{"id":3355,"date":"1997-11-27T22:33:05","date_gmt":"1997-11-27T21:33:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/archiv\/?p=3355"},"modified":"2022-07-06T02:43:07","modified_gmt":"2022-07-06T00:43:07","slug":"metallica-reload","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/11\/metallica-reload\/","title":{"rendered":"Metallica &#8211; Reload"},"content":{"rendered":"\n<p>Okay. Anderthalb Jahre hab ich sie verteidigt, hab sie unerm\u00fcdlich in Schutz genommen gegen den Vorwurf, das alte Feuer sei erloschen. Und sind wir mal ehrlich: die Jungs sind alle \u00fcber drei\u00dfig, da macht man keine Revolution mehr. Die Innovationen leisten J\u00fcngere, au\u00dferdem &#8211; Metallica haben ihre Pflicht mehr als erf\u00fcllt mit f\u00fcnf grandiosen Alben. Und was ist peinlicher als eine Band, die sich selbst kopiert?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Genau das ist jetzt passiert. Dabei h\u00e4tte ich es wissen m\u00fcssen: das Album hei\u00dft RE-Load, das Material stammt zum Teil aus den Load-Sessions, von denen ja bekannt ist, da\u00df der Stoff f\u00fcr eine Doppel-CD gereicht h\u00e4tte. Aber um nicht alles auf EINER Tour abfackeln zu m\u00fcssen und dann vielleicht wieder ein halbes Jahrzehnt abzutauchen, wurde der Rest nun nach besagten anderthalb Jahren nachgeliefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich m\u00fc\u00dften sie sich ja in Hardrockica umtaufen, der Metal hat sich irgendwann zwischen dem Schwarzen Album und der Load verfl\u00fcchtigt (so wie die Hosen auch keinen Punk mehr machen).<\/p>\n\n\n\n<p>Und getret\u00b4ner Quark wird breit, nicht stark. Auch nicht durch noch so plattgewalzte Riffs. Schwerf\u00e4lliger sind sie geworden, es zieht sich alles ein bi\u00dfchen. Und es fehlt der Gegenpart zu Hetfields &#8222;Crunch&#8220;, der mitlerweile so fl\u00e4chendeckend ist, da\u00df von Hammetts ausgefeilten Soli nicht mehr viel zu h\u00f6ren ist. Oder hat der statt Flinkefingern nur noch Fummelstummel? Aber gegen die Hetfield-Ulrich-Mafia ist wahrscheinlich einfach kein Ankommen.<\/p>\n\n\n\n<p>A propos Ulrich, an dieser Stelle mu\u00df ich mich &#8211; um der Wahrheit gen\u00fcge zu tun &#8211; aber auch lobend \u00e4u\u00dfern. Und das betrifft genau die Dinge, die ich schon an der Load mochte:<br \/>Zum Beispiel die Drums: Lars Ulrich ist ein echtes Ph\u00e4nomen, der Mann wird immer besser! Es liefert nicht einfach nur Rhythmen, sondern wahre Kunstwerke. F\u00fcr blo\u00dfe Begleitung war er sich immer zu schade, aber Trommeln nur aus Selbstzweck, nur um des Effekts willen ist seine Sache auch nicht. Als ich neulich erz\u00e4hlte, ich sei immer noch auf der Suche nach den &#8211; laut Metallicas eigener Aussage &#8211; Jazz-Einfl\u00fcssen auf der Load, wurde ich auf die Drums hingewiesen (Danke, Pia!), Ulrich spiele teilweise sogar gegen die Band an. Ums abzuk\u00fcrzen: Der D\u00e4ne w\u00e4re von den Vieren zur Zeit mit Abstand am schwersten zu ersetzen!