{"id":31758,"date":"1999-07-26T11:11:00","date_gmt":"1999-07-26T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31758"},"modified":"2022-07-13T01:34:28","modified_gmt":"2022-07-12T23:34:28","slug":"scritti-politti-anomie-bonhomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/07\/scritti-politti-anomie-bonhomie\/","title":{"rendered":"Scritti Politti: Anomie &#038; Bonhomie"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/scritti-politti-1999.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/scritti-politti-1999.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-31819\" width=\"250\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/scritti-politti-1999.jpg 500w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/scritti-politti-1999-145x145.jpg 145w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/scritti-politti-1999-60x60.jpg 60w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/scritti-politti-1999-120x120.jpg 120w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Menschen, deren Ohren in den 80ern schon richtig verw\u00f6hnt wurden, jauchzen laut auf bei der Nachricht: &#8222;Neues Album von Scritti Politti&#8220;! Immerhin war die englische Band um Green Garthside bekannt f\u00fcr exquisiten Pop mit intelligenten, gar intellektuellen Texten &#8211; eben das, was man gern &#8222;sophisticated&#8220; nennt, besonders wenn es sich, wie schon der Bandname (ein Gramsci-Text) andeutet, um politisch linksorientierte Akteure handelt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Elf Jahre sind seit dem letzten Scritti Politti-Album vergangen, und von der urspr\u00fcnglichen Besetzung ist &#8222;nur noch&#8220; der Kopf \u00fcbrig. Von der urspr\u00fcnglichen musikalischen Ausrichtung allerding auch nicht wesentlich mehr, schlie\u00dflich startete die Band einst im englischen Leeds als Punk-Combo, die bald darauf nach London zog und als Support Act mit Joy Division und der Gang of Four tourte. Der Schwenk zum Pop erfolgte erst Anfang der 80er, und trotz sehenswerter Charterfolge vor allem in Englang, aber auch \u00dcber-die-Insel und \u00dcber-See hinaus, sind Scritti Politti heute nur noch &#8222;Veteranen&#8220;, die schon in den 80ern Geschmack hatten, ein Begriff. Wird Zeit, da\u00df sich das \u00e4ndert, denn h\u00e4tten Ohren einen Bauch, k\u00f6nnte man ihn durch Abspielen dieser CD vortrefflich pinseln!<\/p>\n\n\n\n<p>Eins vorweg: der geb\u00fcrtige Waliser Green Garthside, ehemals im provinziellen Leeds ans\u00e4ssig und danach wohnhaft in London, dem Nabel von Pophausen, hat schon Anfang der 80er den Sprung \u00fcbern gro\u00dfen Teich in die Welt-Metropole New York gemacht, und nun bem\u00e4chtigt sich diese Stadt (und, zugegeben, auch Los Angeles, wo ebensfalls ein Teil des Werks eingespielt wurde) mit ihren gro\u00dfen Fangarmen auch seiner Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz allgemein ziehen sich Funk-, Rap- und HipHop-Einfl\u00fcsse durchs ganze Album (fast in jedem Take wirken die Rapper Mos Def und Me&#8217;Shell Ndegeocello mit), aber nicht nur oberfl\u00e4chlich und aufgesetzt, sondern speziell auf Garthside zugeschnitten. Er nutzt sie meist als komplexe Sound-Ger\u00fcste, als Endlos-Schleifen aus Beats, Breaks, Loops und Samples mit harter Diktion, wie sie auch Faithless\u00b4 Maxi Jazz gern unter seine Monologe legt. Garthside garniert sie mit verzerrten Riffs und Scratching, aber auch mal mit schmatzenden Disco-Gitarren und Streicher-Einw\u00fcrfen, die an alte Silver-Convention-Tage erinnern, und bisweilen weiten sie sich zu einem Ger\u00e4usch-Gewirr, tief wie eine \u00d6ko-Wiese. Wo er (wie in &#8222;Prince among men&#8220;) Wah-Wah-Effekte verwendet, klingt er ein bi\u00dfchen wie Retro-Recke Lenny Kravitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wo immer Garthside auf die Ninetees-Folie setzt, bricht er sie mit dem, was er am besten kann: perfekte Pop-Refrains mit Schrammelrock und zum-weinen-sch\u00f6nen Harmonie-Ges\u00e4ngen! Diese zuckrigen, fast oversouled klingenden, bitters\u00fc\u00dfen Vocals bewegen sich hart an der Kitsch-Grenze und \u00fcbertreffen sich von Song zu Song selbst. Schwelg!