{"id":31950,"date":"1997-12-21T11:11:00","date_gmt":"1997-12-21T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31950"},"modified":"2022-07-16T01:29:58","modified_gmt":"2022-07-15T23:29:58","slug":"monika-schuberts-inselplatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/12\/monika-schuberts-inselplatten\/","title":{"rendered":"Monika Schuberts Inselplatten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">So sch\u00f6n es klingt &#8211; ab auf die einsame Insel mit den Lieblingsplatten, wahrscheinlich w\u00fcrde ich die Teile im letzten Moment doch nicht einpacken, weil ich nicht gerne mit viel Gep\u00e4ck reise. Das schreibe ich als eine, die schon einiges an Auslandsaufenthalten hinter sich hat. Und deren Taschen von Trip zu Trip leichter wurden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die meisten meiner Platten und CDs habe ich an den unterschiedlichsten Orten zwischengelagert. Um mich jeweils der Illusion hinzugeben, doch eigentlich gar nicht so viel Krempel zu haben. Zum Gl\u00fcck ist man im Saarland vor musikalischen Innovationen relativ sicher. Seit dem gewaltsamen Tod des &#8222;Querfunk&#8220; auf jeden Fall, was das begeisterte H\u00f6ren im Radio angeht. Und &#8222;Hinternet-Radio&#8220; verpasse ich regelm\u00e4ssig, weil ich zu der Zeit meistens noch irgendwelchen Brot- und -Butter-Jobs nachgehe. Den besten Mitty um Musiktips anzugehen w\u00e4re fatal. Bei dem erlesenen Geschmack desjenigen welchen w\u00fcrde ich mir am Ende noch einiges an aktuellem kaufen, und das hiesse zus\u00e4tzliches unakzeptables Gep\u00e4ck. Der n\u00e4chste Umzug kommt bestimmt. Und im Keller meiner Eltern lagert schon jetzt ein Grossteil meiner B\u00fccher. Hey, aber wer weiss, vielleicht werde ich morgen ein besserer Mensch und verschenke den ganzen Krempel. Die Lieblingssachen kennt man eh auswendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die folgende Auswahl an Sounds ist \u00fcbrigens die einer einzigen Nacht &#8211; morgen w\u00fcrde ich wahrscheinlich ein v\u00f6llig anderes Sortiment w\u00e4hlen. Gar nicht zu reden von \u00fcbermorgen. Ganz im Sinn von Wire&#8217;s &#8222;40 versions&#8220;. Am liebsten w\u00e4re mir als Aufenthaltsort eine warme Insel ohne Aedes Aegyptii, dem fiesen, \u00e4usserst resistenten Typ Mosquito, der das Dengue-Fieber \u00fcbertr\u00e4gt. Das Meer sollte m\u00f6glichst haifrei sein, die Einheimischen freundlich und trinkfest. Galapagos-Echsen d\u00fcrften ruhig auch da sein. Hinreissende Tiere, die sich auf heissen Steinen rekeln und Vonnegut lesen. W\u00e4hrend ich in meinem ber\u00fcchtigten Rumshop die perfekte Margarita mixe: Cointreau oder Triple Sec plus Tequila und Limejuice, das ist hier die Frage. Oder doch lieber Beetlejuice? Klasse Film. Wups, das nennt man abschweifen. Musik, also. Over and out.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Magazine &#8211; Play<\/strong><br \/>Die sch\u00f6nsten Songs der Band auf einem grandiosen, noisigen Livealbum. Devoto&#8217;s lasziv-ironische Interpretation von Texten, die dank ihrer Vielschichtigkeit zum Besten in der Musik schlechthin z\u00e4hlen, Barry Adamson&#8217;s pulsierende Intensit\u00e4t am Bass als Vorgeschmack auf sp\u00e4tere Geniestreiche, in einem eleganten Abgesang auf die Leistungsgesellschaft der fr\u00fchen Achtziger: &#8222;Just because I love you and because you love me &#8211; a model worker I will be&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wire &#8211; The Ideal Copy<\/strong><br \/>Die Wiedervereinigung der Pop-Innovatoren nach der Snakedrill-EP, zeitgem\u00e4ss aufgenommen in Berlin. Ein Album, in dem