{"id":29919,"date":"1999-09-30T11:11:00","date_gmt":"1999-09-30T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=29919"},"modified":"2022-06-28T03:57:35","modified_gmt":"2022-06-28T01:57:35","slug":"kloster-koelsch-und-kaffee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/09\/kloster-koelsch-und-kaffee\/","title":{"rendered":"Kloster, K\u00f6lsch und Kaffee"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Gespr\u00e4ch mit Nick Laird-Clowes alias Trashmonk<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Laird Clowes war in den 80ern Chef der Dream Academy, als Teenie &#8211; nachdem er mit 13 von zu Hause auri\u00df, um zum Isle of Wight Festival zu kommen &#8211; Dauergast bei John Lennon (in dessen Haus er seinen ersten Sex hatte), sp\u00e4ter Mitbewohner von Paul Simon, Backing Vocals auf dem letzten T. Rex-Album, Mitarbeit an Pink Floyds &#8222;Division Bell&#8220;, von Brian Wilson als Genie bezeichnet und und und&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach neun Jahren meldet sich der Engl\u00e4nder jetzt mit eigenem Album zur\u00fcck (&#8222;<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/09\/trashmonk-mona-lisa-overdrive\/\" data-type=\"post\" data-id=\"29920\">Mona Lisa Overdrive<\/a>&#8222;), das zur\u00fcckhaltend und leicht verschroben klingt, wundersch\u00f6ne lyrische Folksongs und beatle-esque Ethno-Elektronik-Fusion enth\u00e4lt und den gesammelten Weltreisen des Typs Rechnung tr\u00e4gt. Es ist sein erster Deutschlandbesuch, aber die Basics hat er schon drauf: &#8222;Ein Kolsch bitte&#8220;. Etwas sei noch vorausgeschickt: &#8222;amazing&#8220; ist eines seiner Lieblingworte: <em>amazing, isn\u00b4t it?<\/em> It is.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Im Promo-Text wirst Du mit einem beeindruckenden Namedropping vorgestellt: Brian Wilson, John Lennon, Paul Simon, Pink Floyd, T. Rex&#8230; Was konnten diese Ber\u00fchmtheiten Dir beibringen f\u00fcr das \u00dcberleben im Musik-Business?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Naja, sie konnten es zumindest versuchen. Ich hab von jedem was anderes gelernt. John Lennon wollte um keinen Preis auf einen Sockel gestellt werden. &#8222;No more heros!&#8220; Man mu\u00dfte ihn wie einen normalen Menschen behandeln &#8211; die einzige Chance, nicht die Bodenhaftung zu verlieren! Das half mir, als ich Marc Bolan traf: man durfte sich von seinem Star-Status nicht einsch\u00fcchtern lassen. Er selbst brachte mir bei, da\u00df es beim Singen weniger auf die richtigen Noten ankommt als auf die Energie, die du \u00b4reinlegst.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Paul Simon hab ich Musik quasi theoretisch studiert. Er zeigte mir, da\u00df es viel Kraft braucht, um auch nur ein bi\u00dfchen besser zu sein als die anderen! Er arbeitete ein ganzes Jahr an einem Text, und am Ende war die urspr\u00fcnglich st\u00e4rkste Zeile die schw\u00e4chste! Und David Gilmour hat mir beigebracht, wie man Ger\u00e4usche von &#8222;Drau\u00dfen&#8220; mit Musik mixt, so \u00e4hnlich wie &#8222;musique concr\u00e8te&#8220;. Er ist bis heute ein echter Freund.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Du bist bekannterma\u00dfen ein gro\u00dfer Nick Drake-Fan, auch auf deinem neuen Album finden sich einige Akustik-Folk-Songs von der Art. Woher die Begeisterung f\u00fcr ihn?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ich h\u00f6rte seine Songs Anfang der 70er vor, bevor er starb (1974, <em>Anm. d. Red<\/em>) und fand sie toll. Er war ein wundervoller Gitarrist. Als ich mit 16 die Schule verlie\u00df, wollte ich mir eine Gitarre kaufen und ging in der RCA-Plattenfabrik arbeiten, Platten verpacken, und als ich das Geld zusammen hatte, meinte ein Profi-DJ, dem ich assistierte: &#8222;Erinnerst Du Dich noch an die Gitarre auf dem Cover von Nick Drakes \u00b4Bryter Later\u00b4? Der Typ, der sie hat, will sie verkaufen.