{"id":29896,"date":"1997-10-25T11:11:00","date_gmt":"1997-10-25T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=29896"},"modified":"2022-06-28T03:04:15","modified_gmt":"2022-06-28T01:04:15","slug":"michael-palin-hemingways-stuhl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/10\/michael-palin-hemingways-stuhl\/","title":{"rendered":"Michael Palin: Hemingways Stuhl"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Michael-Palin-Hemingways-Stuhl.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Michael-Palin-Hemingways-Stuhl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-29898\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Michael-Palin-Hemingways-Stuhl.jpg 294w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Michael-Palin-Hemingways-Stuhl-93x150.jpg 93w\" sizes=\"(max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Das Ambiente kommt mit Rosamunde-Pilcher-Charme daher &#8211; Meer, M\u00f6wen und Moor. Im Morast der Langeweile sumpft auch Martin, der Anti-Held. Er ist sechsunddrei\u00dfig und lebt bei seiner Mutter. Ein Durchschnittstyp mit einem Durchschnittsgesicht und einem Durchschnittscharakter. Von Beruf Postbeamter in der s\u00fcdostenglischen Kleinstadt Theston. Leidenschaft lodert bei ihm nur dort, wo es sich um Papa Hem dreht, seinen Abgott und Ersatzvater. Sproale ist durch und durch Hemingway-Aficionado. Sein Jugendzimmer enth\u00e4lt ein Sammelsurium von Reliquien. Und nur dort, miteinem vollen Glas Grappa vor seiner Reiseschreibmaschine, einer CoronaNr.3, erwacht er f\u00fcr Momente zum Leben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bewegung kommt in die statische Welt von Threston, als zwei neue Gesichter den Schauplatz betreten. Nick Marshall, ein ambitionierter jungerMann, der Sproale nicht nur um den Job des Postvorstehers bringt, sondern auch um seine Verlobte in spe. Aber da ist ja noch Ruth Kohler, eine junge amerikanische Literaturwissenschaftlerin, die es auf der Suche nach Einsamkeit hierher verschlagen hat. Diese exzentrische, schwarz gekleidete Dame schreibt ein Buch \u00fcber Hemingways Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht lange, da finden sich Ruth und Martin in ihrer Passion, lernen sich lieben und kennen. Sie ist es, die ihm den Original-Angelstuhl von Papa organisiert. Kaum sitzt der verklemmte Beamte darauf, vollzieht sich eine seltsame Verwandlung. In Statur, Stimme und Verhalten wird das Mutters\u00f6hnchen zu seinem Antipoden und alter ego Hemingway. Besessenheit oder Pers\u00f6nlichkeitsspaltung?<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls gibt es der Geschichte einen astralen Touch. In Bezug auf Marshall, der sich als Kopf einer dubiosen Firma entpuppt, ger\u00e4t der Roman nun zus\u00e4tzlich in die N\u00e4he eines Wirtschaftskrimis. Das alles &#8211; Posse, Pilcher, Krimi und Sakrales &#8211; pa\u00dft nicht unbedingt zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist kein Meister der Genremischung am Werk, sondern ein vierundf\u00fcnfzig Jahre alter Engl\u00e4nder namens Michael Palin, den wir von der Leinwand her kennen als Frauenm\u00f6rder Ken in &#8222;Ein Fisch namens Wanda&#8220; (Er war der mit den Fritten in der Nase.) Und er geh\u00f6rte den legend\u00e4ren Monty Python an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Kunst der Auslassung, die Hemingway ja geradezu erfunden hat, beherrscht Palin nicht. Sein Text klebt vor Adjektiven und Nebens\u00e4chlichkeiten. Es interessieren weder die 08\/15 Personenbeschreibungen nach der Drei-Satz-Methode Haarfarbe\/Alter\/K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, noch, ob die Tweedm\u00fctze von Lady Soundso links- oder rechtsgewebt ist. Die Story ist \u00fcberv\u00f6lkert mit Nebenfiguren: Lokalmatadoren, Familien- und Wahlverwandtschaften, die eben doch nicht so skurril gezeichnet sind, wie sie vielleicht sollten. Langeweile oder auch Einfachheit spannend zu erz\u00e4hlen ist eine andere H\u00fcrde, an der Palin scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier und da erfreuliche S\u00e4tze erweisen sich nicht selten als ein Hemingwayzitat oder als eines seiner Biografen. Palin hat gut recherchiert.Die Aficionado-Stellen geh\u00f6ren zu den Besseren. Dennoch wirkt der Roman vom Konstrukt her zu starr und h\u00e4lt andererseits zu wenig Distanz zum Chaos der Realit\u00e4t. Dadurch entsteht der Eindruck einer blassen Fiktion, die Figuren bleiben eindimensional, Identifikation f\u00e4llt schwer. Ein ganz nettes, aber blutleeres Buch. Der Sache fehlt der rechte Kick.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Palin<br \/>HEMINGWAYS STUHL<br \/>Goldmann 15,- DM<br \/>ISBN 3-442-72132-6<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ambiente kommt mit Rosamunde-Pilcher-Charme daher &#8211; Meer, M\u00f6wen und Moor. Im Morast der Langeweile sumpft auch Martin, der Anti-Held. Er ist sechsunddrei\u00dfig und lebt bei seiner Mutter. Ein Durchschnittstyp mit einem Durchschnittsgesicht und einem Durchschnittscharakter. Von Beruf Postbeamter in der s\u00fcdostenglischen Kleinstadt Theston. 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