{"id":31457,"date":"1998-08-23T11:11:00","date_gmt":"1998-08-23T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31457"},"modified":"2022-07-11T22:23:48","modified_gmt":"2022-07-11T20:23:48","slug":"jack-the-jazz-age","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/08\/jack-the-jazz-age\/","title":{"rendered":"Jack: The Jazz Age"},"content":{"rendered":"\n<p>Nur ein Gedankenspiel: man stelle sich mal vor, die Smiths z\u00f6gen in den Buckingham Palace ein &#8211; die w\u00e4ren sicher die l\u00e4ngste Zeit in labbrigen Jackets und Flanellhemden rumgelaufen! Fortan tr\u00fcgen sie nur noch Zobel, feinsten Damast und Br\u00fcsseler Spitze, ihre goldenen Schnabelschuhe h\u00e4tten diamantbesetzte Bommel, und statt Zwieback im Stehen g\u00e4bs goldbest\u00e4ubte Ham and Eggs, serviert von livrierten Dienern\u2026 So ungef\u00e4hr, n\u00e4mlich wie eine Independent-Combo mit k\u00f6niglichem Habitus, klingen Jack auf ihrem Zweitling &#8222;The Jazz Age&#8220;. Cineasten w\u00fcrden sagen: &#8222;Gro\u00dfes Kino&#8220; &#8211; wie aber nennt man ein opulentes Gitarren-plus-Streicher-Meisterwerk der Popmusik? Egal, dieses Album ist eines von denen, f\u00fcr die man ruhig mal einen Flieger stehenlassen oder die eigene Hochzeit verpassen kann: really gorgious, simply irresistible!!! <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Britpop und Streicher &#8211; das hatten wir doch schon, werden jetzt viele sagen. Ja okay, aber Jack sind zehnmal blaubl\u00fctiger als The Verve! Hier sind wirkliche Sch\u00f6ngeister am Werk: Trapezk\u00fcnstler auf dem schmalen Grat zwischen der erdr\u00fcckenden Schwere symphonischer Werke und der Leichtigkeit des Pops &#8211; ja, selbst den Bi\u00df echter Rockmusik haben sie sich bewahrt!<br \/>In aller Regel kann man die beigelegten marktschreierischen &#8222;Waschzettel&#8220; der Plattenfirmen (Jack gelten \u00fcbrigens als &#8222;normalste Band&#8220; des Labels Too Pure\u2026!) gleich ungelesen in den M\u00fcll schmei\u00dfen, aber vereinzelt halten die Werke tats\u00e4chlich, was die Werbung verspricht: &#8222;wo andere Bands sich damit begn\u00fcgen, gute Platten zu machen, schaffen Jack gro\u00dfartige Kunst mit erstaunlicher Tiefe (Jack selbst bezeichnen ihr Opus als beautiful stories for ugly children): episch-poetisch, minuti\u00f6s arrangiert, intim und rockig mit einem Schu\u00df Glam&#8220; &#8211; und das ohne aufgesetzte Dekadenz oder irgendwelche betont beil\u00e4ufigen Boh\u00e8me-Attit\u00fcden!<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch l\u00e4\u00dft sich das komplette Album nicht \u00fcber einen Kamm scheren. &#8222;Klotzen, nicht kleckern&#8220; ist vor allem die Devise des brillanten Openers &#8222;3am in the morning&#8220; mit seinem himmlischen Streicher-Intro (Schwelg\u2026). Der Songtitel ist Programm: Jack neigen eindeutig zur Melancholie und verlieren sich des \u00f6fteren auf angenehmste Art und Weise im Flu\u00df ohne Wiederkehr. Ein d\u00fcsterer Unterton bleibt immer, obwohl sie auch richtig stompig aufdrehen k\u00f6nnen! Am besten aber k\u00f6nnen sie schaurig-sch\u00f6ne Geschichten erz\u00e4hlen, perfekt intoniert von S\u00e4nger Anthony Reynolds (versch\u00e4rfter G\u00e4nsehautfaktor!) und unterlegt von countryesk flie\u00dfenden oder folkig perlenden Gitarrenharmonien: ein bi\u00dfchen College-Romantik, kombiniert mit schmelzenden Streicherarrangements. Von der Slowmotion-Ballade bis hin zum Feger mit richtig viel Drive. Und dann diese Melodien\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt mu\u00df die spielerische Experimentierfreudigkeit der Jacks honoriert werden. Bei fast jedem Song gibt es was zu entdecken, denn ihre epische Breite resultiert nicht zuletzt aus einem ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr liebevolle Details &#8211; sei es ein vorangestelltes Rauschen im Kanal, filigrane Synthie-Tupfer oder zirpende Gitarren-Tremoli.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch eine Anmerkung am Rande: ist es nicht lustig, da\u00df eine einst als Bordellmusik verp\u00f6nte Stilrichtung, deren Name purer schwei\u00dftreibender Sex entstr\u00f6mte, mittlerweile zum Chiffre f\u00fcr klassische Eleganz avanciert ist?!! Ich spreche vom Jazz, dessen Sch\u00f6nheit ich gar nicht bestreiten will &#8211; aber witzig ist es doch\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6gen sich auch immer mal wieder Menschen (vorzugsweise Anglo-Amerikaner) \u00fcber den Anspruch vieler Engl\u00e4nder beschweren, die meinten, sie k\u00e4men aus Pophausen schlechthin &#8211; aber wer will es bestreiten?!! F\u00fcr &#8222;The Jazz Age&#8220; verdienen Jack mindestens den gro\u00dfen MBE am Bande in Gold!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jack: The Jazz Age<br \/>(Too Pure\/Rough Trade) <\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur ein Gedankenspiel: man stelle sich mal vor, die Smiths z\u00f6gen in den Buckingham Palace ein &#8211; die w\u00e4ren sicher die l\u00e4ngste Zeit in labbrigen Jackets und Flanellhemden rumgelaufen! 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