{"id":35574,"date":"2000-03-24T11:11:53","date_gmt":"2000-03-24T10:11:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=35574"},"modified":"2022-08-20T05:19:52","modified_gmt":"2022-08-20T03:19:52","slug":"interview-chemikal-underground","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2000\/03\/interview-chemikal-underground\/","title":{"rendered":"Interview: Chemikal Underground"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Kai Florian Becker im Gespr\u00e4ch mit Stewart Henderson und Alun Woodward von Chemikal Underground <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar hundert Meter entfernt vom imposanten Stadion des 1887 von katholischen irischen Einwandern gegr\u00fcndeten Fussballclubs F.C. Celtic Glasgow liegt ein \u00fcberschaubares Industriegebiet. In einem der wenigen B\u00fcrogeb\u00e4ude hat sich vor ein paar Jahren im obersten Stockwerk die junge und aufstrebende Plattenfirma Chemikal Underground Records eingenistet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/logo-chemikal-records.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/logo-chemikal-records.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-36549\" width=\"203\" height=\"123\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/logo-chemikal-records.jpg 405w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/logo-chemikal-records-145x88.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wer diese Firma nicht kennt, der sollte sich schleunigst \u00fcber Bands wie Bis, Magoo, The Delgados, Arab Strap, Suckle, Radar Bros., Cha Cha Cohen und Mogwai informieren, denn sie wurden oder werden noch alle ganz gross. Wer h\u00e4tte das gedacht, denn die Labelmacher hatten kaum Geld als sie Ende 1994 der Idee nachgingen, lieber ein eigenes Label zu gr\u00fcnden als sich irgend jemand anderes anzuvertrauen. Blicken wir doch zur\u00fcck und befragen Stewart Henderson und Alun Woodward, beides Musiker der Delgados, zu ihrer bisher erfolgreichen Karriere als Labelbosse.<\/p>\n\n\n\n<p>Mogwai und Arab Strap sind bzw. waren eure besten Pferde im Stall. Sie haben den Namen eures Labels weit in die Welt hinaus getragen und euch \u00fcber die britischen Grenzen hinaus bekannt gemacht. Ihr habt sie entdeckt und ihnen die Chance gegeben, ihre Musik der \u00d6ffentlichkeit vorzustellen. F\u00fcnf Jahre nun schon gibt es eure Firma und angefangen hatte es mit einer Single eurer eigenen Band The Delgados. R\u00fcckblickend m\u00fcsstet ihr stolz auf das sein, was ihr alles erreicht habt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Von Beginn an war klar, dass wir auch mit anderen Bands arbeiten und die Labelt\u00e4tigkeiten nicht nur auf Delgados beschr\u00e4nken wollten. Wir wollten eine richtige Plattenfirma gr\u00fcnden und unsere Ideen verwirklichen. Nach unseren Vorstellungen sollten innerhalb kurzer Zeit einige kreative K\u00fcnstler um uns geschart und das Labelprogramm somit stetig erweitert werden. Nat\u00fcrlich sind wir \u00fcberrascht und stolz darauf, was aus diesem naiven Plan mittlerweile geworden ist. Immerhin hatten wir nur ein l\u00e4cherliches Startgeld von 1.000 Pfund zur Verf\u00fcgung.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ist es einfach, in Grossbritannien ein Label aus dem Boden zu stampfen? Ich weiss, dass es zum Beispiel die Indiefirmen in Deutschland sehr schwer haben, einen Vertrieb zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Das selbe Problem haben wir hier auch. Es gibt kaum gute Vertriebe. Aber wir hatten Gl\u00fcck, denn gleich unsere erste Single kam bei unserem jetzigen Vertrieb gut an. Der Zust\u00e4ndige war ein Musikfan. Ihm ging es nicht um Verkaufszahlen, sondern einfach um Qualit\u00e4t. In den darauffolgenden Monaten zeigte sich, dass er sich f\u00fcr unsere Bands und unser Label stark machte und alle Hebel in Bewegung setzte. Es ging sogar so weit, dass die Bands bei ihm in London \u00fcbernachteten, wenn sie dort auftraten oder durchreisten.