{"id":32373,"date":"1998-04-21T11:11:00","date_gmt":"1998-04-21T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=32373"},"modified":"2022-07-21T02:11:48","modified_gmt":"2022-07-21T00:11:48","slug":"68-design-und-alltagskultur-zwischen-konsum-und-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/04\/68-design-und-alltagskultur-zwischen-konsum-und-konflikt\/","title":{"rendered":"\u00b468 &#8211; Design und Alltagskultur zwischen Konsum und Konflikt"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"242\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32380\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-01.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-01-124x150.jpg 124w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wer die \u00b468er Ausstellung im D\u00fcsseldorfer Kunstmuseum verpa\u00dft hat, hat vor allem eines verpa\u00dft: das finnische Kunststoffhaus &#8222;Futuro&#8220;, urspr\u00fcnglich als Apr\u00e8s-Ski-H\u00fctte im Sci-Fi-Look konzipiert. Es sieht aus wie eine fliegende Untertasse, hat 8 m Durchmesser, rundum Bullaugen, steht auf drei Beinen und ist wie ein Flugzeug \u00fcber eine herunterklappbare Treppe zu besteigen. Genau: zu besteigen! Was man sonst nur (nachsichtig grinsend) in Dokumentationen \u00fcber die gute alte Zeit der Zukunftseuphorie zu Gesicht bekommt, konnte man in D\u00fcsseldorf in der Tat begehen! Innen gab\u00b4s einen Wohnraum, gestaltet wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs, zwei Schlafkojen und tats\u00e4chlich &#8211; Bad und K\u00fcche! Wer das architektonische Kleinod nicht live erlebt hat, dem sei zum Trost verraten: die Zukunft roch verdammt muffig!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eine Abbildung des sagenhaften &#8222;Futuro&#8220; gibt\u00b4s auch auf Seite 73 im Katalog zur Ausstellung: &#8222;\u00b468 &#8211; Design und Alltagskultur zwischen Konsum und Konflikt&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schreiben das Jubil\u00e4umsjahr zweier unvollendet gebliebener Revolutionen (1848 und 1968), beide l\u00e4ngst zu vielschichtigen Mythen erstarrt, aus denen sich jeder bei Bedarf sein St\u00fcckchen herauspickt, und im Fall der \u00b468er-Revolte ist es hier also die Gebrauchskunst: Design, Mode, Werbung und Grafik. Der Katalog pr\u00e4sentiert anschaulich die Exponate der Ausstellung (DuMont ist in Sachen Grafik immer eine gute Adresse!) sowie eine Reihe von Aufs\u00e4tzen und Interviews mit den damaligen Akteuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sixties und Seventies feiern fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd in Kleidung, Musik und Kunst-Retrospektiven, doch ob es sich dabei nur um formale \u00dcbernahmen handelt oder wirklich mehr dahintersteckt, ist noch zu kl\u00e4ren. Die Tatsache, da\u00df zur Zeit weniger Design-Novit\u00e4ten als die Aufarbeitung zur\u00fcckliegender Erscheinungen und Theorien im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, ist auch f\u00fcr die Analyse der Gegenwart interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 60er Jahre zeichneten sich im Westen durch einen unglaublichen, fast naiven Optimismus aus. Dieses Vertrauen in die eigene Macht ist es wohl auch, das sie in heutigen Zeiten der Orientierungslosigkeit und Verunsicherung so anziehend macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch Unruhe, Protest und Diskussionen sorgten f\u00fcr Schlagzeilen, und die Kritik an den herrschenden Zust\u00e4nden artikulierte sich in gezielten, wenngleich begrenzten Tabuverletzungen. Ausgangspunkt