{"id":31888,"date":"1997-11-25T11:11:00","date_gmt":"1997-11-25T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31888"},"modified":"2022-08-23T04:49:06","modified_gmt":"2022-08-23T02:49:06","slug":"interview-16-horsepower","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/11\/interview-16-horsepower\/","title":{"rendered":"Interview: 16 Horsepower"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dem Tod ins Auge blickend\u2026<\/h2>\n\n\n\n<p>Gerade durch den wiedergewonnenen Underground-Status eines Johnny Cash hat Country-Musik neuen Boden gewonnen und kann sich st\u00e4ndig wachsender Beliebtheit erfreuen. Wir reden hier schlie\u00dflich nicht von Weichsp\u00fclcountry der Marke Garth Brooks, sondern von einer alteingesessenen Gr\u00f6\u00dfe. Wie kaum ein anderer versteht er es, mit bissigen, sarkastischen Texten und einer cool gezupften Klampfe die Zuh\u00f6rer in seinen Bann zu ziehen. Nicht ungern w\u00fcrden 16 HORSEPOWER, die wie eine &#8222;l\u00e4ndliche&#8220; Kreuzung aus Nick Cave und GUN CLUB klingen, mit dem &#8222;alten&#8220; Herrn touren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Kauft es jetzt, bevor es sp\u00e4ter jeder cool findet&#8220;, stand in der Werbung der hiesigen Plattenfirma, um dem potentiellen K\u00e4ufer deren neuestes Machwerk ,Low Estate&#8216; schmackhaft zu machen. Ein jeder wird die Musik bestimmt nicht cool finden, obwohl die Fangemeinde stetig w\u00e4chst. Zuletzt auf einem Konzert in dem Strassburger Club &#8222;La Laiterie&#8220; kamen \u00fcber 300 G\u00e4ste, um sich beim Genu\u00df von Bier und Hanf den Kl\u00e4ngen von David Eugene Edwards, Pascal Humbert, Jean-Yves Tola und Jeffrey Paul Nolander hinzugeben. Ein etwas anderes Konzert wie jeder danach feststellen mu\u00dfte. Hier trafen Countrykl\u00e4nge auf harte Gitarren, Streicher und Akkordeon. Eine schon sehr ausgefallene und ziemlich coole Mischung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Ich mag die Musik, die wir machen, was nicht hei\u00dft, da\u00df sie unbedingt cool ist. Es kommt andererseits darauf an, was du unter cool verstehst. 16 HORSEPOWER-Fans setzen sich aus allen Schichten zusammen. Du kannst nicht ein bestimmtes Bild des typischen HORSEPOWER-Fans festmachen. Es sind alte wie junge Menschen, Soldaten wie Handwerker\u2026&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>16 HORSEPOWER haben es geschafft, sich im Rockbereich eine eigene Nische zu schaffen und die Herzen von Fans verschiedenster Couleur zu erobern. Das gelingt wenigen guten Bands heutzutage. Eher noch hat man die Leute gegen sich aufgebracht als auf seine Seite gezogen. Trotzdem ist David davon \u00fcberzeugt, mit jeder x-beliebigen Band auf Reise gehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Dann werden uns die Leute bestimmt nicht immer akzeptieren, aber das macht uns auch Spa\u00df.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es war zu lesen, da\u00df David &#8211; beeinflu\u00dft von Johnny Cash, Hank Williams, Bob Dylan, Leonard Cohen und JOY DIVISION &#8211; schon in jungen Jahren den Weg zu Cajun-Musik der 20er und 30er Jahre und der appalachischen Hillbilly-Musik fand. Und da er es nicht lassen kann, alte und zugleich au\u00dfergew\u00f6hnliche Instrumente zu sammeln, ist es keineswegs verwunderlich, da\u00df ein Vielzahl dieser im Klangbild von 16 HORSEPOWER zum Tragen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Ich sammle all die Instrumente, deren Sounds ich interessant finde. Ich mag zudem die Abwechslung, von Song zu Song ein anderes Instrument einzusetzen. St\u00e4ndig dasselbe zu spielen w\u00fcrde mich zu Tode langweilen. So bin ich zufrieden und gl\u00fccklich und gleichzeitig tut dies unserem Gesamtbild sehr gut. Neben den Sounds bin ich oft auch von ihrem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild fasziniert. Hinzu kommt, da\u00df die meisten verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig billig waren. Viele meiner musizierenden Kollegen w\u00fcrden solch bizarre Instrumente, wie du es ausdr\u00fcckst, bestimmt nicht benutzen. F\u00fcr mich macht das gerade den besonderen Reiz bei 16 HORSEPOWER aus. Ich mag harte wie traditionelle Musik. Daher wollte ich von Anfang an, beide Arten verschmelzen &#8211; und das in einer kunstvollen und geschmackvollen Art und Weise. Eigentlich sammle ich sie auch nicht wirklich. Ich kaufe sie mir nur dann, wenn ich etwas Neues brauche, um den Sound zu erweitern. Ich h\u00e4tte gar nicht das Geld, um mir eins nach dem anderen nur des Sammlerlust wegen zu kaufen. Es sind insofern keine Sammlerst\u00fccke, aber meine Werkzeuge.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn David einmal den Narren an einem Album gefressen hat, dann spielt er es tagt\u00e4glich (und das \u00fcber Wochen hinweg) rauf und runter\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;\u2026bis ich meine Familie in den Wahnsinn getrieben habe. Derzeit gebe ich mich der neuen Platten von Bob Dylan hin, davor war es die von Nick Cave. Neben aktuellen Produkten h\u00f6re ich mir traditionelle Musik an, so zum Beispiel ungarische Folklore oder Appalachenmusik.