{"id":29901,"date":"1998-10-19T11:11:00","date_gmt":"1998-10-19T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=29901"},"modified":"2022-09-15T19:13:00","modified_gmt":"2022-09-15T17:13:00","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/10\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-6\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 6"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00c4chz, mein Kopf ist leer. Alte Bekannte m\u00f6gen jetzt sagen: Ja und? War das bei Dir mal anders? Nat\u00fcrlich war\u00b4s das, s\u00e4\u00dfe ich sonst schon an Folge 6 meines N\u00e4hk\u00e4stchens?! (Eben hab ich \u00fcbrigens versehentlich erst &#8222;M\u00e4hk\u00e4stchen&#8220; geschrieben: auch nett, oder? M\u00e4h!) Das Leere-Kopf-Syndrom ist die Berufskrankheit und der Alptraum eines jeden Kolumnisten. Was ist passiert? M\u00f6glicherweise liegt es an dem vielen Logierbesuch in letzter Zeit, der einem keine Zeit f\u00fcr krude Gedanken l\u00e4\u00dft. Zumal in einer Einzimmerwohnung. Vielleicht liegt es aber auch an meinen zahlreichen au\u00dferh\u00e4uslichen Verabredungen, die ich in letzter Zeit fast manisch organisiere, um Heim, Schreibtisch und Logierbesuch zu entfliehen. Nein, das letzte ist nicht wahr (ich mu\u00df ein bi\u00dfchen aufpassen, Teile meines Logierbesuchs lesen diese Kolumne&#8230;).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Freunde h\u00f6ren mich in den letzten Wochen h\u00e4ufig sagen: Hey, das-und-das merk ich mir f\u00fcr meine Kolumne. Diese Hypersensibilisierung f\u00fcr Themen und Bonmots mag schuld sein an der \u00dcberflutung mit merkenswerten Details, die die mentale Festplatte einfach nicht mehr zu fassen vermag. Ein Info-Overkill sozusagen. Was tun? Ich komm ja nicht mal mehr zum Fernsehgucken. Naja, das stimmt nicht ganz. Mein Chefredakteur hat mir eine Folge &#8222;Ein Heim f\u00fcr Aliens&#8220; aufgenommen. Das ist vielleicht cool! Viele kleine s\u00fc\u00dfe bunte Zeichentrick-Monster, die sich farblich \u00fcbrigens bestens zu meinem Interieur machen. Ich mag\u00b4s n\u00e4mlich poppig, nur die M\u00f6bel m\u00fcssen schwarz sein. Das ist wie bei den Designern, die auch nur Schwarz tragen, weil sie ja den ganzen Tag so schrecklich kreativ sein m\u00fcssen und mit einem wahren Farbmeer zu tun haben. Ist aber alles Nepp, denn die Modefarbe dieses Herbstes ist bekanntlich &#8211; Grau! Eine Freundin von mir hat sich neulich ein schwarzes Fahrrad gekauft, ein &#8222;Existentialisten-Fahrrad&#8220;, wie sie es nennt, es habe allerdings keinen Rollkragen! Aber vielleicht eine dicke Brille und ein paar Warzen? Spricht es mit algerischem Akzent?<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls: zuviel Kommunikation ist der Kolumnenqualit\u00e4t offenbar eher abtr\u00e4glich: ich bin besser, wenn ich einsam und gelangweilt bin und mein Kontaktdefizit in Pseudo-Gespr\u00e4chen mit mir selbst, den W\u00e4nden und meinem Computer kompensiere. Zur Zeit kann ich h\u00f6chstens Kuriosit\u00e4ten meines Pr\u00fcfungsstoffs publizieren, etwa da\u00df Heine auf dem Heimweg von seiner Harzreise noch auf einen Sprung beim greisen Goethe vorbeischaute (&#8222;Die Erzgebirgsreise&#8220;?), aber