{"id":3036,"date":"1998-01-24T23:46:05","date_gmt":"1998-01-24T22:46:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3036"},"modified":"2022-06-06T02:31:22","modified_gmt":"2022-06-06T00:31:22","slug":"der-konig-von-st-pauli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/01\/der-konig-von-st-pauli\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6nig von St. Pauli"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/drzapp_logo.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Da will sich Dr. Zapp mal einen fernsehfreien Abend mit gepflegten Telefongespr\u00e4chen unter Hinter-Net! Kollegen g\u00f6nnen und dann so etwas: Wohin man auch ruft, \u00fcberall das gleiche Echo: &#8222;<em>Da l\u00e4uft gerade &#8218;Der Dingsda von St. Pauli&#8216;. Vielleicht k\u00f6nnen wir ja sp\u00e4ter&#8230;<\/em>&#8220; Nach dem dritten Anruf gibt man seufzend auf, greift wieder zur Fernbedienung und beteiligt sich am Sat.1-Quotenhoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt &#8211; nach sechs Folgen und ungez\u00e4hlten Werbeunterbrechungen hat &#8222;der neue Wedel&#8220; ein Ende. &#8222;<em>Und?<\/em>&#8222;, h\u00f6re ich die Redaktion schon rufen, &#8222;<em>Was ist Dein Fazit?<\/em>&#8222;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;<em>Der K\u00f6nig ist tot, es lebe Heinz Hoenig!<\/em>&#8220; ruft Dr. Zapp zur\u00fcck, der wei\u00df, da\u00df es Hinter-Net!-Mitarbeiter kurz und pr\u00e4gnant m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/archiv\/images\/stpauli.gif\" alt=\"Des Koenigs neue Kleider\" width=\"200\" height=\"200\" align=\"right\"\/> Und damit Ihr&#8217;s wi\u00dft: Das &#8222;Fernsehereignis des Jahres!&#8220; war &#8222;Der K\u00f6nig von St. Pauli&#8220; ganz bestimmt nicht, auch wenn uns die Sat.1-Werbeabteilung das st\u00e4ndig einzureden versuchte. Die vielleicht frappierendste Erkenntnis zur neuen Produktion Dieter Wedels ist: Hervorragende Schauspieler machen aus einem m\u00e4\u00dfigen Drehbuch keinen guten Film.<\/p>\n\n\n\n<p>Gute Darsteller gab es einige in der St. Pauli-Saga, allen voran nat\u00fcrlich Heinz Hoenig. Brillant, wie er die Rolle des Sugar mit Leben (und Pfunden) f\u00fcllte. Sein unbestrittenes K\u00f6nnen und die Tatsache, da\u00df Wedel ihm die Rollen wirklich auf den Leib schreibt, sorgen immer wieder f\u00fcr darstellerische Highlights, wenn die beiden zusammenarbeiten. Hans Korte als Graf \u00fcberzeugte ebenso, obwohl seine Darstellung des m\u00e4chtigsten Mannes rund um die Reeperbahn zuviel von einem Gentleman hatte. Auch bei anderen Akteuren blieb die Glaubw\u00fcrdigkeit auf der Strecke, was aber &#8211; um es noch einmal ausdr\u00fccklich zu betonen &#8211; nicht an mangelndem schauspielerischen Talent lag.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist Julia Stemberger ganz sicher eine f\u00e4hige Darstellerin, die einiges an Theater- und Fernseherfahrung mitbringt. Richtig anfreunden konnte man sich mit ihrer Rolle aber dennoch nicht. Die Figur einer leicht biederen, netten jungen Frau, die durch den Tod ihrer Schwester in eine tiefe Lebenskrise st\u00fcrzt und beschlie\u00dft, deren Erbe als Striptease-T\u00e4nzerin anzutreten, ist ziemlich weit hergeholt &#8211; vorsichtig ausgedr\u00fcckt. Problematisch an dieser Entwicklungsgeschichte ist, da\u00df Autor Wedel sie mit haarstr\u00e4ubenden