war eine Gruppe, die man erst seitdem als solche wahrnahm: die JUGEND! Jugendliche waren nicht l\u00e4nger nur &#8222;junge Leute&#8220; und Miniaturabbildungen ihrer Eltern, sondern eine eigenst\u00e4ndige soziale Klasse mit spezifischem Potential und eigener Faszinationskraft (von der Kaufkraft gar nicht zu reden\u2026), die nun auch auf andere Schichten abstrahlte: Jugendlichkeit wurde zum Wert schlechthin und die Jugend \u00b467 vom &#8222;Time&#8220;-Magazin gar zur &#8222;Pers\u00f6nlichkeit des Jahres&#8220; gek\u00fcrt. Erwachsenenwelt, Establishment und Industrie schickten sich an, die neuen Errungenschaften zu \u00fcbernehmen und vom Protest in Profit umzum\u00fcnzen! Nicht zuletzt auf diese Weise wurde der Bewegung das Wasser abgegraben, und jugendliche Freaks hatten es fortan immer schwerer, ihre Umwelt zu br\u00fcskieren.<br \/>Wie aber wirkten sich die \u00b468er \u00e4sthetisch aus? Vor allem in einem wilden Crossover aus High und Low, aus Subkultur und etablierter Kultur, aus provozierendem Underground und avancierter Hochkultur. Letzten Endes wurde jedoch alles Alternative vom Mainstream aufgesaugt und entsch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<p>Impulse gaben wieder die &#8222;Jugendlichen&#8220; von der &#8222;Stra\u00dfe&#8220; &#8211; in Wirklichkeit Studenten und Hippies. Die Flower Power-Kids h\u00fcllten sich in ein modisches Allerlei aus Romantik und Exotik, Stoffe in allen Regenbogenfarben und Mustern, bestickte Blusen und Westen, Ethno-Kleidung kombiniert mit Schals, M\u00fctzen etc., und an den F\u00fc\u00dfen Mokassins, Stiefel, Sandalen &#8211; oder gar nichts! Auf den K\u00f6pfen wucherte es: lange Haare und B\u00e4rte brachen sich Bahn, wo jahrzehntelang mit den Eltern um jeden Zentimeter gefeilscht wurde. Die Silhouetten der Geschlechter glichen sich zunehmend an. Und blickt man \u00fcbrigens zur\u00fcck in die ikonografische Historie dieses Symbols, stolpert man \u00fcber jede Menge langhaariger Rebellen, von Absalom (einem Sohn K\u00f6nig Davids, der dummerweise beim Ritt auf der Flucht vor den Feinden mit seinem Kopf in einem Baum h\u00e4ngenblieb, w\u00e4hrend sein Gaul weitergaloppierte\u2026) \u00fcber Meier Helmbrecht, den Struwwelpeter etc. bis hin zu Langhans (!) und Co.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch neue Wohnformen hielten mit den \u00b468ern Einzug, vor allem Kommunen und WGs (mit dem Symbol unkonventionellen Wohnens schlechthin: der WG-Matratze). Was immer sich an M\u00f6glichem aber letztlich durchsetzte, hing mit den herrschenden sozialen Bedingungen zusammen. Das Infragestellen von Autorit\u00e4ten durch die Protestbewegung f\u00fchrte zu einer Lockerung der Umgangsformen und einem gel\u00f6steren Wohnstil. Das Sitzen tendierte zum Liegen, man konnte die F\u00fc\u00dfe ungeniert von sich strecken oder hochlegen. Der Boden war Geh-, Sitz- und Liegefl\u00e4che in einem, und manche sahen gar die Geselligkeit des alten Roms wieder herannahen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sexuelle Revolution hatte also ihr lebensr\u00e4umliches Pendant in einer vertikalen Verschiebung nach unten! Die Wohnzone &#8222;unterhalb der G\u00fcrtellinie&#8220; lag zwischen Knieh\u00f6he und Fu\u00dfboden, denn dahin sanken Sitz- und Liegefl\u00e4chen: ideal f\u00fcr Leute mit Hang zum Gammeln, L\u00fcmmeln, Fleetzen etc. &#8211; &#8222;langhaarige Affen&#8220; eben!