{"id":31964,"date":"1997-12-13T11:12:00","date_gmt":"1997-12-13T10:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=31964"},"modified":"2022-07-14T22:39:05","modified_gmt":"2022-07-14T20:39:05","slug":"dieter-paul-rudolphs-inselplatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/12\/dieter-paul-rudolphs-inselplatten\/","title":{"rendered":"Dieter Paul Rudolphs Inselplatten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Joni Mitchell: Hejira (1976)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Konzeptalben geh\u00f6rten zu den schlimmsten Heimsuchungen der 70er, wenn ein schlichtes Gem\u00fct tiefgr\u00fcndig \u00fcber ein schlichtes Thema br\u00fctete und dem so erhitzten Ei dann doch nur der \u00fcbliche R\u00fchrkuchen entfleuchte. Joni Mitchells &#8222;Hejira&#8220; ist ein Konzeptalbum &#8211; aber eines, das sich seinem Gegenstand auf vielf\u00e4ltige Weise n\u00e4hert, sowohl textlich als auch musikalisch. Es geht, verk\u00fcrzt gesagt, um Heimatlosigkeit, ums Herumirren, um schwache M\u00e4nner und schwache Frauen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Musikalisch kn\u00fcpft Joni an ihr 75er Album &#8222;The Hissing Of Summer Lawns&#8220; an (das ich auch hier h\u00e4tte aufnehmen k\u00f6nnen &#8211; aber zugunsten der Maxime, nur ein Werk pro K\u00fcnstler zu ber\u00fccksichtigen, schweren Herzens ignoriere). Und das hei\u00dft: eine Verarbeitung von Jazzeinfl\u00fcssen (Jaco Pastorius am Ba\u00df, Larry Carlton an der E-Gitarre &#8211; aber auch Neil Young an der Mundharmonika!), ohne auf den Zug &#8222;Fusion&#8220; oder das Triebw\u00e4gelchen &#8222;Jazz-Rock&#8220; zu h\u00fcpfen. Ganz ganz eigen, ganz Joni Mitchell, ganz gro\u00dfe Klasse, eins der Alben der 70er, ach, was sag ich, eins der Alben \u00fcberhaupt, und jetzt h\u00f6r ich auf, bevor ich ins Schw\u00e4rmen komme.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Steely Dan: The Royal Scam (1976)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um sofort wieder ins Schw\u00e4rmerische zu verfallen. Wie der Zufall halt so spielt: Auch &#8222;The Royal Scam&#8220; ist ein 76er Werk, ein Konzeptalbum ebenfalls, so komplex und intelligent wie &#8222;Hejira&#8220;, und auch die Thematik ist eine \u00e4hnliche. Es geht um Emigration, ums Fremdsein, um Au\u00dfenseiter &#8211; und wer bei Songs wie &#8222;Kid Charlemagne&#8220; oder dem Titelst\u00fcck nicht sofort zum Steely Dan-Anbeter wird, dem ist in diesem Leben nicht mehr zu helfen. Von der Qualit\u00e4t des Albums zeugt ein putziger Umstand. Der n\u00e4mlich, da\u00df ein Song in der Endauswahl nicht ber\u00fccksichtigt wurde und erst sp\u00e4ter auf Kompilationen und der 4-CD-Werkschau &#8222;Citizen Steely Dan&#8220; zu h\u00f6ren war: &#8222;Here At The Western World&#8220;. Tja, und dieser OUTTAKE allein ist allemal besser als 95 % dessen, mit dem man uns in den 70ern zugem\u00fcllt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Laura Nyro: Eli And The 13th Confession (1967)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was verbindet man mit dem Jahr 1967, wenn es um popul\u00e4re Musik geht? Richtig &#8211; &#8222;Srgt. Pepper&#8220; von den Beatles und &#8222;Smiley Smile&#8220; von den Beach Boys. Alles ganz ordentlich. Wer aber mich fragt, welches Album des Jahres 1967 das epochalste war, der bekommt zur Antwort: Laura Nyro, Eli And The 13th Confession. Nicht nur, weil sich Bands wie Three Dog Night (&#8222;Eli&#8217;s Comin&#8220;) und The Fifth Dimension (&#8222;Stone Soul Picnic&#8220;) ihre Hits daraus gezogen haben, w\u00e4hrend Frau Nyro wieder einmal als Interpretin leer ausging, nein, nicht nur deswegen. Aber diese Melodien, diese raffinierten Tempowechsel, diese Mischung aus Doo Wop-Seligkeit und vertracktem Jazz &#8211; das war und ist einzigartig. Erw\u00e4hnen wir ruhig, da\u00df dies auch den Beginn dessen markierte, was man vielleicht als &#8222;eigenst\u00e4ndige Musik von Frauen im Rock- und Popzirkus&#8220; bezeichnen k\u00f6nnte. Laura war die Pionierin, die Gro\u00dfmeisterin &#8211; und die gro\u00dfe Vergessene. Sie ist im April 1997 gestorben, und die meisten Bl\u00e4tter (etwa der doofe deutsche &#8222;Rolling Stone&#8220;) haben dem keine Zeile gewidmet (&#8222;Spex&#8220; immerhin brachte eine ganze Seite Nachruf &#8211; sofort abonnieren das Blatt!).