{"id":2942,"date":"1996-07-22T13:13:03","date_gmt":"1996-07-22T11:13:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=2942"},"modified":"2022-06-06T02:31:23","modified_gmt":"2022-06-06T00:31:23","slug":"gigantomanie-der-guten-laune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/07\/gigantomanie-der-guten-laune\/","title":{"rendered":"Gigantomanie der guten Laune"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/drzapp_logo.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es ist, die <strong>Love Parade<\/strong> live zu erleben. Vor der Mattscheibe sitzend l\u00f6st der organisierte Frohsinn jedenfalls eigenartige Assoziationen aus: Menschen stehen auf fahrenden Wagen und hampeln rum, unten tummeln sich hunderttausende an der Strecke und sind gut drauf. Am Reporter-Mikrofon spielen sich zwei gut aufgelegte Pappnasen die verbalen B\u00e4lle zu und spr\u00fchen geradezu vor Originalit\u00e4t und Raffinesse. Und wenn die Kamera mal durch die Gegend schwenkt, dann sehen wir in erster Linie Titten und \u00c4rsche. Woran erinnert das? Genau &#8211; an den Karneval. Ob in Rio, Mainz-Gonsenheim oder Berlin: Es geht doch nichts \u00fcber die Gigantomanie der guten Laune.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein sehr sch\u00f6nes Lehrst\u00fcck \u00fcber Individualit\u00e4t und relative Entfernung zur Masse war dann folgendes, hier kurz skizziertes Interview: Am Rande des Zuges der Bemalten, T\u00e4towierten, Bepierceten, Angemalten, Gef\u00e4rbten und Nackten steht ein P\u00e4rchen im gesch\u00e4tzten Alter von Mitte Drei\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Er: Blue Jeans, Ringel-T-Shirt, Schnauzbart, Durchschnittskurzhaarfrisur.<\/p><p>Sie: Blue Jeans, Tr\u00e4gerhemd, schulterlange Dauerwelle, vorne kurz, hinten lang.<\/p><p>Der jugendlich hippe Interviewer fragt: &#8222;<em>Sind Sie ihretwegen hier auf der Love Parade, also f\u00fcr sich selbst, oder begleiten Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter?<\/em>&#8222;<\/p><p>Antwort: &#8222;<em>Wir sind unseretwegen hier. Wir m\u00f6gen die Musik und dachten, wir schauen uns das mal an.<\/em>&#8222;<br \/>Frage: &#8222;<em>Gef\u00e4llt es Ihnen denn, kommen Sie n\u00e4chstes Jahr wieder?<\/em>&#8222;<\/p><p>Er: &#8222;<em>Uns gef\u00e4llt es gut hier. Wir werden n\u00e4chstes Mal wieder dabei sein.<\/em>&#8222;<\/p><p>Darauf Sie: &#8222;<em>Aber dann werden wir uns anders anziehen. Wir wollen uns richtig stylen, damit wir nicht mehr so stark auffallen.<\/em>&#8222;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/trenner\/tv1.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Sich Radrennen im Fernsehen anzuschauen, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt spannend. Auf den zweiten schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sogar mehr als spannend, es ist richtig unterhaltsam.<br \/>Vor allem, wenn man die Tour de France in der ARD verfolgt, am besten die Live-\u00dcbertragung in den dritten Programmen. Was Herbert Watterott, Hagen Bossdorf und ganz besonders J\u00fcrgen Emig da so zusammenreden, ist schon toll. Wenn sie mal nicht gerade von Wei\u00dfwein, K\u00e4sesorten oder den verschiedenen Arten der Fondue-Zubereitung sprechen, dann geben sie uns interessante Einblicke in die Wissenschaft des Sports oder reden einfach Bl\u00f6dsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile wissen wir alles \u00fcber fl\u00fcssige Kohlehydrate, konzentrierte Ern\u00e4hrung und&nbsp; wie man w\u00e4hrend der Fahrt vom Rad herunter pinkelt. Vor allem Dr. J\u00fcrgen Emig wei\u00df immer wieder durch seltsame bis abgedrehte Ideen und Formulierungen zu beeindrucken. &#8222;Virenque hat das Bergtrikot seit drei Jahren nicht mehr ausgezogen&#8220; ist ein Satz, der einem zu denken geben sollte. Ebenso die Aussage: &#8222;Rechts sehen Sie jetzt ein paar K\u00fche, die gerade aus dem Bild fahren&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Einigen Landschaftsimpressionen verhalf er zu ungeahnter Beachtung mit den Worten &#8222;Na da fliegt der Helikopter heute aber tief&#8220;, obwohl die Bildperspektive nicht oberhalb der Baumspitzen lag. Erst als ein Kameraschwenk zur Seite die Gesichter der begeitenden Motorradfahrer zeigte, gab er zu: &#8222;Nein, so tief kann der Hubschrauber aber nicht fliegen, dann haben wir die ganze Zeit doch Bilder der Motorradkamera gesehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant auch die Tatsache, da\u00df man Sportchef des Hessischen Rundfunks werden kann, ohne die durch Geburt im Saarland erworbenen Spracheigenarten abzulegen. Zweimal kommentierte Emig das Schlie\u00dfen des Trikotrei\u00dfverschlusses mit der Bemerkung &#8222;Der Fahrer hat kalt&#8220;, obwohl viele Saarl\u00e4nder aus eigener Erfahrung wissen, wie man n\u00f6rdlich von Frankfurt auf diesen Sprachgebrauch reagiert. N\u00e4mlich mit mindestens so intelligenten Blicken wie diejenigen der K\u00fche, als der Hubschrauber auf 0,95 Meter H\u00f6he an ihnen vorbeiflog. Sollte J\u00fcrgen Emig etwa in der Hierarchie der Rundfunk- und Fernsehleute schon bis in die Kaste der Unber\u00fchrbaren vorgedrungen sein, wo man einfach alles erz\u00e4hlen darf?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig zu erz\u00e4hlen haben sich auch Jan Ullrich, der neue deutsche Radfahrheld und sein franz\u00f6sischer Konkurrent Richard Virenque. Auf die Frage J\u00fcrgen Emigs &#8222;wie ist eigentlich Ihr Verh\u00e4ltnis zu Virenque?&#8220; antwortete Ullrich: &#8222;Wir verstehen uns eigentlich sehr gut. Er spricht meine Sprache nicht, ich spreche seine nicht, aber wir kommen sehr gut miteinander aus.&#8220; Wahrscheinlich genau deshalb.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck nach Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/random\/197.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df nicht, wie es ist, die Love Parade live zu erleben. Vor der Mattscheibe sitzend l\u00f6st der organisierte Frohsinn jedenfalls eigenartige Assoziationen aus: Menschen stehen auf fahrenden Wagen und hampeln rum, unten tummeln sich hunderttausende an der Strecke und sind gut drauf. 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