{"id":33648,"date":"1999-07-25T11:11:00","date_gmt":"1999-07-25T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33648"},"modified":"2022-07-25T01:31:35","modified_gmt":"2022-07-24T23:31:35","slug":"tocotronic-k-o-o-k","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/07\/tocotronic-k-o-o-k\/","title":{"rendered":"Tocotronic: K.O.O.K."},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/musik\/cd-t\/images\/tocokook.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Tocotronic &#8211; K.O.O.K. Es gibt zwei Dinge, die dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen k\u00f6nnten, wie genial Tocotronic in Wirklichkeit sind: ihr monotoner, gelangweilter Gesang und die brachialen, etwas statischen Gitarren-Riffs. Doch unter der spr\u00f6den, minimalistischen Oberfl\u00e4che lodert und brodelt es, denn niemand kann es auf so viele unterschiedlichen Weisen schrammeln und krachen lassen, wie das Trio aus Hamburg!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Harte Saiten-Arbeit ist zweifellos das Tocotronic-Fundament, doch &#8222;K.O.O.K.&#8220; lebt auch von seinem Space-Touch, der dem Album un\u00fcberh\u00f6rbaren Glam-Charme verleiht! Es wabert, blubbert, zischt, wah-wah-t und spirrelt aus allen Poren. Synthies, Casios und Moogs kommen zu Ehren und unterst\u00fctzen die dilettantisch-infantile Attit\u00fcde, mit der Tocotronic zumindest handwerklich gern kokettieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Retro hat das allerdings nichts zu tun, denn Tocotronic verfolgen unbeirrt ihren eigenen Weg, und auch ihre leiernden, provozierend regelm\u00e4\u00dfigen Hooks, die in raumgreifend gro\u00dfen B\u00f6gen angelegt sind, lassen sich nicht von selbigem abbringen. Sie scheinen das Wesen des Rock tats\u00e4chlich verinnerlicht zu haben, so vorhersehbar, fast banal, scheinen ihre Harmoniewechsel. Doch &#8211; einmal mehr &#8211; Vorsicht: Tocotronic wissen dies selbst am besten und treiben ihre Fertigkeit mitunter so auf die Spitze, da\u00df man leicht s\u00fcchtig davon wird! Ich verweise auf Endlos-Strophen mit hymnenartigen Ges\u00e4ngen in &#8222;Die neue Seltsamkeit&#8220; und &#8222;Morgen wird wie heute sein&#8220;, die so vertraut scheinen wie Mutters Apfelkuchen und so euphorisch machen wie die ultimative Droge! Zumindest mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Stilistisch gesehen ist &#8222;K.O.O.K.&#8220; ein Opus Magnum, die 70 Minuten sind vollgepackt mit den unterschiedlichsten Spielarten: kraftvoller Gitarren-Crunch, sumpfige Slide-Guitars und noise-artig \u00fcberfrachtete Verzerrer-Kakophonien, aber auch \u00fcberraschend kontemplatives Akustik-Gezupfe. Der typische Tocotronic-Song befindet sich permanent im Flu\u00df, aber es finden sich genauso seltsam auseinandergerissene Takes mit aufdringlichen Breaks und We-will-rock-you-Beats (&#8222;Um die Ecke (gedacht)&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Relativ h\u00e4ufig, aber immer dezent, greifen die Hamburger zu Streicher- und Bl\u00e4ser-Arrangements, so etwa im hinl\u00e4nglich bekannten &#8222;Let there be Rock&#8220; mit seinem auff\u00e4llig bei Europes &#8222;Final Countdown&#8220; geklauten Intro (eines der sp\u00e4rlich verwendeten Zitate auf der CD) und den schlurfig-lahmen Akkordwechseln, die von Waldh\u00f6rnern, Ba\u00dfklarinette und Tenorsaxophon geerdet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Harmonisch wesentlich virtuoser geht es in &#8222;Das Geschenk&#8220; zu, und in &#8222;Tag ohne Schatten&#8220; klingen die Synthie-Einsprengsel ungewohnt abstrakt &#8211; man sieht also, auf einen Nenner sind Tocotronic nur in ihren Basics zu bringen, nicht in der Umsetzung!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Melodien sind samt und sonderns simpel und gelungen, jedoch nie wirklich fr\u00f6hlich-poppig, sondern meist schr\u00e4g-spr\u00f6de und in &#8222;Jenseits des Kanals&#8220; sogar direkt d\u00fcster und unheilschwanger. &#8222;K.O.O.K.&#8220; kommt zwischen den Zeilen mit viel Understatement und lasziver Ironie daher, alles resultierend aus dem abgehangenen, aber nur scheinbar l\u00e4ssigen Stil. Es ist wie bei schwimmenden Krokodilen: sie sind keine Baumst\u00e4mme, und schaut man richtig hin, sieht man am tr\u00e4gen K\u00f6rper ihre kleinen, listigen \u00c4uglein blinzeln!!! Bravo, Kroco &#8211; \u00e4h, Tocotronic!<\/p>\n\n\n\n<p>Nur noch ein kleines Wort zu den Lyrics, die sich irgendwo zwischen englischen Zeilen in aphoristischer K\u00fcrze und aneinandergereihten deutschsprachigen Banalit\u00e4ten einpendeln und sich wie gewohnt engigmatisch bis absurd pr\u00e4sentieren. Ich gebe freim\u00fctig zu, mir geht\u00b4s grunds\u00e4tzlich mehr um die Musik, und ich hab auch keine Lust, so zu enden wie eine ARD-Sportreporterin, die den Tr\u00e4ger des gr\u00fcnen Trikots bei der Tour de France, Erik Zabel, j\u00fcngst im Ziel abfing mit der als Frage verkleideten Unversch\u00e4mtheit, ob er seine neuerliche Sprint-F\u00fchrung dem Umstand verdanke, da\u00df andere Sprint-Stars die Tour f\u00fcr sich bereits beendet h\u00e4tten?! Ein zu Recht verdutzter Zabel lie\u00df sich die Frage gleich nochmal wiederholen, aber traurigerweise hatte er sie schon beim ersten Mal richtig verstanden\u2026 Schlecht wird mir auch, wenn ich an ein Tocotronic-Interview mit der MTV-Moderations-Heimsuchung &#8222;Sophie&#8220; vor wenigen Wochen zur\u00fcckdenke, die &#8211; immer wieder garniert von blechernem Kichern &#8211; ihre<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;In-Song-XY-singt-Ihr-BlaBla\u2026-was-meint-Ihr-damit?&#8220;-Schablone auf so ziemlich jeden Take des Albums anwendete. Tocotronic trugen es mit Fassung, ich weniger und schweige deshalb an dieser Stelle still. H\u00f6rt Euch die Texte selbst an und Macht Euch welchen Reim auch immer drauf. Und viel Spa\u00df dabei!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Tocotronic: K.O.O.K.<br \/>(L\u00b4Age D\u00b4or) <\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tocotronic &#8211; K.O.O.K. 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