&#8220; Wir kauften sie f\u00fcr 150 Pfund. Es war wirklich ein tolles St\u00fcck, sie geh\u00f6rte 1966 schon Eric Clapton, und ich spiel sie nat\u00fcrlich auch auf dem neuen Album.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem plan ich ein Nick Drake-Tribute-Album und -Konzert mit anderen Musikern, wenn ich zur\u00fcck in England bin. Das Album produziert Nick Drakes eigener Produzent. Aber auch &#8222;Life in a nothern town&#8220;, die Single mit Dream Academy&#8220;, hatten wir schon Nick Drake gewidmet. Es gibt also Verbindungen zu ihm, aber getroffen hab ich ihn nie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Was h\u00f6rst Du an aktueller Musik?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/trash01.jpg\"><\/a>Trashmonk:<\/strong> Lauryn Hill zum Beispiel. Sie ist die einzige Mainstream-K\u00fcnstlerin, die vollkommen kompromi\u00dflos und originell arbeitet. Sie macht schwierige Musik, denn HipHop ist nunmal f\u00fcr viele schwierig zu machen, und sie hat tolle Texte. Ich hab sie in Paris live erlebt und backstage getroffen, sie ist wirklich toll!<\/p>\n\n\n\n<p>Underworld mag ich schon seit zehn Jahren. Und die neue Flaming Lips! Au\u00dferdem h\u00f6r ich viel E-Musik, grad hab ich mir das &#8222;Wohltemperierte Klavier&#8220; von Bach gekauft. Es ist so modern, kein bi\u00dfchen \u00fcberholt. Und Wagner, Mahler&#8230; Und vieles aus der Dritten Welt, das ganz ohne moderne Technik auskommt. Klingt wie in einem Feld aufgenommen. Ich mag richtig komplexe Sounds, aber auch wieder ganz rohe, die haben echte Power!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Wie konsumierst du aktuelle Musik? Guckst du MTV oder so?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Nein, kein MTV. Aber es ist ein Problem: wo ich auch hinkomm, erz\u00e4hlen mir die Leute &#8222;Ich liebe Musik, aber ich wei\u00df nicht mehr, wo ich interessante und neue finde.&#8220; Schrecklich! Das liegt auch an den Major Companies, die nur ihr eigenes Zeug gro\u00df rausbringen wollen, obwohl drumherum so viel interessante Musik ist. Aber kein Weg, an sie ranzukommen. Ziemlich besorgniserregend. Offensichtlich ist das Internet der Ort ist, wo man f\u00fcndig wird. Aber momentan kriegen die Musiker noch kein Geld daf\u00fcr, was immer noch besser ist, als \u00fcberhaupt nicht gespielt zu werden. Aber die Plattenfirmen, von denen du denkst, sie k\u00fcmmern sich um deine Rechte, haben genau das vers\u00e4umt!<\/p>\n\n\n\n<p>Also, wo h\u00f6r ich gute Sachen? Gl\u00fccklicherweise bin ich im Business (denk ich jedenfalls) und hab Leute, die mich anrufen und fragen &#8222;Kennst Du das-und-das?&#8220; Dann sag ich &#8222;Nein&#8220;, geh ins B\u00fcro meiner Plattenfirma (Creation Record, <em>Anm. d. Red.<\/em>), und die besorgen mir das.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber insgesamt ist das alles nicht mehr so wichtig wie fr\u00fcher, denn ab einem bestimmten Punkt kannst du Musik in deinem Kopf abspielen. Ich h\u00f6r eine Menge alter Songs in meinem Kopf. Im Moment am liebsten meine eigene Scheibe. Ich hab seit 1995 dran gearbeitet, drei bis vier Jahre daf\u00fcr gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Zu deinem neuen Album: wenn man die ganzen spektakul\u00e4ren Infos zu dir liest, erwartet man auch eine bizarre, verr\u00fcckte Platte. Aber dann kommt diese leise, introvertierte und introspektive, fast scheue Musik!?!