{"id":29649,"date":"2000-10-10T11:11:00","date_gmt":"2000-10-10T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=29649"},"modified":"2022-09-18T03:59:39","modified_gmt":"2022-09-18T01:59:39","slug":"lektion-8-textverarbeitung-der-dritten-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2000\/10\/lektion-8-textverarbeitung-der-dritten-generation\/","title":{"rendered":"Lektion 8:\u00a0Textverarbeitung der dritten Generation"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"120\" height=\"120\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/compi.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29635\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/compi.gif 120w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/compi-60x60.gif 60w\" sizes=\"auto, (max-width: 120px) 100vw, 120px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ganz zu Anfang der, wie wir Experten sagen, &#8222;computer history&#8220; konnten Textverarbeitungen nicht einmal das, was sie in ihrem Namen versprachen. Man tippte einige S\u00e4tze ein, wartete auf die Verarbeitung und gab, als diese vergeblich auf sich warten lie\u00df, den Speicherbefehl. In diesem Moment hatte man verloren, denn das Speichern der Texte war nicht vorgesehen, geschweige denn das Ausdrucken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Solche M\u00e4ngel der ersten beseitigte die zweite Generation. Texte werden eingetippt und verarbeitet: Da ein Kapit\u00e4lchen, dort ein roter Unterstrich, hier fett, dort kursiv &#8211; und den ganzen Schmand schlie\u00dflich noch mit einer vorgefertigten Grafik geschm\u00fcckt, die dann vom j\u00e4mmlicherlichen Inhalt des Geschreibsels ablenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn genau das ist nat\u00fcrlich das Problem. Was n\u00fctzt mir die beste Textverarbeitung, wenn die Texte so schlecht sind, da\u00df das Papier, auf dem sie letztendlich ausgegeben werden, kotzen m\u00fc\u00dfte., wenn es denn kotzte k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung wird noch in diesem Jahr mit der dritten Generation von Textverarbeitungssoftware geliefert. Sie hei\u00dft &#8222;Dichter-Word 2000&#8220; und stammt, versteht sich, aus dem Hause Microsoft. Worum geht es?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, rufen wir uns den \u00fcblichen Weg eines Textes aus dem Kopf in den Rechner vor unser geistiges Auge. Wir haben eine Idee. Sie ist bescheiden, aber sie geh\u00f6rt uns. Sagen wir, die Idee sei die, man k\u00f6nnte dem Fr\u00e4ulein Louise doch mal einen Liebesbrief schreiben, wer wei\u00df, wozu es gut sein wird. Jetzt formulieren wir: &#8222;Liebe Louise. Ich steh auf dich. Das solltest du wissen. Jetzt wei\u00dft dus. Hochachtungsvoll.&#8220; Dieses Wunderwerk deutscher Sprache vertrauen wir unserem Rechner mitsamt seiner Textverarbeitung an &#8211; und der Bursche fri\u00dft es tats\u00e4chlich! Kein Fenster \u00f6ffnet sich und droht &#8222;Diesen Mist nehme ich nicht an!&#8220;, nein, die Textverarbeitung formatiert nach unseren W\u00fcnschen, der Rechner speicherts, der Drucker druckts, Fr\u00e4ulein Louise liests und schmilzt ob aller Poesie des geschriebenen Wortes dahin wie ein Ambo\u00df am Nordpol.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau an diesem Punkt liegt die revolution\u00e4re Neuerung von Textverarbeitungen der dritten Generation. Sie beinhalten eine Reihe von Modulen, die unseren Schmonzes nach gewissen Qualit\u00e4tsmerkmalen bewerten und, wenn diese nicht erf\u00fcllt sind, umarbeiten. Dieses Pr\u00fcfmodul, dessen deutsche Version &#8222;Reich-Ranitzki&#8220; hei\u00dfen wird, leitet den Text mit einem entsprechenden Kommentar (&#8222;Der schreibt wie meine Frau rechnet!&#8220;) an die sogenannten &#8222;Dichter-Module&#8220; weiter. Der Anwender kann sich nun aussuchen, in welchem Stil sein Text aufgem\u00f6belt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben wir bei unserem obigen Beispiel des Liebesbriefs. Das Modul &#8222;Romantik&#8220; w\u00fcrde ihn folgenderma\u00dfen umschreiben: &#8222;Liebstes Fr\u00e4ulein! Als ich gestern mit der Stra\u00dfenbahn gen Osten fuhr, sah ich die Sonne zum Firmamente steigen und h\u00f6rte der Taube gurrenden Ruf sowie des Postillon schmetterndes Horn. Da pl\u00f6tzlich war mirs, als ob mein Herz schier zerspr\u00fcnge, denn die Sonne, mein liebstes Fr\u00e4ulein, das waren doch Sie! Und war ich nicht das Firmament?&#8230;.&#8220; usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns an, was das Modul &#8222;Marxismus-Leninismus&#8220; zu bieten hat: &#8222;Genossin! Wieder einmal steht das Ende des Kapitalismus vor der T\u00fcr. Eine gute Gelegenheit, denke ich, eine Zweierkolchose auf der Basis des XX. Parteitags zu gr\u00fcnden. Unseren F\u00fcnfjahresplan, die Herstellung von sechs Kindern, m\u00f6chte ich daher bereits heute abend mit Ihnen in Angriff nehmen. Bis dahin, mit proletarischem Gru\u00df&#8230;.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Momentan sind neben den vorgestellten noch die Module &#8222;B\u00fcrgerlicher Realismus&#8220;, &#8222;G\u00fcnter Grass&#8220;(auf zwei ExtraCDs), &#8222;neuer deutscher Roman&#8220; und &#8222;Sigmund Freud&#8220; bis zur Serienreife gediehen. Ein sogenannter Stilmixer erlaubt es, die vorhandenen Module nach dem Zufallsprinzip zu kombinieren. Etwa so: &#8222;Tussie! Ihre fr\u00fchkindliche Pr\u00e4gungsphase ist nun vorbei&#8220; Jetzt, da Oskar nicht mehr daheim in Masuren trommelt , sucht er ein dralles Weib, mit dem er, Louise, den Rest des Lebens verbringen m\u00f6chte. Die Stra\u00dfen sind grau. Die H\u00e4user dunkel. In den Betten wird begattet, bis der \u00d6dipuskomplex, der unsere Seelen in der Brust schier erf\u00fcllet mit bangen Gedanken, also ich f\u00e4nd es echt cool, total geil, wenn du, Lou, ma mit mir, aber mir geht&#8217;s heut so schei\u00dfe, aber mit dir, denk ich, \u00e4h, ja, also&#8230;und also sprach Oskar: \u00dcbermorgen 15 Uhr, dort, wo der Hirsch im dunklen Tann sein r\u00f6hrend Lied erklingen l\u00e4\u00dft, und zwar, bitte, ohne Kastrations\u00e4ngste und Penisneid. Ich warte!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist Deutsch! Das ist Microsoft!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz zu Anfang der, wie wir Experten sagen, &#8222;computer history&#8220; konnten Textverarbeitungen nicht einmal das, was sie in ihrem Namen versprachen. Man tippte einige S\u00e4tze ein, wartete auf die Verarbeitung und gab, als diese vergeblich auf sich warten lie\u00df, den Speicherbefehl. 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