{"id":33807,"date":"1999-02-05T11:11:00","date_gmt":"1999-02-05T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=33807"},"modified":"2022-07-25T22:54:47","modified_gmt":"2022-07-25T20:54:47","slug":"finnischer-tango-tule-tanssimaan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1999\/02\/finnischer-tango-tule-tanssimaan\/","title":{"rendered":"Finnischer Tango. Tule Tanssimaan"},"content":{"rendered":"\n<p>Finnland liegt irgenwo zwischen Skandinavien und Ru\u00dfland, stellt den amtierenden Formel 1-Weltmeister, das exzellente Eistanz-Doppel Rakkamo\/Petri (der Vater von ihr ist B\u00fcrgermeister von Helsinki), den verschrobenen Regisseur Ari Kaurism\u00e4kki und die trinkfesten Elvis-Wiederg\u00e4nger &#8222;Leningrad Cowboys&#8220;. Au\u00dferdem hat das Land, dessen Bewohner f\u00fcr ihre Wortkargheit ber\u00fchmt sind, die h\u00f6chste Handy-Dichte der Welt! So oder so \u00e4hnlich sieht das Bild aus, das sich der gemeine Nicht-Finne von Finnland macht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der gemeine Nicht-Finne lacht auch laut, wenn ihm eine Sammlung Finnischer Tangos auf CD in die H\u00e4nde f\u00e4llt &#8211; nicht ahnend, da\u00df der Gesellschaftstanz argentinischen Ursprungs in Finnland l\u00e4ngst eine zweite Heimat gefunden hat und dort \u00e4hnlich popul\u00e4res Volksgut darstellt wie hierzulande Schlager oder Volksmusik. Die knisternde Erotik, die schw\u00fcle Ekstase und das feurige Flair gingen allerdings auf dem Weg in die arktischen Gefilde verloren, der skandinavische Ableger ist mehr eine hei\u00df-kalte Spezialit\u00e4t mit unterk\u00fchltem Charme (Tango on the rocks?), das aggressive Bandoneon wurde durch das beh\u00e4bige Tasten-Akkordeon ersetzt, die Syknopen gestrichen und die tonale Stimmung &#8222;Dur&#8220; gleich mit: finnischer Tango erklingt stets in Moll und fr\u00f6nt einer himmlisch schwelgerischen Melancholie. Denn: Der Tango ist der Blues der Finnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang des Jahrhundert hielt der Tango auch in Europa Einzug, wo er zuerst Paris in Rage versetzte und sich nach und nach auch in den Tanzpal\u00e4sten der Nachbarl\u00e4nder einnistete. Die Finnen adaptierten in den 30er Jahren erstmal deutsche &#8222;Konditoreitangos&#8220;, mischten den weichen, europ\u00e4ischen Stil mit russischen Romanzen, unterlegten ihn mit dezenten Marsch-Rhythmen und versetzten ihn mit finnischen Texten \u00fcber fallende Schneeflocken und aufopferungsvolle Krankenschwestern. Von 1939 bis 1944 befand sich Finnland im Kriegszustand und stand schlie\u00dflich, wieder im Friedenszustand, vor einem wirtschaftlichen und sozialen Scherbenhaufen! Jetzt konnte der Tango beweisen, was er den Finnen wirklich bedeutete, denn er trotzte Rock\u00b4n\u00b4Roll- und Beat-Moden und wuchs \u00fcber blo\u00dfe sentimentale Exotik oder ein Dasein als Eskapismus-Vehikel hinaus. Der Tango hielt das finnische Volk zusammen, wirkte identit\u00e4ts- und kulturstiftend und wurde zur Ersatzsprache f\u00fcr Unaussprechliches, von Liebesfragen bis hin zu Sorgen und Sehns\u00fcchten. Zumindest bis in die 60er Jahre hinein, als das &#8222;vor-industrielle&#8220; Finnland \u00f6konomisch umstrukturiert und modernisiert wurde. Die einsetzende Landflucht lie\u00df D\u00f6rfer, Gemeinden und die provinziellen Tanzschuppen mit ihrem