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Stimmt! Ob man\u00b4s glaubt oder nicht, ich bin scheu &#8211; zwangsl\u00e4ufig! Jeder ist scheu, wenn er drei Jahre an Song arbeitet, wegen des Resultats niedergeschlagen ist und versucht, es besser zu machen. Aber wenn man hinterher damit rausgeht, ist man froh, da\u00df es vorbei ist und viel optimistischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wirklich eine sehr nach innen gekehrte Scheibe, aber produziert mit Sounds der \u00e4u\u00dferen Welt! Auf meinen Reisen hatte ich statt einer Kamera einen Recorder dabei und hab viele unterschiedliche Ger\u00e4usche aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Klingt wie eine Art &#8222;Fusion&#8220;. Was hast Du davon wo aufgenommen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ich hab alles aufgenommen, was ich gut fand. Das &#8222;Bing Bong&#8220; am Anfang des Albums ist am Moskauer Flughafen aufgenommen, von da aus bin ich nach Indien, wo ich phantastische V\u00f6gel geh\u00f6rt hab &#8211; ich hab das Taxi angehalten und gefragt, ob wir kurz die V\u00f6gel aufnehmen k\u00f6nnen. Und eines morgens hab ich Feuer unter meinem Fenster geh\u00f6rt &#8211; raschelndes, knackendes Feuer, und Leute haben gesungen (singt wie ein arabischer Priester, Anm. d. Red.). In dem Himalaya-Kloster, wo ich war, hab ich diese unglaublichen M\u00f6nche aufgenommen, die klangen wie Crosby, Stills &amp; Nash!<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/trash02.jpg\"><\/a>Zuhause in England hab ich alles zusammengestellt und Freunden vorgespielt, wie man ein Fotoalbum zeigt. Au\u00dferdem hatte ich ja keine Band mehr, und nur Gitarre spielen wollte ich nicht. Stattdessen spielte ich mein Band mit den Ger\u00e4uschen ab, friemelte sie ineinander &#8211; und eines Tages hatte ich einen einzigen kompletten Sound aus V\u00f6geln, Feuer, Priestern. Es war wie die Entdeckung eines Geheimrezepts: einfach die Ger\u00e4usche der Welt &#8222;drau\u00dfen&#8220; als Background, und dann wieder Akustik-Songs, nur Gitarre und Stimme. Morgens nach dem Aufstehen bin ich ins Vorderzimmer, hab &#8222;Play&#8220; und &#8222;Record&#8220; gedr\u00fcckt, gespielt und gesungen &#8211; und hab die Au\u00dfenwelt von der Stra\u00dfe dazukommen lassen. Ich hab gar nicht erst versucht, so zu klingen, als w\u00e4r ich im Studio gewesen, denn in Wahrheit war ich ja in meinem Vorderzimmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Dein Album scheint tats\u00e4chlich irgendwie zweigeteilt: einerseits diese Ethno-Fusion, und andererseits der Folk.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ja &#8211; und das zusammenzubringen, war die Schwierigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Aber du bringst es nicht immer zusammen, manchmal steht beides auch hart nebeneinander: ein Song so, der andere so.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ja, manchmal sind sie separiert, nicht wahr?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Ist mein Eindruck. Und noch was: kann es sein, da\u00df in dir drin eine &#8222;alte Seele&#8220; schlummert? Ich mein nicht unbedingt &#8222;altmodisch&#8220; oder &#8222;konservativ&#8220;, aber deine Musik hat sowas Romantisches und klingt, als h\u00e4ttest du einen Draht zu Epochen weit vor unserer Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Stimmt, exakt das! Ich hab ewig gebraucht, traditionelles Songwriting mit all seinen Strukturen zu lernen, das fiel mir lange Zeit schwer, und ich kann\u00b4s immer noch nicht ganz, aber irgendwie will ich diesen Zustand auch beibehalten&#8230; Ich mag