so entt\u00e4uscht von der Ignoranz des Dichterf\u00fcrsten war, da\u00df er diesen Besuch mit keinem Wort erw\u00e4hnte. Was mag sich dort abgespielt haben? Vor meinem inneren Auge erblicke ich einen alten Mann, der lieber Pornos als jungdeutsche Prosa liest und aus Frust \u00fcber die nachlassende Manneskraft seinen Zivi mit endlosen Boteng\u00e4ngen schikaniert. War es so? Heine jedenfalls hatte sich das etwas anders vorgestellt, er war zerschmettert und r\u00e4chte sich. In einem seiner Reisebilder macht er sich \u00fcber Goethes notorische Naturschilderungen lustig und schreibt: &#8222;Als die Welt wissen wollte, wie sie aussah, schuf sie Goethe&#8220;. Heinrich Heine, der Harald Schmidt des Vorm\u00e4rz&#8230; N\u00e4chste Woche besch\u00e4ftige ich mich mit Ingeborg Bachmann und den Gefahren des Rauchens. Aber nochmal zur\u00fcck zu Stippvisiten bei Idolen. Das sollte man nie tun, denn auch Stars sind nur Menschen, und die M\u00f6glichkeit der Desillusionierung kommt immer mit. Wie k\u00f6nnte zum Beispiel ein Besuch bei James Hetfield aussehen? &#8222;Komm rein, motherfucker, aber putz dir vorher die Schuhe ab. Setz dich. Den Apfelkuchen hab ich selbst gebacken. Mit Vollkornmehl. Die fuckin\u00b4 \u00c4pfel sind vom Biobauern. Kaffee gibt\u00b4s nur &#8222;bleifrei&#8220;, ist ges\u00fcnder, wir sind ja schon lange von den harten Sachen weg bla bla&#8230;&#8220;. Hilfe! Nein, ich bleib lieber hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit ist \u00fcbrigens mein Bruder bei mir zu Gast, und das gibt mir Gelegenheit, f\u00fcr mein&nbsp;<strong>Warenk\u00f6rbchen<\/strong>&nbsp;endlich ein paar Lebensmittel zu testen &#8211; \u00f6h\u00f6m, \u00e4h &#8211; testen zu lassen, von denen ich selbst nicht mal im Traum kosten w\u00fcrde. F\u00fcr die Zeit der Rekonvaleszenz meines Bruders hab ich einen Vorkoster beantragt, aber noch l\u00e4uft hier bei Hinter-Net! ja alles ehrenamtlich und ohne Kohle, und Vorkoster sind teuer und leider auch unheimlich verschlei\u00dffreudig, aber gern lad ich mir G\u00e4ste ein&#8230; Praktikanten w\u00e4ren auch okay, denn die arbeiten ja for umme. Aber herrjeh, zu diesem Thema kann man inzwischen gar nichts mehr sagen, ohne da\u00df es zweideutig klingt. Sind eigentlich Kinder unter den Lesern?<\/p>\n\n\n\n<p>Kraft &#8222;Lunchables. Die Pausenmahlzeit&#8220; (Weizencracker, Pizza Salami, Sandwich Gouda)<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal werf ich einen Blick ins K\u00fchlregal und denk, es darf nicht wahr sein! Dann guck ich nochmal hin, aber es ist immer noch da. Zuletzt ist mir das mit den &#8222;Lunchables&#8220; von Kraft passiert, einer Art Pausensnack-Basisbaukasten aus Crackern, quadratischen Mini-K\u00e4sescheiben und kleinen, runden Wurstscheiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man alles geschickt in der Hand f\u00e4chert, kann man vielleicht in der Schulpause damit Quartett spielen oder doppelte Scheibchen mit Klassenkameraden tauschen, die die Sorte &#8222;Putenwurst und Chester&#8220; oder so haben. Vielleicht hilft es auch Erstkl\u00e4sslern die Schwellenangst vor der Mengenlehre abzubauen. Vielleicht legen sie sich in Zukunft ein