{"id":35121,"date":"1998-04-16T11:11:00","date_gmt":"1998-04-16T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=35121"},"modified":"2022-08-26T20:18:17","modified_gmt":"2022-08-26T18:18:17","slug":"tortoise-kollektive-bewusstseinserweiterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/04\/tortoise-kollektive-bewusstseinserweiterung\/","title":{"rendered":"Tortoise: Kollektive Bewu\u00dftseinserweiterung"},"content":{"rendered":"\n<p>Echo, Preisverleihung der deutschen Schallplattenindustrie. Unter den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen f\u00fcr Veranstaltungen dieser Art &#8211; wie Tic Tac Toe etc. &#8211; auch Wolfgang Petry mit seinem diesj\u00e4hrigen Br\u00fcller &#8222;Weiber&#8220;. Gekleidet in dezent verwaschene Jeans von der Stange, offenstehendes, \u00fcber der Hose getragenes Flanell-Hemd Marke &#8222;Vorstadt-Grunge&#8220; und als letzten Knaller dann noch sein eigenes Tour-Shirt mit fett rot-schwarzem &#8222;Schei\u00dfegal&#8220;-Aufdruck. Mir wird schlecht. Alptr\u00e4ume. O Gott!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kann es noch deutlicher werden, wie dicht &#8222;sie&#8220; uns schon auf den Fersen sind. Und \u00fcberhaupt hei\u00dfe ich Brennecke und nicht Branigan! Aber jetzt mal im Ernst, kann es denn sein, wie hier der Revolutionsblueprint des Rock-Images doch noch endlich die letzten Weihen des Mainstream erh\u00e4lt? Musikalisch hat mittlerweile Herbert Gr\u00f6nemeyer nachgezogen, und so kann man den Alternativ-Rock eigentlich erst mal auf Eis legen. Zur Pose verkommene Dress-Codes, abgelutschte Melodien, Lyrics, die sich in endlosem Selbstmitleid suhlen oder wahlweise auch Ha\u00dftiraden gegen Lehrer wie Ex-Freundinnen featuren oder sich auch einfach nur gegen die Menschheit an sich richten. Dagegen ist ja auch prinzipiell nichts einzuwenden, wenn man sich diesen Dingen nicht haupts\u00e4chlich zum Zweck des Geldverdienens und des tumben Stargehabe hingeben w\u00fcrde. Oder auch einfach gesagt: Wie revolution\u00e4r oder alternativ k\u00f6nnen Musik und Lifestyle sein, die schon l\u00e4ngst vom Establishment eingeholt worden und fester Bestandteil von Vermarktungsstrategien sind? Ich rede hier jetzt nicht von Vertriebsstrukturen, ich habe auch nichts gegen Musiker, die von der Musik leben, und ich habe auch nichts dagegen, wenn dumme Menschen dumme Musik konsumieren. Allerdings f\u00fchle ich mich nicht wohl bei dem Gedanken, da\u00df mir irgendwelche Abziehbilder mit irgendwelchen Plattheiten die Revolution verkaufen wollen und sich dabei auch noch super cool f\u00fchlen und wom\u00f6glich stinkreich werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Wo bleibt denn da das gute alte Modell &#8222;Gegenentwurf&#8220; oder von mir aus auch &#8222;Alternative&#8220;? Denn genau das, was an Punkrock und all seinen subkulturellen Ablegern am interessantesten war, war der Gegenentwurf zur Gesellschaft, zur Familie und zum Musik-Business. Oder wie Moses Arndt vom &#8222;ZAP&#8220; das seinerzeit so sch\u00f6n auf den Punkt gebracht hatte: &#8222;It&#8217;s more than music.