dieses &#8222;poetic writing&#8220;, ich m\u00f6chte Songformen und Texte so schreiben, als bedeuteten sie etwas. Aber ich mag auch Kl\u00e4nge aus der Dance-Culture und Elektronik-Sachen, und ich wollte beides unbedingt zusammenbringen, aber nicht als Dance-Music, denn sie \u00e4ndert sich st\u00e4ndig, und wenn du nicht den richtigen Beat drauf hast, bist du schon &#8222;out&#8220; -ich glaub nicht an Musik als Mode-Erscheinung, mich interessiert mehr, wie man bestimmte Gef\u00fchle ausdr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Album ist eine Mischung aus Tradition und den Vorteilen neuer Technologie. Es klingt gleichzeitig sehr roh, weil die Technik es erlaubt. Normalerweise arbeite ich mit Hand-Drums, weil sie sich den Songs nicht so aufdr\u00e4ngen. Sonst bl\u00e4st es dein Lied schon mal weg, wenn es empfindlich ist. Den letzten Song der Platte (&#8222;On the way home&#8220;) hab ich produziert, wie es gerade aus mir rauskam, hab ihn nicht mal vorher auf Kassette aufgenommen, sondern direkt mit dem Mehrspur-Rekorder, so da\u00df es ziemlich roh klang &#8211; und ausgerechnet dieser Song wurde f\u00fcr einen Film mit Cameron Diaz ausgesucht! Au\u00dferdem ist es David Gilmores Lieblingssong von dem Album. Eigentlich ist es gar kein Song &#8211; es flo\u00df einfach so raus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Vieles klingt von den Harmonien her irgendwie arabisch, es ist mehr eine Art &#8222;Flair&#8220;, eine Atmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ja, ich war auf dem Himalaya, um den Buddhismus zu studieren. Nach dem Ende von Dream Academy hatte ich eine Periode gro\u00dfer Unsicherheit, wu\u00dfte nicht, wie\u00b4s weitergehen sollte. Musik machen? Und wenn ja, wo? Ich hatte ja keine Band mehr! Also beschlo\u00df ich, erstmal zu reisen, und zwar in den Osten auf der Suche nach Weisheit. Einfach mal erfahren, wie\u00b4s dort ist. Ich war an verschiedenen Seiten des Himalayas: Pakistan, die chinesische Grenze zu Afghanistan, Nepal&#8230; Ich studierte bei einem buddhistischen Lehrer und reiste dann zur Schneeseite des Himalaya, wo der Dalai Lama lebt. Dort blieb ich in einem Kloster mit acht oder zehn anderen Leuten. Meine Zelle teilte ich mit einem Deutschen, der M\u00f6nch werden wollte. Es war eine tolle Zeit, wir sprachen die ganze Zeit \u00fcber den Sinn des Lebens. Dort wurde ich auch &#8222;Trashmonk&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein buddhistischer Lehrer, zu dem ich danach zur\u00fcckging, erz\u00e4hlte mir von Leuten, die noch nicht reif waren, um M\u00f6nch zu werden: &#8222;Trashmonks&#8220;. Das brachte mich auf die Idee, mich auf meiner Platte &#8222;Nick Laird Clowes: Trashmonk Phenomena&#8220; zu nennen, aber als ich das dem Chef von Creation Records erz\u00e4hlte, meinte der (ahmt eine Art russischen Akzent nach, <em>Anm. d. Red<\/em>) &#8222;No no, Du bist Trashmonk &#8211; das ist der Sound von Trashmonk!&#8220; Er sagte &#8222;Komm zur\u00fcck in die Welt, und mach was aus dem, was du gelernt hast.&#8220; Mit dem Buddhismus und der Meditation war ich wieder f\u00e4hig, zu schreiben und zu arbeiten. Ich hatte nicht mehr solche Angst vor der Welt. All das ging ja, seit ich 14 war, und am Ende war ich in keiner guten Verfassung, ich brauchte wirklich eine Pause.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Wie kam Brian Wilson dazu, dich ein Genie zu nennen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Er mu\u00df verr\u00fcckt gewesen sein! Ich war 1987 mit Dream Academy in Amerika (nicht in England) unter Vertrag, bei Warner Brothers. Der Label-Chef, unser Produzent, hatte auch Brian Wilson gesigned. Damals fragte er mich eines Tages, ob ich mal runterk\u00e4me ins Studio, um mir Brians neue Songs anzuh\u00f6ren, &#8222;aber ich will nicht nur h\u00f6ren \u00b4Ja, die Sachen sind toll!