{"id":32440,"date":"1996-09-21T11:11:00","date_gmt":"1996-09-21T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=32440"},"modified":"2022-07-21T04:04:31","modified_gmt":"2022-07-21T02:04:31","slug":"thomas-c-breuer-sekt-in-der-wasserleitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/09\/thomas-c-breuer-sekt-in-der-wasserleitung\/","title":{"rendered":"Thomas C. Breuer: Sekt in der Wasserleitung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Unsere Generation steht nicht ganz mit leeren H\u00e4nden da. Was uns geblieben ist? Von Woodstock die Drogengesetze, von Ulrike Meinhof die Rasterfahndung, von Flower Power Fleurop, von San Francisco ein Merianheft, von John Lennon eine Jugendwohlfahrtsmarke und vom genialen Gitarrenriff von Steamhammers Junior\u00b4s Wailing ein Werbespot f\u00fcr Roth\u00e4ndle.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zu diesem vorl\u00e4ufigen Fazit kommt Thomas C. Breuer bei einer Tasse Kaffee w\u00e4hrend einer Zwischenlandung im Flughafenrestaurant von Reykjavik. Mitten im grauen Nordatlantik gelegen, im Niemandsland zwischen europ\u00e4ischem Muff und amerikanischer Verhei\u00dfung, ist Reykjavik beileibe nicht der schlechteste Ort, um sich nochmals die Zeit vor Augen zu halten, die im Nachhinein, wenn die Zipperlein und die Midlife-Crisis einsetzen, als die besten Jahre in der eigenen Biographie verk\u00e4rt wird: Unbeschwerte Kindheit, unbek\u00fcmmerte Jugend und dann nat\u00fcrlich der Sprung ins Erwachsenenleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese verkl\u00e4rte Sicht der Dinge setzt jedoch ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Senilit\u00e4t voraus, das Thomas C. Breuer vermissen l\u00e4\u00dft, wenn er seine Geschichten aus den Sechzigern und Siebzigern erz\u00e4hlt. Damals war es auch nicht besser gewesen, &#8222;es war nur anders.&#8220; Anders als heute war vor allem der Einzug der Welt in die Provinz, in der Breuer lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Welt kam in Form von Beatles und Stones auch in die trostlosesten Winkel von Adenauers und Peter Alexanders Deutschland. Die Frage, die Breuer zu dieser Zeit besch\u00e4ftigte, war schlicht und ergreifend die, ob sich Johnpaulgeorgeundringo ins Ausflugslokal seiner Eltern an der Lahn verirren w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie taten es nicht, aber ein paar Jahre sp\u00e4ter, an Adenauers Todestag traten die lokalen Fu\u00dfballgr\u00f6\u00dfen in einem Freundschaftsspiel gegen eine Auswahl der jamaikanischen Nationalelf an, die eine quirlige Mischung aus Maskottchen, Teamarzt und Betreuer im Gep\u00e4ck hatte: Bob Marley. Und sp\u00e4testens mit den ersten Rastas auf dem Oberwerth war es um die Moral der Jugend und der Beschaulichkeit in der Provinz vorbei. Was folgte l\u00e4\u00dft sich zwar nicht auf die Schlagw\u00f6rter Generationskonflikt, Hippimentalit\u00e4t und Selbstverwirklichung durch Alkoholgenu\u00df reduzieren, es zeichnet jedoch den Weg vor, den die Jugend einschlug:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ein wilder Kerl spielte alle Orgelsoli von Keith Emerson naturgetreu auf den Tasten des Zigarettenautomaten nach (\u2026) und im Zwielicht des Larifari konnten wir uns ungest\u00f6rt alles andrehen lassen, was wir in unserer Ungeduld f\u00fcr Haschisch hielten: Schuhcreme, seltene Versteinerungen, Curry , Baumrinden, was auch immer. Die Konsumierung dieser Artikel m\u00fcndete meist in denkw\u00fcrdige Dialoge: &#8222;Merkste schon wat?