{"id":35608,"date":"1996-08-23T11:11:00","date_gmt":"1996-08-23T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=35608"},"modified":"2022-08-03T01:32:02","modified_gmt":"2022-08-02T23:32:02","slug":"deborah-curtis-aus-der-ferne-ian-curtis-und-joy-division","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/08\/deborah-curtis-aus-der-ferne-ian-curtis-und-joy-division\/","title":{"rendered":"Deborah Curtis: Aus der Ferne\u2026 Ian Curtis und Joy Division"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr alle, denen der Name nichts sagt: Ian Curtis war sowas wie der Curt Cobain der 80er. Bis zu seinem Selbstmord (er erh\u00e4ngte sich im Mai 1980 am Vorabend einer geplanten Amerika-Tournee) war er Leads\u00e4nger eines Quartetts aus Manchester namens \u00b4Joy Division\u00b4, aus dessen Resten sich nach seinem Tod \u00b4New Order\u00b4 formten, die musikalisch bald rein gar nichts mehr mit dem fr\u00fcheren D\u00fcster-Depri-Industrial-Elektronik-Sound zu tun hatten. \u00b4Joy Division\u00b4 lag zeitlich an der Schwelle zwischen Punk und New Wave, war Inspirationsquelle f\u00fcr ungez\u00e4hlte j\u00fcngere Bands und gilt heute als Kult.<br \/>Weniger kultig und romantisch wirkt die ganze Sache allerdings aus der Sicht von Curtis\u00b4 Witwe Deborah. Jawohl, dieser bizarre und besessene &#8222;Todesengel&#8220; war ganz b\u00fcrgerlich mit seiner Jugendliebe verheiratet und gar Vater einer kleinen Tochter!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Aus der Ferne&#8220; zeichnet ein Bild seines kurzen, 23j\u00e4hrigen Lebens von der Kindheit bis zum Tod, und die h\u00e4ufigste Reaktion beim Lesen der Schilderungen ist vermutlich der Ausruf &#8222;Das arme M\u00e4dchen!&#8220; Es war sicher kein Zuckerschlecken, das Leben an der Seite dieses egozentrischen, introvertierten Musik-Freaks mit seinen unberechenbaren Stimmungsschwankungen &#8211; ob er tats\u00e4chlich so besitzergreifend und despotisch war, wie hier beschrieben, bleibt dahingestellt (sicher ist das Buch auch Verarbeitung psychischer Altlasten und Schuldgef\u00fchle), scheint mir aber nicht unglaubw\u00fcrdig. Deborah Curtis erlebte die andere, private Seite des S\u00e4ngers, kannte seine fr\u00fchen Todesvisionen und Drogenexperimente sowie sein manisches Interesse f\u00fcr menschliche Abnormit\u00e4ten und Schicksalsschl\u00e4ge, litt unter der gemeinsamen Geldnot und mu\u00dfte die bedrohlichen Anf\u00e4lle des sp\u00e4teren Epileptikers mitansehen, der zunehmend in Depressionen versank und vermutlich infolge des hohen Medikamentenkonsums eine starke Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung erfuhr. Deborah Curtis kannte aber auch die jugendliche Begeisterung f\u00fcr Curtis\u00b4 Helden Jim Morrison, Lou Reed, David Bowie etc., wurde zu Konzerten der Sex Pistols und Punk-Festivals auf dem Festland mitgeschleift, erlebte die Genese einer der innovativsten Independent-Bands, das musikalische Erwachen der Arbeiterstadt Manchester und den Triumph des &#8222;Underdogs&#8220; \u00fcber das arrogante London, die Nachbarschaft zu Bands wie den Buzzcocks, The Fall und Teardrop Explodes und last not least eine der spannendsten Entwicklungen ever: den Wiedereinzug von Rebellion und Jugend in die Rockmusik nach der Stagnation im Zeichen des Artrock. Da war ihre Ehe allerdings schon im Eimer\u2026 Doch es war nicht Curtis\u00b4 belgische Geliebte, die ihn am Morgen des 17. Mai 1980 in der K\u00fcche mit der W\u00e4scheleine um den Hals fand, sondern seine Frau!<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller pers\u00f6nlicher Tragik und auch im Bewu\u00dftsein des hohen musikhistorischen Werts &#8211; das bedr\u00fcckendste und beeindruckendste Moment des Buches ist sein unpr\u00e4tenti\u00f6ser sozialgeschichtlicher Gehalt. Ich wei\u00df, worum ich Deborah Curtis am wenigsten beneide: um ihre Jugend im England der \u00e4rmlich-tristen 70er Jahre! Noch ein Wort zum Buch an sich: trotz des traurigen Sujets ist der Text extrem kurzweilig zu lesen! Zur biographischen Betrachtung kommen Photos, ausf\u00fchrliche Diskographie, Konzertlisten und ein komplettes, z. T. exklusives Set von Curtis\u00b4 Songtexten hinzu. Optisch gut aufgemacht, stabil und mit angenehmem Schriftbild ist das Werk dennoch, was man in der Musik eine &#8222;schlechte Pressung&#8220; nennt: mangelhaft in Orthographie und Interpunktion und bisweilen etwas holprig \u00fcbersetzt. Nichtsdestotrotz: ich hab\u00b4s verschlungen!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Deborah Curtis:<br \/>\"Aus der Ferne\u2026 Ian Curtis und Joy Division\"<br \/>Die Gestalten Verlag Berlin 1996<br \/>(engl. Originalausgabe \"Touching from a distance\" 1995)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle, denen der Name nichts sagt: Ian Curtis war sowas wie der Curt Cobain der 80er. 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