{"id":33784,"date":"2002-05-21T11:11:00","date_gmt":"2002-05-21T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33784"},"modified":"2022-07-25T22:05:45","modified_gmt":"2022-07-25T20:05:45","slug":"neil-young-are-you-passionate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/05\/neil-young-are-you-passionate\/","title":{"rendered":"Neil Young: Are You Passionate?"},"content":{"rendered":"\n<p>Selten hat ein Lied mich vor seiner Ver\u00f6ffentlichung so neugierig gemacht wie Neil Youngs &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220;. Drei verschiedene Schreiber der deutschen Version von &#8222;Rolling Stone&#8220; haben sich in der April-Ausgabe damit besch\u00e4ftigt, das St\u00fcck als patriotisches Gew\u00e4sch zu diskreditieren. Es geht um die Passagiere des United-Flugs 93 vom 11. September 2001, die ihre Entf\u00fchrer zwangen, das Flugzeug in den Boden zu fliegen, statt in das White House oder irgendein anderes Geb\u00e4ude.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ja, Neil singt &#8222;Let&#8217;s roll for freedom \/ Let&#8217;s roll for love \/ Going after Satan \/ On the wings of a dove&#8220; und wurde daf\u00fcr reichlich als Bush-Freund kritisiert. Die meisten Kritiker sehen das \u00e4hnlich wie Martin Johns, der in der Mai-Ausgabe von Intro schreibt: &#8222;Wenn es in diesem Lied mehr gibt, als stumpfe, unkritische Heldenverehrung bzw. den Anruf zur Aktiven Verteidigung amerikanischer Werte, muss es so subtil sein, dass es mir entgangen ist.&#8220; Na ja, dachte ich, kann das wirklich so schlimm sein? Neils Lob f\u00fcr Reagan habe ich nicht vergessen, &#8222;Rockin in the Free World&#8220; &#8211; treffender Sozialkommentar verkleidet als Nationalhymne &#8211; aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den ersten Sekunden an, war mir eins klar: Auch wenn Johns Recht hat (was ich nicht ausschlie\u00dfe) und &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; lediglich ein Aufruf zur Verteidigung Amerikas ist, ist das Lied kein Rock-Anthem. Mit seinem barschesten Gesang und dem Riff von David Bowie&#8217;s &#8222;Fame&#8220; (nicht nur geklaut sondern auch verlangsamt), wird es Young mit &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; nicht gelingen, die F\u00e4uste der Konzertbesucher in die Luft zu bringen. (Eine These, die ich gerne pers\u00f6nlich beim Konzert best\u00e4tigt h\u00e4tte, wenn die einzigen M\u00f6glichkeiten dazu nicht Rock am Ring bzw. im Park gewesen w\u00e4ren.) Und so viel Vertrauen kann ich Young noch schenken: wenn Demagogie sein Ziel gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er es erreicht. Was auch immer Young mit dem Lied sagen will, er sagt es ganz absichtlich mit mehr Trauer als Wut, mehr Zweifel als \u00dcberheblichkeit. Das h\u00f6rt man in der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Theorie: Man muss &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; im Zusammenhang des ganzen Albums &#8222;Are You Passionate?&#8220; anh\u00f6ren, da die ersten f\u00fcnf Lieder der Platte eine Geschichte erz\u00e4hlen. Und zwar von einem Mann, der nichts mehr zu verlieren hat, als er beim f\u00fcnften Lied &#8211; Let&#8217;s Roll &#8211; in die Maschine einsteigt. Die Stimme, die am Anfang von &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; grollt, &#8222;I know I said I love you \/ I know you know you know it&#8217;s true&#8220; ist von Ton und Timbre her die gleiche, die in &#8222;Quit&#8220; der Partnerin gesteht, &#8222;And I&#8217;ve got to tell you baby \/ That our love is strong \/ And I&#8217;m the one \/ The one who did you wrong&#8220;. Diese Figur hat verdienterweise ihre gro\u00dfe Liebe verloren (&#8222;And my love could come to blows&#8220; ist der omin\u00f6se Hinwies auf Familiengewalt in &#8222;Differently&#8220;) und tut sich schwer aufzugeben (&#8222;I&#8217;m never quittin&#8216; you \/ Even if you quit me&#8220;). Also, kein Held, den man verehrt, eher ein Typ, der nur noch hofft ein einziges Mal eine gute Tat zu tun, bevor er stirbt (wie Dylan es in &#8222;Lily, Rosemary and the Jack of Hearts&#8220; ausdr\u00fcckte). In &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; kriegt er diese Chance und verspielt sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wackelige Theorie, gebe ich zu. Aber so oder so wirkt &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; wie der tragische H\u00f6hepunkt, der zu fr\u00fch kommt. Das von Crazy Horse eingespielte St\u00fcck &#8222;Goin&#8216; Home&#8220; ist das einzige Highlight in der zweiten H\u00e4lfte von &#8222;Are You Passionate?&#8220;. (Da das Lied laut Young schon im Herbst 2000 aufgenommen wurde, wirken die ersten Strophen etwas ahnungsvoll: &#8222;Such a wind was blowin&#8216; that day \/ through the battleground \/ I could feel it in my hair \/As I turned toward downtown&#8220;.)<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht h\u00e4tte ein Qu\u00e4ntchen mehr Crazy Horse zur Abwechslung dem Album gut getan. Die Begleitung von Soul-Organist Booker T. hat einen perversen Charme, besonders wenn Booker und Bassist Duck Dunn ihre raffinierten Otis Redding-Riffs spielen, w\u00e4hrend Neil und Frank Sampedro ihre plappernden Gitarren erdrosseln. Eine sehr interessante Zusammenstellung, die allerdings ihren Reiz nach 30 oder 40 Minuten verliert. Und deshalb bleibt &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220; das einpr\u00e4gsamste Lied auf einem merkw\u00fcrdigen, betr\u00fcbten Album.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Neil Young: Are You Passionate?\n(Reprise Records)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten hat ein Lied mich vor seiner Ver\u00f6ffentlichung so neugierig gemacht wie Neil Youngs &#8222;Let&#8217;s Roll&#8220;. Drei verschiedene Schreiber der deutschen Version von &#8222;Rolling Stone&#8220; haben sich in der April-Ausgabe damit besch\u00e4ftigt, das St\u00fcck als patriotisches Gew\u00e4sch zu diskreditieren. Es geht um die Passagiere des United-Flugs 93 vom 11. 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