{"id":3040,"date":"1999-04-11T00:02:23","date_gmt":"1999-04-10T22:02:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3040"},"modified":"2022-06-06T02:31:22","modified_gmt":"2022-06-06T00:31:22","slug":"vom-kosovo-bis-rusland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/04\/vom-kosovo-bis-rusland\/","title":{"rendered":"Vom Kosovo bis Ru\u00dfland"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/drzapp_logo.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Chefredakteur warnt schon lange vor <strong>Heiner Bremer<\/strong>, aber nie konnte er Dr. Zapp \u00fcberreden, mal gemeinsam das RTL-Nachtjournal zu glotzen &#8211; doch jetzt (in der Nacht zum 7. April) ist es passiert, und prompt mu\u00df der Ressort-Leiter der Abteilung &#8222;Fernsehkritik&#8220; das Gesehene in seiner Kolumne therapeutisch verarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hilfe, hilfe, hilfe!<\/strong> Wie oft kann man in die Schei\u00dfe greifen bei der Pr\u00e4sentation der neuesten Kosovo-News? Sehr oft, und nicht alle Fahrl\u00e4ssigkeiten gehen dabei auf das Konto Heiner Bremers, nein, er hat auch genau die Berichterstatter, die sein Magazin verdient! <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber dazu sp\u00e4ter mehr, zun\u00e4chst an die Adresse von Herrn Bremer: es hei\u00dft &#8222;Kosovaren&#8220;, nicht &#8222;Kosovaner&#8220; &#8211; es sollte doch Balkan-kompetente Kollegen geben (vielleicht auch nicht&#8230;?), wo man zur Sicherheit mal vorher nachfragt!<\/p>\n\n\n\n<p>Punkt zwei: 10 <strong>Peitschenhiebe<\/strong> oder gern auch mehr f\u00fcr den Autor des Beitrags \u00fcber das Fl\u00fcchtlingslager in Mazedonien, wo die &#8222;mazedonischen Soldaten Gasmasken tragen, um ihren Ekel vor den albanischen Fl\u00fcchtlingen auszudr\u00fccken&#8220; &#8211; gro\u00dfer Gott, wieviele Korrespondenten \u00f6ffentlich-rechtlicher Sender haben am selben Tag \u00fcber den Gestank in den Fl\u00fcchtlingslagern berichtet, wo zwar &#8222;dank&#8220; der K\u00e4lte noch keine Seuchen ausgebrochen sind, aber die hygienischen Verh\u00e4ltnisse mangels sanit\u00e4rer Anlagen zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen und die lagerverwaltenden Soldaten aus diesem Grund Schutzmasken tragen?! Um ihre Verachtung f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge zu zeigen, haben mazedonische Soldaten wei\u00df Gott andere Mittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Und last not least noch eine <strong>Kopfnu\u00df<\/strong> f\u00fcr den &#8222;Journalisten&#8220;, der uns &#8211; alles in der gleichen Sendung!!! &#8211; die Folgen der Entv\u00f6lkerung des Kosovos ausmalte: &#8222;dann hat Europa ein Pal\u00e4stinenser-Problem&#8220;! Die Erl\u00e4uterung, da\u00df u. U. ein vertriebenes Volk ohne Heimat seinem Schicksal \u00fcberlassen und dies eventuell nicht ganz ohne Murren hinzunehmen bereit sein wird, wurde zwar noch rasch nachgeschoben, aber das \u00e4ndert nichts an dem vollkommen deplazierten Begriff &#8222;Pal\u00e4stinenser-Problem&#8220; und dem grotesk hinkenden Vergleich zwischen Pal\u00e4stinensern und Kosovoern, Kosoviten, Kosovaken oder wie die nochmal hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es denn bei RTL keinen ausbildenden Redakteur mit <strong>Rotstift<\/strong>, der seinen Praktikanten mal auf die Finger schaut, bevor ihr Gesabbel \u00fcber den Sender geht? Scheinbar nicht, die Stufe der Ausbildung wird hier ohnehin, vermute ich mal, aus Kostengr\u00fcnden \u00fcbersprungen, und warum zur Pr\u00e4sentation dieses M\u00fclls dann noch fachkundige Pr\u00e4sentatoren einsetzen, wenns auch ein debiler Freig\u00e4nger aus dem Altenheim tut?! Unvergessen auch sein umstandsloser Schwenk zum Fu\u00dfballspiel Bayern-Kiev, so ganz ohne jedes Betroffenheitgeheuchel oder eine auch nur versuchte \u00dcberleitung, nein, aber daf\u00fcr wieder in gewohnt plump-steifer Manier &#8211; Heiner Bremer eben. Holt mich hier raus&#8230;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"text-align: center;\">***<\/div>\n\n\n\n<p>&#8230;und setzt mich blo\u00df nicht wieder vor die ZDF-&#8222;&#8220;&#8220;&#8220;Polit-Historik&#8220;&#8220;&#8220;&#8220;-Reihe &#8222;<strong>Kanzler<\/strong>&#8222;, die neuste Mi\u00dfgeburt aus dem Hause Knopp und vermutlich die heimliche Fortsetzung der Serie &#8222;Hitlers Helfershelfer&#8220; &#8211; wobei Konrad Adenauer in der Tat die optimale Verkn\u00fcpfung leistet!