{"id":36145,"date":"1998-08-14T11:11:00","date_gmt":"1998-08-14T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=36145"},"modified":"2022-08-03T05:13:04","modified_gmt":"2022-08-03T03:13:04","slug":"gerard-herzhaft-enzyklopaedie-des-blues","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/08\/gerard-herzhaft-enzyklopaedie-des-blues\/","title":{"rendered":"G\u00e9rard Herzhaft: Enzyklop\u00e4die des Blues"},"content":{"rendered":"\n<p>Zugegeben, ein aktuelles Lexikon zum nicht totzukriegenden Ph\u00e4nomen &#8222;Blues&#8220; war l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig. Vor allem in deutscher Sprache gab es au\u00dfer Dieter Molls &#8222;Buch des Blues&#8220; kein brauchbares, zudem noch lieferbares Nachschlagewerk. Dieses Manko will nun diese &#8222;Enzyklop\u00e4die&#8220; (ein anspruchsvoller Begriff!) beheben. Und will man den Presse-Besprechungen der letzten Wochen und Monate folgen, so scheint sie diesen Anspruch auch voll einzul\u00f6sen. Ich hege allerdings nach der punktuellen Lekt\u00fcre so meine Zweifel.<br \/>In der Tat ist der franz\u00f6sische Publizist und Musikologe ein wahrer Kenner der Materie: Er besch\u00e4ftigt sich seit drei Jahrzehnten mit dem Blues und seinen Exponenten und recherchierte auch &#8222;vor Ort&#8220;, sprich in den USA. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und da f\u00e4ngt f\u00fcr mich schon ein Problem an. Herzhaft nimmt eigentlich &#8222;nur&#8220; den sog. &#8222;authentischen&#8220; Blues der Afro-Amerikaner wahr, so nach dem Motto, &#8222;nur wer schwarz ist, kann auch echten Blues leben und interpretieren.&#8220; Nat\u00fcrlich benennt er dieses Klischee so nicht explizit. In den zwischen den alphabetisch angeordneten Biographien eingestreuten Sachartikeln (u. a. zu Labels, Instrumenten, Regionen, St\u00e4dten, Stilen) finden sich auch ganze zw\u00f6lf Seiten zum &#8222;wei\u00dfen Blues&#8220; weltweit (inklusive einem dreiseitigen Beitrag &#8222;Der Blues im deutschsprachigen Raum&#8220; von Thomas Gutberlet), und da bekennt Herzhaft durchaus, da\u00df auch Wei\u00dfe &#8222;den Blues haben&#8220; k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein eigenes Kapitel zum Genre &#8222;Blues-Rock&#8220; fehlt im \u00fcbrigen. Im Abschnitt &#8222;Der elektrische wei\u00dfe Blues in Amerika&#8220; w\u00fcrdigt er immerhin (f\u00fcnf) Musiker wie Paul Butterfield und Johnny Winter sowie 1 &#8211; in Worten: eine &#8211; Band, n\u00e4mlich CANNED HEAT. Deren Zusammenarbeit mit John Lee Hooker z. B. bleibt unerw\u00e4hnt, ebenso fehlt der Hinweis auf Al Wilsons T\u00e4titgkeit als (wissenschaftlicher) Blues-Forscher. Entt\u00e4uschend empfinde ich auch das (im doppelten Wortsinne einseitige) Kapitel &#8222;Der britische Blues&#8220;. Originalton Herzhaft: &#8222;<em>Es ist nicht unbedingt n\u00f6tig, in dieser ENZYKLOP\u00c4DIE DES BLUES Namen wie Mayall, Clapton, Peter Green (und warum nicht auch die Rolling Stones?) einen eigenen Abschnitt zu widmen. Wenn auch ihre Karrieren im Blues begonnen haben, so haben sie sich doch sp\u00e4ter weitgehend dem Rock zugewandt. In Werken, die sich ausf\u00fchrlicher mit der Rockmusik befassen, finden sich gen\u00fcgend Artikel \u00fcber diese Musiker.<\/em>&#8220; Woher wei\u00df er denn das so genau? Auf die STONES und auch Clapton mag diese Einsch\u00e4tzung zutreffen, aber was ist mit Mayall, der zum Blues ebenso zur\u00fcckgefunden hat wie auch Peter Green. Und was ist mit Alexis Korner, Duffy Power, Chris Farlowe, Carol Grimes, Maggie Bell, der BLUES BAND u.v.a.?<\/p>\n\n\n\n<p>Kurioserweise gibt es in diesem Kapitel einen (!) biographischen Eintrag zu Jo-Ann Kelly. Wenn nur ein(e) britische\/r Interpret(in), warum dann ausgerechnet sie? Auch ich habe Jo Ann Kelly als Blues-S\u00e4ngerin sehr gesch\u00e4tzt, aber weshalb sie und andere nicht? Stichwort Jo Ann Kelly. Leider sind &#8211; wie bei anderen Lexika sicher auch &#8211; bei den Einzelbiographien immer wieder Fehler und Auslassungen festzustellen. Bei Kelly fehlt z. B. der Hinweis, da\u00df sie am 21. Oktober 1990 verstorben ist. Herzfeld bschr\u00e4nkt sich \u00fcbrigens nur auf Jahresdaten; angesichts der oft vagen Angaben bei schwarzen Musikern durchaus nachvollziehbar. Eine Notiz z. B. zu John Lee Hookers unterschiedlichen Geburtsjahren (von 1917 bis 1929) w\u00e4re trotzdem sinnvoll gewesen. Ebenso dem Lektor entgangen sein d\u00fcrfte das fehlerhafte Geburtsjahr 1959 f\u00fcr den letztj\u00e4hrig verstorbenen Luther Allison (offiziell: 1939).<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht mi\u00dfverstanden zu werden: Herzhafts Buch ist trotz aller Einschr\u00e4nkungen eine wichtige Neuerscheinung. Konzeptionell erinnert es mich zwar an Frank Laufenbergs (oberfl\u00e4chliches) Pop- und Rocklexikon, denn hier wie da werden sowohl bekannte als auch weithin unbekannte K\u00fcnstler vergleichsweise knapp und mit sp\u00e4rlichen diskographischen Angaben vorgestellt, doch wei\u00df Herzhaft bei seinen Blues-Cracks sehr wohl kenntnisreich, dabei emotional und keineswegs unkritisch Leben und Werk zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anhang befinden sich noch eine sicher subjektive, aber durchaus anregende Auswahldiskographie, eine umfassende Auswahlbibliographie, eine Liste klassischer Blues-St\u00fccke, ein Musiker-Index (nach Instrumenten geordnet) und &#8211; ganz aktuell &#8211; eine Internet-Adressenliste f\u00fcr das Blues-Genre. Unterm Strich also in der Tat eine lohnende Lekt\u00fcre f\u00fcr Blues-Fans, wenn man die sehr hohen Erwartungen an eine Enzyklop\u00e4die etwas zur\u00fcckschraubt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">G\u00e9rard Herzhaft<br \/>Enzyklop\u00e4die des Blues<br \/>Hannibal Verlag 1998<br \/>ISBN 3-85445-132-6<br \/>363 Seiten, DM 40.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben, ein aktuelles Lexikon zum nicht totzukriegenden Ph\u00e4nomen &#8222;Blues&#8220; war l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig. Vor allem in deutscher Sprache gab es au\u00dfer Dieter Molls &#8222;Buch des Blues&#8220; kein brauchbares, zudem noch lieferbares Nachschlagewerk. Dieses Manko will nun diese &#8222;Enzyklop\u00e4die&#8220; (ein anspruchsvoller Begriff!) beheben. 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