\u00b4, sondern ich will, da\u00df du mir ernsthaft sagst, was du denkst. Sei ehrlich &#8211; dazu bis Du hier!&#8220; Okay, ich ging runter und sagte &#8222;Ich mag die Texte nicht.&#8220; Sie meinten &#8222;Stop, stop! Brian hat die Texte nicht geschrieben. Sein \u00b4Seelenklempner\u00b4 (engl. \u00b4Shrink\u00b4, <em>Anm. d. Red.<\/em>) war das, sein Analytiker.&#8220; Jeder verbot mir, \u00fcber die Texte zu sprechen. Ich meinte: &#8222;Fein, ich hab verstanden. Und da ist noch dieser Song, \u00b4I walk the line\u00b4. Er hat einen tollen Refrain, aber eine bescheuerte Strophe.&#8220; Sie meinten: &#8222;Okay, wir treffen uns morgen noch mal, dann ist Brian dabei. Versuch, bis dahin eine neue Strophe zu schreiben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kam ich wieder, und Brian war da. Aber man konnte ihn nicht dazu bringen, sich zu konzentrieren. Er schien ganz weit weg, dachte an vollkommen andere Dinge und sang irgendwelche Cockney-Reime (weil ich Engl\u00e4nder war), die er auf dem Klavier begleitete &#8211; und das 20 Minuten lang! Die anderen versuchten, an ihn ranzukommen: &#8222;Hey Brian, k\u00f6nnen wir weiter am Song schreiben?&#8220; &#8222;An welchem Song?&#8220; &#8222;An \u00b4I walk the line\u00b4.&#8220; &#8222;Ah. Was wollt Ihr mit ihm machen?&#8220; &#8222;Wir w\u00fcrden gern eine neue Strophe versuchen.&#8220; &#8222;Wie soll die klingen?&#8220; Ich sang sie ihm vor. Brian nuschelte &#8222;Du bist ein Genie. Du mu\u00dft am ganzen Album mitarbeiten.&#8220; Dann ging er weg &#8211; und das war\u00b4s!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin zur\u00fcck ins Hotel, von dem Song hatte ich mir einen Kassetten-Mitschnitt gemacht, und am n\u00e4chsten Tag riefen sie mich um ein Uhr morgens an und wollten die Kassette zur\u00fcck. &#8222;Komm sofort zur\u00fcck! Niemand nimmt eine Kassette von uns mit!&#8220; Ich meinte &#8222;Aber ich flieg morgen zur\u00fcck nach England.&#8220; Also versuchten sie\u00b4s auf die sanfte Tour: &#8222;Du gibst brav die Kassette zur\u00fcck. Brian mag dich. Du k\u00f6nnstest am gesamten Album <a href=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/trash04.jpg\"><\/a>mitarbeiten.&#8220; Ich sagte &#8222;Ich will nicht am ganzen Album mitarbeiten. Ich geh nach Hause und mach mein eigenes Album.&#8220; Wie auch immer &#8211; ich hab die Kassette nie zur\u00fcckgegeben. Und ich bin auf Brians Album gelandet, das war toll!<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, Brian war irgendwie &#8222;wild&#8220;. Ich wei\u00df noch, als ich ins Studio kam, fragten sie mich, ob ich was trinken wolle. Ich sagte &#8222;Ja, eine Tasse Kaffee.&#8220; Sie schreckten sofort auf: &#8222;Kein Kaffee! Kein Kaffee! Gott, wenn Brian das rauskriegt! Wenn\u00b4s Kaffee gibt, wird er verr\u00fcckt! Heute morgen haben wir ihn erwischt, wie er die Reste aus einer Tasse getrunken hat, und er war echt irre drauf, wow!&#8220; Er durfte wirklich gar nichts. Aber wir hatten einen guten Draht zueinander in diesen zwei Tagen. Er ist ein brillanter Mensch. Sein Vater hat ihn geschlagen, wei\u00dft du. Er hatte wirklich schwere Zeiten. Und er ist der einzige Bruder, der \u00fcbriggeblieben ist, unglaublich! Ein wahres Genie! Ich hab beobachtet, wie er einen Song aufbaut. 24 Harmonie-Spuren, keine W\u00f6rter, nur so (singt verschiedene Hooks auf &#8222;La&#8220;, <em>Anm. d. Red.