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der angesprochenen limitierten Delgados-Single &#8222;Monika Webster\/Brand New Car&#8220; hattet ihr danach die Single &#8222;Disco Nation 45&#8220; von Bis ver\u00f6ffentlicht. Diese sorgte f\u00fcr viel Furore und landete im Nu auf Platz 24 der UK-Charts. Das muss euch wie ein Schlag getroffen haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Wir liessen erst einmal 2.000 Kopien pressen und dachten, das sei v\u00f6llig ausreichend. Dann rief der Vertrieb an und verlangte weitere 6.000 Singles. Am n\u00e4chsten Tag wollten sie schliesslich 30.000 Kopien, da Bis im Fernsehen bei Top Of The Pop auftreten sollten. Das war eine verr\u00fcckte Zeit, kann ich dir sagen. Bis hatten nicht einmal einen Vertrag mit uns abgeschlossen, und pl\u00f6tzlich wollte jeder mit ihnen anb\u00e4ndeln. Jeder war an ihnen dran.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Ich muss in diesem Zusammenhang einwenden, dass ich auf das erste Arab Strap-Album weitaus stolzer bin als auf die Bis-Single. Wir haben Arab Strap entdeckt und geformt. Nach ihrer Deb\u00fct-Single &#8218;The First Big Weekend&#8216; setzten wir uns mit ihnen an einen Tisch und diskutierten die weiteren Schritte. Insofern haben wir ihren Weg mit beeinflusst und die Band in eine bestimmte Richtung gelenkt. Bei Bis lief alles von selbst. Sie wurden mit der Single ber\u00fchmt, nach einer Weile von der Presse ausgeschlachtet und irgendwann fast vergessen. Mit Arab Strap verlief es eher umgekehrt.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bis wechselten fr\u00fch zu Wiiija Records. Anfang 1998 waren es Arab Strap die gingen und bei dem Major Go Beat unterschrieben. Wie wichtig waren sie in all den Jahren f\u00fcr Chemikal Underground Records?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Sie waren absolut lebenswichtig. Mit der ersten Bis-Single kam zum einen Geld in die Kasse, zum anderen stieg unser Ansehen in der \u00d6ffentlichkeit. Erst wurden wir mit dem speziellen Bis-Sound gleichgesetzt, doch mit Hilfe von Arab Strap konnten wir uns von diesem Image l\u00f6sen. Arab Strap und Bis sind zwei absolut entgegengesetzte Pole. Sie k\u00f6nnten musikalisch nicht weiter auseinander liegen. Die neunte Chemikal-Ver\u00f6ffentlichung war dann das Delgados-Deb\u00fct und darauf folgte das erste Album von Arab Strap. Pl\u00f6tzlich redeten alle nur noch \u00fcber Arab Strap und hatten Bis schon so gut wie vergessen. Das war f\u00fcr die Entwicklung des Labels nat\u00fcrlich ein riesiges Gl\u00fcck. Wir machten einen Schritt nach vorne.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Ich kann dem nur zustimmen. R\u00fcckblickend muss ich sagen, dass wir es verstanden haben, unseren Vorwitz &#8211; in Bezug auf Musik meine ich das &#8211; mit seltsam anmutenden Bands zu stillen. Bis waren seinerzeit einmalig und ich glaube auch, dass es keine Band gibt, die so radikal und so &#8218;anders&#8216; klingt wie es Arab Strap eben tun. In ein paar Jahren werden sie bestimmt f\u00fcr ihr Gesamtwerk ber\u00fchmt sein.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ihr m\u00fcsst traurig gewesen sein als sie euch diesen Entschluss mitteilten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Die Beziehung zwischen Label und Band war nicht mehr die beste. Von daher war ich sogar froh, dass sie uns verliessen. Aber weisst du \u00fcberhaupt schon, dass sie wieder zur\u00fcckgekommen sind? Sie haben Go Beat verlassen und ein weiteres Mal bei uns unterschrieben\u2026 Seinerzeit waren wir wirklich erleichtert, da sich das pers\u00f6nliche Verh\u00e4ltnis zur Band erheblich verschlechtert hatte. Was nicht heissen soll, dass wir ihre Musik nicht m\u00f6gen. F\u00fcr ihre Entwicklung war es wichtig herauszufinden, was ein anderes Label f\u00fcr sie tun kann oder h\u00e4tte tun k\u00f6nnen. Sie hatten einen hoch dotierten Deal an Land gezogen, aber damit auch ein Label, das von der Vermarktung der Band keinerlei Ahnung hatte. Wir wissen, was zu tun ist. Die Leute von Go Beat wussten das nicht.