{"id":29917,"date":"1999-08-25T11:11:00","date_gmt":"1999-08-25T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=29917"},"modified":"2022-09-15T19:21:45","modified_gmt":"2022-09-15T17:21:45","slug":"frl-katjas-naehkaestchen-folge-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/08\/frl-katjas-naehkaestchen-folge-13\/","title":{"rendered":"Frl. Katjas N\u00e4hk\u00e4stchen, Folge 13"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Popkomm-Tagebuch<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Donnerstag, 19.8.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>13.44 Uhr<\/strong>&nbsp;Es geht los. Ankomme in Essen. Im Rahmenprogramm: Tante Lisbeth (f\u00fcr mich meine Oma, in Wirklichkeit deren Schwester), die flei\u00dfig trainiert, ihren Blutzucker zu messen, und nun mit &#8222;Essen auf R\u00e4dern&#8220; leben mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/popk01.gif\" width=\"200\" height=\"208\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Elisabeth, ihre Tochter, erz\u00e4hlt, wie man 100 Jahre alt werden kann: &#8222;Steht in der Bildzeitung!&#8220; Peter, ihr Bruder, verdreht die Augen. Elisabeth (verteidigt sich):&#8220;Du wirst lachen: was in der BILD steht, steht am n\u00e4chsten Tag genau&nbsp;<em>so<\/em>&nbsp;in der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung,&nbsp;<em>Anm. d. \u00dc.<\/em>)!&#8220; Keine Reaktion bei Peter, wenigstens keine \u00fcberraschte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>20 Uhr<\/strong>&nbsp;Uli, meine Tante, schnuppert alarmiert nach unserer Begr\u00fc\u00dfung und murmelt: &#8222;Das ist was Sexuelles, das ist was Sexuelles. Moschus oder sowas.&#8220; Es stellt sich dann raus, sie meint tats\u00e4chlich mein Deo &#8222;White Musk&#8220; aus dem Body-Shop.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>22.30 Uhr<\/strong>&nbsp;\u00dcbernachte bei Winni, meinem Onkel, in M\u00fclheim a. d. Ruhr. Und siehe da: ich hab einen HipHopper in der Familie: mein Cousin &#8222;Thorti B&#8220; (17), der mir seinen 2 DIN A4-Seiten(!)-langen Text &#8222;Die Stunde der Wahrheit&#8220; pr\u00e4sentiert! Sp\u00e4testens jetzt ist mir egal, da\u00df ich die Konzerte in K\u00f6ln verpasse, weil ich kein Hotelzimmer mehr gekriegt hab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freitag, 20.8.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>7.30 Uhr<\/strong>&nbsp;Noch mehr Cousinen und Cousins. Alle gro\u00df geworden (&#8222;gewachsen&#8220;) und total sympathisch. Trudeln nach und nach in der K\u00fcche ein: &#8222;Oh&nbsp;<em>Mann<\/em>, hier gibt\u00b4s ja&nbsp;<em>Fr\u00fchst\u00fcck<\/em>!!!&#8220; Mampfe besch\u00e4mt mein Hefe-Br\u00f6tchen mit Schoko-Splits. Winni weigert sich, seine Kinder zur Schule zu fahren. Zehn Minuten sp\u00e4ter sitzen wir im Auto Richtung Hauptbahnhof. Steige besch\u00e4mt in den Zug.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>10 Uhr K\u00f6ln&nbsp;<\/strong>K\u00f6ln-Messe: Congress-Centrum Ost, Halle 13. Akkreditiere mich am Presse-Schalter und hole meine PopKomm-Tasche ab. Erste Entt\u00e4uschung: keine S\u00fc\u00dfigkeiten, nix zu Knabbern drin. Nicht mal Kulis, Streichh\u00f6lzer oder so. Daf\u00fcr ein Mundschutz als Supplement des Magazins &#8222;Loop&#8220;. Laut Chefredakteur sieht Hinter-Net!-Mitarbeiter Roland Keimel damit aus wie Michael Jackson. Roland ist schwarzhaarig.<\/p>\n\n\n\n<p>Treffe Hinter-Net!-Kollegen Kai Florian Becker an der Rolltreppe. Kann sich nicht entscheiden, ob er vor Stolz platzt, weil er f\u00fcr die Saarbr\u00fccker Zeitung Bericht erstatten darf, oder ob er profim\u00e4\u00dfig \u00fcber den Stre\u00df st\u00f6hnt. Rollen ins Pressezentrum. Kai Florian haut seinen Artikel in den Computer, und ich stelle fest, da\u00df Journalisten eindeutig die schlechtestgekleideten Personen dieses Planeten sind, allen voran vermutlich die von Rundfunk und Printmedien. Der Gipfel: ein Typ mit kurzen braunen Hosen, wei\u00dfen Socken, Lederhalbschuhen und einem &#8222;Hardrock Caf\u00e9&#8220;-T-Shirt. Ausnahme: die Antenne Bayern-Maus, von der sich Kai Florian Feuer geben l\u00e4\u00dft. Dann trotten wir in Richtung Europasaal: Pressekonferenz des WDR in Sachen &#8222;Pop 2000. 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland&#8220;, eine zw\u00f6lfteilige TV-Doku. Ab 12.9. \u00fcber kurz oder lang in allen Dritten Programmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11.20 Uhr&nbsp;<\/strong>Gedr\u00e4nge vorm Europasaal. Wir stehen direkt an der T\u00fcr. Die Security l\u00e4\u00dft noch keinen rein. Daf\u00fcr Kellner mit Tabletts. Kai Florian greift sich irgendein Glas. Wasser? Sekt? Wein?