<\/em>), wie klassische Musik. Und ohne je das Klavier anzufassen. Er hat es einfach getan. Danach lie\u00df er sich in seinen Stuhl fallen, &#8222;Uff&#8220;, wie &#8211; naja, es war zuviel f\u00fcr ihn. Aber es war toll anzusehen. Er selbst sagt von sich &#8222;Nein, ich bin kein Genie. Ich arbeite nur h\u00e4rter als andere.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Du hattest schon in jungen Jahren ein bewegtes Leben. Hast Du nach Deinem Ausri\u00df mit 13 Jahren und nachdem Du bei John Lennon gelebt hast, nochmal zu Hause gewohnt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ja klar. Ich kam nach Hause, und die Polizei war da. Meine Eltern sagten: &#8222;Das kannst Du nicht machen. Wir haben uns solche Sorgen gemacht.&#8220; Die ganze Sache brachte ihnen eine Menge Probleme ein, vier oder f\u00fcnf Jahre lang. Ich besucht zig verschiedene Schulen und ging dann mit 16 ab. Ich kam einfach nicht mit der Schule klar&#8230; Au\u00dferdem hab ich damals Gitarre gelernt und gemerkt, da\u00df man sich selbst was beibringen kann. Und ich mochte englische Literatur, T. S. Elliott, Shakespeare und so. Ich h\u00e4tte auch gern geschrieben, aber noch lieber wollte ich Musiker werden. Ich arbeitete bei RCA, kaufte die Nick Drake-Gitarre, begann in Folk-Clubs zu spielen, gr\u00fcndete eine Band, und mit 18 hatten wir einen Plattenvertrag bei EMI, dem selben Label wie Marc Bolan. Und mit 21 war alles vorbei! Wir knallten auf die Fresse, es war wie &#8211; &#8222;Wow, ich hatte meine eigene Karriere, und jetzt ist es aus!&#8220; Mit 21 ging ich nach New York und schaute, was dort los war. Dann ging ich zur\u00fcck, gr\u00fcndete eine neue Band, ging \u00b478 wieder nach New York, die Band brach \u00b482 auseinander, und aus den Resten entstand \u00b482 Dream Academy. Die erste Platte \u00b484, der Bruch \u00b490, der Rest ist ja bekannt. \u00b492 ging ich nach Amerika, \u00b494 die Pink Floyd-Sache, \u00b495 oder \u00b496 unterschrieb ich bei Creation.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war zwar nie auf ner Uni, aber du findest eine Uni an jeder Ecke und in jedem Buchladen. Solange du dich f\u00fcr etwas interessierst, unterrichtest du dich selbst. Und man trifft interessante Leute, die einem etwas beibringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Nochmal zur\u00fcck zum Ende der 70er. Du warst also zur gleichen Zeit in New York wie John Lennon!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Nein, das war &#8211; hey doch, stimmt. Das war, als er im Dakota gelebt hat. Aber in New York haben wir uns nicht mehr gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Viele der Menschen, mit denen Du zusammengearbeitet hast, sind mittlerweile tot. Etwa John Lennon und Marc Bolan. Klingt ziemlich traurig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Ja, das stimmt. Aber es gibt noch viele andere Musiker, mit denen ich befreundet bin und zu tun hab, und die leben noch. Trotzdem bin ich sehr froh, da\u00df ich nicht in New York war, als John starb, das w\u00e4r zu traurig gewesen. In New York selbst hat mich der Tod von Sid Vicious am meisten getroffen. Und Marley, der starb damals auch&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Hast Du damals die New Yorker &#8222;Glitzer-Szene&#8220; kennengelernt? Disco, Funk und so?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Nein, damit hatte nicht viel am Hut. Ich mochte Sly Stone, aber nicht diesen White-Boy-Funk, den es in England gab. Wir gr\u00fcndeten Dream Academy ja als Gegenreaktion gegen dieses Zeug. Wir versuchten etwas anderes zu machen als das, was damals &#8222;in&#8220; war. Vermutlich, weil meine ersten beiden Bands zu sehr wie andere klangen, das f\u00fchrte zu nichts. Schlie\u00dflich hab ich begriffen, da\u00df &#8222;Kopieren&#8220; nicht das Ding ist &#8211; du mu\u00dft du selbst sein und etwas finden, da\u00df du wirklich magst. Es war Zeit, wirklich originell zu sein, und das funktionierte mit Dream Academy.