<\/p>\n\n\n\n<p>Wer konnte, hat <strong>Guido Knopp<\/strong> schon am selben Tag im &#8222;Morgenmagazin&#8220; als fleischgewordenen Trailer erlebt und war gewarnt: &#8222;Wir wollen Geschichte spannend machen&#8220; und zeigen, wie unterhaltsam und fernsehtauglich sie doch ist. Warum also sachlich und informativ, wenns auch rei\u00dferisch und selektiv geht?! Sex-and-crime halt, aber dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Popul\u00e4rwissenschaftlich&#8220; ist ein gern gebrauchtes Schimpfwort, wenns um verst\u00e4ndlich aufbereitete Bildungs-Materie geht &#8211; aber um Himmels willen keine Charakterisierung f\u00fcr diesen melodramatisch verbr\u00e4mten <strong>Mist<\/strong>, den das ZDF mit Vorliebe dienstagsabends sendet. Und nachdem die Grusel-Soap \u00fcber die Nazi-Schergen abgesendet war und endlich, endlich auch Helmut Kohl als Kanzler abgedankt hatte, konnten Knopp und Co. hurtig aus ihren Startl\u00f6chern spritzen, um ihre Klientel nun mit Trivial-Schei\u00dfe \u00fcber Deutschlands dritte M\u00e4nner im Staat zuzukleistern. Geschichte als B-Movie!<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt also Folge 1: &#8222;Adenauer. Der Partiarch&#8220;, eine Collage aus Doku-Material in Schwarzwei\u00df, n\u00f6tigenfalls zu dramatischen Zeitlupen aufgeblasen, Interview-Fetzen einer bunten Schar von Antwortgebern aus noch lebenden Alt-Kanzlern, aktuellen Kanzlern, Adenauer-Sohn Max, Alt-Bundestagspr\u00e4sidentin Annemarie Renger (kein Wort \u00fcber ihre damalige Funktion als Sekret\u00e4rin des SPD-Vorsitzenden und Adenauer-Widersachers Kurt Schumacher, kein Wort \u00fcberhaupt zu Kurt Schumacher&#8230;), diverse Alt-Dolmetscher und alt-sowjetische Au\u00dfenpolitiker, Alt-Journalisten, Regine Hildebrandt (warum auch immer&#8230;), &#8222;Meinungsf\u00e4lsch- \u00e4h -forscherin&#8220; Elisabeth Noelle-Neumann und nat\u00fcrlich der <strong>unvermeidlich<\/strong>e Alt-US-Au\u00dfenminister Henry Kissinger, der ja nun nicht mehr mit Prinzessin Di bei Festbanketten oder ihrer Beerdigung rumsitzen mu\u00df, sondern wieder mehr Zeit f\u00fcr Interviews hat usw&#8230; Diese Interviews immer vor schwarzer Wand und der Rest zu klebrigen Streicher-Akkorden unter der Leitung des Orchester John Williams &#8211; ach nein, aus dem Computer eines Projekts namens &#8222;Klangraum&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Sichtung und Auswahl des Filmmaterials erfolgten unter konsequenter Orientierung an den Bed\u00fcrfnisses der Zielgruppe: ein bi\u00dfchen politische Zeitgeschichte (Adenauer auf dem Teppich, Adenauer mit Chruschtschow, Adenauer mit Kennedy), dezent geklittert (Adenauer, der Anti-Faschist), der Unterhaltungs-Adenauer mit Enkeln, Rosen und Bocciakugeln, der Erfinder-Adenauer (von innen beleuchtetes <strong>Stopfei<\/strong>, Toaster mit Anti-Verkohlungs-Vorrichtung) und ansonsten nat\u00fcrlich Sex and Crime: Adenauer und die Frauen (dazu unten mehr) und Adenauer-Attentat-von-zwei-kleinen-Jungs-verhindert (und, ach ja, einem Polizisten, der bedauerlicherweise den t\u00f6dlichen Sprengsatz des Pakets abfing). Kurz: alle Klischees vereint, kaum Positionen damaliger Gegner und Kritiker, keine tiefergehenden Einsch\u00e4tzungen von Politikwissenschaftlern oder Historikern, daf\u00fcr jede Menge Schlagworte sowie pathetische Redeausschnitte Adenauers mit der \u00fcblichen Wahlkampf-Rhetorik und Interviewschnipsel mit dem ersten Kanzler der Republik ohne jeden Erkenntniswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Den verbalen Kitt des ganzen Sammelsuriums leistet eine wohlvertraute Stimme aus dem <strong>Off<\/strong>: Christian Br\u00fcckner, renommierter Synchron-Sprecher mit Kult-Status &#8211; unverdienterma\u00dfen, denn wer diese offenbar von BILD-Journalisten verfa\u00dften Zwischentexte