{"id":33402,"date":"2003-02-04T11:11:20","date_gmt":"2003-02-04T10:11:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33402"},"modified":"2022-09-04T23:54:13","modified_gmt":"2022-09-04T21:54:13","slug":"8-mile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2003\/02\/8-mile\/","title":{"rendered":"8 Mile"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein sch\u00fcchterner wei\u00dfer Junge namens Jimmy \u201eRabbit\u201c Smith steht im Klo eines Detroiter Clubs, Headphones \u00fcber dem kapuzenbedeckten Kopf, sich auf seinen Auftritt bei einem Rap-Contest vorbereitetend. Der Hase probt den b\u00f6sen Blick vor dem Spiegel, aus dem ihm nur ein nerv\u00f6ses, \u00e4ngstliches Etwas anstarrt, das sich gleich \u00fcbergeben wird. Auf dem Weg zur B\u00fchne will man ihn gar nicht durchlassen, als er endlich dran ist, entweicht nichts als stumme Ohnmacht. Das durchweg schwarze Publikum buht ihn von der B\u00fchne. Der Hase schleicht davon, zur\u00fcck in sein k\u00fcmmerliches Leben. Keine Frage, ein verst\u00f6render Filmbeginn f\u00fcr ein Bio-Pic \u00fcber Marshall Mathers den Dritten \u2013 alias Eminem &#8211; , denn \u201e8 Mile\u201c gibt vor, biographisch lose und atmosph\u00e4risch dicht die Anfangsjahre des heutigen Rap-Million\u00e4rs nachzuzeichnen: Das Bekenntnis eines Jungen, der beschloss als Bad Boy um jeden Preis Aufsehen zu erregen, um sich schlie\u00dflich \u2013 30 Millionen verkaufter CDs sp\u00e4ter \u2013 als Agent Provocateur gegen Frauen, Schwule und Politiker in den Wohn- und Kinderzimmern des wei\u00dfen Mittelstandes einzunisten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nun wird mit \u201e8 Mile\u201c die filmische Reinwaschung vom b\u00f6sen musikalischen Alter Ego \u201eSlim Shady\u201c zelebriert. Die alles nivellierende Kraft Hollywoods l\u00e4sst Eminem endg\u00fcltig zu einer akzeptierten Gr\u00f6\u00dfe jenes glamour\u00f6sen Pop-Business avancieren, das er in seinen Texten regelm\u00e4\u00dfig mit Spott und Hass \u00fcbersch\u00fcttet. Der Mann, dem Gef\u00e4ngnisstrafen drohten und dessen Songs auf MTV fast auf dem Index gelandet w\u00e4ren, erh\u00e4lt jetzt dank beeindruckend politisch korrekter Schreibweise den gesellschaftlichen Ritterschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Jimmy Rabbit, ein Sohn der Arbeiterklasse, der sich in der Fabrik abrackert, um Miete f\u00fcr die m\u00fctterliche Trailer-Wohnung beiszusteuern, fristet eine harte aber bodenst\u00e4ndige Existenz. Wenn er zu sp\u00e4t kommt und zusammengeschissen wird, entweicht seinem Mund kein \u201efuck you!\u201c und sein Mittelfinger bleibt unten, sttatdessen murmelt er kleinlaut wie leid es ihm tut, dass es nicht wieder vorkommt und bettelt um Extra-Schichten, um Geld f\u00fcr die Produktion einer ersten CD zusammen zu kriegen. Wenn die Mutter mal wieder zu tief in die Flasche geschaut hat, weil ihr der gewaltt\u00e4tige Lover zusetzt, k\u00fcmmert sich Jimmy liebevoll um sein kleines goldgelocktes Schwesterchen, singt es z\u00e4rtlich in den Schlaf und spricht der Mutter moralinsauer ins Gewissen. Angefeindeten schwulen Arbeitskollegen springt er rappend zur Seite, ein leerstehendes Haus wird abgefackelt, damit \u201edort nicht mehr so viele arme Frauen vergewaltigt werden k\u00f6nnen\u201c. Ansonsten ist Gewalt tabu, dem schm\u00e4chtigen Schweiger rutscht h\u00f6chstens mal aus Emp\u00f6rung die Faust aus, wenn er den Schl\u00e4gerfreund der Mutter aus dem Wohnwagen vertreibt oder einen Kumpel in seiner Freundin erwischt, aber auch das wird er im n\u00e4chsten Revanche-Fight, im Kampf 10 b\u00f6se Negerlein gegen einen armen Wei\u00dfen schmerzvoll bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schusswaffen sind im ganzen Film \u00fcber Mangelware, nur einmal fuchtelt ein Freund fahrig damit herum und schie\u00dft sich prompt selbst in den Unterleib. Dass die Wirklichkeit \u2013 vor allem im kriminalstatistisch rekordverd\u00e4chtigen Detroit &#8211; anders aussieht, und die Mortalit\u00e4tsrate von Rappern \u2013 auch bekannten Opfern wie Tupac, Notorious BIG, Big L, Freaky Tah oder unl\u00e4ngst Run DMC Frontman Jam Master Jay \u2013 durch Bleivergiftung h\u00f6her ist als durch Krebs und Herzinfarkt zusammengenommen, wird hier unter den Teppich der Verharmlosung gekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von gro\u00dfm\u00e4uligen M\u00f6chtegern-Promotern l\u00e4sst sich Rabbit nicht den Kopf verdrehen, sondern geht lieber seinen eigenen geradlinigen, bescheidenen Weg. Keine Frage, Detroit wird zu eng f\u00fcr ihn, er will raus, aber nicht um jeden Preis. Dann lieber weiter Raptexte auf Zettel kritzeln, w\u00e4hrend einem der Bus zur Arbeit bringt und sich in verrauchten Musikschuppen uneintr\u00e4glichen Rap-Battles stellen, auch wenn einem das Unbehagen fast die Kehle zuschn\u00fcrt. Verwundert reibt sich der ein oder andere Fan die Augen angesichts der wertekonservativen Botschaft seines erbravten Idols. Das \u201eb\u00f6seste\u201c was Eminem in diesem Film macht, ist mit Farbbeutelpumpgun auf ein parkendes Polizeiauto zu schie\u00dfen. Rebellen waren schon mal rebellischer, aber keine Angst, diese graue Maus wird sp\u00e4testens im n\u00e4chsten Videoclip wieder buntquietschend im Elvis- oder Bin-Ladenkost\u00fcm daher kommen und provozierende Verbalinjurien f\u00fcr Miss Chaney oder Moby bereit halten.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Regie: Curtis Hanson<br \/>Drehbuch: Scott Silver<br \/>Kamera: Rodrigo Prieto<br \/>Darsteller: Eminem, Kim Basinger, Mekhi Phifer, Brittany Murphy, Chloe Greenfield, Evan Jones<br \/>L\u00e4nge: 118 Minuten<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein sch\u00fcchterner wei\u00dfer Junge namens Jimmy \u201eRabbit\u201c Smith steht im Klo eines Detroiter Clubs, Headphones \u00fcber dem kapuzenbedeckten Kopf, sich auf seinen Auftritt bei einem Rap-Contest vorbereitetend. Der Hase probt den b\u00f6sen Blick vor dem Spiegel, aus dem ihm nur ein nerv\u00f6ses, \u00e4ngstliches Etwas anstarrt, das sich gleich \u00fcbergeben wird. 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