&#8220; Gut, das Versprechen wurde uns zwar von Hardcore und Alternative-Rock gegeben, aber bis heute nicht eingel\u00f6st. Die M\u00f6glichkeit der Einl\u00f6sung ging irgendwie auch auf dem &#8222;Marsch durch die Instanzen&#8220; (MTV,VIVA und Major-Firmen) verloren, denn neue Vermarktungs- und PR-Strategien der Musikindustrie machen es, gerade f\u00fcr Musiker, die sich auf &#8222;Alternativen&#8220; berufen, notwendig, die eigene Position st\u00e4ndig zu \u00fcberdenken und auf ver\u00e4nderte Strukturen zu reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>TORTOISE war und ist vielleicht eine der ersten &#8222;Bands&#8220;, die als Alternative zum alten Gegenentwurf funktioniert. Dem klassischen Songwriter der alten Rockschule steht hier zum Beispiel das Kollektivit\u00e4tsprinzip gegen\u00fcber. Aus dem Zwang eines zu kleinen Studios heraus entstehen die Basic-Tracks oder auch Songs &#8211; die Band selbst nimmt sich hier die Freiheit, diese Frage st\u00e4ndig zu \u00fcberdenken und in dieser Hinsicht auch uneins zu sein -w\u00e4hrend der Touren. Beginnend mit der Rhythmusgruppe, die mit dem Aufnahmeproze\u00df beginnt, werden im Studio nach und nach die restlichen Spuren eingespielt. Jede Idee des Einzelnen kann realisiert werden, entschieden wird dann kollektiv im Studio. Selbst die Frage, ob sich TORTOISE denn eher als Band im klassischen Sinne oder als Gruppe von Individuen sehen, lassen sie offen, bzw. die Frage wird immer noch, nach nunmehr f\u00fcnf Jahren relativ konstanter Zusammenarbeit (lediglich Dave Pajo hatte bislang die Gruppe nach den Aufnahmen zum aktuellen Album verlassen), unter den Mitgliedern heftigst diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar eine sehr fruchtbare Arbeitsweise, denn &#8222;Tortoise&#8220; ist somit das wohl kompakteste (und seltsamerweise trotz alledem offenste) Album ihres Bestehens gelungen. Stilistisch hat sich die Gruppe mittlerweile Richtungen wie Jazz und Weltmusik zugewandt, was mir im Interview von Dan Bitney auch best\u00e4tigt wurde, denn TORTOISE sei durch Unterschiedlichkeit der einzelnen Mitglieder stets offen f\u00fcr alles gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin mu\u00df man sich das erst mal trauen. Allzu leicht kann gerade der Umgang mit Weltmusik peinlich enden, wie ein Blick \u00fcber die Esoterik-Ecke im heimischen Record-Store leicht beweisen kann. In puncto Jazz ist die Band sowieso ziemlich firm (siehe auch Popkomm-Tagebuch &#8217;96), zumindest Dan, der unter dem Namen Isotope 217 noch ein Jazz-Sideproject mit Jeff Parker am Laufen hat. \u00dcbrigens wird dieses auch das Vorprogramm der kommenden TORTOISE-Deutschlandtour bestreiten. Vielleicht ein wenig stressig f\u00fcr Dan, aber man darf gespannt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt sind Nebenprojekte oder Aushilfsposten anscheinend sehr beliebt im Bandumfeld. Fast alle Mitglieder sind auch anderweitig involviert: John McEntire und Dave Pajo bei Stereolab, Doug McCombs immer noch bei Eleventh Dream Day, die \u00fcbrigens im letzten Jahr eins der feinsten Gitarren-Alben zum Jahr 2000 ver\u00f6ffentlicht haben (siehe auch EDD-Interview), und besagte Isotope 217 eben. Vielleicht sind diese verschiedenartigen Projekte tats\u00e4chlich die Basis f\u00fcr das st\u00e4ndige Neu\u00fcberdenken von Motivation und Absicht, das die Gruppe als Grundvoraussetzung ansieht, um als kreatives Ganzes und auch als kreatives Individuum weiterhin bestehen zu k\u00f6nnen. Gro\u00dfe Worte, ich wei\u00df, aber zumindest gelingt es TORTOISE durch den unverkrampften Umgang mit jeder Art von Musik wiederum Musik von ergreifender und selten geh\u00f6rter Sch\u00f6nheit zu schaffen, die ihresgleichen sucht und man vermutlich lange nicht finden wird. Soviel Sch\u00f6nheit kann h\u00f6chstens von den bekannten Mauern im Kopf gestoppt werden. Schade, schade, wenn man sich davon nicht freimachen kann, denn bei Live-Auftritten wie auch im Studio dient die Achse aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboards und Percussion sowohl als Basis als auch Inspirationsquelle f\u00fcr Ausgangspunkte zu verschiedenen Styles und Sounds. Wei\u00df der Himmel, was