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Arab Strap wurden von uns gesignt, ohne dass sie vorher je etwas ver\u00f6ffentlicht hatten &#8211; sieht man einmal von dem Demo ab, das sie einreichten. Niemand kannte sie. Mit ihnen zu arbeiten, bedeutete mit ihnen zu lernen und zu erforschen, was im Detail die Aufgabe eines Labels ist. Wir ver\u00e4nderten uns, sie ver\u00e4nderten sich. Wir wussten, dass es ein Fehler war, zu Go Beat zu wechseln. Ihre R\u00fcckkehr beweist, dass wir Recht behalten haben. Jetzt f\u00fchle ich mich auch darin best\u00e4tigt, dass wir ein aussergew\u00f6hnliches Label sind, das mit aussergew\u00f6hnlichen Bands arbeitet. Wir verstehen wohl doch was von unserem Job. Das haben auch Arab Strap just erkennen m\u00fcssen. Nun haben wir ein anderes Verh\u00e4ltnis zu ihnen, und sie haben wahrscheinlich mehr Respekt vor unseren Leistungen. Was ich sagen will: Wir sind gl\u00fccklich, dass sie zur\u00fcck sind und gleich einen Vertrag \u00fcber mehrere Alben unterschrieben haben.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ihr habt ja ein sch\u00f6nes und sehr ger\u00e4umiges B\u00fcro. Allerdings gibt es hartn\u00e4ckige Ger\u00fcchte, dass anfangs das Label seinen Sitz in einer K\u00fcche hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Das stimmt tats\u00e4chlich. Es war in Emmas (Pollock, Gitarre und Gesang bei Delgados &#8211; der Verf.) Haus im S\u00fcden Glasgows. Von dort aus hatten wir die ersten paar Jahre alles koordiniert. Erst 1998 zogen wir in diese R\u00e4umlichkeiten um. Der Arbeitsablauf erwies sich als zu schwierig, denn Emma geh\u00f6rt zu den Langschl\u00e4fern, w\u00e4hrend Stewart und ich immer fr\u00fch auf der Matte standen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von Beginn an hatten eure Ver\u00f6ffentlichungen viele Freunde im Kreise der Presse gefunden. Wie wichtig sind f\u00fcr eure Arbeit Radio-DJs wie Steve Lamacq und John Peel, die in den vergangenen Jahren einige eurer Ver\u00f6ffentlichungen mit Nachdruck den H\u00f6rerInnen angepriesen haben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Sie sind eminent wichtig. Es gibt leider nicht viele M\u00f6glichkeiten, um \u00fcber die Medien mit guter Musik bedient zu werden. Magazine wie NME und Melody Maker k\u00fcmmern sich zwar auch auf die ein oder andere Art und Weise um aufstrebende Bands, doch ein DJ wie John Peel geht ganz anders vor. Er arbeitet autonom. Wenn ein Song gut ist, dann spielt er ihn. Wenn nicht, n\u00fctzt auch alles Betteln nichts. Du kannst ihm auch ein mieses Tape oder eine verkratzte Platte schicken. Wenn es ihm gef\u00e4llt, dann spielt er es &#8211; egal in welchem Format. Du h\u00f6rst dann sogar w\u00e4hrend seiner Show, wie er im Studio an irgend etwas rumfummelt und versucht, das Teil zum Laufen zu bekommen. Verr\u00fcckt!&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ihr habt es bereits angesprochen: Euer Label wird immer gerne mit einer Band gleichgesetzt. Erst waren es Bis, dann Arab Strap und nun Mogwai. Doch einen musikalischen Konsens sucht man vergeblich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Wenn du dir all unsere Bands miteinander vergleichst, wirst du keinen Konsens finden. Okay, viele Leute reduzieren unseren Backkatalog auf Arab Strap oder Mogwai, doch das ist unfair. Jede Band klingt auf ihre Art anders.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Du wirst eben immer an dem gemessen, was sich am besten verkauft. Das sind nun einmal obige Bands.