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11.30 Uhr&nbsp;<\/strong>Endlich Einla\u00df. Wir sitzen weit vorne, in der vierten Reihe. Der Saal ist voll. Vor der B\u00fchne warten die Fotografen auf die Promis. Fotografen sind noch schlechter angezogen als Rundfunk- und Printmedienjournalisten, denn sie kommen garantiert nicht mit auf\u00b4s Bild, weil sie ja die Bilder machen. Und alle tragen sie diese \u00e4rmellosen Westen mit den vielen Taschen. Nicht nur in Krisengebieten, sondern auch hier, auf der Popkomm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11.45 Uhr&nbsp;<\/strong>Die Promis kommen. Zuerst die ganzen Macher von WDR, Me, Myself and Eye, MusikKomm, EMI und so. Dann die echten Promis, allen voran Herbert Gr\u00f6nemeyer, bei dessen Label CD-Box und Compilation zu &#8222;Pop 2000&#8220; erscheinen. Neben ihm, an der Seitenwand des Europasaals: Campino. Und daneben: Hinter-Net!-Mitarbeiter Carsten Frank, der keinen Platz mehr gekriegt hat. Zwei Langeweiler von den Guano Apes schlendern vorbei. Echt schlurfen zu ihren Sitzen. Westbam l\u00e4\u00dft sich nieder, aber den erkennen wir erst sp\u00e4ter, als er namentlich auf der B\u00fchne pr\u00e4sentiert wird. Drei Reihen vor uns nimmt Smudo Platz, ich sto\u00dfe Kai Florian an und teile das Gesehene mit, aber der macht sich gerade Notizen und reagiert nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11.50 Uhr&nbsp;<\/strong>Auf der B\u00fchne erscheint Kai Florians und mein eigentlicher Promi, der Mann, wegen dem wir hier sind: Moderator G\u00f6tz Alsmann! Kai Florian freut sich wie ein kleines Kind an Weihnachten. Ich mich auch. Alsmann begr\u00fc\u00dft uns mit &#8222;Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder&#8220; und erkl\u00e4rt das Konzept dieser Doku-Reihe \u00fcber eine Zeit, in der &#8222;junge Erwachsene anfingen, sich schei\u00dfe anzuziehen&#8220;, er beleidigt Krautrock-Bands, Nena, Til Schweiger und Beckmann, letztere sind als Zeitzeugen in den Appetizer-Filmchen zu sehen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"271\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/randale.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29918\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Macher erl\u00e4utern ihre Intentionen. Dieter Kosslick von der Filmstiftung NRW beispielsweise wollte einfach nochmal die Bilder des legend\u00e4ren Bill Haley-Konzerts irgendwo&nbsp;in NRW sehen, wo die Musiker der &#8222;Vorgruppe&#8220; (das Jazz-&#8222;Orchester Kurt Edelhagen&#8220;) nach dem Auftritt ihre Instrumentenk\u00f6fferchen fest umklammert hielten, weil schon bei den ersten Takten von &#8222;Rock around the clock&#8220; die St\u00fchle flogen. Meine Intention, diese Episode zu erw\u00e4hnen, ist der Hinweis, da\u00df meine Mutter damals ebenfalls beim Bill Haley-Konzert war (ihr Klavierlehrer hat sie mitgenommen), allerdings in der Essener Gruga-Halle. Aber auch mit Kurt Edelhagen. Und mit St\u00fchlefliegen. G\u00f6tz Alsmann weist auf den damaligen S\u00e4nger des Orchesters Kurt Edelhagen hin: Bill Ramsey. Zu den Machern auf der B\u00fchne gesellt sich ein Mann vom Spiegel (Lothar Gorris). Er ist als einziger unf\u00e4hig, sich auch nur halbwegs vorteilhaft auf der Pr\u00e4sentations-Couch zu positionieren. Als er sich mit \u00fcbereinandergeschlagenen Beinen seitlich nach hinten lehnt, sieht man seine nackten Schienbeine, seine dicken Schenkel und von ihm selbst fast gar nichts mehr, weil er sich cool zur\u00fccklehnt und die Arme auf die R\u00fcckenlehne legt. Alle anderen kauern vorn\u00fcbergebeugt und frontal zum Publikum auf der niedrigen Sitzfl\u00e4che. Gewu\u00dft, wie!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erfahren, da\u00df der Spiegel auch ein ganz gro\u00dfer Kulturpromoter mit eigener CD-Edition (unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit) ist und sich ganz heftig f\u00fcr Jugendkultur interessiert. G\u00f6tz Alsmann merkt an, welch schlechtes Zeichen es sei, als Kultur-Act im Spiegel besprochen zu werden, sp\u00e4testens dann sei es mit der Karriere vorbei. Der Spiegel-Mensch kontert mit der R\u00fcckfrage, wann er selbst denn zum letzten Mal dringestanden h\u00e4tte, und Alsmann antwortet: &#8222;Vor zwei Jahren. Man sieht ja, was draus geworden ist.&#8220; Die Journalisten \u00fcberschlagen sich \u00fcbrigens mit intelligenten Fragen, etwa, wie teuer die CD-Box wird (140 bis 150 DM), warum sie selbst nicht best\u00fcckt werden, und wer denn sowas kaufen soll. Ob die TV-Reihe auch ins Ausland verkauft wird, welche Archive gepl\u00fcndert wurden (haupts\u00e4chlich die der ARD) und warum man denn nun wirklich glaubt, da\u00df solch eine Doku noch n\u00f6tig sei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12.30 Uhr&nbsp;<\/strong>Gr\u00f6nemeyer kommt auf die B\u00fchne und erl\u00e4utert das CD-Projekt: die Box mit der Musik-Historie und die Compilation, auf der aktuelle deutsche Acts wahllos Hits deutscher Kollegen covern. Jetzt werden auch die restlichen Musik-Promis auf die B\u00fchne geholt. Drei Reihen vor uns erhebt sich Smudo, und ein begeisterter Kai Florian st\u00f6\u00dft mich an: &#8222;Mann, guck mal, der sitzt da schon die ganze Zeit, und ich merk nix.