<\/p>\n\n\n\n<p>Scharfe Kanten verschwanden, die konstruktorische Trennnung von Gestell und Sitzfl\u00e4che entfiel, Sessel wurden nun zu wulstigen Lederballen. Polstersessel auf fahrbaren Rundsockeln waren mit dreh- und kippbaren Oberteilen versehen, \u00fcberdimensionale Plastikeier mit Sitzmulden evozierten neuartige, &#8222;undisziplinierte&#8220; Sitzhaltungen und erm\u00f6glichten die Kunst, den Platz zu wechseln, ohne aufzustehen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"272\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32375\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-02.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-02-110x150.jpg 110w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Erm\u00f6glicht wurde der Umbruch im Design nicht zuletzt auch durch technische Innovationen in Form neuer synthetischer Materalien (&#8222;plastic revolution&#8220;). Diese Kunststoffe waren leicht und transparent, preiswert herstellbar, einfach zu verarbeiten und erm\u00f6glichten einen zuvor undenkbaren Formenreichtum, der auf die organische Beschaffenheit des Benutzers einging und sich dem menschlichen K\u00f6rper anpa\u00dfte, statt ihn zu disziplinieren. Verkehrte Welt?! Der legend\u00e4re, mit Styropork\u00fcgelchen gef\u00fcllte Sitzsack (damals auch als &#8222;Nicht-Sessel&#8220; tituliert!) ist das Paradebeispiel dieser Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p>Plastik also, wohin das Auge sah. In S\u00fcdtirol entstand eine komplette Disco-Einrichtung aus transparentem und fluoreszierendem Plexiglas; Schaumstoff war die Keimzelle der Polster-Landschaften (WG-Matratze!) und skurriler Hingucker wie dem &#8222;Grasm\u00f6bel&#8220; aus beweglichen Schaumstoffhalmen oder einem S\u00e4ulen-Bruchst\u00fcck im Antik-Look zum Draufsetzen etc. Aufblasbare PVC-M\u00f6bel (Pneus, Blows, Puffs) verwirklichten den alten Traum vom Sitzen auf einer Lufts\u00e4ule. Es existierten sogar ganze aufblasbare Wohnkugeln und Appartments. Ein K\u00f6nigreich f\u00fcr eine Nadel\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Tube gepre\u00dfte M\u00f6bel sollten der Individualit\u00e4t und Mobilit\u00e4t die Krone aufsetzen. Gedacht war das so: zum heimischen Grillen quillt der Gastgeber vor Eintreffen der G\u00e4ste kurz mal ein paar Sitzgelegenheiten auf den Rasen, die anschlie\u00dfend gemeinsam mit dem Einweg-Partygeschirr entsorgt werden. Wer zweimal auf demselben Sessel sitzt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ganz so modernistisch nahmen sich faltbare M\u00f6bel aus Pappe aus, doch auch sie entsprachen dem Zeitgeist: viel M\u00f6bel f\u00fcr wenig Geld. Man kann dar\u00fcber streiten, ob die kurzlebigen Wegwerfm\u00f6bel aus verschlei\u00dffreudigen Materialien letztlich nur den Konsum ankurbeln sollten oder in Opposition zum Einrichtungs-Luxus standen, etabliertes Wohnen infrage stellten und ad\u00e4quate Reaktion auf eine schnellebige, wandelbare Zeit waren. Der Boom der Synthetik-Materialien fand jedoch ein j\u00e4hes Ende mit der Rohstoffknappheit und der \u00d6lkrise Anfang der 70er, die \u00d6ko-Hysterie tat ein \u00fcbriges und m\u00fcndete schlie\u00dflich in den Run auf vermeintlich naturbelassene (&#8222;nur&#8220; mit Kunststoff beschichtete und hochgiftigen Stoffen impr\u00e4gnierte) Holzm\u00f6bel einer schwedischen Einrichtungskette\u2026<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"54\" height=\"100\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-03.