diesem Film erstaunlicherweise viel Vern\u00fcnftiges erz\u00e4hlt): \u201e<em>1976\/1977 stand die Welt f\u00fcr einen Augenblick still, und alles ver\u00e4nderte sich &#8230; Pl\u00f6tzlich war es wichtiger eine Idee zu haben, als einen Rolls Royce in den Swimming Pool zu fahren. Die Rockmusiker damals waren wie griechische G\u00f6tter.<\/em>\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt Punkrock und machte auch damit Schluss. Eine Musikszene, eine Stadt, ein Land, die ganze Welt an der Schwelle einer Zeitenwende &#8211; Temples Film f\u00e4ngt das ein, was man nichts weniger als das Ende von 68 nennen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Was folgt, ist zu sch\u00f6n, um wahr zu sein &#8211; ist aber tats\u00e4chlich passiert. Vier Jungs erobern die Welt. Erst Gro\u00dfbritannien, dann die USA, dann den Rest. Mit Wut, Leidenschaft und sch\u00f6nen Melodien. Und dem Punkrock-Ethos, das da hei\u00dft: Du kannst es. Du bist, was z\u00e4hlt. Tu, was du willst. Tu das, was richtig ist. Hab Spa\u00df dabei.<br \/><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"460\" height=\"200\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13077\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer3.jpg 460w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/joestrummer3-145x63.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><br \/>Es sind herrliche Szenen, die Julien Temple uns von den besten Clash-Jahren Ende der 70er und Anfang der 80er zeigt: entfesselte Live-Konzerte, Band-P\u00f6beleien gegen Journalisten, Angry Young Men im Kampf gegen das Establishment und den schlechten Geschmack.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie in jedem guten Drama folgt auch im Leben der Clash die Krise: zu viel Geld, zu viel Ruhm, zu viele Drogen. \u201eWir sind das geworden, was wir zerst\u00f6ren wollten, als wir anfingen.\u201c Die Band zerfleischt sich, Strummer glaubt, er kann den Laden zusammenhalten, aber er scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie die Anf\u00e4nge des Punk die spannendsten Momente des Films ausmachen, liefert Joe Strummers Leben nach The Clash die emotional bewegendsten Bilder und S\u00e4tze. Obwohl er jetzt Familienvater ist und zwei T\u00f6chter hat, ist Strummer von Harmonie und innerem Frieden so weit entfernt wie Green Day von echtem Punkrock. Er macht Filmmusik, versucht sich als Schauspieler.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade als er sich vornimmt, seine Trinkgewohnheiten zu \u00e4ndern, machen ihm die Pogues das Angebot, auf deren Tour die Rhythmusgitarre zu spielen. Strummer driftet durchs Leben, \u201eH\u00e4uptling Donnerwolke\u201c nennt ihn eine befreundete Regisseurin, \u201eweil er immer in dieser D\u00fcsternis lebte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die Musik bringt ihn wieder dahin, wo das Leben sch\u00f6n ist. Er befasst sich mit Raves, mit Techno, mit Weltmusik, moderiert eine Musiksendung beim World Service des britschen Radiosenders BBC &#8211; und er gr\u00fcndet Joe Strummer &amp; The Mescaleros. Er sucht die N\u00e4he zu alten Freunden, bekennt sich dazu, im Grunde doch ein Hippie zu sein, veranstaltet regelm\u00e4\u00dfige Treffen, bei denen alle ums Lagerfeuer sitzen, reden, musizieren, singen. Das klingt klischeehaft und peinlich, aber die Intensit\u00e4t der Bilder und Interviews im Film verdr\u00e4ngen jeden Zweifel an der geradezu altmodisch wirkenden Aufrichtigkeit des Mannes, dessen Credo lautete: Ohne Leidenschaft ist alles nix.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in bewegten Bildern eingefangen und in der Symbolik zu sch\u00f6n f\u00fcr diese Welt: Strummers Auss\u00f6hnung mit dem alten Clash-Kollegen Mick Jones vollzieht sich, als beide zum ersten Mal wieder gemeinsam Musik machen: Sie spielen, um einen Streik der Feuerwehrleute f\u00fcr gerechtere Bezahlung zu unterst\u00fctzen. Mick Jones kommentiert r\u00fcckblickend: \u201e<em>Ich dachte immer, wir w\u00fcrden wieder gemeinsam auf der B\u00fchne stehen, um in die Rock \u00b4n\u00b4 Roll Hall of Fame aufgenommen zu werden. Aber es war ein angemessenerer Anlass.<\/em>\u201c Sie spielen f\u00fcr die Feuerwehr &#8211; und nicht f\u00fcr Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das \u00fcberrascht: Phantastisch und beeindruckend an \u201eJoe Strummer &#8211; The Future is unwritten\u201c ist die Tatsache, dass es nicht darum geht, einen jugendlichen Punkrock-Helden abzufeiern, sondern dass Julien Temple das Portr\u00e4t eines Lebens gelingt &#8211; eines, das leider nur 50 Jahre dauerte. Nicht die Glorifizierung des Angry Young Man ist das Thema, sondern die Frage, wie ein Angry Young Man in W\u00fcrde altern kann und welche Schwierigkeiten dabei auf ihn lauern. Joe Strummer hat sie alle gemeistert. Er hat nie aufgeh\u00f6rt, zu suchen und zu k\u00e4mpfen. Ein Film \u00fcber Musik? Ja. Auch. Nat\u00fcrlich. Aber auch einer \u00fcber das Leben.<br \/><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Joe Strummer - The Future is unwritten\nDoku Gro\u00dfbritannien 2007\nRegie: Julien Temple\n124 Minuten\nWebsite zum Film:\u2192 <a href=\"http:\/\/www.strummer-derfilm.de\">strummer-derfilm.de<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Egal wie man zu U2-Star Bono steht, in \u201eJoe Strummer &#8211; The Future is unwritten\u2019 sagt er einen Satz, den man ihm voll und ganz abnehmen muss: \u201eWas mich an The Clash wirklich anpisst, ist die Tatsache, dass es diese phantastische Band nicht mehr gibt.\u201c 1985 l\u00f6ste sich die Gruppe auf, eine Reunion ist bekannterma\u00dfen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[22],"tags":[2900,2889,2957,2959,2960,1457,2958],"class_list":["post-2588","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-film","tag-bono","tag-dokumentation","tag-joe-strummer","tag-julien-temple","tag-mescaleros","tag-punk","tag-the-clash"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Kai Martin","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/km\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2588","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2588"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2588\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}