Freundschaft, Sehnsucht nach allem und die Liebe zum Absurden auf das abwechslungsreichste zelebriert werden. Immer noch aufregend. Eine Platte f\u00fcr schlaflose N\u00e4chte, in denen die Moskitos beissen und man sich zumindest f\u00fcr kurze Zeit in eine Gro\u00dfstadt im Sommer zur\u00fcckw\u00fcnscht &#8211; &#8222;an evening of fun in the metropolis of your dreams&#8220; &#8211; ist zwar auf 154, passt aber trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gary Clail \/ On-U-Sound System &#8211; Emotional Hooligan<\/strong><br \/>Lieder \u00fcber Korruption, Liebe und Heimatlosigkeit. &#8222;Why aim our anger at each other? We should aim it at those who really matter&#8220;. Wenn es stimmt, dass Clail seine Texte, wie er einmal in einem &#8222;The Face&#8220;-Interview gesagt hat, jeweils im Studio improvisiert, ist der Mensch ein verdammtes Genie. Ein geniales H\u00e4ndchen beweist der sympathische bekennende S\u00e4ufer auf jeden Fall bei der Auswahl seiner Mitmusiker, den besten der Dub-Szene: Adrian Sherwood, Bim Sherman, Doug Wimbish, um nur einige multiaktive zu nennen, die sich z. B. auch auf Tackhead-Lorbeeren ausruhen k\u00f6nnten. Wenn man die Truppe einmal live gesehen hat, ist man sowieso \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Shriekback &#8211; The Infinite<\/strong><br \/>Abgedreht und stilsicher schon das Cover: die drei Galapagos-Echsen lehnen nonchalant hinter ihrem Felsen, das mittlere Tier pr\u00e4sentiert makellos scharfe Krallen. Scharf und pr\u00e4zise auch die Sounds. Andrews und seine Sidemen liefern 11 fantastische, Bass-dominierte Songs mit verspielten Drums und teuflisch guten Vocals. Die Platte f\u00fcr alle, die gepflegte Ironie in den Texten ebenso sch\u00e4tzen wie einen Rhythmus, der durchgehend nach nicht jugendfreien Aktivit\u00e4ten verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Linton Kwesi Johnson &#8211; Forces of Victory<\/strong><br \/>Unglaublich, mit welcher Coolness LKJ die heissen Strassenk\u00e4mpfe zwischen Schwarzen und Neonazis im London Ende der 70er beschreibt. Seine Hymne &#8222;Fite dem back&#8220; kommt heute noch gut: <em>&#8222;we gonna smash their brains in, cause they ain&#8217;t got nothing in them&#8220;<\/em>. Die subtil-subversive Alternative zu The Clash&#8217;s &#8222;White Riot&#8220; oder Tom Robinson&#8217;s Herzblut auf &#8222;Power in the Darkness&#8220;. Nebenbei darf man Dubmaster LKJ getrost als Vater des Raggamuffin bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bryan Ferry &#8211; B\u00eate Noire<\/strong><br \/>Der Soundtrack zum Cocktails schl\u00fcrfen mit der zuf\u00e4llig vorbeikommenden Besatzung der Billie Celeste. Hinreissend: die Schreibmaschinen-Samples in &#8222;Kiss &amp; Tell&#8220;. Und nat\u00fcrlich die elegant-sinnlichen Arrangements der Basslinien und Congas. Die Texte sind halb so wichtig &#8211; Ferry k\u00f6nnte auch das Telefonbuch heruntersingen und dabei stilvoll klingen. Seine l\u00e4ssige Phrasierung l\u00e4sst viel Raum f\u00fcr visuelle Assoziationen. Bei &#8222;Limbo&#8220; sehe ich immer Hannibal Lecter fr\u00f6hlich in den Sonnenuntergang von Port-au-Prince spazieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stevie Wonder &#8211; Original Musiquarium I<\/strong><br \/>Greatest Hits, jawoll! Z. B. wegen &#8222;Superstition&#8220;, meinem absoluten Wonder-Lieblingstitel. Musikalisch ist dieses St\u00fcck \u00e4hnlich revolution\u00e4r wie James Brown&#8217;s &#8222;Papa&#8217;s got a brand new bag&#8220;, textlich sehr lustig. Und dann sind da noch die Dancefloor-Klassiker &#8222;Sir Duke&#8220; und &#8222;Master Blaster (Jammin&#8216;)&#8220;, und, o.k., ich geb&#8217;s ja zu, einige wunderbar schmalzige Liebeslieder. Nicht zuletzt erschien die Compilation bevor sich der Wonderknabe in Peinlichkeiten wie &#8222;I just called to say I love you&#8220; oder &#8222;Happy Birthday&#8220; erging.