{"id":35199,"date":"2002-11-11T11:11:00","date_gmt":"2002-11-11T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=35199"},"modified":"2022-08-18T01:06:12","modified_gmt":"2022-08-17T23:06:12","slug":"electricity-2002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/11\/electricity-2002\/","title":{"rendered":"Electricity 2002"},"content":{"rendered":"\n<p>Das kleinste Bundesland ist au\u00dferhalb seiner Landesgrenzen nicht bekannt daf\u00fcr, eine nennenswerte Elektro-Szene sein Eigen nennen zu d\u00fcrfen. Elektronische Musik ist nicht das Steckenpferd der Saarl\u00e4nder. Um so erstaunlicher war es als die Landesregierung vor einigen Monaten mitteilte, sie wolle in der Landeshauptstadt ein Festival f\u00fcr elektronische Musik organisieren. Mit internationalem Flair und gro\u00dfen Einzugsbereich versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Peter Meyer, stellvertretender Regierungssprecher, gab den Denkanstoss zu diesem k\u00fchnen Plan. &#8222;Electricity&#8220; wurde es getauft und sollte an vier Abenden Saarbr\u00fccken unter Strom setzen. Wochenlang wurde \u00fcberlegt, in welchen Clubs und Hallen sich die elektronische Musik heimisch f\u00fchlen k\u00f6nnte. Zeitgleich wurde bei Konzertagenturen angefragt, welcher K\u00fcnstler Anfang November verf\u00fcgbar sei. Schlie\u00dflich ist Saarbr\u00fccken nicht K\u00f6ln oder Barcelona, sprich nicht Austragungsort der etablierten Elektro-Festivals Electronic Beats beziehungsweise Sonar. Wer will schon freiwillig in die Provinz? Die \u00dcberzeugungsarbeit fruchtete. Underworld, die Drum &amp; Bass-DJane Storm, Mousse T., Monika Kruse, FM Einheit und John Acquaviva wurden an die Saar gelockt. Nun mussten nur noch die Saarl\u00e4nder selbst mitspielen und reges Interesse an dem Festival zeigen. Denn ohne Zuschauer kommt selbst das bestens durch Sponsoren abgesicherte Festival in die Schieflage.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Blick auf die Liste der engagierten K\u00fcnstler verriet, dass nahezu jedes Spektrum der elektronischen Musik ber\u00fccksichtigt wurde. Das fing beim traditionellen Techno an, der im Saarland sogar den gr\u00f6\u00dften Zuspruch genie\u00dft. Daher str\u00f6men \u00fcber 2000 Menschen zum DJ-Set von Monika Kruse. Anders sah es mit dem vor Jahren massiv gehypten Drum &amp; Bass aus, wo sich die Zuschauer zu Beginn nicht gerade in Massen dr\u00e4ngelten (siehe Einzelkritik).<\/p>\n\n\n\n<p>Da hatten es die musikalischen Au\u00dfenseiter des Festivals leichter. HipHop und Dancehall standen in der Gunst der Kids ganz oben. Sie sahen einen der raren Deutschlandauftritte des Latino-Rap-Trios Deliquent Habits und wurden nicht entt\u00e4uscht. Obwohl die Show von O.G. Style, Kemo und Ives mitunter einstudiert wirkte. Es musste erst Gentleman kommen, um das Saarbr\u00fccker E-Werk in eine H\u00fcpfburg zu verwandeln. Ja, die Saarl\u00e4nder, die sp\u00fcren die Reggae-Vibes.<\/p>\n\n\n\n<p>Underworld hatten ebenfalls Gl\u00fcck. In der ehemaligen Industriehalle trumpften sie am Donnerstag vor beachtlicher Kulisse auf. In K\u00f6ln w\u00e4re das E-Werk aus allen N\u00e4hten geplatzt. In Saarbr\u00fccken war es doch knapp bis zur H\u00e4lfte gef\u00fcllt. Aber wen st\u00f6rt das, wenn Karl Hyde und Rick Smith einen fulminante Auftritt hinlegen, der dem Er\u00f6ffnungsabend mehr als gerecht wurde. Zuvor scheiterten die Femme Fatales des Elektro-Trash-Trios Chicks On Speed daran, einen bleibenden positiven Eindruck zu hinterlassen. Beim Trash war es leider geblieben. Nicht so im Fall von Andi Thoma und Jan St. Werner alias Mouse On Mars. Sie hatten bereits vor Jahren die Herzen der Elektro-Fans erobert und es sich nie mit ihnen verscherzt. M\u00f6gen ihre Tracks noch so vertrackt klingen, sie werden bejubelt und beklatscht. Hier hat sich die Avantgarde durchgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den k\u00fcnstlerisch anspruchvollsten H\u00f6hepunkt setzte zum Abschluss eine Riege Elektro-T\u00fcftler, die nicht mal wei\u00df, wie man Mainstream buchstabiert. Air Liquide, die K\u00f6lner Sample-Spezialisten Rei$$dorf Force, Hellmut Zerlett (Harald Schmidt Show), Michael Rother (ex-Kraftwerk, ex-Neu!, ex-Harmonia) und der Vorzeige-Weirdo FM Einheit traten als Kollektiv auf, um ein paar hartgesottene Musikfans an die Grenzen des Machbaren heranzutasten. W\u00e4hrend es die zuerst Genannten mit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig g\u00e4ngiger elektronischer Musik hielten, \u00fcberraschte FM Einheit wie zu besten Einst\u00fcrzende Neubauten-Zeiten mit martialischer Behandlung einer \u00fcberdimensionalen Feder. Mit Gummihammer, Schlagzeug und Bohrmaschine bearbeitete er den Stahl. Sein zotteliges, graues Haar und seine hektischen Bewegungen erinnerten an einen Primaten, der mit einer Keule seine Beute erlegt. Das Publikum schien dieses Szenario zu irritieren. Es verga\u00df trotz der durchaus groovenden Kreationen, die aus Laptops, Vinylrillen und Keyboards quoll, sich zu bewegen. Es starrte zwei Stunden lang gebannt und etwas schockiert auf B\u00fchne und Leinwand und erkannte pl\u00f6tzlich, warum das Konzert unter dem Motto &#8222;Kultur kracht&#8220; stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach vier Tagen war dann Schluss. Die Veranstalter gaben sich optimistisch ob der Weiterf\u00fchrung des Festivals. Nicht all ihre Erwartungen wurden erf\u00fcllt. Gr\u00f6\u00dfere R\u00fcckschl\u00e4ge blieben gl\u00fccklicherweise ebenfalls aus. So sagten sie sich: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Vielleicht wird Saarbr\u00fccken bald in einem Atemzug mit K\u00f6ln und Barcelona genannt. Der erste Schritt dorthin ist getan.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das kleinste Bundesland ist au\u00dferhalb seiner Landesgrenzen nicht bekannt daf\u00fcr, eine nennenswerte Elektro-Szene sein Eigen nennen zu d\u00fcrfen. Elektronische Musik ist nicht das Steckenpferd der Saarl\u00e4nder. Um so erstaunlicher war es als die Landesregierung vor einigen Monaten mitteilte, sie wolle in der Landeshauptstadt ein Festival f\u00fcr elektronische Musik organisieren. 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