{"id":32429,"date":"1999-11-17T11:11:00","date_gmt":"1999-11-17T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=32429"},"modified":"2022-07-21T03:48:43","modified_gmt":"2022-07-21T01:48:43","slug":"ottens-rubin-klezmer-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/11\/ottens-rubin-klezmer-musik\/","title":{"rendered":"Ottens\/Rubin: Klezmer-Musik"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"160\" height=\"246\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/ottens-klezmer.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-32431\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Das Ziel des Buches<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jiddische Klezmer-Musik kennt heute fast jeder. Allerdings wei\u00df kaum jemand, wo sie herkommt und welche Bedeutung sie in der j\u00fcdischen Kultur hat. Damit sich das \u00e4ndert, hat das Autorenpaar Joel Rubin und Rita Ottens ein Buch ver\u00f6ffentlicht, das sich auf popul\u00e4rwissenschaftlichem Wege des Themas annimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Wort &#8222;Klezmer&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort &#8222;Klezmer&#8220; kommt \u00fcbrigens aus dem Hebr\u00e4ischen und hei\u00dft eigentlich &#8222;Musikinstrument&#8220;. Seit dem 16. Jahrhundert steht es in Osteuropa f\u00fcr den Musikanten, und heute bezeichnet es einen spezifischen Musikstil.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Klezmer &#8211; ein Relikt mit abgelaufenem Verfallsdatum?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Klezmer-Kl\u00e4nge dienten urspr\u00fcnglich einem h\u00f6heren, religi\u00f6sen Zweck. Doch der ging verloren auf der \u00dcberfahrt von der Alten in die Neue Welt. Und vor allem auf dem Weg von der Alten in die Neue Zeit. Die Geschichte des Klezmer ist eine Wandergeschichte, ein Entwicklungs- und Reiseroman mit hoffentlich noch offenem Ausgang. Denn glaubt man den Autoren Rubin und Ottens, dann erz\u00e4hlt die Klezmer-Historie eher ihren eigenen Niedergang. Klezmer &#8211; ein Relikt mit abgelaufenem Verfallsdatum? Nur, wenn das Wissen um die Wurzeln endg\u00fcltig versch\u00fcttet wird. Dem entgegenzuwirken, ist der Auftrag des Buches. Und wenn es auch kein Happy-End hat, so k\u00f6nnte es doch die Asche sein, aus der sich ein neuer Ph\u00f6nix erhebt. Das Leitmotiv des Textes lautet also gewisserma\u00dfen &#8222;Was bisher geschah&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die &#8222;Hauptfigur&#8220;: Klezmer-Musik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch zun\u00e4chst gilt es, den Hauptdarsteller vorzustellen. Die Klezmer-Musik ist ein Janusgesicht. Sie umfasst auch ausgelassene T\u00e4nze, aber das Ah und Oh ist ihr klagendes Lamento. Ob ein Klezmorim sein Handwerk beherrscht, l\u00e4\u00dft sich ganz direkt daran ablesen, ob er sein Publikum zum Weinen bringt, denn das j\u00fcdische Herz ist angeblich eine Fiedel. Die Geige ist das Hauptinstrument des Klezmer, auch wenn sie sp\u00e4ter von der Klarinette verdr\u00e4ngt wird. Die T\u00f6ne haben leicht gebogen zu klingen, und die Melodien werden reich verziert, ohne dabei die typische Sangbarkeit zu erdr\u00fccken. Die Arrangements des ganzen Ensembles entziehen sich der Dur-Moll-Harmonik, sind allerdings auch nicht rein modal angelegt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das gewisse &#8222;Etwas&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch der seltsame Zauber, der von dieser Musik ausgeht, l\u00e4\u00dft sich kaum musiktheoretisch erfassen. Es ist das gewisse Etwas, das echten Klezmorim von Kind an mitgegeben wird. Der Beruf des Klezmorim wurde meist vom Vater an den Sohn vererbt (die Klezmer-Geschichte ist eine reine M\u00e4nnergeschichte!). Ohne Lehrb\u00fccher und Notenschriften, denn die Melodien wurden