da noch alles passieren kann! Im Guten wie im Schlechten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefahr von Manierismen und sinfonischen Ausrutschern, wie zum Beispiel bei sp\u00e4ten Can-Aufnahmen, sieht zumindest Dan nicht. Angesprochen auf Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der in einem Interview seinerzeit sagte: &#8222;Am Anfang war alles phantastisch. Jeder hatte nur ein paar Noten zu spielen, dadurch blieb es schlicht. Sp\u00e4ter wuchsen unsere technischen F\u00e4higkeiten. Es begann bei ,Tago-Mago&#8216;. Ich finde es wurde zu sinfonisch&#8220;, verweist Dan darauf, da\u00df alle Mitglieder ihre Instrumente bereits vorher beherrscht haben und vertraut ganz dem schon oben erw\u00e4hnten Proze\u00df des st\u00e4ndigen Neu\u00fcberdenkens. Wir werden sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>By the way, obwohl ein Kurzfilm zum Track &#8222;Ten-Day-Interval&#8220; existiert (angefertigt von einem Studenten der Filmhochschule in Chicago) wird es auch diesmal kein Video von TORTOISE auf den Programm-Schleifen der etablierten Musiksender geben. Aber mit einigen Remixen darf auch diesmal wieder gerechnet werden. Vielleicht nicht in dem Ausma\u00df wie fr\u00fcher, existiert doch beinahe zu jedem TORTOISE-St\u00fcck mittlerweile ein Remix, aber ein, zwei Mixe werden schon drin sein. Den vielleicht naheliegenden Schulterschlu\u00df von TORTOISE und der Detroiter und Chicagoer Techno-Szene wird es wahrscheinlich nicht geben, denn au\u00dfer John McEntire hat niemand Einblick in oder gar Kontakte zur Szene. Aber man kann ja auch nicht alles haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz haben TORTOISE als Kollektiv einen hervorragenden \u00dcberblick \u00fcber ein erstaunlich weit gestecktes musikalisches Gebiet &#8211; sowohl in der Vergangenheit als auch der Gegenwart, im Pop-Bereich, in E-Musik wie auch im Jazz. Das genau ist das gr\u00f6\u00dfte Potential der Gruppe, bietet dieses Wissen doch die M\u00f6glichkeit der extremen Wandlung ohne an Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren. Nat\u00fcrlich bietet es auch die Gefahr von extrem peinlicher und ebenso extrem langweiliger Musik, was noch viel schlimmer sein kann. Aber diesen Fall sind uns TORTOISE einmal wieder schuldig geblieben. Und was noch viel wichtiger ist &#8211; zumindest f\u00fcr die \u00fcber 25-j\u00e4hrigen unter uns: Auch diesmal d\u00fcrften TORTOISE-Konzerte frei sein von diesen schrecklichen, dicken Kindern, die gerade versuchen, den Umgang mit Alkohol und Drogen zu erlernen, damit vermutlich noch den Rest ihres Lebens zubringen werden und einem dabei st\u00e4ndig \u00fcber die F\u00fc\u00dfe fallen. Allerdings mu\u00df mit dem Angriff von zahlreichen Moers-Festival-Besuchern gerechnet werden, was aber der Stimmung keinen Abbruch tun sollte, denn TORTOISE bieten eine Musik, die frei ist von Stereotypen und auch die M\u00f6glichkeit zu radikaler \u00c4nderung, als Reaktion auf ver\u00e4nderte Gegebenheiten mit einschlie\u00dft. Und mehr kann der alternativen und klugen Rockmusik im Moment keineswegs abverlangt werden. Nat\u00fcrlich kann das auch zu echter Jungshobby-Mucker-Scheisse f\u00fchren, aber das wollen wir jetzt mal noch nicht an die Wand malen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Echo, Preisverleihung der deutschen Schallplattenindustrie. Unter den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen f\u00fcr Veranstaltungen dieser Art &#8211; wie Tic Tac Toe etc. &#8211; auch Wolfgang Petry mit seinem diesj\u00e4hrigen Br\u00fcller &#8222;Weiber&#8220;. 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