&#8220; &#8222;Nit direkt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch damals war nicht alles Shit was stinkt. Das merkte auch Breuer, der zu diesem Zeitpunkt zwar nicht das Abitur, daf\u00fcr aber den Sprung aus der Provinz in die Provinzhauptstadt geschafft hatte. Allerdings zeigte sich auch schon bald, da\u00df die hippirelaxte Unbek\u00fcmmertheit gepaart war mit den \u00fcblichen sp\u00e4tpubert\u00e4ren Poblemen wie Liebesleid und chronischem Geldmangel. Beides f\u00fchrte unweigerlich in den Blues, in den Alkohol &#8211; und in WGs.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberdauert hat nicht viel, von dieser Mentalit\u00e4t, au\u00dfer den Biol\u00e4den. Und auf dem Wohnungssektor geht der Trend in den Neunzigern eindeutig zu NHs, Normalen Haushalten. Breuer rettete immerhin seinen Humor und die F\u00e4higkeit, die zu sp\u00e4t in die Provinz ausgelieferte rosa Flower-Power Brille auszuziehen und den Blick auf die t\u00e4glichen Grabenk\u00e4mpfe und den Beziehungsterror zu lenken, die den Alltag bestimmten. &#8222;Wenn ich mir heute die Fotos von fr\u00fcher betrachte, denke ich, da\u00df ich diese alte Armeejacke nicht zum Spa\u00df trug. (\u2026) Ich gab mir einen k\u00e4mpferischen Anstrich, w\u00e4hrend ich innerlich auseinanderkrachte. Nur der solide Stoff der Jacke hielt mich zusammen.&#8220; Doch daneben gab es schlie\u00dflich auch Lichtblicke wie den Zwischenfall im Leitungssystem einer trierer Sektkellerei, der zur Folge hatte, da\u00df eine halbe Stunde lang Sekt aus der Wasserleitung flo\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese und andere Ereignisse gehen Thomas C. Breuer durch den Kopf, w\u00e4hrend er in der Reykjaviker Flughafenkantine an seinem Kaffee nippt. Ein mehrst\u00fcndiger verordneter Zwangsaufenthalt in einer Flughafenkantine, die wie ein pre\u00dfspahngewordenes Foto aus dem Ikea-Katalog wirkt, animiert wohl dazu, die Gedanken in die Vergangenheit schweifen zu lassen. So ist es mir 1994 auch gegangen, als mich die Fluggesellschaft beim Zwischenstop nach New York in Reykjavik verklappt hat. Aber man mu\u00df wohl Thomas C. Breuer sein, um aus diesem Gemisch von Gedankenfetzen, Reminiszenzen, Zoten und Anektdoten, ein Buch machen zu k\u00f6nnen, das die Stimmung vergangener Tage, so treffend einf\u00e4ngt, wie es &#8222;Sekt in der Wasserleitung&#8220; tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt der erwartbaren larmoyanten Vergangenheitsbew\u00e4ltigung eines Althippis (Damals war alles besser und ich war dabei!) erz\u00e4hlt Thomas C. Breuer mit einem Augenzwinkern und einem Hauch Melancholie zwischen den Zeilen (pseudo-)biographische Geschichten vom Leben in der deutschen Provinz der sechziger und siebziger Jahre. &#8222;Sekt in der Wasserleitung&#8220; l\u00e4\u00dft einen nachgr\u00fcbeln, ob das Leben wirklich nur in den Metropolen stattfindet. &#8222;Gro\u00dfst\u00e4dte sind schlie\u00dflich nichts anderes als die Summe von Provinz.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Thomas C. Breuer<br \/>SEKT IN DER WASSERLEITUNG<br \/>MaroVerlag<br \/>ISBN 3-87512-234-8<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Unsere Generation steht nicht ganz mit leeren H\u00e4nden da. Was uns geblieben ist? Von Woodstock die Drogengesetze, von Ulrike Meinhof die Rasterfahndung, von Flower Power Fleurop, von San Francisco ein Merianheft, von John Lennon eine Jugendwohlfahrtsmarke und vom genialen Gitarrenriff von Steamhammers Junior\u00b4s Wailing ein Werbespot f\u00fcr Roth\u00e4ndle.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-32440","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musik"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Thomas Hau","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/th-hau\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32440"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32440\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}