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Ich w\u00fcrde h\u00f6chstens der These zustimmen, dass Chemikal Underground f\u00fcr hohe Qualit\u00e4t steht &#8211; was nat\u00fcrlich aus dem Munde eines Labelmachers und zeitgleich Musikers, der auf dem Label ver\u00f6ffentlicht, seltsam klingen mag. Das war aber unsere Anfangsidee.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Genau, wir wollten Leute erreichen, die unser Label lieben und wissen, dass sie jede Ver\u00f6ffentlichung blind kaufen k\u00f6nnen, ohne entt\u00e4uscht zu werden. Das mag jetzt ein kleiner, erlesener Kreis sein. In naher Zukunft aber m\u00f6chte ich die Zahl derer gerne vervielfachen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wird es einfacher, neue Talente, sprich neue Bands zu finden, die f\u00fcr euer Label interessant sein k\u00f6nnten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Es wird leider von Tag zu Tag schwerer. Klar, es gibt immer gute Bands. Allerdings haben wir in den letzten Monaten kaum eine neue Band unter Vertrag genommen, da fast ausschliesslich Mogwai-Tapes in unserem B\u00fcro landeten. Das ist schon komisch.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Nat\u00fcrlich sind nicht alle Demos schlecht, aber &#8211; um ehrlich zu sein &#8211; waren bis dato erst zwei gute Demos dabei und eines davon war von Arab Strap. Dennoch sind wir optimistisch. Arab Strap sind zur\u00fcck, eine weitere Band ist kurz davor, bei uns zu unterschreiben (Er spricht hier wohl \u00fcber Aerogramme, ebenfalls aus Glasgow kommend, die zur Zeit mit Chemikal Underground in Verhandlung stehen. &#8211; der Verf.) und wir wollen ein paar Produkte lizensieren.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Apropos lizensieren. Stewart hatte mir vor diesem Interviewtermin erz\u00e4hlt, dass er das Berliner Label Kitty-Yo bewundert und gerne einige ihrer Produkte lizensieren w\u00fcrde. Ausserdem sagte er, geh\u00f6re es zu den wichtigsten und besten in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Da gibt es noch ein weiteres gutes Label. Ich gab letzte Woche der Tageszeitung Scotsman ein Interview und wurde gefragt, welches Label mich inspiriert h\u00e4tte. Da musste ich nat\u00fcrlich Warp Records sagen. Die haben einen unglaublichen Backkatalog.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Noch was zu Kitty-Yo: Ich finde Tarwater und Gonzales phantastisch. Couch sind auch klasse. An denen sind wir im Grunde interessiert.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Couch sind live aber viel besser als auf Platte. Ihre massive Liveenergie konnten sie leider nicht auf die Platte transportieren.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das bewundere ich ja an Mogwai. Deren Aufnahmen verspr\u00fchen diese magische Energie, die die Band vor allem live entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Daf\u00fcr muss man wohl Paul Savage, ihrem Toningenieur, danken. Der hat mit ihnen auf &#8218;Mogwai Young Team&#8216; gearbeitet. Der Sound ist unglaublich geworden. Er sollte mehr Credits daf\u00fcr bekommen; er hatte einen grossen Anteil an dem Erfolg des Albums.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;F\u00fcr uns als Label ist es wichtig, jemanden wie Paul zu haben, dem wir voll und ganz vertrauen k\u00f6nnen. Eine unserer neuen Bands heisst Suckle und die waren gerade mit ihm im Studio. Das ist wahrscheinlich das beste Material, das Paul je produziert hat und wohl auch die am besten klingende Ver\u00f6ffentlichung auf Chemikal Underground.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Welches ist die bislang wichtigste Ver\u00f6ffentlichung aus eurem Hause?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Historisch gesehen sind das Arab Strap und &#8211; das mag jetzt doof klingen &#8211; das kommende Delgados-Album. Letzteres hat in meinen Augen das Potential, unser Label weiter voran zu bringen und unseren Namen noch bekannter zu machen. Ausserdem war neben der Bis-Single auch &#8218;Mogwai Young Team&#8216; wichtig. Es war die erste wirklich gewinnbringende Ver\u00f6ffentlichung.