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12.31 Uhr&nbsp;<\/strong>Wir erfahren Unglaubliches \u00fcber die Entstehung der Compilation. Also, Gr\u00f6nemeyer ruft Smudo an und sagt: &#8222;Hallo, hier ist Herbert Gr\u00f6nemeyer, ich ruf aus London an, willst Du einen Song zu ner Compilation beisteuern?&#8220; Und Smudo sagt: &#8222;Ja klar, hier ist der Papst, ich sitzt an meinem Schreibtisch in Rom (Rest unverst\u00e4ndlich,&nbsp;<em>Anm. d. \u00dc.<\/em>)&#8220; und legt auf. Rest kann man sich denken, jedenfalls haben die Fantastischen Vier ihren Song beigesteuert. Dann ein Langeweiler von den Guano Apes, der versucht, witzig zu sein: &#8222;Ja, auch uns hat Herbert Gr\u00f6nemeyer zu Hause angerufen, nein, Quatsch, also wir wurden jedenfalls auch gefragt, ob wir mitmachen blabla&#8230;&#8220; Weiter mit Campino: &#8222;Uns hat niemand angerufen, aber wir wollten unbedingt mitmachen.&#8220; Gel\u00e4chter im Saal. Ein Kind von Echt ist einfach ehrlich: &#8222;Also, wir hatten unseren Song sowieso schon fertig, auch ohne Compilation.&#8220; Besonders anerkennender Applaus im Saal. Und so weiter&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Gr\u00f6nemeyer legt Wert darauf, da\u00df ihm als Herausgeber der CD enorm peinlich war, selbst auch als Coverversion mit eigenem Song vertreten zu sein, Peter Maffay hatte sich n\u00e4mlich ausgerechnet &#8222;Alkohol&#8220; ausgesucht und lie\u00df sich auch nicht durch Gr\u00f6nemeyers Bitten davon abbringen: &#8222;Den oder keinen!&#8220; Dazu Campino: &#8222;Wieso Herbert, Du hast uns doch selbst gesagt, wenn wir zwei Deiner Songs covern, kommen alle beide aufs Album?!&#8220; Gel\u00e4chter im Saal und auf der B\u00fchne. Ach ja, Westbam hat auch was gecovert und freute sich dar\u00fcber vor allem, weil er hier auch mal zum Singen kam, wozu ihm sein eigenes Projekt so selten Gelegenheit gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12.50 Uhr&nbsp;<\/strong>Kai Florian mu\u00df schon gehen, denn er hat noch einen Termin um 14 Uhr. Ich bleib noch die restlichen 10 Minuten bis zum Schlu\u00df.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"194\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/popkommtueten.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29925\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>13 Uhr&nbsp;<\/strong>Kurzer Abstecher ins Pressezentrum, aber mit dem Chefredakteur, der in K\u00f6ln beim Bekannten eines Bekannten gepennt hat, bin ich erst in einer Stunde verabredet. Also auf ins bunte Messe-Get\u00fcmmel. Mit meinen Cousins und Cousinen im Hinterkopf lange ich kr\u00e4ftig zu und schleppe bald kiloweise Kataloge, Brosch\u00fcren, Flyer, Postkarten, Mousepads, Aufkleber und CDs mit mir rum. Doch die Entt\u00e4uschung h\u00e4lt an: keine Kulis, keine Drops, keine Chips, keine CDs aus Kaugummi. Noch schlimmer: MTV hat nicht mal Pressemappen, und VIVA will seine erst nach der morgigen Pressekonferenz rausr\u00fccken. Daf\u00fcr gibt\u00b4s am Musikmarkt-Stand Tragetaschen. Kr\u00e4ftige, belastbare Tragetaschen, in die man seine Katalog-Massen packen kann. Einfach nur Tragetaschen, und doch werden mich noch wildfremde Menschen mit leuchtenden Augen fragen, wo es denn die Taschen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>13.15 Uhr&nbsp;<\/strong>Vergleiche die Messe-People mit denen vor zwei Jahren, bei meinem ersten PopKomm-Besuch. Damals f\u00fchlte ich mich leicht deplaziert unter all den coolen Business-Leuten mit ihren Handys und den hippen Promo-Girls mit den blauen Haaren. Aber so viele hippe Typen gibt\u00b4s dies Jahr nicht mehr, Handys sind l\u00e4ngst nichts Besonderes mehr, ganz in Schwarz mit Jeansj\u00e4ckchen kann man nicht viel falsch machen, und unter uns Rundfunk- und Printmedienjournalisten bin ich eindeutig eine der bestgekleideten! Vermisse die \u00fcberdimensionalen Beavis- und Butthead-Ausgaben von vor zwei Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>14 Uhr&nbsp;<\/strong>Treffe den Chefredakteur im Pressezentrum. Nach 31st\u00fcndiger Trennung. Bei der Begr\u00fc\u00dfung merke ich meine Entzugserscheinungen. Kurzer Austausch \u00fcber Erlebtes. Mu\u00df noch lernen, an den St\u00e4nden Snacks und Getr\u00e4nke zu schnorren, bin kurz vorm Verhungern, doch der Chefreakteur hat meine geliebten Puffreiscr\u00e4cker mit Schokolade dabei! Gemeinsamer Bummel \u00fcber die Messe. Verabredung des Chefredakteurs mit einem Bekannten, sie erbeuten ein Caf\u00e9-Tischchen, ich bummel weiter. Stelle fest: Plattenfirmen-Leute sehen nicht halb so cool aus wie Promo- und Marketing-Leute. Eher so linksliberal-alternativ. Zumindest die von den kleinen Labels.