{"id":31768,"date":"1998-08-12T11:11:00","date_gmt":"1998-08-12T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31768"},"modified":"2022-07-17T21:27:16","modified_gmt":"2022-07-17T19:27:16","slug":"elliott-smith-either-or","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/08\/elliott-smith-either-or\/","title":{"rendered":"Elliott Smith: Either\/or"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie wurden wir Anfang der 80er vom britischen Pop-Duo ABC belehrt? Don\u00b4t judge a book by its cover! Diese Weisheit half mir j\u00fcngst, die \u00dcberraschung zu verarbeiten, die mir ein 28j\u00e4hriger S\u00e4nger-Gitarrist aus Portland\/Oregon bereitete: Elliott Smith. Eifrige Kinog\u00e4nger und Oscar-Verleihung-Gucker kennen ihn im Zusammenhang mit dem Film &#8222;Good Will Hunting&#8220;, und sie h\u00e4tte es sicher nicht ganz so kalt erwischt wie mich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man mu\u00df sich das vorstellen: auf dem Cover ein Typ &#8211; pockennarbig, mit Baseballkappe und speckigen Koteletten, auf dem Oberarm die Milka-Kuh eint\u00e4towiert, Fluppe zwischen den Fingern und im Gesicht die Andeutung eines verschlagenen L\u00e4chelns &#8211; das Ganze zudem noch im \u00fcblen Latrinen-Ambiente mit vollgekritzeltem Spiegel und Holzstuhl. Kurz: das freundliche Wrack, dem man beim Rausgehen aus einer \u00f6ffentlichen Toilette 20 Pfennig in den Teller legt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann: aus den Boxen klingt die sanfteste Stimme zu den sonnigsten Harmonien und sch\u00f6nsten Melodien ever. Die zarteste Versuchung, seit es akustische Gitarren gibt. Wie die Beatles in ihren besten Zeiten, und das als Konzentrat! (Teer\u00b4 und Feder mich, Harald, oder Schick die spanische Inquisition, aber ich bleib dabei!)<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann nat\u00fcrlich auch die Verbindung zur amerikanischen Westcoast bem\u00fchen, aber f\u00fcr mich ist das britischer als alle Brit-Popper zusammen, dazu ein Schu\u00df Psychedelic und ein Grunge-Silberstreif am Horizont.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Verschroben&#8220; nennt man sowas wohl, wenn bei aller Sch\u00f6nheit doch etwas Befremdendes bleibt. \u00dcber das positive Potential von Beunruhigungen sprach ich schon in meiner Continental-Drifters-Rezension (nein, da sprach ich mehr von der &#8222;Unf\u00e4higkeit, zu beunruhigen&#8220; &#8211; ein Defizit, dem auch das Ehepaar Mitscherlich einst einige Zeilen widmete\u2026), jedenfalls: Elliott Smith vermag sehr wohl zu beunruhigen. Seine Songs haben etwas Zerbrechliches, Bedrohtes und Bedrohendes gleicherma\u00dfen. Und sie sind traurig, von gebrochener Sch\u00f6nheit also. Es ist doch immer wieder das gleiche: kranke Hirne (mal \u00fcberspitzt gesagt), denen furchterregend sch\u00f6ne Dinge entspringen. Unversehrte Kunst, geschaffen von versehrten Seelen. Und wir erg\u00f6tzen uns daran: ein Faszinosum, so alt wie die Welt oder zumindest so alt wie der Rock\u00b4n\u00b4Roll. Sei es drum, Eingeweihte wissen, was ich meine.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Wort zur Kategorisierung, die ist n\u00e4mlich erfreulicherweise im Falle Elliott Smiths nicht so einfach (dem Album-Titel zum Trotz). Von der Optik her ist er ein Freak, von der Musik her ein Singer\/Songwriter &#8211; nee, stimmt nicht. Er ist nur ein S\u00e4nger und Songschreiber, aber ein erstklassiger. Und da\u00df er selbst die Titulierung als Singer-Songwriter ablehnt, macht ihn sofort sympathisch. Ich kann das nur unterschreiben: mit dem ausgelutschten Jeans-und-T-Shirt-Selfmademusiker-Klischee hat Smith nichts zu tun. Aber wer aussieht wie der S\u00e4nger von The Verve nach zwei Wochen Waschverbot und seine CD nach einen Werk von Kieerkegaard nennt, braucht sich auch keine Sorgen darum zu machen, mit hemds\u00e4rmeligen Gralsh\u00fctern in einen Topf geschmissen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mag auch der Sound nicht gerade Smiths \u00c4u\u00dferem entsprechen &#8211; die Texte zumindest halten, was die Optik verspricht: d\u00fcster, sarkastisch und zweifelnd. Also doch keine Vollmilch, sondern Zartbitter. Aber wenigstens ohne erhobenen Zeigefinger oder irgendwelche wichtigtuerischen Missionen. Einfach nur ein wundersch\u00f6nes, leise und beharrlich flie\u00dfendes, winziges (knapp 37 Minuten langes) Gitarrenpop-Meisterwerk. Falls ich einmal ertaube, soll dies die letzte CD sein, die ich mir vorher noch reinzieh\u00b4.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Elliott Smith: Either\/or<br \/>(Domino\/Rough Trade)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wurden wir Anfang der 80er vom britischen Pop-Duo ABC belehrt? Don\u00b4t judge a book by its cover! Diese Weisheit half mir j\u00fcngst, die \u00dcberraschung zu verarbeiten, die mir ein 28j\u00e4hriger S\u00e4nger-Gitarrist aus Portland\/Oregon bereitete: Elliott Smith. 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