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Viele eurer Bands stammen aus Glasgow oder zumindest aus Schottland. Ist das Absicht oder eher ein Zufall?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Da wir unseren Sitz in Glasgow haben, werden wir immer mit der hiesigen Szene im engen Kontakt stehen. Das versteht sich fast von selbst. Bevor wir Mogwai unter Vertrag nahmen, kannten wir die Jungs bereits. Auch ihren Manager, der seit seinen Kindertagen ein Freund von Andrew (Mitglied der Delgados &#8211; der Verf.) ist. Sie suchten seinerzeit ein Label und traten automatisch an uns heran. Auf der anderen Seite sind wir mittlerweile das gr\u00f6sste Label in der Stadt, wenn nicht gar in Schottland, und von daher versteht es sich von selbst, dass schottische Bands zuerst an unsere T\u00fcr klopfen. Das ist nicht unbedingt unsere Politik, es kam nat\u00fcrlich zustande. Vielleicht wird sich das \u00e4ndern; ich kann es dir momentan nicht sagen. Ich denke aber, dass immer Bands aus Glasgow dabei sein werden.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Wenn du das wirklich \u00e4ndern wolltest, w\u00fcrden sie dir Diskriminierung vorwerfen\u2026&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;\u2026und da wir in die gleichen Pubs gehen, treffen wir die Bands regelm\u00e4ssig. Da sie sich alle untereinander kennen, lernst du automatisch immer mehr kennen und triffst sie regelm\u00e4ssiger. Daraus entwickelt sich mit der Zeit eine pers\u00f6nliche Bekanntschaft. Wir wollen es immer auf einer pers\u00f6nlichen Ebene halten und mit den Jungs auch mal einen trinken gehen und f\u00fcr Stunden plaudern k\u00f6nnen. Das ist eine unserer wichtigsten Maxime. Wir sind Menschen und das wollen wir bleiben. Der pers\u00f6nliche Touch soll nie verlorengehen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Glasgow hat in meinen Augen einen hohen Stellenwert innerhalb der britischen Musikszene, da hier regelm\u00e4ssig qualitativ hochwertige Bands auftauchen und schnell zu internationalem Ruhm gelangen. Nehmen wir nur einmal Texas, Travis, Primal Scream, Teenage Fanclub, Belle &amp; Sebastian oder eben Mogwai und Arab Strap. Ausserdem sollten wir nicht Alan McGee, den fr\u00fcheren Chef von Creation Records und Entdecker von Oasis vergessen, der ebenfalls aus Glasgow stammt. Wie wichtig ist demnach Glasgow f\u00fcr Grossbritannien?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Uff, eine schwierige Frage. Betrachte ich mir die Anzahl der Bands, die bislang aus Glasgow kamen\u2026 Eigentlich analysiere ich Musik nicht unter solchen Gesichtspunkten. Aber ich sch\u00e4tze, wir haben eine ziemlich gesunde Szene. Es gibt zumindest gen\u00fcgend Clubs, in denen Newcomer auftreten k\u00f6nnen. Ich weiss allerdings nicht, ob es bei uns besser ist als im Rest von Grossbritannien.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong><em> &#8222;Historisch gesehen hatte Glasgow schon immer eine sehr fruchtbare Szene. Manchmal mehr, manchmal weniger. Zuf\u00e4lligerweise sind gerade in den letzten f\u00fcnf Jahren &#8211; was wirklich nichts mit unserer Arbeit zu tun hatte &#8211; \u00fcberdurchschnittlich viele gute Bands dieser Szene entsprungen. Du darfst \u00fcbrigens Jesus &amp; The Mary Chain in deiner Aufz\u00e4hlung nicht vergessen. Wie auch immer, niemand wird dir widersprechen, dass verdammt viele popul\u00e4re Bands in Glasgow angesiedelt sind. Wir als Label mit dieser Situation zufrieden, denn wir konnten uns in einer Stadt entwickeln, die \u00fcber eine gute Infrastruktur, d.h. Bands, Bars und Clubs, verf\u00fcgt. Da hatten wir Gl\u00fcck.