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"191\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/70erdeko.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29926\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>15 Uhr&nbsp;<\/strong>Hab in einer Stunde einen Interviewtermin, werd langsam nerv\u00f6s. Entdecke in einer Ecke eine Ausstellung mit Einrichtungsgegenst\u00e4nden aus den 70ern. Cool! Auch viele Musik-St\u00e4nde sind als Wohnzimmer gestaltet und bieten Sitzgelegenheiten. Manche absichtsvoll spie\u00dfig mit r\u00f6hrendem Hirsch an der Wand, am Spiegelstand mit Nierentischchen, 50er Jahre-Fernseher und mintfarbener Chaiselongue, bei Viva pl\u00fcschig in Pink mit bunten Barbie-Puppen hinter Glas und durchsichtigen Plastikblasen, die von der Decke h\u00e4ngen mit irgendwas drin. Eindeutig hipper als bei MTV, wo\u00b4s nur wie eine gro\u00dfe wei\u00dfe Lounge aussieht. Und keine Pressemappen gibt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"280\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/fotografendress.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29927\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>15.45 Uhr<\/strong>&nbsp;Im Pressezentrum dreht ein Typ ab, der entfernt aussieht wie der Musiker, den ich gleich interviewen soll. Ich kriege Angst. Jemand mit einer Tropenkappe aus Jeans-Stoff auf dem Kopf kommt: es ist Axel, unser Hinter-Net!-Fotograf. Er tr\u00e4gt eine \u00e4rmellose Weste mit vielen Taschen dran. Er erkl\u00e4rt mir, da\u00df sie einfach ungemein praktisch seien, gerade auch f\u00fcr die vielen Filmr\u00f6llchen und so. An die Weste sind zwei auff\u00e4llige Orden gepinnt, der mit dem Nicole-Foto (die Schlagers\u00e4ngerin,&nbsp;<em>Anm. d. \u00dc.<\/em>) ist vom Flohmarkt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>15.55 Uhr&nbsp;<\/strong>Gleich ist es soweit, ich werde Nick Laird-Clowes alias &#8222;Trashmonk&#8220;, Ex-Dream Academy, Backings Vocals auf dem letzten T. Rex-Album, Mitarbeit an Pink Floyds &#8222;Division Bell&#8220;, Ex-Mitbewohner von Paul Simon, Ex-Gast von John Lennon, in dessen Haus er auch seine Unschuld verlor, und Ex-Ratgeber von Brian Wilson interviewen. Sein Promo-Manager holt uns ab: mich, die Interviewerin, Axel, den Fotografen, und den Chefredakteur, den Mann mit dem Mini-Disc-Aufnahmeger\u00e4t. Mit dem Aufzug fahren wir in die K\u00f6lnLounge. Ich hab immer noch Angst, aber der Promo-Manager erz\u00e4hlt, da\u00df Mr. Trashmonk total gut drauf ist, er sprudele nur so vor Mitteilungslust. Jetzt bin ich nur noch aufgeregt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"175\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/interview.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29928\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>16 Uhr&nbsp;<\/strong>Nick Laird-Clowes ist eine zierliche Person um die 40 und von umwerfender Freundlichkeit. W\u00e4hrend der Chefredakteur das Aufnahmeger\u00e4t positioniert und aussteuert, radebreche ich auf englisch eine Art Begr\u00fc\u00dfung, und erfahre, da\u00df Laird-Clowes zum ersten Mal in Deutschland ist, aber schon die Basics drauf hat: &#8222;Ein Kolsch bitte!&#8220; Zum Interview setzt er sich eine Brille mit durchgehenden blauen Gl\u00e4sern auf die Nase, die l\u00e4\u00dft er auch an, nachdem Axels Fotoshooting beendet ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>16.33 Uhr&nbsp;<\/strong>Trashmonks Promo-Manager l\u00e4\u00dft sich blicken: Zeichen, da\u00df ich zum Ende kommen mu\u00df. Ich bin nicht mehr aufgeregt, sondern nur noch gl\u00fccklich. Nick Laird-Clowes hat 30 Minuten lang gesprudelt und ist nach wie vor von umwerfender Freundlichkeit. Das Interview lest Ihr nat\u00fcrlich&nbsp;<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/09\/kloster-koelsch-und-kaffee\/\" data-type=\"post\" data-id=\"29919\">hier<\/a>&nbsp;bei Hinter-Net!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>16.45 Uhr&nbsp;<\/strong>Nochmal gemeinsamer Bummel mit dem Chefredakteur \u00fcber die Messe. Abstecher bei zwei Fotoausstellungen in den Hallenecken. Kurze Begegnung mit Kai Florian. Keine Begegnung mit dem Bekannten des Chefredakteurs, der den Schl\u00fcssel zur Wohnung hat, in der beide \u00fcbernachten. Abstecher an den St\u00e4nden von Blue Rose und Indigo, kleines Gespr\u00e4ch mit einem Menschen von Marina. Am Plattenmeister-Stand wird ein Foto vom Chefredakteur gemacht, wie jedes Jahr. Dann trennen sich unsere Wege.