{"id":32407,"date":"1996-11-02T11:11:00","date_gmt":"1996-11-02T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=32407"},"modified":"2022-07-21T02:53:39","modified_gmt":"2022-07-21T00:53:39","slug":"neal-stephenson-snow-crash","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/11\/neal-stephenson-snow-crash\/","title":{"rendered":"Neal Stephenson: Snow Crash"},"content":{"rendered":"\n<p>Prolog:<br \/>Zehn Jahre ist es nun her, seit der Cyperspace das virtuelle Licht der Welt erblickt hat. Seitdem geistern k\u00fcnstliche, kybernetische Welten in den K\u00f6pfen von Lesern und Autoren. William Gibsons Kopfgeburt eines deus ex machina verbindet Philosophie und Technik, Rationalismus und Emotionalit\u00e4t, letztlich Realit\u00e4t und Fiktion. Cyberspace ist die fiktionalisierte Realit\u00e4t eines realen Wunsches nach einer Welt, nicht jenseits unserer, sondern parallel dazu, gekoppelt an die M\u00f6glichkeit, die eigene Psyche mit einer zweiten Wunsch-Identit\u00e4t zu versehen und darin zu agieren. Was die Technik heute mit Mind-Machines, Kontaktanz\u00fcgen und Interface gesteuerten Hilfsmitteln zur Genitalstimulation bietet, ist von Gibsons Cyberspace Vision allerdings noch so weit entfernt, wie ein Faustkeil vom Schweizer Offiziersmesser.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Neal Stephenson, einigen bekannt durch seinen \u00d6ko-Thriller &#8222;Zodiac&#8220; (dt. &#8222;Volles Rohr&#8220;) hat sich auch in die virtuelle Wirklichkeit gest\u00fcrzt und einen Roman vorgelegt, den die Creme de la Creme der Drogen- und Chip- Vision\u00e4re Timothy Leary, Rudi Rucker und William Gibson himself als Klappentextautoren zusammengefa\u00dft als eine &#8217;sauschnelle, hyperrealistische Mischung aus Gibsons &#8222;Neuromancer&#8220; und Pynchons &#8222;Vineland&#8220;&#8218; verstehen, kurzum ein Buch f\u00fcr das n\u00e4chste Jahrtausend. Erh\u00e4ltlich allerdings schon in diesem Jahrtausend und intern zur\u00fcckgreifend auf das erste und zweite Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Stephenson als Autor f\u00fcr das electronic cult magazin WIRED erweist sich als Pragmatiker. War Gibsons Cyberspace die zukunftsweisende DS 21 mit Einspeichenlenkrad, hydropneumatischem Federwerk und Rollentacho, dann ist Stephensons Version davon, die er Metaversum nennt, ein solider, einfach zu durchschauender 1200er VW mit robustem Motor und Chassis. Aber der l\u00e4uft und l\u00e4uft und l\u00e4uft. Und das ist notwendig, denn das Metaversum ist eine gigantische Software, die eine computersimulierte Darstellung eines unendlichen Stra\u00dfennetzes mit Geb\u00e4uden und einer \u00f6ffentlichen Stra\u00dfenbahn, in der sich jeder mittels einer Software, die die eigene Person darstellt von \u00f6ffentlichen Terminals oder vom heimischen Rechner aus einloggen kann. Je nach dem, wieviel Geld man f\u00fcr seinen Avatar, so hei\u00dfen die virtuellen alter ego, abdr\u00fcckt, so sieht man auch im Metaversum aus. Dort wirkt alles recht durchschaubar, geordnet und funktional, was dem genauen Gegenteil der Wirklichkeit entspricht, denn die USA sind in Folge der um sich greifenden Privatisierung in eine Vielzahl kleiner Stadtstaaten, sog. Burbclaves, zerfallen, genauso wie die Armee, die in breites Spektrum privater Sicherheitsdienste \u00fcbergegangen ist. Hiro Protagonist, die Hauptfigur ist, wie sollte es anders sein, Hacker und m\u00e4\u00dfiger Pizza Lieferant. \u00dcber seinen Freund Da5id (kein Tippfehler), der ein Opfer von Snow Crash, einer Substanz zwischen Virus und Droge geworden ist stolpert Hiro Protagonist in eine Verschw\u00f6rung, deren geistiger Vater tats\u00e4chlich Thomas Pynchon gewesen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>So schnell wie die Klappentexte verhei\u00dfen kommt Stephenson allerdings nicht zu Potte. Die Warmlaufphase dauert etwa f\u00fcnfzig Seiten, bis Stephensons VW richtig in die G\u00e4nge kommt und Hiro Protagonist seinen Job als Pizza- &#8222;Auslieferator&#8220; hinter sich gebracht hat, dann l\u00e4uft das Ding \u00fcber die n\u00e4chsten 480 Seiten. Bei weitem nicht so elegant wie Pynchon und l\u00e4ngst nicht so vision\u00e4r wie Gibson bietet &#8222;Snow Crash&#8220; dennoch einen gelungenen Plot und gen\u00fcgend Action, da\u00df es f\u00fcr eine Schwarzenegger Verfilmung ausreichen sollte.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Neal Stephenson<br \/>SNOW CRASH<br \/>Goldmann 20,- DM<br \/>ISBN 3-442-42450-X<br \/>bzw.<br \/>Goldmann 14,- DM<\/pre>\n\n\n\n<p>Neal Stephenson,<br \/>wurde1959 in Maryland USA geboren. Er ist in Iowa aufgewachsen und studierte in Boston. Neben seiner T\u00e4tigkeit als Romanautor schreibt er f\u00fcr das amerikanische Computer und VR Magazin WIRED. &#8222;Snow Crash&#8220; ist sein zweiter Roman, der in deutscher Sprache erschien. Der erste ist ein \u00d6ko-Thriller mit dem Titel &#8222;Zodiac&#8220; (dt. &#8222;Volles Rohr&#8220;).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog:Zehn Jahre ist es nun her, seit der Cyperspace das virtuelle Licht der Welt erblickt hat. Seitdem geistern k\u00fcnstliche, kybernetische Welten in den K\u00f6pfen von Lesern und Autoren. William Gibsons Kopfgeburt eines deus ex machina verbindet Philosophie und Technik, Rationalismus und Emotionalit\u00e4t, letztlich Realit\u00e4t und Fiktion. 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