m\u00fcndlich tradiert. F\u00fcr die Juden kein Problem, denn sie lernen schon fr\u00fch in der Tora-Schule, ihr Ged\u00e4chtnis zu trainieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was bisher geschah<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Wurzeln des Klezmer liegen im Sp\u00e4tmittelalter an den Rheinufern Westeuropas. Von dort wurden diese aschkenasischen Juden gen Osten vertrieben. Wo sie im 18. und 19. Jahrhundert die geordneten westeurop\u00e4ischen Musikformen mit der osteurop\u00e4ischen Improvisationskunst vermolzen. Vor allem im heutigen Wei\u00dfru\u00dfland, in Polen, Litauen, Rum\u00e4nien und der Ukraine bl\u00fchte die Klezmer-Musik. Jede Kleinstadt, jedes Schtetl hatte seine eigenen Vorlieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stellung der Klezmorim war allerdings eine ambivalente. Ihre N\u00e4he zu Gauklern und Spielleuten machte sie auch in der eigenen Kultur zu Au\u00dfenseitern. Obwohl sie aus dem sozialen Leben nicht wegzudenken waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hochzeit im Schtetl<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Klezmer-Musik hatte religi\u00f6se und mystische Bedeutung. Sie verk\u00f6rperte Leben und Tod, das j\u00fcdische Urdrama. Kein Fest, kein Ritus kam ohne sie aus. Am wichtigsten aber war sie bei den Hochzeiten, wo sie b\u00f6se Geister vom Brautpaar fernhalten sollte. Die Schilderung der j\u00fcdischen Hochzeitszeremonie mit ihrem festgelegten Ablauf, dem \u00fcppigen Programm und den gro\u00dfen Emotionen geh\u00f6rt zu den H\u00f6hepunkten des Buchs! Fast kriegt man auch als Nichtjude Lust, wenn da nicht die vielen Tr\u00e4nen und drohenden Ohnmachten w\u00e4ren. Als j\u00fcdische Braut mu\u00df man schon hart im Nehmen sein\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abschied von der Alten Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch schnell holt die Realit\u00e4t den Gang der Geschichte wieder ein. Immer neue Pogrome begleiten die Juden auch im 19. Jahrhundert, als der Geniekult in die Klezmer-Musik Einzug h\u00e4lt und die Ann\u00e4herung an die sogenannte &#8222;Kunstmusik&#8220; w\u00e4chst. Riesige Auswanderungswellen schwappen um die Jahrhundertwende nach Amerika, vor allem nach New York, wo die Klezmer-Musik ihre letzte Bl\u00fcte feiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klezmer erobert New York<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dem j\u00fcdischen Leben in Brooklyn und an der Lower East Side ist ein Gro\u00dfteil des Buches gewidmet. Man erf\u00e4hrt viel von armen Sweatshop-Workers und reichen Alrightniks, von schummrigen Gangster-Bars, der Sommerfrische in den Catskills sowie der Verschmelzung von Klezmer und Entertainment-Industrie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das New York-Kapitel ist das atmosph\u00e4risch dichteste des ganzen Buches. Hier finden sich auch die wenigen auflockernden Anekdoten. Kein Wunder, denn sie sind den letzten noch lebenden Ohrenzeugen zu verdanken, die Rubin und Ottens interviewt haben. Ansonsten ger\u00e4t der Text kaum ins Plaudern. Die Schilderungen sind zwar alle gut lesbar, aber sehr sachlich gehalten. Daf\u00fcr sind die Abschnitte aber auch gespickt mit Hinweisen auf Erz\u00e4hl-Literatur, wo sich der j\u00fcdische Alltag und besonders der der Klezmorim entsprechend lebendig nachlesen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das &#8222;Klezmer-Revival&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des 20. Jahrhunderts verliert sich die Spur des Klezmer. Die Alten sterben aus, die Neuen assimilieren sich lieber in der modernen Welt. Mit dem sogenannten Klezmer-Revival, das in den 70er Jahren seinen Ausgang wiederum an der Lower East Side nimmt, gehen die Autoren hart ins Gericht. Die Anklage lautet auf