Kaffee-, Bier-, Schnittchen- und W\u00fcrstchen-Angebot ver\u00f6den. F\u00fcr den Tango stand es schlecht, er gab bestenfalls noch die Folie f\u00fcr ironische Parodien ab. Doch der Tango-Bazillus hatte sich bereits so tief in der Volkseele festgenistet, da\u00df es nur eine Frage der Zeit war, bis die &#8222;junge&#8220; Pop-Generation sich seiner erinnerte und mit Verst\u00e4rkern und E-Gitarren wiederbelebte. Seit Mitte der 80er erlebt der finnische Tango ein Revival, wenn auch vornehmlich in der Aufbrezelung alter Klassiker. Ein j\u00e4hrlich im Fernsehen \u00fcbertragenes Tango-Festival tut ein \u00dcbriges dazu, den Boom am Leben zu erhalten, im Zuge dessen sich allerdings die Kluft zwischen wenigen erfolgreichen Profis und der Schar semi-professioneller Tanzorchester, die das Tempo eines jeden noch so flotten Tangos auf unnachahmliche Weise verschleppen, zunehmend vergr\u00f6\u00dfert. Wie auch immer: der finnische Tango lebt und hat sich l\u00e4ngst von seiner gro\u00dfen argentinischen Schwester emanzipiert. So what?!<\/p>\n\n\n\n<p>Die finnische Tango-Sammlung ist beim Label Trikont erschienen, das sich offenbar zunehmend auf Doku-Compilations spezialisiert, meist mit ethnologisch-historischen Schwerpunkten, siehe auch die Pr\u00e4sentation vietnamesischer Schnulz-Stra\u00dfenmusik oder die CD-Serie \u00fcber amerikanische Jodel-Kunst. Das zieht zwei Dinge nach sich: zum einen umfangreiche, sorgsam erarbeitete Booklets mit n\u00fctzlichen Begleit-Infos, die fast schon sekund\u00e4rliterarisch den theoretischen Wissens-Background mitliefern, und zum anderen rund ein Drittel klangqualitativ minderwertiger Takes, die mehr der Vollst\u00e4ndigkeit halber bzw. aus historischer Sicht interessant sind, sozusagen f\u00fcr den Hardcore-Fan, der seinen nostalgischen Spa\u00df an verrauschten, dumpfen Anno-dazumal-Aufnahmen hat (bei 24 Takes bleibt aber immer noch genug stuff mit gewohnter Klang-Qualit\u00e4t). In diesem Fall stammt die betagteste Einspielung aus dem Jahr 1915, sozusagen aus der Kinderstube des finnischen Tango oder eher noch live aus dem Krei\u00dfsaal\u2026 Fast jedes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ist auf der CD vertreten, einzig die &#8222;Nuller&#8220; (\u00fcbrigens ein neuerlich bevorstehendes Problem bzw. derzeit ein beliebter Programmf\u00fcller diverser Rundfunk-Anstalten: H\u00f6rer-Gewinnspiele mit der Aufgabenstellung, originelle Bezeichnungen oder besser gesagt \u00fcberhaupt irgendwelche Bezeichnungen f\u00fcr das erste Jahrzehnt des bevorstehenden Jahrhunderts zu finden, das f\u00fcr sich nicht mit irgendwelchen knifflig-fieseligen Abz\u00e4hlspielchen oder peniblen Berechnungen abgebende Zeitgenossen &#8211; wie mich &#8211; zugleich auch das neue Jahrtausend sein wird) und die 20er Jahre waren in Finnland noch &#8222;tangofreie&#8220; Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weh und Ach des finnischen Tango ist meist in schwelgerisch-vertr\u00e4umte Schmalz-Melodien gepackt und klagt ziemlich schwerf\u00e4llig vor sich hin. D\u00fcster zwar, aber mit gro\u00dfer Geste, so da\u00df man die Akteure im Frack und mittelscheitlig gegelten Haaren (ach nein, damals gab\u00b4s ja noch gar kein Gel, das hie\u00df &#8222;Pomade&#8220; &#8211; oder auch: Butter, Talg, Griebenschmalz, Schmier\u00f6l (kaltgepre\u00dft!), Essenreste, Einfachnichtmehrwaschen oder Washaltdawar\u2026) unwillk\u00fcrlich vor sich sieht. Mal mit, mal ohne gro\u00dfes Orchester.