paar bunte Plastikpl\u00e4ttchen aufs Brot. Im \u00fcbrigen steht die Anzahl der Cracker in keinem Verh\u00e4ltnis zu der der K\u00e4se- und Wurstteilchen: auf acht Cracker kommen ca. je zehn K\u00e4se- und Wurstscheiben. Wie hat sich die Firma Kraft das gedacht? Immer einen Cracker zwischen zwei K\u00e4se-Platten? Wie praktisch. Oder einen Cracker zwischen zwei Salami-M\u00fcnzen? B\u00e4h!!! M\u00f6glicherweise wei\u00df das Kraft-&#8222;Ideen Center&#8220; Rat (01802\/258588). Aber da mag anrufen, wer will, ich mach mich jedenfalls nicht zum Aff\u00b4. Reicht schon, da\u00df ich dieses Unzeug gekauft hab&#8230; Mein Bruder fand es ganz okay, es hat ungef\u00e4hr seinen hohlen Zahn gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heimliche Attraktion der &#8222;Lunchables&#8220; besteht allerdings in der praktischen 3-Kammer-Plastikbox, mit der die Schulkinder schon mal auf die unkaputtbaren Geschirr-Tabletts mit Reliefstruktur vorbereitet werden, die ihnen sp\u00e4ter in der Mensa oder in der Haft begegnen. Wenn man die Verpackung sp\u00fclt, kann man sie auch als Schreibtisch-Organisator nutzen (die l\u00e4ngliche Kammer f\u00fcr Buntstiftstummel und die beiden kleineren f\u00fcr B\u00fcroklammern und Gummib\u00e4nder) oder als Setzkasten an die Wand nageln.<\/p>\n\n\n\n<p>A-Note: 2 (die Cracker schmecken okay, und der Rest ist halt die \u00fcbliche Synthetik, ich e\u00df eh kein Fleisch, aber mein Bruder fand\u00b4s nicht schlecht)<br \/>B-Note: 3 (gut gedacht, aber um keine Fettfinger zu kriegen und alle Scheibchen so zu kombinieren, da\u00df au\u00dfen die Cracker sind, mu\u00df man sich schon gigantische Salami-K\u00e4se-Whopper bauen)<\/p>\n\n\n\n<p>Langnese-Eis &#8222;Kick off&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Von der K\u00fchl<em>theke<\/em>&nbsp;begab ich mich heute direkt zur K\u00fchl<em>truhe<\/em>, ich ging nicht \u00fcber &#8222;Los&#8220; und kassierte keine 1000 Mark ein. An der K\u00fchltruhe kam ich allerdings etwas widernat\u00fcrlich ins Schwitzen, denn eigentlich hatte ich die Kultobjekte zweier Eis-am-Stiel-Generationen ins Auge gefa\u00dft: das &#8222;Dolomiti&#8220;-Eis aus meiner Sandkastenzeit (das allerdings nicht mehr grell in pink-wei\u00df-neongr\u00fcn leuchtet, denn aus lebensmittelgesetzlichen Gr\u00fcnden mu\u00df das heute mit Rote Beete, Spinat usw. gef\u00e4rbt werden und sieht deshalb nat\u00fcrlich nicht mehr so schick aus) und das Roth\u00e4ndle-farbene &#8222;Flutsch-Finger&#8220;-Eis aus den Sandkastentagen meines Bruders. Aber Fehlanzeige. Was tun, dachte ich, und entdeckte einen gr\u00fcnen Nachz\u00fcgler der Fu\u00dfball-WM namens &#8222;Kick off&#8220;. Sowas \u00e4hnliches, n\u00e4mlich &#8222;Piss off&#8220;, hatte ich ohnehin schon an die Adresse der deutschen Nationalkicker auf den Lippen, die sich am Tage des Eiskaufs erstmals unter Ribbeck\u00b4scher Regie gegen die T\u00fcrken blamieren durften.