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Edgar Winter: Entrance (1970)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johnnys kleiner Bruder mit seinem Deb\u00fct. Ein S\u00e4nger, der wie Diana Ross singen kann, wenn die singen k\u00f6nnte. Ein Saxophonist, der dir das Gehirn rausbl\u00e4st. Ein Komponist, der sich souver\u00e4n durch s\u00e4mtliche Genres bewegt. Kein Zweifel: &#8222;Entrance&#8220; ist eine Talentprobe sondergleichen, mal Blues, mal Rock, mal Musical, mal Soul, mal \u2026 leider kam danach nicht mehr viel. Immerhin noch &#8222;Edgar Winter&#8217;s White Trash&#8220;, eine der f\u00fcnf besten Livebands ever, und &#8222;Frankenstein&#8220;, der Monsterhit. Das Deb\u00fct h\u00f6rt man aber immer wieder gern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dregs: Unsung Heroes (1981)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nie geh\u00f6rt, gelt? Die Band um Komponist und Gitarrist Steve Morse d\u00fcrfte so in etwa das am meisten untersch\u00e4tzte Ensemble der Rockgeschichte sein. Einmal, weil sie sich zwischen Hillbilly, Free Jazz und Klassik so ziemlich an allem vergriffen, aber auch, weil sie eine reine Instrumentalband waren, also keinen omnipr\u00e4senten S\u00e4nger mit ner Socke hinterm Hosenschlitz am Mikrophonst\u00e4nder reiben lie\u00dfen. &#8222;Unsung Heroes&#8220; zeigt das ganze K\u00f6nnen der Band. Da pulst der Ba\u00df, die Geige jubelt, das Schlagzeug vibriert &#8211; und da\u00df Morse der schnellste, einfallsreichste Gitarrist aller Zeiten ist, wei\u00df der Kenner eh. Spielt \u00fcbrigens heute bei Deep Purple, der gute Mann, denn mit den Dregs, die ihre Platten ansonsten als DIXIE Dregs ver\u00f6ffentlicht haben, war kein Dollar zu verdienen. Ewig schade.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fairport Convention: Liege &amp; Lief (1969)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Drei Alben ver\u00f6ffentlichte FC binnen dieses einen Jahres 69: &#8222;What We Did In Our Holidays&#8220;, &#8222;Unhalfbricking&#8220; und eben &#8222;Liege &amp; Lief&#8220;. Letztere gilt als die Geburtsstunde des britischen Folkrock, wor\u00fcber man sich streiten k\u00f6nnte; nicht streiten kann man jedoch dar\u00fcber, da\u00df &#8222;Liege &amp; Lief&#8220; gleich zweierlei zeigt: den Genius von Richard Thompson und den von S\u00e4ngerin Sandy Denny. Vor allem die beiden langen Balladen &#8222;Matty Groves&#8220; und &#8222;Tam Lin&#8220; werden gepr\u00e4gt von Richards Gitarrendrive und Sandys \u00fcberirdischer Stimme &#8211; nicht zu vergessen den Rest der Band und &#8211; ganz wichtig &#8211; die pure Qualit\u00e4t der Songs. Stimmt einfach alles.