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>17.15 Uhr&nbsp;<\/strong>Bin wieder allein. Am Blackout-Stand wird mir angeboten, mich k\u00fcnftig regelm\u00e4\u00dfig mit dem gleichnamigen Black-Music-Magazin zu best\u00fccken, ich soll ein aufwendiges Formular ausf\u00fcllen: jetzt lohnen sich die Visitenkarten! Bekomme noch eine coole Kassette: Blackout Tape #4! Am Perry Rhodan Stand gibt\u2019s Schl\u00fcsselanh\u00e4nger mit Hologramm-Motiv. Und ein kleines, gr\u00fcnes Fl\u00e4schchen mit &#8222;Vurguzz&#8220;, dem Weltraum-Getr\u00e4nk. In der Pressemappe liegt eine Perry Rhodan-CD-ROM. Die coolste Pressemappe ever krieg ich allerdings am Stand der &#8222;Techno Parade&#8220; (am 18.9. in Paris): ein &#8222;Dossier de Presse&#8220; in Form einer Feuerwehr-roten LP-H\u00fclle mit Brosch\u00fcre, Aufkleber etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Von weitem leuchtet mir ein schwarzer Schriftzug auf wei\u00dfem Grund mit rotem Rand entgegen, der mir spontan kein Begriff ist, aber ich merke: irgendwo tief in mir schreit es: &#8222;Kindheit&#8220;! Und richtig, &#8222;Europa&#8220; vertreibt Kassetten-Klassiker wie &#8222;Die drei ???&#8220;, &#8222;Hanni und Nanni&#8220;, &#8222;TKKG&#8220; und &#8222;F\u00fcnf Freunde&#8220;. Am Stand selbst dichtes Gedr\u00e4nge, obwohl es praktisch nichts gibt au\u00dfer Europa-F\u00e4hnchen und Europa-T\u00fcten. Beim Stand eines Zeitschriftenverlag krieg ich ein D\u00f6schen mit Mint-Pastillen. Sieht eher aus wie die typischen S\u00fc\u00dfstoff-Beh\u00e4lter. Weiter zum Visions-H\u00e4uschen, das heuer nur ein Thema kennt: South Park. Auch ich freu mich auf die kultige Trickserie mit den bunten Pfannkuchengesichtern (ab September bei RTL) und decke mich ein mit Zeitschriften, Postkarten und Plastikk\u00e4rtchen. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"189\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/trimdich.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-29929\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Das jetzt-Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung hat \u00fcbermorgen eine Veranstaltung im Rahmen der WortKomm, am Stand gibt\u00b4s Magazine und lustige Postkarten mit den ber\u00fchmten Trimm Dich-Taschen meiner Jugend. Noch schnell zu den Niederlassungen der Schweden und der Finnen: nicht uninteressant f\u00fcr Liebhaber skurriler und erfrischender Musik. Die Schweden sind freigiebig mit wirklich h\u00fcbsch aufgemachten Compilations zu den Stilrichtungen Urban Pop, Jazz World, Dance und Rock, mehr zum Inhalt in den entsprechenden Rezensionen. Bei Ceraton gibt\u00b4s einen Sampler von Deutschlands \u00e4ltestem DJ, wie hip der ist, wird sich noch zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>18.30 Uhr<\/strong>&nbsp;Warten in den superbequemen Sesseln des klimatisierten Pressezentrums. Es leert sich, in einer halben Stunde macht die Messe dicht. Weiter hinten werden gerade die Computer runtergefahren. Mir gegen\u00fcber sitzt noch eine Journalistin, die unterm Walkman ihren Artikel fertigschreibt. Jetzt will sie ihn wegfaxen. Computer werden wieder hochgefahren. Die Antenne Bayern-Maus von morgens ist auch wieder da f\u00fcr ihre ISDN-\u00dcberspielung. Hat einen Laptop und verwirrend viele Kabel, doch der Leiter des Pressezentrums hilft beim Einst\u00f6pseln. Ich h\u00f6r sie fragen: &#8222;Ist das da mein Loch?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>18.45 Uhr&nbsp;<\/strong>Der Chefredakteur kommt ins Pressezentrum, weder er noch ich haben seinen Bekannten mit dem Schl\u00fcssel zur Wohnung gesichtet. Also auf ins Hotel zu Kai Florian, mit f\u00fcnf Taschen und 100 Kilo Katalogen unterm Arm. Alles meine.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>19.10 Uhr<\/strong>&nbsp;Im Hotel Anruf beim Bekannten. Der ist schon in der Wohnung und wartet auf uns. Wir machen uns auf den Weg. Es regnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>19.40 Uhr&nbsp;<\/strong>In der Wohnung seines Bekannten sitzt unser Bekannter beim Durchbl\u00e4ttern seiner Kataloge, raucht eine Zigarette und fragt, wer Kaffee will. Wir verschnaufen, der Chefredakteur packt seine Sachen zusammen und macht sich mit mir auf den Weg nach M\u00fclheim a. d. Ruhr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>20.20 Uhr&nbsp;<\/strong>Ankommen am K\u00f6lner Hauptbahnhof, drei Taschen und hundert Kilo Kataloge wandern ins Schlie\u00dffach. Mir ist dabei etwas mulmig zumute, doch der Chefredakteur beruhigt mich: &#8222;Denk mal an die Gangster in den Filmen, die tun ihre Sachen auch in immer in Schlie\u00dff\u00e4cher.