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie hatte ich was knalliges Rundes erwartet, zumindest aber keinen Milcheis-Stollenschuh in wei\u00df und ros\u00e9. Sowas w\u00fcrde nicht mal Andi M\u00f6ller tragen. Im gro\u00dfen und ganzen bewahrheitet sich einmal mehr: Trau\u00b4 keinem Eis, das einen Alibi-Kaugummi als Draufgabe anbietet. Mit solchen Tricks versucht die Speiseeis-Industrie von den Fehlkreationen ihrer Design-Etage abzulenken. Unverst\u00e4ndlicherweise, denn wer so doof ist, sich mit einem Bonus-Kaugummi k\u00f6dern zu lassen, der nimmt grauenhaft altbackene Eis-Ideen ohnehin nicht wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>A-Note: 4 (s\u00fc\u00dflicher Erdbeer-Geschmack, was f\u00fcr Iiiiihh-Jugend-Kicker&#8230;)<br \/>B-Note: 3 (der Stiel am Eis ist schon \u00b4ne praktische Sache, aber der seitlich aufgepappte Kaugummi weniger)<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/rocket.gif\" alt=\"Auf in die USA\" width=\"91\" height=\"68\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Wie nennt man das eigentlich, wenn man immer das, was man gerade nicht hat oder nicht kann, haben oder k\u00f6nnen m\u00f6chte, wenn man es allerdings haben und k\u00f6nnen kann (tut?), nicht mehr haben oder k\u00f6nnen m\u00f6chte? Stichwort &#8222;Verkaufsoffener Sonntag&#8220;: bald ist Weihnachten, und Saarbr\u00fccken \u00fcbt schon mal ein bi\u00dfchen das Gedr\u00e4nge, indem Samstags Feiertag ist, daf\u00fcr aber einen Tag sp\u00e4ter verkaufsoffener Sonntag. Da fa\u00dft man sich doch an den Kopf, oder? Vor einigen Wochen war \u00fcbrigens Weltkindertag und genau einen Tag sp\u00e4ter Weltalzheimertag. Auch klasse, oder? Naja, jedenfalls kann ich an einem verkaufsoffenen Sonntag nat\u00fcrlich nicht still zu Hause sitzen, sondern mu\u00df mir abends um sechs noch schnell im Kaufhof was zu Essen holen. Der Weg dahin war absolut t\u00f6dlich, \u00fcberall schleichende Leute mit Rieseneinkaufst\u00fcten, Kinder mit Werbeluftballons liefen mir vor den F\u00fc\u00dfen rum &#8211; das \u00fcbliche Horrorszenario halt. Ich immer mit genervter Miene und gehetztem Schritt, geschl\u00e4ngelt und gedr\u00e4ngelt und mental kurz vorm Amoklaufen. Amoklaufen, haha. Amokschieben vielleicht. Wie auch immer: kaum war ich dem Mob entronnen, hab ich erstmal tief Luft geholt und gaaanz laaaaangsaaam gemacht, bin gem\u00fctlich geschlendert und hab mich des Lebens gefreut. Gibt\u00b4s sowas? Tick ich noch ganz? Erst keine Zeit haben, aber pl\u00f6tzlich, wo ich schnell machen k\u00f6nnte, da geht\u00b4s dann auf einmal! Nicht zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderes Beispiel: im Erziehungsrepertoire einer jeden bildungsb\u00fcrgerlichen Kleinfamilie darf der Klavierunterricht nat\u00fcrlich nicht fehlen. An die verheerenden Konsequenzen f\u00fcr junge Klaviersch\u00fclerinnen denkt dabei allerdings niemand. Ich rede jetzt nicht von nervt\u00f6tenden Finger\u00fcbungen oder sehns\u00fcchtigen Blicken zum Fenster, durch die man dieselbe Sonne erblickt, welche zur gleichen Zeit die Freundinnenschar im Freibad w\u00e4rmt und \u00e4hnliches. Nein, ich rede von der Stigmatisierung als Kurzefingern\u00e4geltr\u00e4gerin! Was das f\u00fcr eine weibliche Pubertierende bedeutet, mu\u00df ich wohl nicht erkl\u00e4ren&#8230; Obwohl, wenn ich mich so erinner, dann f\u00e4llt mir niemand ein, der mal mit zehn wirklich sch\u00f6nen, langen Fingern\u00e4geln in der Schule neben mir sa\u00df. Im