Mainstream-Kitsch, verw\u00e4sserte Spieltechnik und Ignoranz der urspr\u00fcnglichen, rituellen Funktionen der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Giora Feidman-Dissing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Besonders subtil, aber dadurch erst recht bissig wird\u00b4s, wenn es um Giora Feidman geht. Der wird zwar nicht gro\u00df kritisiert, aber die Aufz\u00e4hlung seiner Engagements reicht schon aus, um ihn zwischen den Zeilen zu diskreditieren: Feidman &#8222;tritt in Kirchen, in Weihnachtssendungen, im Bundestag, bei der deutschen \u00b4Grand Prix d\u00b4Eurovision\u00b4-Vorentscheidung und in der Wagner-Festspielstadt Bayreuth auf.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kampf um die kulturelle Anerkennung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trauer und Wut schwingen da mit, doch der konstruktivere Weg, eine Umkehr zu erreichen, ist sicher das Buch als solches. Die Intention, dem Klezmer auf ernsthafte Weise endlich den Respekt zu verschaffen, der ihm als Hochkultur zusteht, klingt durch jede Zeile.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nichtmal am Rande: der Holocaust<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Holocaust spielt in &#8222;Klezmer-MusiK&#8220; \u00fcbrigens kaum eine Rolle. Viel wichtiger sind die beiden lange zur\u00fcckliegenden, fast mythisch erscheinenden Tempel-Zerst\u00f6rungen. Denn die Verzweiflung dar\u00fcber lebt vor allem im klagenden Ton des Klezmer weiter, und das schon seit Jahrhunderten. Au\u00dferdem ist die Klezmer-Musik mit den osteurop\u00e4ischen Juden ausgewandert, so da\u00df ihre Geschichte schlie\u00dflich in Amerika fortgeschrieben werden mu\u00df. Und vermutlich ging es den Autoren auch darum, das Augenmerk nicht vom eigentlichen Thema ablenken zu lassen. Und das ist nunmal die Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber: keine Musik ohne Menschen, und so stehen eigentlich sie im Mittelpunkt des Textes. Musiker und Publikum. Ihre Zeit- und Lebensumst\u00e4nde werden immer im Auge behalten, entlang des roten Fadens der &#8222;Klezmer-Musik&#8220;. Ein Buch, das weder f\u00fcr Soziologen und Historiker noch f\u00fcr Musikwissenschaftler geschrieben wurde, sondern f\u00fcr alle Interessierten, die mehr wissen wollen \u00fcber das Faszinosum Klezmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klezmer zum H\u00f6ren und Sehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Label Wergo ver\u00f6ffentlich eine CD zum Buch: &#8222;Oytsres Treasures&#8220;. Darauf werden die wichtigsten Klezmer-Pers\u00f6nlichkeiten dieses Jahrhunderts in zum Teil unver\u00f6ffentlichten Aufnahmen zu h\u00f6ren sein. M. I. Rabinowitsch, Solomon Fajntuch, Naftule Brandwein, Dave Tarras, Max Epstein &#8211; und Joel Rubin.<\/p>\n\n\n\n<p>Rubin ist n\u00e4mlich auch Klarinettist. Und als solcher einer der wenigen Klezmer-Musiker, die noch die urspr\u00fcngliche, reich verzierte Spielweise beherrschen. Mit seinem &#8222;Jewish Music Ensemble&#8220; hat er bei Wergo auch eigene CDs eingespielt. Gemeinsam mit Rita Ottens schrieb er ebenfalls das Drehbuch zum Film \u00fcber die Geschichte der Epstein Brothers: &#8222;A tickle in the heart&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rita Ottens\/Joel Rubin<br \/>Klezmer-Musik<br \/>335 Seiten (1999)<br \/>B\u00e4renreiter\/dtv. DM 19.90<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ziel des Buches Jiddische Klezmer-Musik kennt heute fast jeder. Allerdings wei\u00df kaum jemand, wo sie herkommt und welche Bedeutung sie in der j\u00fcdischen Kultur hat. Damit sich das \u00e4ndert, hat das Autorenpaar Joel Rubin und Rita Ottens ein Buch ver\u00f6ffentlicht, das sich auf popul\u00e4rwissenschaftlichem Wege des Themas annimmt. 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