&#8220; Ich bin beruhigt. Am Dom nur ein winziges Bauger\u00fcst, das ist ungew\u00f6hnlich. Sollte er tats\u00e4chlich fast fertig sein? Mit L\u00f6chern im Bauch machen wir uns auf die Suche nach einem asiatischen Restaurant. Finden einen Chinesen direkt \u00fcberm McDonalds. Der Chefredakteur l\u00e4\u00dft meinen verschmutzten Teller&nbsp;zur\u00fcckgehen. Und schl\u00e4ft fast im Sitzen ein. Beim Rausgehen entdecken wir im Treppenhaus ein Fischbassin, so gro\u00df wie ein kleines Schwimmbad. Das schreit nach einem Tatort, der im Chinesen-Mafia-Milieu spielt. Dazu br\u00e4uchte man nur ein paar der alten Drehb\u00fccher neu zusammenzuwursteln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>23 Uhr<\/strong>&nbsp;Ankommen Essen Hauptbahnhof. Mein Onkel wartet schon am Gleis. Im Rahmenprogramm heute: meine Cousine Kerstin, die uns ihre zwei Ratten und zwei Kaninchen zeigt. Ich sehe zum ersten Mal ein Widder-Kaninchen. Die werden ziemlich gro\u00df. Ich erz\u00e4hle von meiner Ratte, die aber schon seit 11 Jahren tot ist. Ich bin ja auch schon \u00fcber zwanzig, und Ratten sind nunmal Bestandteil der Jugendkultur&#8230; &#8222;Die Stunde der Wahrheit&#8220; ist inzwischen instrumentalisiert und auf CD gebrannt. Leider schlafen alle CD-Player schon. Das Radio meines Onkels noch nicht, da l\u00e4uft ein H\u00f6rspiel von Francis Durbridge. F\u00fcr den Chefredakteur gibt\u00b4s eine eigene Matraze, niemand wird ihm nachts die Arme in den Nacken schlagen. Er freut sich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Samstag, 20.8.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>8 Uhr&nbsp;<\/strong>Mein Onkel hat wieder klasse Fr\u00fchst\u00fcck gemacht. Die anwesenden Kinder haben sich mittlerweile dran gew\u00f6hnt. Jetzt treff ich auch meine Tante, die die ganze Woche Fr\u00fchdienst im Krankenhaus hatte. Mein Onkel, der deutschen HipHop-Texten recht kritisch gegen\u00fcbersteht, zeigt uns seine Chor-Noten: &#8222;La\u00df mich dein Badewasser schl\u00fcrfen&#8220;, &#8222;Unter den Pinien von Argentinien&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>10.30 Uhr&nbsp;<\/strong>Mit meinem Onkel im Auto nach K\u00f6ln. W\u00e4hrend der Chefredakteur hinten d\u00f6st, quatschen wir uns tot. Immerhin fast zehn Jahre nicht gesehen, da hat man was nachzuholen. &#8222;Wei\u00dft du noch, wie du dich mal auf dem Weg zu meinem Kindergarten verfahren hast, als du mir das M\u00e4rchen von den sieben Gei\u00dflein erz\u00e4hlt hast, die allein zu Haus waren, weil ihre Eltern auf ner Fortbildung waren&#8230;&#8220; &#8222;Wei\u00dft du noch, wie ich immer mit deinem spacigen 70er Jahre-Radio \u00b4Raumschiff\u00b4 spielen durfte&#8230;&#8220; &#8222;Wei\u00dft du noch, wie ich in eurer alten Wohnung unterm Dach gepennt hab, damals ist Karajan gestorben&#8230;&#8220; Ja, wu\u00dfte er fast alles noch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11.45 Uhr&nbsp;<\/strong>Wieder auf der PopKomm. Der Chefredakteur hat eine Verabredung mit einer Bekannten, die sich gerade als Promoterin selbst\u00e4ndig gemacht hat. Ich zieh allein los. Zwischenstop am Stand mit dem &#8222;Jahrbuch Pop &amp; Kommunikation&#8220;, kurzer Kontrollblick: juhu, wir stehen drin, alles richtig geschrieben, sogar mit korrekter neuer Adresse! Naja, w\u00e4r auch schlimm, wenn nicht, denn die Hinter-Net!-Anmeldung hab schlie\u00dflich ich ausgef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12 Uhr<\/strong>&nbsp;Viva-Pressekonferenz im Europasaal. Keine Stuhlreihen wie am Vortag, blo\u00df ein paar Stehtische. Naja, das journalistische Interesse h\u00e4lt sich auch in \u00fcberschaubaren Grenzen. Auf der B\u00fchne ein Mann, der mal als Rundfunk- oder Printmedienjournalist angefangen haben mu\u00df, wahrscheinlich war er sogar Fotograf: der mit Abstand schlechtestaussehende Mensch dieser Messe und zugleich ihr Gr\u00fcnder &#8211; Viva-Impresario Dieter Gorny!<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/popk14.gif\" width=\"200\" height=\"223\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Lahm und m\u00fcde f\u00fchrt er durch die Veranstaltung, br\u00fcstet sich mit der Coolness der TV-Branche in Sachen &#8222;Digitalisierung&#8220;, w\u00e4hrend den Kollegen von der Tontr\u00e4gerindustrie ja vor Angst die Haare zu Berge stehen. Trallala, das Fernsehen hat damit kein Problem, in zehn Jahren ist eh das ganze deutsche Broadcasting-System digitalisiert, von der Regierung l\u00e4ngst beschlossen, so what?! Und von der ersten privat-\u00f6ffentlich-rechtlichen Koproduktion wei\u00df er zu berichten: die Verleihung des Komet-Musikpreises am Vorabend. Mindestens dreimal tut er dem ZDF die Liebe, auf den heutigen Erstausstrahlungstermin hinzuweisen. Das \u00fcbliche BlaBla: die Zielgruppe, nein, richtiger &#8211; die Stilgruppe &#8211; sei ja so schwer zu fassen, weil sie halt echt auf Glaubw\u00fcrdigkeit gehe, und diese sei nicht vorzut\u00e4uschen, Schleim&#8230; Dann blitzschnell die Wende: aber so und so und so werde man sie &#8211; w\u00f6rtlich &#8211; &#8222;fassen&#8220;! Ohne Umschweife. Zack, zack, zack. Viva, der Markenartikel, die Heilsbringer mit der freiwilligen 40%-Quote, der Markt eh mittlerweile zweigeteilt. Viva, der Trendsetter, das Familienmitglied, der gro\u00dfe Kommunikator mit der nonverbalen und emotionalen, straightaway ins Herz gehenden musikalischen Botschaft. Pr\u00e4sentation der neuen Werbeclips. Dann die Bekanntgabe der Neuheiten: Live-Sendungen nun auch am Vormittag. Interaktive Chartshow. Neue Deko (&#8222;Jugendzimmer werden auch immer wieder neu tapeziert.