{"id":35621,"date":"1998-08-01T11:11:00","date_gmt":"1998-08-01T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=35621"},"modified":"2022-08-17T16:33:16","modified_gmt":"2022-08-17T14:33:16","slug":"fredric-dannen-hit-men","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/08\/fredric-dannen-hit-men\/","title":{"rendered":"Fredric Dannen: Hit Men"},"content":{"rendered":"\n<p>Fast eine Dekade mu\u00dfte vergehen, bis Fredric Dannens &#8222;Hit Men&#8220; (Originalausgabe 1990) in Deutschland erschien. Warum eigentlich? Nicht nur, dass die Beschreibungen der weltgr\u00f6\u00dften Tontr\u00e4gerbranche auch in der drittgr\u00f6\u00dften interessieren d\u00fcrften &#8211; selbst die Hauptdarsteller, also die marktf\u00fchrenden US-Labels, sind naturgem\u00e4\u00df Global Players, und zwar schon lange, bevor der Begriff in Mode kam. Namen wie CBS, Warner, Atlantic und Geffen sind h\u00fcben wie dr\u00fcben vertraut. Ebenso Interpreten wie Pink Floyd, Michael Jackson, Whitney Houston\u2026 Allerdings, das sei vorausgeschickt: sie tauchen nur gelegentlich auf, spielen h\u00f6chstens an der Peripherie eine Rolle. Nicht musikalische Innovationen und kreatives Potential, sondern Zuf\u00e4lle, technische Neuerungen und B\u00f6rseneinbr\u00fcche bestimmen, wo\u00b4s langgeht in der &#8222;Musik&#8220;. Der Leser, unter Schock stehend, betrachtet seinen Plattenschrank erstmal mi\u00dftrauisch, verwirrt, verunsichert. All die Alben &#8211; nicht kultureller Ausdruck ihrer Zeit, sondern willk\u00fcrlich auf den Markt geworfene Spielzeuge von M\u00e4nnern, die keine Tonh\u00f6hen unterscheiden k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dannen hat sich f\u00fcr eine radikal personifizierte Erz\u00e4hlform entschieden und damit sein Urteil gef\u00e4llt: nicht Marktmechanismen oder Wirtschaftsprozesse entscheiden letztlich, sondern Menschen. Das Namenskarussell dreht sich schneller als bei Dostojewskij, und die geschilderten Szenen unterbieten oft sogar Pulp-Niveau. Auch, weil Dannen eine Vorliebe f\u00fcr &#8222;Typen&#8220; hat: an vulg\u00e4ren Exzentrikern wie CBS-Chef Walter Yetnikoff l\u00e4sst sich das Metier offenbar trefflich illustrieren. H\u00f6henfl\u00fcge enden meist im freien Fall und schaffen die n\u00f6tige Dramatik.<\/p>\n\n\n\n<p>Am spannendsten lesen sich allerdings weder Mafia-Scharm\u00fctzel, Konkurrenzk\u00e4mpfe oder Intrigen, sondern wenn die hohen Label-Herren auf die eigentlichen &#8222;Hit Men&#8220; treffen: auf die unabh\u00e4ngigen Promoter, die sogenannten &#8222;Indies&#8220;(!). Sie, die Mittler zwischen Labels und Radio-Stationen, bestimmen, wer die Charts st\u00fcrmt. In ihnen finden die Label-Bosse stets ihren Meister &#8211; aller Finanzkraft zum Trotz. Dennoch: hier verliert h\u00f6chstens ein Goliath gegen den anderen. Auf der Strecke bleiben jene, die den Musikfans als &#8222;Indies&#8220; gelten: unabh\u00e4ngige, kleine und weniger finanzkr\u00e4ftige Labels. Ein einziges Mal war es einem David verg\u00f6nnt, einem Goliath tiefe, fast t\u00f6dliche Wunden zuzuf\u00fcgen. Das Disco-Label Casablanca (Donna Summer, Kiss, Village People\u2026) unter der \u00c4gide des durchgeknallten Neil Bogart blies einen fl\u00fcchtigen Trend zum potemkinschen Dorf auf: mit riesigem Promo-Aufwand blendete er H\u00e4ndler und Vertriebe. Die Verkaufszahlen waren in der Tat beachtlich, allerdings noch gar nichts gegen die Verluste. Es wurde geordert, was das Zeug hielt, und entsprechend viel gepresst &#8211; &#8222;die Platten gingen mit Gold-Status raus und kriegten Platin, als sie wieder zur\u00fcckkamen&#8220;, so ein Insider-Scherz: Remittenden mu\u00dften zum Einkaufspreis zur\u00fcckgenommen werden. Pech f\u00fcr Casablanca, und Pech f\u00fcr dem 50%igen Anteilseigner PolyGram. Das entsprechende Kapitel ist das lustigste des ganzen Buchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Passage, in dem der krankhafte Perfektionismus des dr\u00f6gen Tom Scholz\u00b4 die gesamte CBS-F\u00fchrung in den Wahnsinn treibt und das dritte Boston-Album um rund sieben Jahre verz\u00f6gert\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Von den 50er Jahren bis 1990 reicht Dannens Dokumentation, opulente 530 Seiten lang. Manager und Gauner beherrschen die Szene, die Politik kommt &#8211; abgesehen vom Payola-Skandal &#8211; erst sp\u00e4t ins Bild, dann aber meist in Form von Al Gore. In weiteren Nebenrollen: die Compact Disc, das Digital Audio Tape und Sony. &#8222;Hit Men&#8220; informiert umfassend \u00fcber Pers\u00f6nliches und Gesch\u00e4ftliches, ist aber nie Faktenhuberei, sondern liest sich unterhaltsam und mitrei\u00dfend, mitunter auch sehr emotional. Das mag am spektakul\u00e4ren Gestus der Zitate liegen &#8211; der Ton in amerikanischen Chefetagen, zumal in solchen der Unterhaltungsbranche, ist ein ungewohnter. Eine Skandal-Chronik ist &#8222;Hit Men&#8220; nicht, die h\u00e4tte sich in wenigen Wochen aus drittklassigen Schlagzeilen und viertklassigen Ger\u00fcchten zusammenkleistern lassen, Dannen aber hat jahrelang recherchiert und kann jedes Zitat minuti\u00f6s belegen. Herausgekommen ist ein fesselnder Report: Was Sie immer schon geahnt haben, aber nie \u00fcber\u00b4s Musikbusiness wissen wollten\u2026 Weil die Wahrheit schmerzlich ist.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Fredric Dannen: \nHit Men. Makler der Macht und das schnelle Geld im Musikgesch\u00e4ft\nAus dem Amerikanischen \u00fcbersetzt von Peter Robert.\n(Zweitausendeins)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast eine Dekade mu\u00dfte vergehen, bis Fredric Dannens &#8222;Hit Men&#8220; (Originalausgabe 1990) in Deutschland erschien. 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