{"id":33187,"date":"1999-01-20T11:11:00","date_gmt":"1999-01-20T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33187"},"modified":"2022-07-30T22:00:06","modified_gmt":"2022-07-30T20:00:06","slug":"live-stomp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/01\/live-stomp\/","title":{"rendered":"Live: Stomp"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">London\/Round House<\/h2>\n\n\n\n<p>Es ist der letzte Arbeitstag im alten Jahr und ich habe mir etwas besonderes vorgenommen um dieses zu feiern. &#8218;Stomp&#8216; ist angek\u00fcndigt. Die Werbung im Guardian zeigt einen Mann mit freiem Oberk\u00f6rper, der auf dem Boden rumrutscht und von unten in die Kamera schaut. In jeder Hand h\u00e4lt er einen M\u00fclleimerdeckel. Dar\u00fcber stehen die \u00fcblichen Jubelzeilen, die sich allerdings diesmal nicht als Lall herausstellen werden. Ausserdem wird in der Werbung gleichzeitig nach Freiwilligen gesucht, die n\u00e4chstes Jahr mit auf Welttour gehen wollen, bequeme Kleider und feste Schuhe sowie ein gutes Gef\u00fchl f\u00fcr Rhythmus soll man mitbringen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Round House liegt in Chalk Farm Road nahe Camden Market. Es ist wie der Name schon sagt, eben rund. Und das hatte in vergangenen Zeiten auch einen praktischen Grund. Dazumal wurden im Roundhouse n\u00e4mlich Lokomotiven um 180 Grad gedreht, um dann sogleich in die andere Richtung abzuzischen. Die Venue hat so den kompletten Charm der umfunktionierten Industrieanlage. Hier haben fr\u00fcher the Clash, Stranglers oder the Jam den Saal zum kochen gebracht, was man sich heute noch gut vorstellen kann. \u00dcberall auf den ansteigenden R\u00e4ngen sieht und h\u00f6rt man ausgezeichnet. So sammelt das Ereignis schon Pluspunkte bevor es angefangen hat. Der ganze Ablauf ist auch erstaunlich unkompliziert, was in London nicht gerade \u00fcblich ist. Keine Gorillas, die k\u00fcnstliche Warteschlangen am Leben halten; einfach reingehen, hinsetzen und los geht&#8217;s. Zwischendrin gibt&#8217;s auch keine Pause in der man viel zu teure Getr\u00e4nke schl\u00fcrft oder eine schlecht produzierte CD kauft, w\u00e4hrend man die erste Halbzeit analysiert. Nein, hier gibt es pausenlos auf die Ohren, sozusagen aus einem Guss, und das ist gut so. Die Halle ist wie geschaffen f\u00fcr Stomp, besteht doch die Requisite grossenteils aus sogenanntem Schrott, der hier fr\u00fcher auch mal sicher rumgelegen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang erscheint einer um die B\u00fchne zu kehren, kehr-pause-kehr-pause, undsoweiter, undimmerweiter, bis der Zweite &#8211; oder ist es Eineee &#8211; anf\u00e4ngt dagegenzukehren, musikalisch versteht sich. Ruckzuck sind noch sechs weitere Feger erschienen, die pl\u00f6tzlich Musik machen mit ihren Besen. Schon zuckt das Tanzbein. Indem jeder seinen Part stoisch wiederholt ergibt das Ganze einen sehr treibenden Rhythmus, und dieses Treiben spiegelt sich auch in der energiegeladenen Performance der Akteure wieder. Die Kulisse besteht aus einem Ger\u00fcst an dem zahllose Gegenst\u00e4nde wie z.B. Verkehrsschilder, Autofelgen, \u00d6lf\u00e4sser etc. aufgeh\u00e4ngt sind, scheinbar wahrlos. Die B\u00fchne wird mal mit Sand zugepudert, damit es sch\u00f6\u00f6n knirscht beim steppen und stampfen. Die K\u00fcnstler sind sehr unterschiedlich talentiert. Da hat man den Stept\u00e4nzer, der wohl schon so auf die Welt gekommen zu sein scheint. Er hat ein unglaubliches Rhythmusgef\u00fchl und scheint aus allem Musik zu machen, Streichholzschachteln, Nylont\u00fcten oder indem er eine Zeitung zerfleddert, manchmal auch nur durch Klatschen oder mit den F\u00fcssen. Am anderen Ende der Skala ist der Tollpatsch, der stets mithalten will und dem \u00f6fter mal was misslingt. St\u00e4ndig lobt er sich selbst und behauptet die Stellung gegen die &#8218;grossen Geschwister&#8216;. Ja, brothers und sisters, jedenfalls im Geiste. Zwischen diesen beiden Extremen hat jeder Performer seine eigene Art, seine eigene Portion Talent und Musikalit\u00e4t, die ihn vom Rest des Ensembles unterscheidet, und auch das ist gut so. Denn wir sind ja nicht beim Fernsehballet oder beim Musical. Wir haben es mit Menschen zu tun, nicht mit Puppen. Nur in einem Punkt sind sie alle gleich, jeder gibt sein Bestes.