&#8220;). Neues Filmmagazin etc. Jetzt beginnt ein trauriges Schauspiel, da\u00df sich einige Male wiederholen wird: nach und nach werden die Viva-Moderatoren auf die B\u00fchne geholt, stellen sich kurz vor, sagen was zu ihrer Show, versuchen, gut drauf und sein &#8211; und wissen nicht mehr weiter &#8211; &#8222;\u00e4h, ja, das war\u00b4s eigentlich. Dieter, willst du wieder das Mikro?&#8220; Dieter will immer. Von Katharina Schwarz (das neue Filmmagazin), dem Typ von &#8222;World of bits&#8220;, dessen Namen ich nicht mehr wei\u00df, einer kleinen Schwarzen namens &#8222;Milka&#8220; &#8211; und von L\u00e4mmermann. Kotzw\u00fcrg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12.55 Uhr&nbsp;<\/strong>Gorny geht \u00fcber zum Thema &#8222;Viva 2&#8220;. Eine Zielgruppe, die noch schwerer zu fassen ist, weil zu unabh\u00e4ngigen, eigenwilligen Konsumenten gereift. Die kriegt man nur durch gutes Design, durch &#8222;kommunizierende Optik&#8220;&#8230; Ich mu\u00df dringend zum Treffen mit dem Chefredakteur ins Presszentrum.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>13.05 Uhr&nbsp;<\/strong>Der Chefredakteur und ich auf dem Weg zum K\u00f6lner Hauptbahnhof. Ankunft bei den Schlie\u00dff\u00e4chern: unsere Sachen sind noch da. Schwer bepackt schleppen wir uns wieder zum Bahnsteig, wo Unmengen von Ringfestbesuchern auf die gleiche S-Bahn warten wie wir. Die erste kommt und ist sofort voll. Wir stehen noch drau\u00dfen. Die T\u00fcren gehen endlich zu, doch die Bahn f\u00e4hrt nicht ab. Jetzt, in diesem Moment, kommt eine Gruppe hipper Girlies mit H\u00e4kelm\u00fctzchen auf die Idee, da noch mitzufahren. T\u00fcren wieder auf, aber nichts geht. Ein entnervter Schaffner kommt und beginnt freundlich zu verhandeln: &#8222;Ich mach Euch einen Vorschlag, da kommt gleich noch eine, hier pa\u00dft ihr eh nicht mehr rein blabla.&#8220; Es stellt sich heraus, da\u00df die M\u00e4dels ohnehin keine Ahnung haben, wie sie wohin m\u00fcssen, der zweite Zug ist auch nichts f\u00fcr sie. Der Schaffner ist auf dem R\u00fcckweg zu seiner Kabine. Eines der M\u00e4dchen ruft ihm nach: &#8222;Heh, das war kein Vorschlag!&#8220; Endlich die n\u00e4chste Bahn, wir fahren mit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>13.50 Uhr&nbsp;<\/strong>Ausstieg am Messe-Bahnhof. Vor f\u00fcnf Minuten waren wir mit dem Mann verabredet, der uns mit zur\u00fcck nach Saarbr\u00fccken nehmen will. Der Chefredakteur l\u00e4uft schon mal vor, erwischt unseren Mann noch am Aufzug. Rauf aufs Parkdeck mit inzwischen einer Tonne von Katalogen. Rein ins Auto, mit 180 \u00fcber die Autobahn, unterwegs die ersten Fu\u00dfballergebnisse im Radio, obwohl sich der Chefredakteur f\u00fcr\u00b4s abendliche &#8222;ran&#8220; aufsparen wollte. Gottseidank nur der Halbzeitstand. Um f\u00fcnf sind wir da.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>17.30 Uhr&nbsp;<\/strong>Bin frisch geduscht. Der Chefredakteur schaut seine e-mails durch. W\u00fchl mich durch die Katalog-Berge auf dem Sofa, schleiche mit einer halben Tonne doppelter Exemplare zum Papierm\u00fcll, bin schon halb aus der T\u00fcr, als der Chefredakteur vom Schreibtisch dr\u00f6hnt: &#8222;Und DAS hab ich GESCHLEPPT?!!!&#8220; Okay, n\u00e4chstes Jahr sortier ich vor der R\u00fcckfahrt aus. Aber dann haben wir auch wieder ein Hotelzimmer in K\u00f6ln, wo man sowas gem\u00fctlich machen kann. Denn das Durchgehen der Kataloge ist der halbe Spa\u00df bei der PopKomm und l\u00e4\u00dft sich nicht so zwischen T\u00fcr und Angel im Pressezentrum machen. Nein, das Checken der Beute ist H\u00f6he- und Schlu\u00dfpunkt einer jeden PopKomm und die Basis eines jeden PopKomm-Tagebuchs. In diesem Sinne: bis zum n\u00e4chsten Jahr!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/kolumnen\/katja\/images\/popk16.gif\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Epilog:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Durchschauen des Materials zeigt sich: es gibt ein neues Fun-Magazin namens &#8222;blond&#8220;, das sich optisch extrem an die \u00fcblichem Lifestyle-Magazine anlehnt und sich im Editorial \u00fcber drei Seiten hinweg trotzig daf\u00fcr rechtfertigt, da\u00df es eben nur Spa\u00df haben will und sich entsprechend gebiert. Offenbar gab\u00b4s b\u00f6se Leserbriefe und Watschen von Kollegen nach dem Deb\u00fct. Die Aufmachung ist okay, der Inhalt ausgelutscht: Titelstory \u00fcber Pornos (war letztes Jahr das Big Thing), Will Smith und Star Wars. Das Blatt-eigene &#8222;Warenk\u00f6rbchen&#8220; ist von mir geklaut, die Idee mit der Rubrik &#8222;Schei\u00df Job&#8220; schwebt uns schon lange f\u00fcr eine Hinter-Net!