ablesen kann, ohne zu kichern oder rotzuwerden, dem geh\u00f6rt augenblicklich das Robert-de-Niro-Monopol entzogen, allermindestens! Grammatikalischer <strong>Minimalismus<\/strong> auf Courths-Mahler-Niveau! Gereihte SPO-S\u00e4tze (Subjekt-Pr\u00e4dikat-Objekt als satztechnische Grundausstattung) und viele Punkte. Nie Kommata! Dr. Zapp pr\u00e4sentiert hier lediglich eine kleine Auswahl von S\u00e4tzen, bei denen er am lautesten gelacht hat &#8211; quasi &#8222;Adenauer. Der Partiarch&#8220; im <strong>Schnelldurchlauf<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die schwerste Zeit in seinem Leben. Doch der Witwer \u00fcbersteht den Schmerz <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em>Nach der Katastrophe schl\u00e4gt die gro\u00dfe Stunde. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em>Am Rednerpult ist der Kanzler Mann des Volkes. Kleiner Wortschatz, gro\u00dfe Wirkung. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Besuch bei der neuen Truppe. Der ungediente Adenauer ist ihr Taufpate. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Antrittsbesuch beim Gegner. Nat\u00fcrlich hat der Kanzler seinen eigenen Wagen mitgenommen. Der ist abh\u00f6rsicher. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> M\u00f6gliche Rivalen haben nichts zu lachen. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Das ganze Volk ist dankbar. Nie waren ihm die Herzen n\u00e4her. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Macht macht attraktiv. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Kein Kanzler war so einsam. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Das Loslassen von der Macht f\u00e4llt schwer. <\/em><em>&#8211; Die letzten Jahre. Endlich Zeit f\u00fcr Rosen. <\/em> <strong>&#8211;<\/strong> <em> Mit dem Verlust der Macht holt ihn das Alter ein. Es wird einsam um den Patriarchen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und zum Schlu\u00df noch zwei besondere Leckerbissen:<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hler: &#8222;<em>Adenauer ist schon 79. Doch er wei\u00df, da\u00df in Ru\u00dfland erst beim Wodka Tacheles gesprochen wird. Wie kann der Kanzler diese Pr\u00fcfung \u00fcberstehen?<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Ulrich Kempski, Alt-Journalist, leistet die Zusatzinformation, da\u00df Staatssekret\u00e4r Globke den Mitgliedern der deutschen Abordnung vor den abendlichen Vergn\u00fcgungen je einen E\u00dfl\u00f6ffel Oliven\u00f6l verabreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hler: &#8222;<em>Solche \u00d6lung macht den Alten stark.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Chruschtschows Dolmetscher (der eigenartigerweise kein Wort Deutsch spricht): &#8222;<em>Er konnte trinken wie ein Mann, obwohl er doch so lang und d\u00fcnn war.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hler: &#8222;<em>Beim letzten Festbankett gelingt die Einigung.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich dieser:<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hler: &#8222;<em>Und t\u00e4glich kommen Liebesbriefe f\u00fcr den 80j\u00e4hrigen. Der Kanzler hat keinen Bedarf. Er ist ja eingedeckt mit Sekret\u00e4rinnen und T\u00f6chtern. Doch Ausstrahlung, die hat der Alte noch.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu dann Meinungs&#8220;forscherin&#8220; Elisabeth Noelle-Neumann: &#8222;<em>Er faszinierte mich, und zwar &#8211; ich hatte irgendwie das Gef\u00fchl, er sei der bedeutendste Mann, dem ich bis dahin begegnet war. Und das ist ein sehr sch\u00f6nes Gef\u00fchl, ich hab das sehr gerne.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/random\/197.gif\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur warnt schon lange vor Heiner Bremer, aber nie konnte er Dr. Zapp \u00fcberreden, mal gemeinsam das RTL-Nachtjournal zu glotzen &#8211; doch jetzt (in der Nacht zum 7. April) ist es passiert, und prompt mu\u00df der Ressort-Leiter der Abteilung &#8222;Fernsehkritik&#8220; das Gesehene in seiner Kolumne therapeutisch verarbeiten. Hilfe, hilfe, hilfe! 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