{"id":31038,"date":"1998-10-05T11:11:00","date_gmt":"1998-10-05T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31038"},"modified":"2022-07-09T01:52:13","modified_gmt":"2022-07-08T23:52:13","slug":"faithless-sunday-8pm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/10\/faithless-sunday-8pm\/","title":{"rendered":"Faithless: Sunday 8pm"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-31039\" width=\"250\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm.jpg 600w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm-500x500.jpg 500w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm-145x145.jpg 145w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm-60x60.jpg 60w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Faithless-Sunday-8pm-120x120.jpg 120w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>F\u00fcr Bands wie Faithless hab ich immer Hammer und Mei\u00dfel neben dem CD-Player liegen, denn ihre Produkte sind dem Ger\u00e4t nur schwer wieder zu entrei\u00dfen, nachdem sie mit meinem Ohr eine perfekte Symbiose eingegangen sind. Nun, an die neue Faithless mu\u00dfte ich mich erst etwas gew\u00f6hnen, denn im Gegensatz zum ziemlich heterogenen Deb\u00fct-Album mit seinen griffigen, h\u00e4rteren Songs ist &#8222;Sunday 8 pm&#8220; mehr was f\u00fcrs Chill Out oder f\u00fcr schummrigen Stehblues.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denkt man an die gro\u00dfen Single-Hits des Vorg\u00e4nger-Albums &#8222;Reverence&#8220; (&#8222;Insomnia&#8220; und &#8222;Salva mea&#8220;), dann war es neben den euphorischen, fast schon manischen Melodien nicht zuletzt die verbl\u00fcffende Dramatik, die Kritiker und Fans in Staunen versetzte: man konnte die St\u00fccke wie Brot brechen, so hart waren die Tempi-Spr\u00fcnge. &#8222;Sunday 8pm&#8220; ist dagegen ein trancelastiges, in Watte gepacktes und gleichzeitig glasklares Elektronik-Werk mit den gewohnt eing\u00e4ngigen Harmonien und d\u00fcsteren Raps von Maxi Jazz, der in den meisten Tracks ausgiebig salbadern darf, juhu! Die musikalische Regief\u00fchrung ist 1998 eine v\u00f6llig neue: das komplette Album wirkt vergleichsweise gleichgeschaltet und nivelliert tempom\u00e4\u00dfig. Faithless zeichnen intensive, dumpf groovende und weich flie\u00dfende Stimmungsbilder, die ihre Zeit brauchen, um sich zu entfalten. Die meisten Songs fangen recht unspektakul\u00e4r an, um irgendwann auf wundersame Weise zu implodieren und phantastischen Syntie-Fanfaren den Weg zu bereiten, sich zu sanften Collagen (&#8222;Bring my family back&#8220; und &#8222;Postcards&#8220;) zusammenzuf\u00fcgen oder einfach nur die Untermalung zu den Ausf\u00fchrungen des Grand Oral Disseminators (GOD) zu liefern. Nicht gerade Hitparaden-Futter\u2026 Aber in der Ruhe liegt bekanntlich die Kraft!<\/p>\n\n\n\n<p>Faithless \u00fcberlassen nichts dem Zufall, und mir fallen jedesmal wieder fast die Ohren ab angesichts der minuti\u00f6sen Klang-Arrangements, in denen jedes noch so winzige Detail sein Pl\u00e4tzchen hat. Wirkliche Experimente findet man auf dieser Scheibe allerdings keine, dazu schmorte die Band m\u00f6glicherweise zu sehr im eigenen Saft, denn im Gegensatz zum Deb\u00fct wurde das neue Werk von Teilen der Band selbst produziert (von Sister Bliss und Rollo, dem Mastermind hinter &#8222;Faithless&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Der H\u00f6hepunkt des neuen Albums ist f\u00fcr mich &#8222;Take the long way home&#8220;, ein ausladendes Meisterwerk in Sachen Atmosph\u00e4re, das nochmal die &#8222;Reverence&#8220;-Faithless durchklingen l\u00e4\u00dft. Es baut sich stufenweise auf mit klar konturierten Parts und entl\u00e4dt sich in der Mitte und am Schlu\u00df in Synthie-Akkorden von umwerfendem Pathos! Teuflisch gut!