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Journalisten haben es in aller Regel schwer, die Musik von 16 HORSEPOWER in Worte zu fassen. Die Band wird in Metal- wie in Alternativemagazinen angepriesen und rezensiert. Gerade solche Schreiberlinge blieben bisher von eurer Musik &#8222;verschont&#8220;. Wie w\u00fcrdest du deshalb deine Musik mit eigenen Worten beschreiben?<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Ich definiere unsere Musik nicht, weil ich keine Notwendigkeit daf\u00fcr sehe, es zu tun. Die Leute sollen sich unvoreingenommen die Platten anh\u00f6ren und sich selber ein Bild davon machen. Alles andere w\u00e4re Quatsch. Ich wei\u00df selbst nicht, wie ich unsere Musik in Worte fassen sollte. Ich kann dir nur soviel sagen, da\u00df all die Musik, die mich bisher in meinem Leben begeistert hat, bei uns widergespiegelt wird. Das Spektrum reicht von Kirchenmusik, Klassik oder irischer Folklore bis hin zu AC\/DC.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Inwiefern beeinflu\u00dft deine derzeitige Heimatstadt Denver, im US-Bundesstaat Colorado, dein k\u00fcnstlerisches Schaffen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Nun, Denver ist eine 3 Millionen-Metropole, die extrem konservativ und vor allem langweilig ist. Rundherum um die Stadt findest du zahlreiche Pferde- und Kuhfarmen. Ganze 21 Jahre habe ich in Denver und in umliegenden St\u00e4dten verbracht. (Mein Vater war Wanderprediger, deshalb bin ich innerhalb von Colorado viel rumgekommen.) Ich bin mir sicher, da\u00df nicht nur die Musik, sondern mein ganzes Leben von dieser Umgebung beeinflu\u00dft ist.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aufgenommen wurde ,Low Estate&#8216; in Lafayette, einer ehemaligen Minenstadt. Das dortige Studio diente fr\u00fcher als Bar und nun als Schmiede f\u00fcr erstklassige Musik, wie im Falle 16 HORSEPOWERs.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Lafayette ist ein gro\u00dfartiges Fleckchen Land. Dort reden entweder alle franz\u00f6sisch oder cajun. Trotz alledem hat man dennoch das Gef\u00fchl in Amerika zu sein &#8211; alles ist lediglich etwas nat\u00fcrlicher und entspannter.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Normalfall ist Musik die Reflexion der Seele des K\u00fcnstlers. Demnach m\u00fc\u00dfte deine Seele eher schwarz und d\u00fcster sein und du deprimiert und frustriert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Meine Texte basieren auf meinen pers\u00f6nlichen Erfahrungen im Leben und alledem, was mir noch bevorsteht. Das hei\u00dft keineswegs, da\u00df der Song meine Gef\u00fchle in gerade diesem Moment widerspiegelt. Ich singe \u00fcber die Vergangenheit, \u00fcber etwas, das sich auf mich ausgewirkt hat oder &#8211; im hypothetischen Fall &#8211; wie etwas auf mich wirken k\u00f6nnte. Ich bin auf gar keinen Fall ein verwirrter Kerl, der jegliche Illusionen verloren hat. Ich wei\u00df, was ich will, und ich habe einen starken Glauben. Ich bin eben realistisch und versuche nicht, etwas zu versch\u00f6nern. Die Wahrheit ist eben meist unangenehm, brutal oder schmerzhaft. Ich habe schon von vielen geh\u00f6rt, unsere Musik sei extrem d\u00fcster und bitter. Ich pers\u00f6nlich mag solche Musik. Aber nicht weil sie so ist wie sie ist, sondern weil ich einen Bezug zu ihr habe, ich mich in ihr erkennen kann. Auf dieser Welt sind viele Menschen deprimiert. Nur weil jetzt einer daherkommt und sagt: ,Seid gut gelaunt&#8216;, hei\u00dft das noch lange nicht, da\u00df dann jeder gl\u00fccklich ist.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Du bist bei deiner Gro\u00dfmutter aufgewachsen, die dich in fr\u00fcher Kindheit des \u00f6fteren mit zum Leichenschauhaus genommen hat. Bizarr, bizarr\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Ja, das stimmt. Nachdem mein Vater gestorben war, hatte sie etwas den Verstand verloren. Ich glaube, sie war irgendwie vom Tod besessen. Sie trug nur noch schwarz und wurde sehr ruhig. Vielleicht war das ebenfalls ein gro\u00dfer Einflu\u00df auf mein Leben.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was ging dir eigentlich durch den Kopf, als du zum ersten Mal eine Leiche gesehen hattest?<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Die erste Leiche war mein eigener Vater. Ich verstand nicht, was passiert war und stierte sie ewig an. Jeder um mich herum heulte sich die Augen aus. Ich fing daraufhin auch an.&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Tod ins Auge blickend\u2026 Gerade durch den wiedergewonnenen Underground-Status eines Johnny Cash hat Country-Musik neuen Boden gewonnen und kann sich st\u00e4ndig wachsender Beliebtheit erfreuen. Wir reden hier schlie\u00dflich nicht von Weichsp\u00fclcountry der Marke Garth Brooks, sondern von einer alteingesessenen Gr\u00f6\u00dfe. 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