Dialogen und kaum nachvollziehbar erz\u00e4hlte. M\u00e4dchen, wenn ihr Probleme mit euch selbst habt, dann geht nach St. Pauli! Zieht euch aus, la\u00dft euch von euren Zuschauern betatschen und ihr werdet wahre innere St\u00e4rke finden! Und wenn ihr Zweifel an eurer erotischen Ausstrahlung als T\u00e4nzerin habt, dann denkt einfach an eure &#8222;schmutzigen Phantasien&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das noch der Dieter Wedel, den wir vom &#8222;Gro\u00dfen Bellheim&#8220; und vom &#8222;Schattenmann&#8220; kennen? Ganz sicher nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch an Julias Coming Out ist aber auch, da\u00df allein diese Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung den Spannungsbogen der Story tragen sollte. So etwas kann &#8211; auch f\u00fcr einen Sechsteiler &#8211; funktionieren, falls die Atmosph\u00e4re stimmt und die Geschichte packend erz\u00e4hlt wird. Aber genau daran krankte die St.-Pauli-Saga. Selten besa\u00df ein Film von Dieter Wedel so wenig Tempo, wirkten zahlreiche Szenen nur wie schm\u00fcckendes Beiwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zeitungsinterviews hat Wedel sich inzwischen bitterlich \u00fcber die vielen Werbebreaks beklagt, die seinen Film zerst\u00f6rten. Da\u00df sich die sechs Fernsehabende so enorm in die L\u00e4nge zogen, lag aber sicher nicht nur an der exzessiven Werbeunterbrechung. Richtige Spannung wollte einfach nicht aufkommen. Wird Robert Kranzow etwas zustossen, weil er Grafs Sohn verpfiffen hat, oder darf er weiter Erich-K\u00e4stner-m\u00e4\u00dfig \u00fcber den Kiez radeln und die M\u00e4dels ungl\u00e4ubig durch seine Nickelbrille anstarren? Wird W\u00fcrfel-Rudi die &#8222;Blaue Banane&#8220; verkaufen oder sogar verspielen oder ist das ohnehin egal, weil der Laden nie offen ist und auch keiner der Beteiligten finanzielle Probleme hat? Wird Robert daran zerbrechen, da\u00df Julia nicht ihn, sondern seinen Vater liebt oder interessiert ihn doch eher die blonde Fernsehjournalistin? Vieles wird kurz angerissen und taucht nie wieder auf. Richtige Handlungsstr\u00e4nge gibt es nicht. Immer wieder dieselben Motive und Personen, die sich zu keinem stimmigen Gesamtbild f\u00fcgen wollen. Erst im letzten Teil werden die Ereignisse &#8211; reichlich \u00fcberst\u00fcrzt &#8211; zusammengef\u00fchrt. Beschr\u00e4nkung h\u00e4tte der Story sicher gutgetan. Vielleicht h\u00e4tte es der Regisseur bei den urspr\u00fcnlich geplanten vier Folgen belassen sollen. Stattdessen kamen noch zwei dazu und es wurde die aufwendigste Fernsehproduktion, die es in Deutschland je gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings h\u00e4tte auch die Straffung der Handlung nicht dazu beigetragen, das Geschehen realistischer zu machen. &#8222;Der K\u00f6nig von St. Pauli&#8220; wirkt im gro\u00dfen und ganzen wie ein modernes M\u00e4rchen. Nun ist Dieter Wedel intelligent genug zu wissen, da\u00df niemand ihm diese soziale R\u00fchrst\u00fcck als Versuch einer realistischen Ann\u00e4herung an den Hamburger Kiez abnehmen wird. Was also wollte er damit zeigen? Ein Melodram, angesiedelt in einem zeitgem\u00e4\u00dfen, etwas ungew\u00f6hnlichen Ambiente? Eine Parabel auf die Natur des Menschen? Wohl kaum. Bestenfalls kann man den &#8222;K\u00f6nig von St. Pauli&#8220; als Versuch einer anspruchsvolleren Fernsehunterhaltung auffassen, mit Drama, Liebe, Gewalt, Tragik und viel nackter Haut. Schlimmstenfalls als eine eigenartig lieblose, fadenscheinige Milieustudie mit guten Schauspielern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was gabs sonst noch?