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Graham Parker &#8211; Another grey area<\/strong><br \/>Umpf. Diese Entscheidung fiel nur um Haaresbreite zum Nachteil der ebenso h\u00f6renswerten Parker-Platte &#8222;The Real Macaw&#8220; aus. Zum Teil auch deshalb, weil Mike Lehecka und ich uns lange gefragt haben, ob &#8222;Temporary Beauty&#8220; nun der netteste oder der gemeinste Song \u00fcber uns Young Urban Failures ist. Und weil ich einmal zusammen mit einer grossen Liebe eine Liste von ehemaligen \u00f6ffentlich-rechtlichen Vorgesetzten erstellt habe, auf die Parker&#8217;s &#8222;Big Fat Zero&#8220; wie massgeschneidert passt. Last but not least sind auf der Scheibe mit einer Ausnahme (&#8222;You hit the spot&#8220;) nur klasse Songs, und das ist schon eine Besonderheit an sich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The Cure &#8211; The Top<\/strong><br \/>Obwohl auch hier &#8222;17 Seconds&#8220; fast das Rennen gemacht h\u00e4tte &#8211; auf dieser Scheibe sind die herrlich depressiven Lyrics von &#8222;Bananafishbones&#8220; &#8211; als eventueller Soundtrack f\u00fcr eine Candombl\u00e9-Zeremonie &#8211; und &#8222;The Top&#8220; ausschlaggebend. Ausserdem war die Platte ein Geschenk der elfenhaften Suzie J., die fast noch sch\u00f6ner singen konnte als Fat Boy Robert. <em>&#8222;This top is the place. Where nobody goes. You just imagine. You just imagine it all&#8220;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The Jazz Butcher Conspiracy &#8211; Distressed Gentlefolk<\/strong><br \/>Der Metzger und seine Mannen schlagen musikalisch wunderbar schr\u00e4ge Br\u00fccken zwischen minimalem Gitarrenwave, Psychoballaden im Stil der fr\u00fchen Velvet Underground und reinem Swing. In den Texten \u00fcberwiegen gepflegter Ennui und irrwitzige Komik. Das Liebesleben von Haustieren kommt dabei genauso zu seinem Recht wie die fr\u00f6hliche Aufforderung zum Kannibalismus unter Verliebten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier noch ein paar Songs, die ich gerne auf einer Cassetten-Compi mitnehmen w\u00fcrde:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bonnie Raitt &#8211; The road&#8217;s my middle name<\/strong><br \/>Eine der besten im Blues &#8211; an Gitarre und Stimme. Hier mit einem tollen &#8222;nein danke&#8220; zu Haus, Hof und Hypothek.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Taxi Girl &#8211; Chercher le Garcon<\/strong><br \/>&#8222;D&#8216; une bande magn\u00e9tique un soupir lui \u00e9chappe, sur un \u00e9cran g\u00e9ant une goutte de sang&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Il Gran Teatro Amaro &#8211; Parco degli aranci<\/strong><br \/>Roberta Possamai und ihre internationale Vaudeville-Band zielen direkt ins Herz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Miles Davis &#8211; Final (take 1)<\/strong><br \/>Der h\u00e4ssliche miesepetrige Giftzwerg at his best auf seinem Soundtrack zum Fahrstuhl. Alles was danach kam, war nicht so wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prince &#8211; Sexuality<\/strong><br \/>Zeitlos!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gavin Friday and the Man Seezer &#8211; You take away the sun from me<\/strong><br \/>U\u00e4h. Liebe bringt nix als \u00c4rger. Keiner sagt das so grandios wie diese Ex-Virgin Prune.