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-32374\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Zeit des poppigen &#8222;everything goes&#8220; war \u00fcbrigens auch die Geburtsstunde skulptur-\u00e4hnlicher, aus einem Gu\u00df gefertigter Plastikm\u00f6bel. Ein Klassiker unter ihnen war der &#8222;Floris&#8220;-Stuhl von 1967, basierend auf ergonomisch-statischem Kalk\u00fcl und einer Vorliebe f\u00fcr geschwungene Formen. Er erm\u00f6glichte entspanntes Sitzen und dezentes Federn, beugte durch eingekerbte Bel\u00fcftungskan\u00e4le unangenehmem Schwitzen vor und war problemlos stapelbar. Die Oberfl\u00e4che avanvierte nun zum autonomen \u00e4sthetischen Element, abzulesen auch am &#8222;Uten-Silo&#8220;, der etwas anderen Pinnwand, einem Organizer f\u00fcr Krimskrams (oder wie es die Erfinder nannten: f\u00fcr &#8222;kleine, wilde Dinge&#8220;) in Form einer Plastikplatte mit &#8222;Taschen&#8220;, oder auch an Plastikschreibtischen mit Reliefstruktur (viel Spa\u00df beim Abstauben!).<\/p>\n\n\n\n<p>Transparenz, Kombinationsf\u00e4higkeit und Mobilit\u00e4t waren Ausdruck neuer Flexibilit\u00e4t. Daf\u00fcr standen aufblasbare Sessel, Papp-M\u00f6bel und bewegliche Sitzlandschaften aus Polster-Elementen gleicherma\u00dfen, ebenso Konstruktionen aus (mittels Klammern beliebig zusammensetzbaren) R\u00f6hren und Regale aus stapelbaren Holzschachteln. Sitz-Liege-M\u00f6bel mit verstellbaren Klappgestellen sie sollten ungew\u00f6hnliche K\u00f6rperhaltungen erm\u00f6glichen und den Blick auf \u00fcblicherweise nicht wahrgenommene Raumausschnitte lenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Systemgedanken (Schrankw\u00e4nde und M\u00f6bel aus kombinierbaren Basiseinheiten) ging umgekehrt ein ausgepr\u00e4gtes Ganzheitsdenken einher. Die klassische Trennung von Wohnungen in einzelne Zimmer mit W\u00e4nden sollte aufgehoben werden, der neue Mensch lag auf einer einzigen Polsterfl\u00e4che, Fernseher und B\u00fccherregal waren unter der Decke montiert &#8211; und der Mensch der Zukunft wahrscheinlich l\u00e4ngst von herabst\u00fcrzenden Lekt\u00fcrebest\u00e4nden erschlagen\u2026 \u00c4hnliche Gesamtkunstwerke waren gesch\u00e4umten Kunststoff-Wohnh\u00f6hlen mit zahllosen Wellen, W\u00f6lbungen und Einbuchtungen in schillernden Farben, versehen mit verh\u00fcllten Lichtquellen und versteckten Lautsprechern.<\/p>\n\n\n\n<p>Boden, W\u00e4nde und Decke wurden also ununterscheidbar, Raum und Einrichtung verschmolzen, Sitzen und Liegen wurde eins. S\u00e4mtliche Fl\u00e4chen schoben sich in den Raum hinein, Wohnzellen und Einraum-Konzepte hatten Hochkonjunktur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verwirrende F\u00fclle neuer, zumeist runder, weicher Formen, vor allem aber die hermetische Abgeschlossenheit gegen\u00fcber Au\u00dfenwelt und Tageslicht waren allerdings auch verd\u00e4chtig: stand hier der neuen Offenheit die organische Abschottung gegen\u00fcber? Stichwort &#8222;Uterus&#8220;, Geburt, Natur, Privatheit\u2026 Das roch nach Ur\u00e4ngsten, Flucht und Regression. Moderne, k\u00fcnstliche Materialien und archaisches Naturgef\u00fchl, Dynamik und Flexibilit\u00e4t versus Ruhe und Entspannung &#8211; Widerspr\u00fcche \u00fcber Widerspr\u00fcche!<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich ist die damaligen Aufbruchstimmung nicht zu leugnen, verkrustete Wohnstrukturen sollten bewu\u00dft aufgebrochen werden. Eine Wohnmesse pr\u00e4sentierte ihrerzeit einen leeren, grauen Raum, in dem eine Kinderstimme vom Band die Umgebung beschrieb. Jeder war aufgefordert, sich seine eigene Vorstellung machen, um hernach uneingesch\u00fcchtert und individuell zu gestalten: &#8222;Wohnen ist so einfach&#8220;!?