{"id":33794,"date":"2001-03-20T11:11:00","date_gmt":"2001-03-20T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33794"},"modified":"2022-07-25T22:58:09","modified_gmt":"2022-07-25T20:58:09","slug":"va-walter-ruttmann-weekend-remix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/03\/va-walter-ruttmann-weekend-remix\/","title":{"rendered":"VA: Walter Ruttmann Weekend Remix"},"content":{"rendered":"\n<p>Maschinenger\u00e4usche, Sirenengeheul, Fliegersurren, Klavierakkorde, Kinderstimmen, die den Erlk\u00f6nig pauken, ein Gesangsverein, ein pfeifender Flaneur, ein ver\u00e4rgerter Telefonbenutzer, Kirchengel\u00e4ut, Autohupen\u2026 Was der Filmemacher und Medienk\u00fcnstler Walter Ruttmann (1887-1941) da am 13. Juni 1930 im Radio pr\u00e4sentierte, war die Auslese eines Wochenendstreifzugs durch Berlin. &#8222;Weekend&#8220; nannte er seine Ger\u00e4usch-Collage, seinerzeit eine Pioniertat. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nicht nur, dass Ruttmann ein akustisches Abbild der Stadtlandschaft schuf, er ordnete sein Klangarsenal auch rythmisch-musikalisch an, komponierte es durch. Der Begriff des &#8222;Materials&#8220; war ihm wichtig &#8211; und nicht nur ihm. Alltag und Abfall der industrialisierten Welt avancierten Anfang des 20. Jahrhunderts vielfach zum k\u00fcnstlerischen Material: ihres eigentlichen Zweckes entkleidet und im Gegensatz zur vermeintlichen Hochkultur stehend. Collage und Montage, das Spiel mit Schnittstellen und Br\u00fcchen, das Zusammenf\u00fcgen von Verwandtem, Gegens\u00e4tzlichem und Zuf\u00e4lligem wurde zum Mittel, die neue, elektrisierte, immer schneller, greller und lauter werdende Welt zu verarbeiten, die selbst unabl\u00e4ssig Kunst- und Konsumg\u00fcter auszusto\u00dfen schien.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine &#8222;vollkommen neue akustische Kunst&#8220; diagnostizierte Ruttmann, aus &#8222;diesem unendlichen Material zu neuem Sinn gestaltbar nach den Gesetzen der Zeit und des Raums&#8220;. &#8222;Neu&#8220; w\u00fcrde sie sein, &#8222;nach ihren Mitteln und nach ihrer Wirkung&#8220;. Ganze 11 Minuten und 10 Sekunden lang machte Ruttmann vor, was er meinte. Ein einziges Mal wurde sein H\u00f6rfilm gesendet, dann verschwand das Original, bis 1978 in New York eine Kopie auftauchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Knapp 70 Jahre nach dem &#8222;Weekend&#8220;-Deb\u00fct lud der Bayerische Rundfunk in der Klangk\u00fcnstler- und Elektronik- Szene zum Ruttmann-Remix und pr\u00e4sentiert nun die Resultate von DJ Spooky, To Rococo Rot, Mick Harris, John Oswald, Klaus Buhlert und Ernst Horn. Wie nicht anders zu erwarten, entstanden so sechs mehr oder weniger neue &#8222;Weekend&#8220;-Fassungen, teils um Beats und Grooves bereichert (DJ Spooky), teils s\u00e4mtlicher Alltagsger\u00e4usche entledigt (Mick Harris) und teils mit komplett neuen, zeitgem\u00e4\u00dfen Kl\u00e4ngen, wie dem schier unersch\u00f6pflichen Vorrat an Handy-Klingelmelodien, Modem-Geknisper und Fernseh-O-T\u00f6nen etc. (To Rococo Rot). Gewinnbringend: im Booklet erl\u00e4utert jeder Interpret kurz die Beweggr\u00fcnde seiner Version.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorsichtig und voll des Respekts n\u00e4herten sich die meisten der Interpreten dem Ruttmannschen Monument. Ernst Horn setzt den Ger\u00e4uschen eine schier endlos durchlaufende Techno-Schleife entgegen und nutzt die Industrieger\u00e4usche perkussionistisch: Industrial auf &#8222;k\u00fcnstlerisch&#8220;. Das monotone Klangbett unterstreicht allerdings nicht die Mechanik der Ruttmannschen Vorlage, sondern stellt eher deren Vitalit\u00e4t heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Buhlert hat Proben seiner eigenen Arbeit eingeflochten: wie ein Kaleidoskop f\u00e4chert sich das Resultat auf. Nicht erg\u00e4nzt, sondern vervielf\u00e4ltigt, fast variiert pr\u00e4sentiert es sich. DJ Spooky zieht Ruttmanns &#8222;Weekend&#8220; in einen dunklen Underground-Kosmos aus aktueller Elektronik-Kulisse und schemenhaften Ger\u00e4uschen der 20er Jahre, meist stark verfremdet.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch weiter vom Ausganspunkt weg entfernt sich Mick Harris. Unbeirrbar pr\u00e4zise und pr\u00e4sent bahnt sich der Beat seinen Weg durch diverse undefinierbare Klangwelten. Mehr Klanglandschaft als strukturiertes Ganzes. Bei To Rococo Rot kommt die Hommage dagegen einer Exekution gleich. Sie haben sich komplett infizieren lassen und dem Ruttmanns archaischem Klangarsenal gleich ihr eigenes, heutiges entgegengesetzt. John Oswald wiederum hat Ruttmanns Ger\u00e4uschwelten schlicht ineinander verschoben. Zu einem dichten, komprimierten Westentaschen-&#8222;Weekend&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was bleibt von der Begegnung aus Alt und Neu? Die Feststellung, dass Walter Ruttmann das Prinzip des Sampling schon vorweggenommen hat. Der Umgang mit Klangmaterial als solchem, das umfunktioniert und zur Basis eines Neuen werden kann, hat sich verselbst\u00e4ndigt, banalisiert. Die Weekend-Remixe helfen, dar\u00fcber wieder zu staunen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Diverse Interpreten<br \/>Walter Ruttmann Weekend Remix<br \/>(Intermedium rec.\/Indigo CD 93172)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maschinenger\u00e4usche, Sirenengeheul, Fliegersurren, Klavierakkorde, Kinderstimmen, die den Erlk\u00f6nig pauken, ein Gesangsverein, ein pfeifender Flaneur, ein ver\u00e4rgerter Telefonbenutzer, Kirchengel\u00e4ut, Autohupen\u2026 Was der Filmemacher und Medienk\u00fcnstler Walter Ruttmann (1887-1941) da am 13. 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