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buzzcocks &#8211; Ever fallen in love?<\/strong><br \/>Ausser vielleicht Pete Shelley und seine Jungs.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Justice Hahn &#8211; I cry your name<\/strong><br \/>Und der beste Roadmanager, den Alex Chilton je hatte, mit seinem Soloprojekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elvis Costello &#8211; Accidents will happen<\/strong><br \/><em>&#8222;And it&#8217;s the damage that we do and never know<br \/>it&#8217;s the words that we don&#8217;t say that scare me so\u2026&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marlene Dietrich &#8211; I may never go home anymore<\/strong><br \/>Lene Lovitch&#8217;s grosse Schwester.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Duran Duran &#8211; A view to a kill<\/strong><br \/>Grandiose B\u00e4sse, grandios geklaute Gitarre. Und simple Simon liegt vokalistisch so haarscharf daneben, dass es schon wieder cool ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alison Hynde &#8211; In the meantime<\/strong><br \/>Eine Calypsonian, die nicht auf Godot wartet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Axel Bauer &#8211; \u00c9teins la lumi\u00e8re<\/strong><br \/><em>&#8222;A force de se voir on ne se voyait plus<br \/>\u00e0 tant vouloir y croire on n&#8217;y croyait plus&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Yazoo &#8211; Situation<\/strong><br \/>Das Raubtier und der Prinz des Pop. Sch\u00f6n und gut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The Weathermen &#8211; Punishment Park<\/strong><br \/><em>&#8222;Just around the corner but not there yet<br \/>and it&#8217;s memory itself I&#8217;d like to forget&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>The Chiffons &#8211; He&#8217;s so fine<\/strong><br \/>Radical kitsch. Doo-lang doo-lang doo-lang\u2026 Ein Lieblingssohn meines Sohnes. Von wegen Babies stehen auf Klassik!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Los Nemus del Pacifico &#8211; Mi primer amor<\/strong><br \/>Ein kleiner Montuno zum Tanzen unter Wasser mit freundlichen Delphinen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The Silicon Teens &#8211; Just like Eddie<\/strong><br \/>Daniel Miller und seine Primitivsynthies im Rock&#8217;n&#8217;Roll Wunderland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Throwing Muses &#8211; Same Sun<\/strong><br \/>Zeitgem\u00e4sser messerscharfer Bluesrock.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tino Rossi &#8211; Il pleut sur la route<\/strong><br \/>Abteilung Goldkehlchen die klasse Tangos singen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Edson Cordeiro &#8211; Coming<\/strong><br \/>Noch so ne Nachtigall.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zum Schluss f\u00e4llt mir auf, dass auch ich keinen einzigen deutschen Titel im Sortiment habe. Nicht, dass ich was gegen die Sprache oder die sich ihrer bedienenden Artisten habe, es geh\u00f6rt nur nix davon zu meinen Lieblingssachen. Wenn Walter jemals mit seiner Liste fertig wird (das wird schwer, bei dem ganzen Zeugs was der kennt und mag), kann er das ja mit ganz viel Tocotronic ausgleichen. Oder doch lieber Robert Johnson?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sch\u00f6n es klingt &#8211; ab auf die einsame Insel mit den Lieblingsplatten, wahrscheinlich w\u00fcrde ich die Teile im letzten Moment doch nicht einpacken, weil ich nicht gerne mit viel Gep\u00e4ck reise. Das schreibe ich als eine, die schon einiges an Auslandsaufenthalten hinter sich hat. 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