{"id":33368,"date":"2003-02-17T11:11:36","date_gmt":"2003-02-17T10:11:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33368"},"modified":"2022-09-04T23:57:52","modified_gmt":"2022-09-04T21:57:52","slug":"gangs-of-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2003\/02\/gangs-of-new-york\/","title":{"rendered":"Gangs Of New York"},"content":{"rendered":"\n<p>Das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis um Martin Scorsese beginnt mit der Feststellung, dass er der gr\u00f6\u00dfte lebende amerikanische Regisseur sei. Niemand wei\u00df das besser als er selbst: Als er j\u00fcngst den Golden Globe f\u00fcr die &#8222;Beste Regie&#8220; in Empfang nahm, waren ihm die &#8222;standing ovations&#8220; seiner Kollegen schon fast peinlich. Gefragt nach seinen diesj\u00e4hrigen Oscar-Chancen, meinte er lapidar &#8222;Wenn ich je einen verdient haben sollte, dann wohl in den 70ern!&#8220; (da drehte er Filme wie &#8222;Taxi Driver&#8220; und &#8222;Wie ein wilder Stier&#8220;). Seit nunmehr fast zehn Jahren stellt Scorsese Film f\u00fcr Film eindrucksvoll unter Beweis, dass mit ihm nicht mehr zu rechnen ist: ob nun das siechende Kost\u00fcmdrama &#8222;Zeit der Unschuld&#8220; (1993), die lieblos recherchierte Las-Vegas-Saga &#8222;Casino&#8220;, das nie wirklich zur Kenntnis genommene Lama-Drama &#8222;Kundun&#8220;, die ebenso kryptische wie belanglose Rettungssanit\u00e4ter-M\u00e4r &#8222;Bringing Out The Dead&#8220;, alle machen sie klar, dass Scorsese schon lange filmisch nichts mehr riskiert, keine Geschichten mehr zu erz\u00e4hlen hat, die wirklich ber\u00fchren, der k\u00fcnstlerische Offenbarungseid kurz bevorsteht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Gangs Of New York&#8220; mit seinem rei\u00dferischen Werbeslogan &#8222;America was born in the streets&#8220; konnte in Amerika niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Obwohl mit einer Woche Vorsprung zu Spielbergs &#8222;Catch me if you can&#8220; &#8211; ebenfalls mit DiCaprio in der Hauptrolle &#8211; gestartet, lag er nach drei Wochen mit der H\u00e4lfte des Einspielergebnisses der sp\u00e4ter gestarteten Schwindler-Kom\u00f6die hoffnungslos abgeschlagenen zur\u00fcck. Nur 46 Millionen Dollar Einspielergebnis in den USA lassen Produzent Harvey Weinstein nun auf die Auslandsverwertung &#8211; insbesondere Europa &#8211; schielen, damit der mit \u00fcber 100 Mio. Dollar teuerste Scorsese-Film aller Zeiten wenigstens seine Produktionskosten wieder reinholt. Ein bisschen Oscar-Segen k\u00f6nnte da auch nicht schaden, folglich wird Miramax nun seinen Golden-Globe-Abr\u00e4umer &#8222;Chicago&#8220;, als Selbstg\u00e4nger etwas stiefm\u00fctterlicher behandeln und alle Oscar-Ad-Etats in das Sorgenkind buttern. Mit dieser Strategie konnte man immerhin auch dem lahmen &#8222;englischen Patienten&#8220; zu einiger Publicity vehelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Eine Herzensangelegenheit&#8220; sei es dem geb\u00fcrtigen New Yorker Scorsese gewesen, die Geschichte seiner Stadt filmisch nachzuzeichnen, doch sein Schlachtengem\u00e4lde hat Pathos f\u00fcr zehn weitere Filme, seine Handschrift ist nirgends zu erkennen (st\u00fcnde auf dem Plakat nicht Scorsese, es h\u00e4tte auch Wolfgang Petersen oder Ridley Scott verbrochen haben k\u00f6nnen), seine Darsteller (DeNiro sagte in weiser Voraussicht f\u00fcr den Butcher-Part ab, erst danach wurde Day-Lewis \u00fcberredet, seine Schuster-Karriere zugunsten eines Leinwand-Comebacks an den Nagel zu h\u00e4ngen) stehen angesichts eines unausgegorenen, von gleich drei Schreibern zusammengedoktorten Drehbuches auf verlorenem Posten. S\u00e4mtliche inneren Beweggr\u00fcnde seiner Helden werden in inneren voice-over-Monologen offenbart, sowas hat ein guter Regisseur nicht n\u00f6tig, der erledigt das mit kleinen Gesten und sublimer Bildsprache, doch die ist dem kleinen Mann mit den Schnellfeuergewehrs\u00e4tzen g\u00e4nzlich abhanden gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Story: Zu Beginn treten sich zwei Gruppen auf schneewei\u00dfem Boden gegen\u00fcber: Die eine Gang &#8211; die sog. Natives&#8220; wird angef\u00fchrt vom schnauzb\u00e4rtigen Bill, the Butcher. Sie tragen H\u00fcte, die am Himmel kratzen und haben eine Vorliebe f\u00fcr die Farbe blau. Auf der anderen Seite steht eine Meute w\u00fctender &#8211; weil unterdr\u00fcckter &#8211; Iren, angef\u00fchrt von einem Priester mit keltischem Kreuz in der einen und seinem kleinen Sohn an der anderen Hand. Sie nennen sich &#8211; prophetisch &#8211; &#8222;Dead Rabbits&#8220; und haben eine Vorliebe f\u00fcr die Farbe rot. Rot f\u00e4rbt sich dann auch bald der Schnee, denn der bis an die Z\u00e4hne mit Messern und Beilen bewaffnete Bill, der Metzger (nomen est omen) bahnt sich erbarmungslos seinen Weg durch die Menge. Am Ende liegt der Priester t\u00f6dlich verwundet am Boden und fordert statt Anerkennung und Bleiberecht den schnellen Tod. Sein kleiner Sohn muss das Schlachtfest mitansehen, ja wird von seinem Vater bereits vor dem Kampf martialisch mit den Worten &#8222;Das Blut bleibt an der Klinge&#8220; eingeschworen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder also, dass dieser auch nach 16 Jahren Aufenthalt in einem Waisenhaus immer noch mit Rachegel\u00fcsten umher wandelt und schon bald die Bahnen des Vaterm\u00f6rders kreist. Dieser hat sein Gewaltmonopol in &#8222;Five Points&#8220; nicht nur behauptet, sondern auch ausgeweitet: Ein jeder, dem sein Leben lieb ist, muss an den Butcher Tribut zahlen, auch Politiker, die ihm klarzumachen versuchen, dass auch irische Einwanderer potentielle W\u00e4hler, und somit wertvolle Stimmen sein k\u00f6nnen, kommen kaum gegen den Fremdenhasser an. Daniel Day-Lewis legt seine Figur derma\u00dfen charismatisch an, dass auch der junge Vallon nicht anders kann, als Rache erst mal Rache sein zu lassen und sich unter den &#8222;w\u00e4rmenden Fl\u00fcgel des feuerspeienden Drachen&#8220; zu begeben. Bald schon findet Bill Gefallen an dem hellen Kerlchen, von dessen wahrer Identit\u00e4t er (noch) nichts ahnt und macht ihn zu dem Sohn, den er nie hatte. Als dann doch noch die wahre Intention des Racheengels ruchbar wird, \u00fcberschlagen sich die Ereignisse. Ein Attentatsversuch schl\u00e4gt fehl, eine neue irische Widerstandsgruppe wird ins Leben zur\u00fcckgerufen und der Kampf gegen den Unterdr\u00fccker wieder aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichtsunterricht mit Scorsese, der den jungen US-Teens klar machen wollte, dass New York nicht immer so gro\u00df und friedlich und mit Starbuck-Cafe um die Ecke ausgestattet war (wer h\u00e4tte das gedacht). Dennoch ger\u00e4t ihm der Unterricht mehr und mehr zur sinnentleerten, historisch mehr als ungenauen Materialschlacht. Lediglich einzelne fein herausgearbeitete Charaktere wie der mehr als pragmatisch denkende Tweed (der letztj\u00e4hrige Oscarpreistr\u00e4ger Jim Broadbent erneut in einer herausragenden Rolle), der bei Wahlen gerne mal das Motto &#8222;Nicht die Stimmen z\u00e4hlen, sondern die Ausz\u00e4hler&#8220; ausgibt und der undurchsichtige, aber herzensgute Monk McGinn, der sich pro Kopf, den er mit seinem Kn\u00fcppel spaltet, bezahlen l\u00e4sst und Sheriff f\u00fcr einen Tag sein darf, ragen aus dem Meer an Akteuren heraus. Die nachtr\u00e4glich als &#8222;love interest&#8220; f\u00fcr den Helden und die Zuschauer ins Script geschriebene Cameron Diaz bleibt als rotm\u00e4hnige Trickdiebin eher blass und auch Leonardo DiCaprio scheint hier merkw\u00fcrdig fehl am Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende, als Vallon am Grab seines Vaters steht, blickt er \u00fcber den Hudson, dahin wo irgendwann eine riesige Skyline entstehen wird, und zu den eher unpassenden Kl\u00e4ngen von U2&#8217;s &#8222;The hands that built America&#8220;, l\u00e4sst Scorsese dann im Zeitraffer sich nach und nach Wolkenkratzer f\u00fcr Wolkenkratzer erheben, bis hin zum World Trade Center, das in seiner Version auch stehen bleiben darf und nicht noch vor dem Fade Out wieder verblasst. Eine \u00fcberaus m\u00fc\u00dfige Diskussion brechen angesichts des doch eher entt\u00e4uschenden Epos einige Kritiker vom Zaun, die auf die Differenzen zwischen Regisseur und Produzent verweisen und leichtfertig den &#8222;Gottes Werk und Teufels Beitrag&#8220; &#8211; Mythos in die Welt setzen: Dass Scorsese ein Meisterwerk gr\u00f6\u00dfer als &#8222;Heaven&#8217;s Gate h\u00e4tte schaffen k\u00f6nnen, wenn der b\u00f6se Weinstein, der ein zweites &#8222;Titanic&#8220; vor Augen hatte, ihn nur gelassen h\u00e4tte. Als Rezipient muss man das beurteilen, was vorliegt, und dem alten Hasen Scorsese muss und darf man zutrauen, dass er auch an einem Produzenten vorbei, seine Vision durchsetzen kann, sofern er wirklich eine hat.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gangs Of New York<br \/>Regie: Martin Scorsese<br \/>Drehbuch: Jay Cocks<br \/>Steven Zaillian<br \/>Kenneth Lonergan<br \/>Kamera: Michael Ballhaus<br \/>Schnitt: Thelma Shoonmaker<br \/>Musik: Howard Shore<br \/>Darsteller:<br \/>Daniel Day Lewis<br \/>Leonardo DiCaprio<br \/>Cameron Diaz<br \/>Liam Neeson<br \/>Henry Thomas<br \/>Brendan Gleeson<br \/>Jim Broadbent<br \/>John C. Reilly<\/pre>\n\n\n\n<p>L\u00e4nge: 166 Minuten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis um Martin Scorsese beginnt mit der Feststellung, dass er der gr\u00f6\u00dfte lebende amerikanische Regisseur sei. 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