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Also kam euch nie der Gedanke, nach London umziehen? Immerhin sitzen dort die meisten der britischen Plattenfirmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Erstens ist das kein Thema, zweitens ist es nicht vonn\u00f6ten. Wir leben in Glasgow und f\u00fchlen uns hier wohl. Ich habe das schon sehr oft in Interviews gesagt: Es ist wichtig festzuhalten, dass wir nicht als Glasgow-Label angesehen werden, sondern als internationale Firma, die zuf\u00e4lligerweise in Glasgow sitzt. Das ist ein grosser Unterschied. W\u00fcrden wir nach London umziehen, w\u00e4re das Selbstmord. Wir w\u00fcrden wie im Sumpf untergehen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Ich kann mir gut vorstellen, mal eine Filiale in London zu er\u00f6ffnen &#8211; mit einem Abgesandten, der sich speziell um die dortigen Medien k\u00fcmmert. Das w\u00fcrde Sinn machen. Ich wollte bereits nach London ziehen, da meine Freundin einen Job bei der Regierung in Aussicht gestellt bekam. Leider kam es nicht dazu, da Schottland eine eigene Regierung bekam. Jedoch arbeiten wir derzeit daran, in den Staaten ein B\u00fcro zu er\u00f6ffnen. Warum auch nicht? Es spricht nichts dagegen zu expandieren.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wird es nicht immer schwieriger, eine Band wie Mogwai zu halten? Die m\u00fcssten doch einige Angebote vorliegen haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Das wird unm\u00f6glich bzw. war unm\u00f6glich. Sie haben uns n\u00e4mlich just verlassen und bei Play It Again Sam unterschrieben. Ja, es ist verdammt schwierig. Sie boten ihnen viel Geld, mehr als wir ihnen je h\u00e4tten bieten k\u00f6nnen. PIAS hat viel Geld in der Hinterhand und pumpt es in Mogwai. Eine Band muss freiwillig auf einem Label sein wollen. Das ist der springende Punkt. Wenn sie gehen will, musst du sie ziehen lassen. Das war mit Arab Strap das selbe Problem. Wir boten ihnen die gleiche Summe, aber sie wollten unbedingt gehen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Dass sie jetzt zur\u00fcckgekehrt sind, freut mich ungemein und gibt mir Selbstvertrauen. Am liebsten w\u00fcrde ich aufstehen und sagen: &#8218;Na, habt ihr das gesehen. Denkt mal dar\u00fcber nach!&#8216; Finanziell gesehen wird es f\u00fcr uns immer schwer sein, mit anderen Labels zu konkurrieren. Daher wollen wir unsere Bands wenigstens mit Respekt behandeln und anderen Firmen damit Konkurrenz machen. Es ist auch wichtig, dass die Delgados jetzt ein erfolgreiches Album abliefern, schliesslich werden wir das Geld sofort wieder in das Label stecken und nicht in unsere eigene Tasche.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer &#8217;99 kamen Mogwai auf die glorreiche Idee, mit dem &#8222;Blur are shite&#8220;-Shirt die Presselandschaft etwas aufzumischen und f\u00fcr viele Diskussionen zu sorgen. Was habt ihr von dieser Aktion gehalten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alun:<\/strong> <em>&#8222;Ich pers\u00f6nlich fand es extrem dumm und hasse solche Sachen. Es gab keinerlei Anlass. Ich bin zwar kein grosser Blur-Fan, aber ich mag ein paar ihrer Songs. Es war billig und kindisch.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stewart:<\/strong> <em>&#8222;Eigentlich sage ich nie was dazu, insofern spricht meine Stille B\u00e4nde. Wenn sie wirklich vor hatten, etwas Kontroverses zu tun und Gespr\u00e4chsthema in der Presse zu sein, dann waren sie smart und haben dieses Ziel erreicht. Doch sie m\u00fcssen diese Lektion noch lernen. Sie pr\u00e4sentieren sich mit ihrer Musik als Band, die ernst genommen werden will, gleichzeitig aber sind sie manchmal so dermassen naiv. Das beisst sich. (\u2026) Eine solche Aktion ist nat\u00fcrlich ein gefundenes Fresse f\u00fcr NME. Ich sage nur: Wenn sie sich durchsetzen wollen, m\u00fcssen sie sich den Leuten gegen\u00fcber \u00f6ffnen und sich vom Image eines vom NME gehypten Acts l\u00f6sen. Das reicht auf Dauer n\u00e4mlich nicht. Das wird ihre gr\u00f6sste H\u00fcrde. (\u2026) Stuart (Braithwaite, Gitarrist bei Mogwai &#8211; der Verf.) ist jetzt 21 Jahre alt und ich kenne ihn relativ lange. Erst reden, dann denken heisst oft seine Devise. Und das l\u00e4sst sich leider auf die Band \u00fcbertragen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein kleiner Blick in die Zukunft zum Abschluss des Interviews. Was seht ihr? Welche Pl\u00e4ne habt ihr?