<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Songs des Albums sind komplett in diesem Stil &#8211; und damit in klassischer 80er-Manier &#8211; gehalten. &#8222;Mystic Handyman&#8220; (was beim H\u00f6ren allerdings eher nach &#8222;Mister Candyman&#8220; klingt und damit den Nagel auf den Kopf trifft!) ist Sweetness pur mit l\u00e4ssigem Akustik-Geschrammel, originellen Synths und Doo-Wop-artigen Backingvocals, die so atemberaubend sind, da\u00df man eigentlich schon von &#8222;Chor\u00e4len&#8220; sprechen m\u00f6chte. Scritti Politti \u00f6ffnen Horizonte, neue Dimensionen, und, ach was &#8211; unendliche Weiten\u2026!<\/p>\n\n\n\n<p>Als kleiner schamhafter Vergleich sei gesagt, da\u00df Menschen, die gern die Rembrandts und die sp\u00e4teren Crowded House h\u00f6ren, mit &#8222;Anomie &amp; Bonhomie&#8220; extrem gut fahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4hnliches Ball\u00e4dchen wie &#8222;Mystic Handyman&#8220; ist &#8222;Born to be&#8220;, nur simpler in der Ausf\u00fchrung, daf\u00fcr mit genialen \u00dcbergangs-Passagen. &#8222;Brushed with oil, dusted with powder&#8220; ist von einer Klasse, die laut Kritiker-Kollegen George Michael gelb vor Neid werden lie\u00dfe: in Slowmotion, tief in sich versunken, dezent symphonisch und im Schlu\u00dfteil von allen irdischen Fesseln losgel\u00f6st und in s\u00fc\u00dfes philly-esques Nichts entschwebend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, loslassen kann der Mann, auch seine HipHop-Kreationen bewegen sich oft seltsam verloren in harmonischem Niemandsland, das kaum einer definitiven Aussage zuzuordnen ist!<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Anomie &amp; Bonhomie&#8220; bewegt sich die meiste Zeit zwischen entgegengesetzten Polen, n\u00e4mlich zwischen New York und Great Britain, das in den zarten Pop-Melodien und den beatle-esquen Harmonien Ausdruck findet, und zwischen den locker-flockigen 80ern und den brachialen, kantigen 90ern. Abseits dieser beiden Schubladen liegt ein klassisch-rockiger Brecher mit treibenden, straff gef\u00fchrten E-Gitarren und Ohrwurm-Charakter, Uff-Ta-Ta auf hohem Niveau sozusagen: &#8222;Here come July&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem ein geniales, vollgepacktes Werk, das einen erst in einen dumpfen Underground-Sog zieht, um dann aufs Eleganteste den Gaumen zu kitzeln (h\u00e4tten Ohren Gaumen\u2026). Zupackend und s\u00fc\u00df zugleich: hier war ein Meister am Werk, der zwar nicht das Rad neu erfindet, aber perfekt assimiliert, um dann doch nur wieder selbst neu aufzuerstehen. Erinnert mich streckenweise an den ebenso genialen Duffy, der allerdings ungleich versehrter aus den Eighties hervorging als Green Garthside. Nichtsdestotrotz: zwei wahrlich lohnenswerte Revivals!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Scritti Politti: Anomie &amp; Bonhomie <br \/>(Virgin)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen, deren Ohren in den 80ern schon richtig verw\u00f6hnt wurden, jauchzen laut auf bei der Nachricht: &#8222;Neues Album von Scritti Politti&#8220;! 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