<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck ins &#8222;Damals&#8220;: unentbehrliche Wohn-Accessoires waren \u00fcberdimensionale Schreibtischlampen und Gl\u00fchbirnen oder bunten Pillen nachgebildete Leuchten, sogar aufblasbare Deckenlampen mit Neonr\u00f6hren gab es, ebenso wie solche aus einem Wust von tischtennisballgro\u00dfen, farbigen Plastikb\u00e4llchen. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"100\" height=\"63\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-07.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-32377\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ger\u00e4te erstrahlten in den \u00fcblichen (widerlichen) Farben Rot, Gelb und Orange, Geschirr in Gr\u00fcn und Braun, Radios hie\u00dfen &#8222;Alpha&#8220;, &#8222;Murphy Scene One&#8220; oder &#8222;Pop 70&#8220;. Stereoger\u00e4te hatten ausklappbare Boxen, W\u00fcrfelradios lie\u00dfen sich auseinanderschieben, und die elektronischen Tischuhren gaben beim Spielen (ich spreche aus eigener kindlicher Erfahrung) erstklassige Raumschiff-Amaturen ab. Mancher wird sie noch in leidvoller Erinnerung haben, denn die T\u00e4felchen der Ziffernanzeige l\u00f6sten bei jedem Umklappen ein mittleres Erdbeben aus, und nachts schnauften die Dinger wie eine Herde vorbeitrampelnder B\u00fcffel.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Errungenschaften setzten ein Metier voraus, das mit dem Kapitalismus aufgekommen war, sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich etablieren konnte und nun wahrlich dringend gebraucht wurde: die Werbung (damals noch als &#8222;Rekame&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Jahren des Wirtschaftswunders, als sich alles wie von selbst verkaufte, erforderte die Absatzkrise \u00b466\/\u00b467 in \u00dcbersee und Europa jetzt neue Absatz-Strategien. &#8222;Marketing&#8220; hie\u00df das Zauberwort, kam nat\u00fcrlich aus den USA und meinte soviel wie: vom Verbraucher her denken und dessen Vorstellungen in Produkte umsetzen. Es begann die Zeit der Lifestyle-Werbung (zuerst bei den Zigaretten), die in erster Linie Welten inszenierte und um\u00b4s Produkt herum Geschichten erz\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstanschaffungen reichten pl\u00f6tzlich nicht mehr aus, die Industrie propagierte den Wechsel um seiner selbst willen, um &#8222;auf der H\u00f6he der Zeit&#8220; zu bleiben. Und da die Jugend naturgem\u00e4\u00df immer anders sein will als die Altvordern, hakte die Werbung hier begl\u00fcckt ein! Allerdings stand sie (wie auch die Designer) besonders im Nachkriegs-Deutschland, bedingt durch die Rolle der Propagande im Nazi-Regime, noch unter totalem Ideologieverdacht, und die theoriefreudigen \u00b468er hielten sie im unerbittlichen Klammergriff des allgegenw\u00e4rtigen Diskurses (&#8222;Hauptsache, wir haben mal dr\u00fcber geredet, Du!&#8220;). Begriffe wie &#8222;Geheime Verf\u00fchrer&#8220;, &#8222;Konsumterror&#8220;, und &#8222;Massenkultur&#8220; &#8211; damals in aller Munde &#8211; zeugen vom Igitt-Stigma, oder wie es ein Zeitgenosse formulierte: &#8222;Ich sage meiner Mutter lieber, da\u00df ich als Pianist in einem Bordell arbeite als da\u00df ich in der Werbung bin&#8220;.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"205\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-06.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32379\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-06.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-06-145x150.