<\/p>\n\n\n\n<p>Alun: <em>&#8222;Wir m\u00fcssen einige unserer Bands etablieren, so dass wir auf lange Sicht hin \u00fcberleben k\u00f6nnen. Das Labelprofil muss zudem anwachsen. Ebenso wie unser Zielpublikum. Es ist ganz einfach: Wir brauchen mehr erfolgreiche Bands. Mit Bands, die 1.000 oder 2.000 Einheiten absetzen, k\u00f6nnen wir nicht \u00fcberleben. Unsere derzeitigen Bands haben jedoch das Potential f\u00fcr mehr.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Stewart: <em>&#8222;Wir k\u00f6nnen uns keine Pleiten leisten, da uns dazu das Geld fehlt. Indepeniente k\u00f6nnen es sich zum Beispiel erlauben, jeden Scheiss zu ver\u00f6ffentlichen, da sie Travis als unter Vertrag haben. Bei uns ist das anders. Sollte jetzt jede Ver\u00f6ffentlichung floppen, dann ist es innerhalb eines Jahres aus. Wir m\u00fcssen realistisch bleiben und uns unserer Position bewusst sein. Jede Band k\u00f6nnte theoretisch als n\u00e4chstes fett rauskommen. Wir haben wirklich gute Alben in den Startl\u00f6chern sitzen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ihr macht euch verst\u00e4rkt Gedanken dar\u00fcber, ob eine neue Band gut verkauft\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Alun: <em>&#8222;Nein, das war nie ein Kriterium. Geld spielt in diesem Entscheidungsprozess keinerlei Rolle. Sobald eine Band gut ist, sind sie bei uns willkommen. W\u00fcrden wir nur 20 ihrer Singles verkaufen, w\u00e4re es auch gut. Wir m\u00fcssen an die Band glauben und in sie Vertrauen haben. Das reicht. Wir hatten schon von einigen Bands Demos bekommen, die wir ablehnten und sp\u00e4ter Tausende von Alben absetzen konnten. Dennoch haben wir es nicht bereut, da wir nicht an sie glaubten und das mit zu vielen Kompromissen verbunden gewesen w\u00e4re. Scheisse verkauft sich, aber nicht mit uns.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Stewart: <em>&#8222;Ich k\u00fcmmere mich um die Buchhaltung in diesem Laden, was so ziemlich das schlimmste ist, was man machen kann. Ich k\u00f6nnte mich morgens nicht motivieren, wenn ich nicht w\u00fcsste, dass es mir Spass macht und dass es sich lohnt. H\u00e4tten wir Bands, hinter denen wir nicht 100%ig stehen w\u00fcrden, k\u00f6nnte ich diese immense Kraft nicht aufwenden.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alun: <em>&#8222;Apropos, ich kann mich daran erinnern, dass wir mal ein Demo von Sigur Ros bekamen und es ablehnten. Ich mag ihre EP (&#8222;Svefn-G-Englar&#8220; auf Fat Cat Records erschienen &#8211; der Verf.), aber das Demo war nicht sonderlich gelungen. Da siehst du wieder, dass sich eine Band st\u00e4ndig entwickelt und besser und besser wird.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oder auch umgekehrt, siehe \u2026 nun, so ziemlich alle Bands, die mit ihrem Deb\u00fct den Durchbruch schaffen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Link: <a href=\"https:\/\/chemikal.co.uk\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/chemikal.co.uk\/<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kai Florian Becker im Gespr\u00e4ch mit Stewart Henderson und Alun Woodward von Chemikal Underground Ein paar hundert Meter entfernt vom imposanten Stadion des 1887 von katholischen irischen Einwandern gegr\u00fcndeten Fussballclubs F.C. Celtic Glasgow liegt ein \u00fcberschaubares Industriegebiet. 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