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Opener &#8222;The Garden&#8220; nimmt einmal mehr die Back-to-nature-Attit\u00fcde der Band auf, die sie schon auf dem ersten Album pflegten. Auch dort arbeiteten sie mit Vogelstimm-Samples und der Aura einer paradiesischen Flora. Aber aufgepa\u00dft: ab circa 2\u00b400 bricht sich ein Maulwurf seinen Weg durch\u00b4s Erdreich\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ich mu\u00df auch stellenweise tadeln. Was ich zum Beispiel nie verstehen werde: warum in aller Welt holt sich eine Band, die einen der besten S\u00e4nger\/Rapper schlechthin hat (Charismafaktor 100!), \u00fcberhaupt noch jemand anderen vor\u00b4s Mikro??? Das kann nur schiefgehen, noch dazu, wenn es sich dabei um Songsch\u00e4nder Boy George handelt, der schon allein vom Faithless-Gestus her atmosph\u00e4risch vollkommen fehl am Platz ist, selbst wenn er noch so sehr versucht, wie Shirley Bassey zu klingen! Und dann hei\u00dft der Song auch noch &#8222;Why go?&#8220;! Why? Genau deswegen!<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere akustische Bagatelldelikte sind die Takes &#8222;Hour of need&#8220; (hier darf auch Bandmitglied Jamie Catto wieder vokal dilettieren) und &#8222;Hem of his garment&#8220;: mit \u00fcberfl\u00fcssigen Soul-Ges\u00e4ngen gospeln sich Faithless zur\u00fcck in l\u00e4ngst vergessen gehoffte Tage des Schmalz. Damit k\u00f6nnen sie vielleicht bei Celine Dion-Fans und anderen Untoten punkten, aber nicht bei mitten im Leben stehenden Techno\/House\/Dancefloor- und Pop-Fans. Selbst Trance-Liebhaber werden abwinken, denn besagter Schmalz killt nat\u00fcrlich die Atmosph\u00e4re, sonst h\u00e4tte man sich instrumental zumindest noch entfernt an Portishead erinnert gef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: die Kritikerlieblinge Faithless pr\u00e4sentieren sich hier nicht gerade als die Zukunft des Pop, wie vor zwei Jahren prophezeit. Sie haben eher einen Seitenweg eingeschlagen und eine musikalische Atempause auf CD gebannt. Aber eins steht fest; Faithless sind Meister ihres Fachs mit einem Wahnsinnsfeeling f\u00fcr Stimmungen und kleine, krude Ger\u00e4usch-M\u00e4tzchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Lob gilt \u00fcbrigens dem ansprechenden Cover-Photo, denn auch meine Augen h\u00f6ren mit. Sie sehen die Konzert-Ank\u00fcndigungstafel einer Club-Fassade im hellsten Sonnenschein. Die Tafel weist auf einen Faithless-Act hin, zu dem sich &#8211; welch implizierter Kontrast! &#8211; allerdings nur ausgewiesene Kreaturen der Nacht zusammenfinden d\u00fcrften! Die Album-R\u00fcckseite zeigt ein beschwimmfl\u00fcgeltes M\u00e4dchen, fr\u00f6hlich planschend in endlosem Blau, und das im Jahre 7 nach &#8222;Nevermind&#8220;. Der optimistische Gegenentwurf einer Band, die sich stolz r\u00fchmt, den Bruder von Faithless-Mitglied Jamie Catto mit ihrer Musik vor dem Selbstmord bewahrt zu haben? Das war allerdings mit dem Vorg\u00e4nger-Album. Vielleicht sollten sie besser mal nachseh\u00b4n, was der Bruder gerade so macht\u2026<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Faithless: Sunday 8pm\nCheeky Records\nV\u00d6: 28.9.1998<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Bands wie Faithless hab ich immer Hammer und Mei\u00dfel neben dem CD-Player liegen, denn ihre Produkte sind dem Ger\u00e4t nur schwer wieder zu entrei\u00dfen, nachdem sie mit meinem Ohr eine perfekte Symbiose eingegangen sind. 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