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Doch auch Kaufhausbr\u00e4nde und Anti-Bild-Kampagne konnten den Siegeszug der Werbung nicht stoppen, und mit Charles Wilp, der Nonnen in den &#8222;Afri Cola&#8220;-Rausch versetzte, machte sich erstmals ein Vertreter des bis dato unsichtbaren Berufsstand als Person einen Namen in der \u00d6ffentlichkeit. Ein Tabubruch, der sofort die Konkurrenz auf den Plan rief, die scheinheilig moralische M\u00e4ngel des Spots beanstandete und darauf verwies, der Name des Auftraggebers sollte sich den Verbrauchern einschreiben, nicht der des ausf\u00fchrenden Elements.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Lifestyle-Werbung wurde auch das Design wichtig, denn die Produkte hoben sich meist nur noch durch ihre Form voneinander ab, und das t\u00e4glich\u00b4 Brot der meisten Designer hie\u00df &#8222;Produktdifferenzierung&#8220;: in realiter baugleiche Maschinen waren durch verschiedene Klebeleisten und Kn\u00f6pfchen als Markenartikel identifizierbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Grafikdesign durchlebte einen Bedeutungswandel und wurde vom Funktions- zum Imagetr\u00e4ger, Kreative waren meist nur noch Bildlieferanten f\u00fcr Marketingspezialisten. Die Standes-Elite schlug sich derweil mit ethischen Problemen (Designer = Kapitalisten?) und dem Verh\u00e4ltnis von Form und Funktion \u00b4rum. Die Frage ging letztlich aus wie das Hornbacher Schie\u00dfen, doch jeder hatte eine Antwort parat. Mindestens eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Wort zur Mode, die den Zipfel der vorbeieilenden Hippie-Zeit rasch aufgriff, den Stilmix kommerzialisierte und das arrogant-ignorante Paris dar\u00fcber arg ins Wanken brachte. Einzig Andr\u00e9 Courr\u00e8ge mit seinem schn\u00f6rkellosen, geometrischen Astro-Stil, Paco Rabanne mit seinen aus Alu-Platten-Kleidern und Pierre Cardin griffen die Impulse vorbehaltlos auf und lie\u00dfen sich als &#8222;Y\u00e9-Y\u00e9&#8220;-Schule (vom britischen &#8222;Yeah Yeah&#8220; abgeleitet) verspotten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00b468er etablierten freiere, ungezwungene Kleidung und verbannten mit ihrer &#8222;Schlamp-Attacke&#8220; die scharfe Trennung von Tages-, Abend- und Freizeitkleidung. Cordhose, Jeans und Rolli standen f\u00fcr die Solidarisierung der Intellektuellen mit Nichtakademikern &#8211; trotz allem eine reichlich elit\u00e4re Attit\u00fcde. In einer Zeit, als Frauen au\u00dfer Haus noch immer nur ungern in Hosen gesehen wurden, galt das allerdings als antib\u00fcrgerlicher Affront erster G\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die wahre Mode-Hauptstadt hie\u00df damals Swinging London mit seiner Carnaby-Street. Hier waren es nicht nur Kunststudenten, sondern vor allem auch Musiker, die den \u00b468ern ihren optischen Stempel aufdr\u00fcckten. Mary Quant hatte f\u00fcr diese Zwischengeneration eine \u00e4hnliche Funktion wie Vivien Westwood f\u00fcr den Punk (und sorgte \u00e4hnlich wie Malcolm McLaren mit ihrer Gesamtkonzeption der Boutique als Trendsetter und Subkultur-Treffpunkt f\u00fcr Furore). Ob sie den Minirock letztendlich erfunden hat, bleibt jedoch umstritten. Diesen trug frau mit flachen Stiefeln und wei\u00dfen Kniestr\u00fcmpfen &#8211; doch was hei\u00dft hier &#8222;frau&#8220;: neue Sch\u00f6nheitsideale waren vorpubert\u00e4re Models \u00e0 la Twiggy und Jean Shrimpton mit rundungsfreien Pl\u00e4ttbrettfiguren! Eine Absage auch an die traditionelle Mutterrolle?