<\/p>\n\n\n\n<p>Na, erst einmal nat\u00fcrlich den &#8222;K\u00f6nig von St. Pauli&#8220;. Auf allen Kan\u00e4len. Wenn nicht &#8222;der neue Wedel&#8220; (allein diese Formulierung erhebt einen TV-Serien-Regisseur pl\u00f6tzlich in lichte H\u00f6hen, \u00e0 la Spielberg, Hitchcock oder Fellini) selbst, dann doch zumindest Talkshows und Specials mit Wedel, Stemberger oder einfach dem Thema Prostitution. Die Diskussion zum \u00e4ltesten Talk Show-Thema bei Talk im Turm wurde erst einmal durch demonstrierende Studenten gest\u00f6rt, die sich an des Moderatoren Stuhl anketteten und ihm damit endlich Gelegenheit gaben, sich vor laufender Kamera so richtig autorit\u00e4r zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den anderen Schwafelrunden bleibt man nicht vor St. Pauli K\u00f6nigsgesichtern verschont. Wedel erfreut sich am eigenen Tyrannenimage (schlie\u00dflich sagte ja schon Hitchcock, da\u00df man &#8222;<em>Schauspieler wie Vieh behandeln<\/em>&#8220; m\u00fcsse), Julia Stemberger onaniert im Film und sorgt damit f\u00fcr den meistdiskutierten (Quoten)H\u00f6hepunkt des 6-Teilers. Und Harald Schmidt betont mehrfach, da\u00df &#8222;<em>alles sehr \u00e4sthetisch<\/em>&#8220; sei &#8211; und meint das sogar ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigt auch eine &#8211; \u00f6kologisch betrachtet durchaus begr\u00fc\u00dfenswerte &#8211; Recyclinghaltung seitens der Talkshowmacher. Mittwochs bei Harald Schmidt: Kerner und Stemberger. Am Donnerstag bei Kerners ZDF-Talk-Einstand: Julia Stemberger. Und Harald Schmidt hat bereits sein Kommen angesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>A propos Kerner:<\/p>\n\n\n\n<p>Vor etlichen Monaten warnten wir schon vor ran-Moderatoren, die sich f\u00fcr H\u00f6heres berufen f\u00fchlen und sich in Richtung Talk oder Schlimmeres orientieren. Besonderes Augenmerk galt da auch dem &#8222;Sonnyboy&#8220; Johannes B. Kerner. Aber erst seit seinem Transfer zum ZDF zeigt sich, da\u00df in Sachen Gute-Laune-an-den-Tag-legen Kerner beste Chancen hat, J\u00f6rg Wontorra an Nervigkeit und Penetranz zu \u00fcberholen. Das zeigte sich schon bei seinem ZDF-Einstand &#8222;Menschen 97&#8220;. Kerner gibt sich als Jahrmarktschreier, findet alles super, wunderbar, toll, oder &#8211; und das soll wohl das gr\u00f6\u00dfte Lob sein &#8211; &#8222;einfach gut&#8220;. Lieblingswort: &#8222;richtig&#8220;. <em>Richtig<\/em> gut, da wird <em>richtig<\/em> gefeiert, sich <em>richtig<\/em> gefreut. Mu\u00df das sein? Man kann ja mal fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kerner &#8211; der Nettmensch extraordinaire, die fleischgewordene Emphase. Dr. Zapp wendet sich mit Grausen &#8211; und aus!<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: J\u00f6rg Pilawa, wir beobachten Dich!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/random\/197.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da will sich Dr. Zapp mal einen fernsehfreien Abend mit gepflegten Telefongespr\u00e4chen unter Hinter-Net! 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