<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6gen sie auch an Bi\u00df und Sch\u00e4rfe verloren haben &#8211; das gleichen sie durch einen sagenhaften Swing aus! Gerade der l\u00e4ssigere Hardrock erm\u00f6glicht ihnen einen richtig runden Drive, den sie erst mit der Load entwickelt haben. Sie sind zwar ein bi\u00dfchen vom Gas runter gegangen, daf\u00fcr fahren sie mit viel Gef\u00fchl, und der Wind bl\u00e4st ihnen immer noch ganz sch\u00f6n um die Nasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stilistisch bilden Load und Reload eine Einheit, beide sind mit furiosen Openern versehen (Ain\u00b4t my bitch bzw. Fuel) und verarbeiten unter anderem Country- und Blues-Einfl\u00fcsse. Allerdings fehlt der Reload eine Schnulze wie &#8222;Mama said&#8220;, es sei den man nimmt das melancholische, m\u00e4\u00dfig akustische &#8222;Low man\u00b4s lyric&#8220;. Als Entsch\u00e4digung dient auch das abwechslungsreiche und ausdrucksvolle &#8222;The unforgiven II&#8220;, die Fortsetzung der Ballade vom Schwarzen Album. Ach ja, noch eine Kuriosit\u00e4t am Rande: auf &#8222;The Memory remains&#8220; jault Marianne Faithful ins Mikro, so toll ich sie auch finde: anders als Hetfield kann die Frau bis heute nicht singen! Zwar halten Metallica auch mit der Reload weiter an ihrer Stadionrock-Attit\u00fcde fest, aber die Kompositionen sind zerfahrener, verlieren sich zu sehr in mehrstimmigen Vocal-Partien und Riff-Ritten. W\u00e4ren sie straffer gef\u00fchrt worden, g\u00e4b es auch auf der Reload Brecher wie &#8222;King Nothing&#8220; oder &#8222;Thorn within&#8220;, selbst extrem ausladende St\u00fccke hatten auf der Load noch gen\u00fcgend Spannung (Bleeding me) und erinnerten an die gro\u00dfartig und komplex gebauten Songs der &#8222;&#8230;and justice for all&#8220;, an denen sich die Musikwissenschaft der Zukunft so satt-analysieren kann wie an Mozarts Sonaten und Bachs Fugen. All das ufert auf der Reload zu sehr aus, wirkt zu selbstverliebt, weniger w\u00e4re mehr gewesen. \u00dcberhaupt ragen nur wenige St\u00fccke aus dem Reload-Einheitsbrei heraus, ihr Vorg\u00e4nger war vielschichtiger, zeigte sich variabler, etwa mit &#8222;Until it sleeps&#8220;, &#8222;Poor twisted me&#8220; oder &#8222;Ronnie&#8220; &#8211; Songs, wie man sie nie zuvor von Metallica geh\u00f6rt hat, und leider auch sp\u00e4ter nicht mehr (zumindest bis heute).<\/p>\n\n\n\n<p>Also, schlecht ist die Reload nicht (naja, ein Kompliment ist das auch nicht&#8230;), im Grunde hat das Bay Area-Quartett einfach meine Erwartungshaltung entt\u00e4uscht. Um\u00b4s mit einem Bild aus der Welt der Triebe auszudr\u00fccken: es war ein bi\u00dfchen wie scharfgemacht und dann nicht kommen d\u00fcrfen. Mit fliegenden Fingern hab ich die hei\u00dfersehnte Scheibe eingelegt, um nach den ersten Songs nur noch durchzuzappen und schlie\u00dflich entnervt im Kassettenkarton nach den alten Sachen zu kramen. Aber wenn ich mir klarmache, da\u00df die Reload eben die Fortsetzung der Load ist, geht\u00b4s. Vielleicht lassen sie sich ja beim n\u00e4chsten Album wieder was Neues einfallen. Nicht back-to-the-roots, einfach was Neues. Zum Beispiel ein neuer Produzent&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okay. Anderthalb Jahre hab ich sie verteidigt, hab sie unerm\u00fcdlich in Schutz genommen gegen den Vorwurf, das alte Feuer sei erloschen. Und sind wir mal ehrlich: die Jungs sind alle \u00fcber drei\u00dfig, da macht man keine Revolution mehr. Die Innovationen leisten J\u00fcngere, au\u00dferdem &#8211; Metallica haben ihre Pflicht mehr als erf\u00fcllt mit f\u00fcnf grandiosen Alben. 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