<\/p>\n\n\n\n<p>Visuelle und mediale Gro\u00dfereignisse der damaligen Zeit waren vor allem die Olympiaden in Mexico 1968 und M\u00fcnchen 1972. Ihnen verdanken wir die kleinen Piktogramme f\u00fcr die einzelnen Sportarten: nonverbal, gleichwohl international verst\u00e4ndlich! (Nach dem gleichen Prinzip funktionierten auch Mitteilungen, die die &#8222;Apollo 11&#8220;-Crew 1969 f\u00fcr einen etwaigen Mann im Mond parat hielt!).<\/p>\n\n\n\n<p>In Mexico stand die OpArt mit ihrem flimmernden Lineament Pate f\u00fcr die visuelle Olympia-Ausstattung, und in M\u00fcnchen k\u00e4mpfte Otl Aicher f\u00fcr ein einheitlich modernes Erscheinungsbild der &#8222;Weltstadt mit Herz&#8220;: &#8222;Corporate Design&#8220; als ultimative Designer-Aufgabe Anno \u00b468, ob f\u00fcr die British Railways, Mobil Oil, Xerox oder eben ganze St\u00e4dte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge deutsche Grafiker-Generation grenzte sich damals von der alten Garde aus NS-Zeiten ab und suchte zugleich an den Bruch in den 30er Jahren anzukn\u00fcpfen, agierte traditionsm\u00e4\u00dfig praktisch im Vakuum und griff begierig Anregungen der amerikanischen Kunst auf (OpArt, PopArt, Rothko, Comics etc.). Der reine Funktionalismus wich zugunsten der Emotion: irrationale, organische Formen und kontrastreiche Farben &#8211; das Leben war ein Spiel!<\/p>\n\n\n\n<p>Am\u00fcsant zu sehen, da\u00df sich die Amerikaner zur gleichen Zeit bei europ\u00e4ischem Expressionismus und Dadaismus bedienten und vor allem die Ornamentik des Jugendstil f\u00fcr ihre Plakate adaptierten. Poster wurden nun zum Vehikel der Pop-Kultur, und im Paris der b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Studentenrevolte hatte ihr Einsatz auch handfeste kommunikative Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt bem\u00fchten sich die \u00b468er um den Aufbau einer alternativen Presse (in der BRD entstand u. a. &#8222;Pardon&#8220;), wie es die Underground-Zeitschriften der amerikanischen Westcoast vormachten. Sie nahmen sich ungew\u00f6hnlicher, tabuisierter Themen an (Pornographie, Drogen, Revolution) und realsierten ein psychedelisches Fantasy-Design. Vorreiter dieser neuen Magazingrafik in Deutschland war &#8222;Twen&#8220;, das sich von der Studentenzeitschrift zum Publikumsobjekt mauserte, allerdings nicht im Hippie-Layout, sondern in Anlehnung an die neue Fotographie: alles war Material, Bilder wurden angeschnitten, stark vergr\u00f6\u00dfert oder gest\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die internationale Studiofotografie ging buchst\u00e4blich auf die Stra\u00dfe und &#8222;inszenierte&#8220; ihre Shootings. Models wurden in Aktion abgebildet und taten alles, nur nicht stillstehen! Die altbackene Grazie wurde \u00fcber Bord geworfen, Attit\u00fcden waren wichtiger als die Mode selbst.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"80\" height=\"77\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-08.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32378\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In der Musik schlug sich das &#8222;neue Sehen&#8220; in bewu\u00dfter Cover-Gestaltung nieder, man denke nur an der Beatles &#8222;Sgt. Pepper&#8220; (als erstes Klappalbum und \u00fcberdies mit komplettem Textabdruck!), wo Peter Blakes aufwendige Collage Modernit\u00e4t und Nostalgie verschmolz. Die Stones \u00fcbertrafen dies kurz darauf noch mit der bis dato teuersten Albumgestaltung f\u00fcr &#8222;Her Satanic Majesties Request&#8220;. Und Comiczeichner Robert Crumb durfte sich am Cover f\u00fcr &#8222;Cheap thrills&#8220; verk\u00fcnsteln, einer Platte von Janis Joplin and The Holding Company.