Gegenteil, wenn man genau hinsieht, haben die meisten M\u00e4dels&nbsp;<em>einen einzigen<\/em>&nbsp;wirklichlich und ziemlich \u00e4tzend langen Fingernagel &#8211; wenn\u00b4s hoch kommt auch mal zwei an einer Hand, der Rest ist auf Normalpegel und das noch nicht mal gleichm\u00e4\u00dfig. Wie kommt sowas? Ist das nur Unverm\u00f6gen oder gibt es einen ungeschriebenen Ehrenkodex, der besagt, da\u00df sowas nett anzuschaun ist? Und&nbsp;<em>jede<\/em>&nbsp;Generation macht das&nbsp;<em>wieder<\/em>! Ich schiel manchmal im Bus auf die H\u00e4nde halbstarker Sch\u00fclerinnen, daher wei\u00df ich das. Jedenfalls: heute hab ich nat\u00fcrlich keinen Klavierunterricht mehr, das w\u00e4r echt dekadent in meinem Alter, und \u00fcben tu ich auch nicht, wahrscheinlich w\u00fcrd ich mir im Falle eines Tastentests sofort alle Finger brechen &#8211; aber hab ich jetzt, wo ich\u00b4s darf, vielleicht lange Fingern\u00e4gel? Nein, nat\u00fcrlich nicht!!! Aber fr\u00fcher immer gejammert und an jedem Ferienende bittere Tr\u00e4nen vergossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute hab ich nicht nur keine langen, sondern so derma\u00dfen gewissenhaft kurze Fingern\u00e4gel, da\u00df ich f\u00fcr viele Mitmenschen irrt\u00fcmlicherweise ein Fall f\u00fcr &#8222;Stop\u00b4n\u00b4grow&#8220; bin, den \u00fcbelschmeckenden Nagellack, ein Mythos der BRAVO-Werbung. Gibt\u00b4s den \u00fcberhaupt noch? (Ja, wahrscheinlich schon, oder? Zumindest solange die Pubert\u00e4t nicht abgeschafft wird&#8230;) Ich trag das sogar v\u00f6llig freiwillig so, weil meine H\u00e4nde irgendwie nicht nach langen Fingern\u00e4geln und Ringen und so sind. Nein, ein Handmodel wird aus mir wohl nicht mehr. Nicht in&nbsp;<em>diesem<\/em>&nbsp;Leben. Eine Zeitlang hatte ich in meiner Jugend \u00fcbrigens auch noch Gitarrenunterricht, und da braucht man ja zumindest an der Zupfhand lange Fingern\u00e4gel. Das war vielleicht ein Dilemma! &#8222;Double bind&#8220; nennt man sowas in der Psychologie. Das Ergebnis sehen wir heute: f\u00fcr eine Karriere als Konzertpianistin hat\u00b4s nicht gereicht, und weil ich nicht mal \u00b4nen Schreibmaschinenkurs besucht hab, mu\u00df ich heute in Heimarbeit Kolumnen fertigen. Im Akkord. Ohne Bezahlung. Schnief.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, das ist nur das tr\u00fcbe Herbstwetter, das mich auf solch tr\u00fcbe Gedanken bringt. Der feuchte Modergeruch von Abschied und Verfall, Vergehen, Verschimmeln und Nichtmehrwiederkommen&#8230; Memento mori. Zeit, mein Testament zu machen! Au\u00dferdem flieg ich nun auch bald nach New York, und \u00fcber die Gefahren des Fliegens sprach ich ja schon in meiner letzten Kolumne. Hoffentlich st\u00fcrz ich nicht schon auf dem Hinflug ab, das w\u00e4r vielleicht bescheuert! Dann kann ich gar nicht mit der Staten Island Ferry fahren und mir Manhattan von Weitem anschaun. Das soll aussehn wie ein Haufen Legot\u00fcrmchen auf einem Bachblech, hab ich mir sagen lassen. H\u00fcbsches Bild, oder? \u00dcberhaupt hab ich mir neulich ein Touri-Video \u00fcber New York reingezogen, in dem Breakdance-Szenen mit s\u00fc\u00dflicher Industriefilm-Musik unterlegt sind. Und in der Staten