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gibt auch ein paar Ausderreihefaller, so wie Take 11 (&#8222;It\u00e4maista rakkautta&#8220; von Topi Sorsakoski &amp; Agents, 1984), ein zart-rocknrolliger Schwoofer mit viel Slide-Guitar und dezenten Hammond-Kl\u00e4ngen. Das beste allerdings ist die sonore Stimme des noch halbwegs aussprechlichen S\u00e4ngers, vom Sound her sicherlich der finnische Chris Isaak! \u00c4hnlich Shadows-m\u00e4\u00dfig angehauchte Hall-Gitarren verwendet auch Kari Kuuva &#8222;Take 13: &#8222;Hylj\u00e4tty tanssilava&#8220; von 1966).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein absolutes Kuriosum ist Take 15 (&#8222;Rautalankatango&#8220; von Brita Koivunen, 1964), ein Schmankerl aus der Beat-Zeit mit geschrammelten Gitarren und hypernerv\u00f6sem Refrain, der wie ein fr\u00fcher Rap anmutet und die verbalen Errungenschaften der 50er und fr\u00fchen 60er auf den Punkt bringt: &#8222;\u2026 twist an shout, hippy hippy shake, hey bopalu\u2026&#8220;!<\/p>\n\n\n\n<p>Take 10 (&#8222;Syv\u00e4 kuin meri&#8220; von Lasse Santakankaan Yhtye &#8211; Namen wie die Kinder aus Bullerb\u00fc\u2026, 1998) versucht sich mit einem Hauch Pub-Atmosph\u00e4re und poltert musikalisch fast schon Tom-Waits-alike daher. Take 23 (&#8222;Kotkan ruusu&#8220; von Arja Saijonmaa, 1981) hat ausnahmsweise mal eine weibliche Stimme hinterm Mikro vorzuweisen &#8211; und was f\u00fcr eine! Ein weiblicher Bariton! Arja Saijonmaa liegt irgendwo zwischen Diva und Chansonette (Obacht! Trotz Cora Frost, Popette sowieso etcetera &#8211; in Deutschland handelt es sich bei solch \u00fcberirdisch weiblichen Gesch\u00f6pfen meist um &#8222;Engel mit gro\u00dfen F\u00fc\u00dfen&#8220; wie Georgette Dee und Konsorten, die nicht nur die sch\u00f6neren Stimmen haben, sondern auch die sch\u00f6neren Beine: M\u00e4nner sind eben doch die besseren Frauen!) und intoniert ihren Song mit solch getragener Dramatik, da\u00df einem schier das Herz aufgeht!<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Finnischer Tango &#8211; Tule Tanssimaan&#8220; ist alles in allem ein aparter Au\u00dfenseiter im CD-Schrank: 72 Minuten Schmalz der edelsten Art! Ach ja, fast h\u00e4tt ich es vergessen, so sehr hab ich mich schon dran gew\u00f6hnt: das Auff\u00e4lligste am finnischen Tango sind nat\u00fcrlich die finnisch-sprachigen Texte (viele Umlaute, jede Menge Rachenlaute und gerollte Rrrrrrrr\u00b4s) &#8211; f\u00fcr deutsche Ohren erst etwas gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, aber dann nicht mehr wegzudenken!!!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Sampler\nFinnischer Tango. Tule Tanssimaan\n(Trikont)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finnland liegt irgenwo zwischen Skandinavien und Ru\u00dfland, stellt den amtierenden Formel 1-Weltmeister, das exzellente Eistanz-Doppel Rakkamo\/Petri (der Vater von ihr ist B\u00fcrgermeister von Helsinki), den verschrobenen Regisseur Ari Kaurism\u00e4kki und die trinkfesten Elvis-Wiederg\u00e4nger &#8222;Leningrad Cowboys&#8220;. Au\u00dferdem hat das Land, dessen Bewohner f\u00fcr ihre Wortkargheit ber\u00fchmt sind, die h\u00f6chste Handy-Dichte der Welt! 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