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Merchandising-Welle rollte langsam an, Pop wurde zum Lifestyle mit den zugeh\u00f6rigen Devotionalien. Und in \u00dcbersee war Bob Dylan seiner Zeit m\u00e4chtig voraus: \u00b465 drehte er den ersten Video-Clip aller Zeiten zum &#8222;Subterrean Homesick Blues&#8220; und warf mit Texttafeln um sich, w\u00e4hrend sich Allen Ginsberg im Hintergrund zeigte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende der 60er Jahre verpa\u00dften sich auch deutsche Literaturverlage eine eigene Optik: der dtv (\u00b461 gegr\u00fcndet) engagierte den Schweizer Grafiker Celestino Piatti, der die Cover mit seinen Krakel-Zeichnungen versah. Im Hause Suhrkamp (seit \u00b459 unter der Leitung von Siegfried Unseld) stattete Willy Fleckhaus die Produkte mit neuem Outfit aus, Taschenb\u00fccher wurden zumeist in eine einzige Farbe gesteckt, und mehrere B\u00fccher ergaben so im Regal eine bunte Palette. Einen Klassiker landete Fleckhaus mit der Reihe &#8222;bibliothek&#8220;: Einfachheit und Vernunft standen den Umschl\u00e4gen eingeschrieben &#8211; auch sie einfarbig und nur durchbrochen von einem schmalen horizontalen Streifen. Farbe, Form und Schrift harmonierten zeitlos modern!<\/p>\n\n\n\n<p>Doch vom Ausflug in die sp\u00e4ten 60er zur\u00fcck in die Rezensions-Realit\u00e4t. Wohnen und Mode, Design, Grafik und Werbung &#8211; der gro\u00dfformatige Band deckt eine weite Spanne ab. Doch die Beitr\u00e4ge bleiben leider oft zu theorieverliebt und zu abstrakt. Ob 30 Jahre Abstand nicht ausreichen, um einen geordneten Blick auf das Ph\u00e4nomen &#8222;\u00b468&#8220; freizulegen, oder ob hier die ordnende Herausgeber-Hand fehlte, um die Aufsatz- und Interview-Sammlung auch f\u00fcr Design-Laien lesbar zu gestalten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gutes Ma\u00df Betriebsblindheit mag verantwortlich daf\u00fcr sein, da\u00df dem Leser ein nahezu ungefilterter Einblick in die Dom\u00e4ne der &#8222;industrialisierten Poesie&#8220; (Design-Papst Alessi) geboten wird. Als solchen sollte man ihn dann auch nehmen: &#8222;\u00b468 &#8211; Design und Alltagskultur zwischen Konsum und Konflikt&#8220; ist ein Lesebuch: querlesen also erlaubt! Wo man m\u00f6chte, kann man sich in die Artikel vertiefen, aber schon die Bilder allein lohnen die Anschaffung &#8211; nicht nur, aber gerade auch f\u00fcr Menschen, die nicht in D\u00fcsseldorf waren, denn nur mit Hilfe des Katalogs kann man sich das Ufo-Haus &#8222;Futuro&#8220; vor Augen f\u00fchren!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"147\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-04.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32376\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-04.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/68-04-145x107.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wolfgang Schepers [Hg]:<br \/>68 - Design und Alltagskultur zwischen Konsum und Konflikt<br \/>(DuMont: K\u00f6ln 1998)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die \u00b468er Ausstellung im D\u00fcsseldorfer Kunstmuseum verpa\u00dft hat, hat vor allem eines verpa\u00dft: das finnische Kunststoffhaus &#8222;Futuro&#8220;, urspr\u00fcnglich als Apr\u00e8s-Ski-H\u00fctte im Sci-Fi-Look konzipiert. Es sieht aus wie eine fliegende Untertasse, hat 8 m Durchmesser, rundum Bullaugen, steht auf drei Beinen und ist wie ein Flugzeug \u00fcber eine herunterklappbare Treppe zu besteigen. Genau: zu besteigen! 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