Island Ferry waren viele Leute mit einem Miss-Liberty-Strahlenkranz aus Schaumstoff im Haar zu sehen (mu\u00df ich unbedingt haben!). Vor den amerikanischen Ern\u00e4hrungsgewohnheiten wurde ich allerdings gewarnt. Gibt es in ganz New York wirklich keinen einzigen Ballaststoff? Nicht mal einen klitzekleinen? Naja, daf\u00fcr aber sicher viele dampfende Gullideckel, brennende M\u00fclltonnen, immerw\u00e4hrendes Sirenengeheul, Wasserspender aus Plastik, Rapper mit riesigen Ghettoblastern, Madonna beim Shoppen, John F. Kennedy Jr. beim Streit mit seiner Frau im Central Park und was man halt noch so kennt aus den einschl\u00e4gigen seri\u00f6sen Informationsquellen \u00fcber New York wie Woody-Allen-Filme, Cagney-und-Lacey-Folgen, Bunte und MAX.<\/p>\n\n\n\n<p>Nee, auf dem Hinflug abst\u00fcrzen w\u00e4r nicht so gut. Dann lieber New York sehen und sterben. F\u00fcr andere hie\u00dfe das: hierbleiben und erben. Erben? Will den ganzen Schrott \u00fcberhaupt jemand? Und ob: verschiedene Leute h\u00f6rten von meinem Vorhaben und sicherten sich rechtzeitig ihre Pfr\u00fcnde. Angelika kriegt meine gesammelten &#8222;Galas&#8220;, Uta meinen Skulpturen-Baukasten &#8222;Der kleine K\u00fcnstler&#8220;, Pia soll bitte Sean, das Pl\u00fcsch-Schaf, unter ihre Fittiche nehmen, Heike hab ich meine 80er-Jahre-Kassetten zugedacht, Steffi bekommt meine Mond-Schneekugel und mein Chefredakteur erbt das gro\u00dfe Jazz-Lexikon. Da wird er sich bestimmt freuen, denn tief in ihm drin, unter der harten Schale des Independent-Fans, schl\u00e4gt das empfindsame Herz eines Jazz-Liebhabers&#8230; [Anm. d. Chefred.: Ist das J\u00fcngste Ger\u00fccht auch f\u00fcr \u00fcble Nachrede zust\u00e4ndig??]<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich hier nicht ber\u00fccksichtigt sieht, sollte sich im Falle des Falles mit meinem Bruder in Verbindung setzen, dem eigentlichen Alleinerben, der mich hat wissen lassen, der Titel &#8222;Erbverweser&#8220; gefalle ihm noch viel besser. Er kann sich ja von seinem Erbe Visitenkarten drucken lassen&#8230; Wenn ich tats\u00e4chlich nicht mehr zur\u00fcckkomm, mu\u00df ich dann eigentlich vorher noch mein Zimmer aufr\u00e4umen? Nee, ne?! Also: tut mir leid mit dem Chaos, aber im K\u00fchlschrank steht noch ein P\u00e4ckchen Butter und Kr\u00e4uterquark, der m\u00fc\u00dfte noch gut sein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4chz, mein Kopf ist leer. Alte Bekannte m\u00f6gen jetzt sagen: Ja und? War das bei Dir mal anders? Nat\u00fcrlich war\u00b4s das, s\u00e4\u00dfe ich sonst schon an Folge 6 meines N\u00e4hk\u00e4stchens?! (Eben hab ich \u00fcbrigens versehentlich erst &#8222;M\u00e4hk\u00e4stchen&#8220; geschrieben: auch nett, oder? M\u00e4h!) Das Leere-Kopf-Syndrom ist die Berufskrankheit und der Alptraum eines jeden Kolumnisten. Was ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[],"class_list":["post-29901","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. Katja","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/frl-katja\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29901"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29901\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}