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist es nicht wert (das &#8222;Nachahmen&#8220;), sowas ist allenfalls ein Anfang, aber nie ein wirklicher Grund. Menschen wollen letztendlich doch ihre Individualit\u00e4t ausdr\u00fccken: werden, was sie sind. Du kannst ja beeinflu\u00dft sein, aber nicht sklavisch abkupfern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Wo lebst Du momentan?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> Im Londoner Stadtteil Notting Hill Gate, wo ich herkomme. Als ich nach von meinen Reisen kam, hab ich festgestellt, was das f\u00fcr ein toller Ort ist. Da gibt\u00b4s eine westindische und eine jamaikanische Gemeinschaft, Portugiesen, Serben, Kroaten &#8211; alle m\u00f6glichen Lebensformen! Reich und Arm, K\u00fcnstler und Banker &#8211; alle leben am gleichen Ort, es ist eine tolle Mischung. Aber vielleicht zieh ich auch nochmal woanders hin. Letztendlich kommt es ja nicht wirklich darauf an, wo du bist, denn tief in Dir drin bist Du Du selbst! Das ist es, was jeder sein will.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag dieses gro\u00dfe, neue europ\u00e4ische Gemeinschafts-Gef\u00fchl. Es ist jetzt viel eher eine wahre Gemeinschaft, als sie es lange Zeit war. Irgendwie ist jeder vereinigt auf eine europ\u00e4ische Art.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinter-Net!:<\/strong> Deine R\u00fcckkehr nach London klingt, als w\u00e4rst Du nach einer langen Odyssee wieder in den heimischen Hafen eingelaufen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trashmonk:<\/strong> (schaut zweifelnd, scheint nicht unbedingt das Gef\u00fchl zu haben, eine &#8222;Odyssee&#8220; hinter sich gebracht zu haben, jedenfalls nicht im negativen Sinne) Naja, hier kenn ich jede Stra\u00dfe und kann zu jeder eine Geschichte erz\u00e4hlen. Mein Urgro\u00dfvater hatte zum Beispiel das erste Zinn-Bad in der Stra\u00dfe, das war das erste Bad der ganzen Gegend. Meine Schwester ging hier zur Schule&#8230; Hier wurde ich zum ersten Mal fast verhaftet, hab mein erstes Acid bekommen vom Bongo-Spieler von T. Rex. Es ist wie eine historische Nachbarschaft f\u00fcr mich. Eigentlich kommt es nicht so sehr darauf an, wo du hingeh\u00f6rst, aber es ist schon sch\u00f6n, einen Ort mit einer Geschichte zu haben. Doch ich f\u00fchl mich eigentlich mehr als Weltb\u00fcrger.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/intrview\/images\/trash05.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Foto: Axel Fuhrmann<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Nick Laird-Clowes alias Trashmonk Laird Clowes war in den 80ern Chef der Dream Academy, als Teenie &#8211; nachdem er mit 13 von zu Hause auri\u00df, um zum Isle of Wight Festival zu kommen &#8211; Dauergast bei John Lennon (in dessen Haus er seinen ersten Sex hatte), sp\u00e4ter Mitbewohner von Paul Simon, Backing [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1044,12],"tags":[],"class_list":["post-29919","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interview","category-musik"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Katja Preissner","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/kp-2\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29919"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29919\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}