-Top Ten vor. Auch &#8222;IQ&#8220; hat sich &#8222;Music. Mode. Run. Real&#8220; auf die Fahne geschrieben, hat ein cooles, fast quadratisches Format und l\u00e4\u00dft sich auch wirklich gut anfassen, ist aber leider auf rauhem Karton-Papier gedruckt, also naturgem\u00e4\u00df entspiegelt und somit f\u00fcr uns optikversessene Zeitschriftenausschlachter unbrauchbar. Unsere nat\u00fcrlichen Feinde sind logischerweise die Fanzines: 0815-Papier, ohne Bilder und wie zu Hause mit selbstgeschnitzten Kartoffeln gedruckt. Nein, wir brauchen gl\u00e4nzendes Hochglanzpapier mit bonbonfarbigen Abbildungen, das sind unsere ganz persp\u00f6nlichen Glasperlen, f\u00fcr die wir sofort allen Grund und Boden rausr\u00fccken. Immerhin, IQ wartet mit einem Gemeinschaftsinterview mit den Sternen und Tocotronic auf, und ich hab mir auch ein paar Seiten mit guten Design-Ideen rausgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcblichen Musik-Magazine: Intro, Musikexpress, Spex, Indigo Notes, Musikwoche, Feedback und Metalhammer (hab mich sowas von gefreut, weil momentan ja mit Hetfield-Privatinterview drin, und am Kiosk war\u00b4s mir zu teuer.) Die ungew\u00f6hnlicheren: Generation S. Das Junge Schlecker Magazin und Popcorn. Auf dem Cover von Generation S: Jordan Knight. Drinnen: Infos \u00fcber Musik, Film und allerhand Medien-Am\u00fcsement. Auf festem Hochglanz-Papier. Ich werde mi\u00dftrauisch. Das kann nicht das Schlecker sein, das ich kenn, wo\u00b4s immer so eng ist und an der Kasse h\u00f6chstens eine gedruckte Sammlung redaktionell aufbereiteter Sonderangebote auf Billigstpapier, wenn auch im Vierfarbdruck, gibt. Hhm, ich bleib weiter am Thema dran. In der Popcorn ein Blech-Anh\u00e4nger in Herzform, wie man ihn nicht mal im ekligsten Kaugummi-Automaten ziehen k\u00f6nnte. Dazu eine Seite mit winzigen Star-Portr\u00e4ts in Herzform. Zitat Popcorn-Gebrauchsanweisung: &#8222;W\u00e4hle Deinen pers\u00f6nlichen Lieblings-Star und schneide das Herz-Motiv an der Bildkante entlang vorsichtig aus. Dann nimmst Du das Popcorn-Herz aus der T\u00fcte. Mit etwas Klebstoff befestigst Du Dein Star-Motiv im Star-Herz-Anh\u00e4nger. Warten, bis der Klebstoff trocken ist &#8211; fertig!&#8220; Na gut. Schnell hab ich meinen Star ausgeguckt, schnibbel und warte, bis der Klebstoff trocken ist &#8211; und schon baumelt Flat Eric an einer Schlinge um meinen Hals!<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo! Ein alter Bekannter ragt aus meiner PopKomm-Tasche: das &#8222;Kultur&#8220;-Heft des Spiegels. Sah ich bis dato nur ein einziges Mal, n\u00e4mlich vor zwei Jahren &#8211; in meiner PopKomm-Tasche! Find ich nie am Kiosk, gibt\u00b4s vermutlich nur im Abo. Damals war Elvis vorne drauf, jetzt isses Simmel. Der Niedergang des Blattes ist f\u00f6rmlich mit H\u00e4nden zu greifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonst noch was? Ja, ein Perry Rhodan-Fanzine namens SOL; ein Presse-Heft der Polydor, aufgemacht wie die Hauszeitung eines Fu\u00dfballvereins; 1999: ein superdickes, von der Allianz gesponsertes Jugendmagazin auf teurem Papier, aber mit zur\u00fcckhaltender Optik und im Untertitel den Slogan der hedonistischen Techno-Generation: &#8222;Go Future&#8220;! Au\u00dferdem noch ein weiteres Heft der Polydor (&#8222;Profile&#8220;), ein &#8222;NewsZine&#8220;, &#8222;Live in Corner&#8220;, das Musikmagazin &#8222;Gaffa&#8220;, &#8222;Berlin BETA 2.0&#8220; mit Supplement &#8222;Beam me up&#8220; nach Art der \u00fcblichen Tageszeitungen und ein &#8222;Music manual&#8220;. Jetzt kann ich nicht mehr, und der Chefredakteur mu\u00df das Zeug noch gegenlesen, redigieren, zensieren und hochladen. So long.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folge 13, in welcher Frl. Katja Verwandten- und Popkomm-Besuch miteinander verbindet und ganz viel schlecht gekleidete Berufsgruppen ausmacht.<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[66],"tags":[4733,4734,412,4563,526,1456,4735,4732],"class_list":["post-29917","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frl-katja","tag-goetz-alsmann","tag-groenemeyer","tag-koln","tag-messe","tag-musiker","tag-popkomm","tag-trashmonk","tag-verwandschaft"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Frl. Katja","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/frl-katja\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29917","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29917"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29917\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29917"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29917"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29917"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}