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommunikation findet &#8217;nur&#8216; durch K\u00f6rpersprache statt. Nie habe ich Kommunikation mit dem Publikum als Ganzem so unpeinlich erlebt. Der Stept\u00e4nzer klatscht vor, wir m\u00fcssen nachklatschen bis es zu kompliziert wird. Sowas wird leicht peinlich, &#8218;jetzt soll ich mich auch noch beteiligen, quasi selbst unterhalten&#8216;, doch dieses Gef\u00fchl kommt nicht auf. Am Ende macht es dem Publikum sogar richtig Spass, die Zugabe per F\u00fcssetrampeln zu fordern. Ist das hier Michael Schanze&#8217;s &#8218;eins, zwei oder drei? Ich find&#8217;s auf jeden Fall grossartig. Apropos K\u00f6rper. Es ist schon eine sehr k\u00f6rperliche Angelegenheit. Oft erinnert es einen an Kriegstanz. Mal wird mit Besenstielen gek\u00e4mpft, mal mit M\u00fclleimerdeckeln. Einmal h\u00e4ngen alle an dem Ger\u00fcst und trommeln das es kracht auf dem Schrott rum. Pl\u00f6tzlich machen die wahrlos angeordneten Gegenstanende Sinn- darunter \u00fcbrigens ein Ortsschild aus good old Germany-indem F\u00e4sser und Tonnen zu Trommeln werden, Felgen und Schilder zu Becken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie tragen Unterhemden und schwere Schuhe, unisex und ziemlich zerlumpt, Strassenkunst auf grosser B\u00fchne. Sie geh\u00f6ren zum Stamm derer, die in den Hinterh\u00f6fen wohnen, am Strassenrand und unterwegs. Und dies ist ihr Ritual, ihre Art die Lebensgeister zu beschw\u00f6ren und zu zelebrieren. Dreadlocks und Blech geh\u00f6ren nicht zu ihrer Tracht. Um dick aufzutragen gen\u00fcgt ihnen ja ihre Arbeit. Denn zehn Wochen lang jeden abend aufzutreten ist harte Arbeit, ganz abgesehen von der Vorbereitung. Und dann kommt der Br\u00fcller, die gr\u00f6\u00dften Plateausohlen der Welt: Skischuhe mit \u00d6lf\u00e4ssern als Sohle, so stampfen sie \u00fcber die B\u00fchne. Einfach g\u00f6ttlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Stomp ist nicht immer L\u00e4rm, der Wechsel von laut und leise, die Balance zwischen Kraft und Gef\u00fchl ist immer wohl dosiert, man trifft den Ton genau. Einmal wird es ziemlich skuril, als ein Rhythmus aus -unter anderem-Husten, Nase hochziehen, lachen und seufzen entsteht. Jede Nummer hat ihren Reiz, kein Ausfall will sich einschleichen. So vergeht der Abend wie im Flug, und ich geniesse jeden einzelnen Beat. Sollte ich also versuchen, selbst bei Stomp mitzumachen? Feste Schuhe und Rhythmusgef\u00fchl habe ich ja. Doch ich glaube ich werde mich aufs Zuschauen beschr\u00e4nken, was fast genaussch\u00f6n ist wie es als Performer sein muss, und weniger anstrengend obendrein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade habe ich gelesen, da\u00df Stomp noch einen Monat l\u00e4nger lauft, um die gro\u00dfe Nachfrage zu stillen. &#8218;Demand&#8216; passt irgendwie besser. Das Volk verlangt nach mehr, wie der beleidigte Baron: &#8218;Ich verlange Satisfaktion!&#8216; No Problem, just buy a ticket.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London\/Round House Es ist der letzte Arbeitstag im alten Jahr und ich habe mir etwas besonderes vorgenommen um dieses zu feiern. &#8218;Stomp&#8216; ist angek\u00fcndigt. Die Werbung im Guardian zeigt einen Mann mit freiem Oberk\u00f6rper, der auf dem Boden rumrutscht und von unten in die Kamera schaut. In jeder Hand h\u00e4lt er einen M\u00fclleimerdeckel. 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