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Laurie Anderson: Bright Red (1994)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Popmusik und hehre Kunst k\u00f6nnen einander befruchten &#8211; vorausgesetzt, man nimmt beide nicht allzu ernst. Laurie Anderson war l\u00e4ngst eine etablierte Performancek\u00fcnstlerin, als sie 1982 mit &#8222;Big Science&#8220; ihr Deb\u00fctalbum vorlegte, u.a. mit &#8222;O Superman&#8220;, einem Nummer 2 &#8211; Hit in Gro\u00dfbritannien, und wohl so ziemlich das Durchdachteste, was jemals durch die T\u00fcren der Charts geschl\u00fcpft ist. Es folgten weitere Platten von hoher Qualit\u00e4t, bevor mit &#8222;Bright Red&#8220; Anderson ihre musikalische Entwicklung eines Jahrzw\u00f6lfts zusammenfa\u00dfte. Eine d\u00fcstere, nachdenkliche Platte, gewi\u00df, aber eine mit literarischem Bi\u00df und genau kalkulierter Musik. &#8222;Speechless&#8220;, das Er\u00f6ffnungsst\u00fcck, ein Song mit magischem Drive, das Titelst\u00fcck verbl\u00fcffend in seinem Gesangsvortrag usw. Jeder Song ein Kunstwerk, das auf dem Boden geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Taste: On The Boards (1969)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu: An diesem Album h\u00e4ngt das Herz eines inzwischen redlich gealterten Mannes, der sich an die erste gro\u00dfe Liebe seines Musiklebens erinnert. Rory Gallagher, der irische Karohemdtr\u00e4ger, &#8222;What&#8217;s Going On&#8220;, unz\u00e4hlige Male gedudelt, knackiger Bluesrock und angejazzte Saxophonst\u00fccke (ja, Rory blies auch das Saxophon bisweilen ganz ordentlich &#8211; jedenfalls in seiner Fr\u00fchzeit). Es sind solche Platten, die der Fr\u00fchreife braucht, um endlich von seiner elenden Beatles-Schw\u00e4rmerei zu lassen. Sie \u00f6ffnen neue Welten und bleiben wie Grenzsteine der Erinnerung in deinem Ged\u00e4chtnis &#8211; h\u00fcbsch gesagt, was?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>David Lindley: El Rayo-X (1981)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dem kleinen, wuseligen Meister der Slide-Gitarre ist es zu danken, da\u00df heutzutage jede sich ank\u00fcndigende Depression blitzschnell \u00fcberwunden werden kann. Man legt einfach diese Platte auf, diesen fr\u00f6hlichen Mix aus Reggae, Blues und Lateinamerika, und schon lacht das Herz. Eine frischere Version von &#8222;Twist &amp; Shout&#8220; wird man ebenso wenig anderswo h\u00f6ren wie eine vers\u00f6hnlichere von &#8222;Don&#8217;t Look Back&#8220;. Tja, und wenn der David dann seine Slide auspackt (&#8222;Mercury Blues&#8220;), jubelt das Gem\u00fct, und der Verstand tanzt dazu. Hat noch weitere sch\u00f6ne Soloplatten abgeliefert, der Herr Lindley, noch verdienstvoller aber seine Feldforschungen mit Henry Kaiser in Madagaskar und Norwegen, wovon jeweils zwei Alben zeugen. Guter Mann, unverzichtbar so einer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kursaal Flyers: The Great Artiste (1975)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Rocklexika firmieren die Kursaal Flyers unter &#8222;Pubrock&#8220; &#8211; sofern man sie \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt. &#8222;The Great Artiste&#8220; jedoch ist etwas ganz eigenes, eine Mischung aus Rock und Vaudeville, Reggae und Ballade, Folk und wei\u00df der Teufel noch was. Der S\u00e4nger singt bisweilen g\u00f6ttlich schmierig, die Bass-Line von &#8222;Cruisin&#8216; For Love&#8220; ist zeitlos, und &#8222;Hypochondriac&#8220; macht dich krank vor lauter Sch\u00f6nheit. 1975, ein Jahr, bevor der gro\u00dfe Punk auf die Stra\u00dfe kotzte. Die Flyers haben&#8217;s nicht \u00fcberlebt, aber heute, wo es ja schon &#8222;Kult&#8220; genannt wird, wenn sich eine Tussi im Fernsehen die Zungenspitze abbei\u00dft, heute also w\u00e4re es an der Zeit, sich den wahren Kultobjekten zu widmen. Den Kursaal Flyers beispielsweise und ihrer wunderbaren Platte &#8222;The Great Artiste&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joni Mitchell: Hejira (1976) Konzeptalben geh\u00f6rten zu den schlimmsten Heimsuchungen der 70er, wenn ein schlichtes Gem\u00fct tiefgr\u00fcndig \u00fcber ein schlichtes Thema br\u00fctete und dem so erhitzten Ei dann doch nur der \u00fcbliche R\u00fchrkuchen entfleuchte. 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